Sonderveröffentlichung
Themenspecial Nur Mut

„Wollen unseren Gästen Hoffnung machen“

CAPITOL: Was macht eine Live-Spielstätte, die keine Besucher empfangen darf? Sie sucht neue Wege! „Kulturschaffende waren schon immer diejenigen, die sich neuen Zeiten anpassen konnten, weil sie mit Kreativität auf die jeweilige Situation reagiert haben“, sagt Capitol-Geschäftsführer Thorsten Riehle.

Das Capitol etablierte in kurzer Zeit die „Rockt zu Hause“-Live-Stream-Benefizkonzerte. BILD: ATRIUM8 CÉDRIC JACK JANKOWSKI

26.06.2020
„Wollen unseren Gästen Hoffnung machen“ Image 1

Thorsten Riehle, Capitol-Geschäftsführer, nimmt kein Blatt vor den Mund. „Es ist ein reiner Überlebenskampf“, sagt er. Und genau diesen hat er mit seinem Team angenommen – ein Gespräch über neue Ideen, Zuversicht und bessere Zeiten.

Herr Riehle, was war Ihr erster Gedanke, als es Mitte März hieß, dass die Veranstaltungshäuser schließen müssen?

Thorsten Riehle: Mein erster Gedanke war, dass wir hoffentlich nach ein paar Wochen wieder aufmachen dürfen. Wir haben zwar unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schnell in die Kurzarbeit geschickt, aber mit der Hoffnung, uns bald wieder zu sehen. Dass es jetzt völlig anders gekommen ist, daran hätte glaube ich erstmal keiner gedacht.
   
Wie sehr hat die Ungewissheit genagt, wann und wie Sie wieder öffnen dürfen?

Riehle: Wir haben in den folgenden Wochen schnell gemerkt, dass das doch nicht alles so einfach wird, wie wir uns das vorgestellt haben und daraufhin als erstes Haus in Mannheim den Spielbetrieb bis September eingestellt. Das hat uns insofern entspannt, weil wir nicht von Woche zu Woche auf die Landesverordnungen gewartet haben, die dann letztlich doch keine Öffnung für das normale Programm bedeutet haben. Im normalen Betrieb sind wir es gewohnt, auf Ziele wie Premieren oder die Erstellung eines neuen Programms zuzuarbeiten. Jetzt aber gar nicht zu wissen, wann das Haus wieder zur Normalität zurückkehren kann, lässt uns sehr ratlos zurück.

Sie haben schnell reagiert und mit „Rockt zu Hause“ Live-Stream-Benefizkonzerte aus dem leeren Capitol initiiert. Wie wichtig war es, ein solches Zeichen zu setzen?

Riehle: Für uns war es aus mehrerlei Hinsicht genau richtig. Zum einen gibt das dem Haus und einigen wenigen Mitarbeitenden einen geregelten Ablauf zurück. Das fühlt sich ein bisschen an wie das, was wir eben sonst so machen: Veranstaltungen vorbereiten und durchführen. Zum anderen gibt es uns die Chance, einige wenige Künstlerinnen und Künstler zumindest etwas finanziell zu unterstützen, da keiner ohne Gage auftritt. Der dritte Aspekt ist natürlich der Kontakt zu unseren Gästen, den wir dadurch nicht verlieren. Und der vierte Punkt ist das Geld, das wir sammeln – und das sehr erfolgreich. Rund 60 000 Euro kamen in den ersten sechs Sendungen für einen Fonds der Bürgerstiftung, der Künstlerinnen und Künstler unterstützt, zusammen. Aktuell haben wir auch schon wieder rund 40 000 Euro gesammelt, um das Capitol über Wasser zu halten. Das ist gigantisch!

„Die Menschen haben verstanden, dass es nicht mehr nur um den Zipfel, sondernum die ganze Wurst geht.“

Wie bewerten Sie die Resonanz?

Riehle: Abstrakt gesehen haben die Menschen verstanden, dass es nicht mehr nur um den Zipfel, sondern um die ganze Wurst geht. Wenn wir dauerhaft Kunst und Kultur in unserem Land erhalten wollen, dann geht das nicht nur durch staatliche Unterstützung, dann müssen alle mithelfen – jeder wo er kann. Das gilt für das kleine Theater um die Ecke genauso wie für einen Club, eine Diskothek oder eine Livemusikspielstätte wie das Capitol. Konkret bin ich immer wieder begeistert davon, wie positiv „Rockt zu Hause“ bei unseren Gästen ankommt. Hunderte Mails mit Musikwünschen, tausende Kommentare auf Facebook und YouTube und nicht zuletzt bis zu 45 000 Zusehende sind eine tolle Resonanz und geben uns die nötige Kraft, durchzuhalten.

Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit und die Ihres Teams von der herkömmlichen Vorgehensweise?

Riehle: Grundlegend ist wohl das richtige Wort. Zum einen, weil zwölf von 14 Festangestellte in Kurzarbeit sind und alle Aushilfen und Dienstleister gar kein Einkommen mehr durch uns haben. Das frustriert uns sehr, da rund 100 Menschen mehr oder weniger abhängig von unserer Arbeit hier im Capitol sind. Zum anderen, weil es im Moment nicht mehr darum geht, Kunst und Kultur zu ermöglichen, sondern um einen reinen Überlebenskampf. Das hatten wir schon mal am Anfang als wir das Capitol vor 25 Jahren übernommen haben. Auch wenn wir heute ganz anders aufgestellt sind: Dahin zurückgeworfen zu werden, ist kein gutes Gefühl.
   
22 Veranstaltungen wurden mittlerweile abgesagt, knapp 83 Veranstaltungen verlegt. Auf der Homepage des Capitols steht: „Die Zeiten können wir nicht ändern, aber den Blick darauf. Und wenn sich unsere Einstellungen ändern, dann ändern sich auch die Zeiten.“ Was meinen Sie damit konkret?

Riehle: Wir wollen unseren Gästen Hoffnung machen. Wir sind ein winzig kleines Rädchen in diesem gesamten System. Aber auch wir können unseren Beitrag leisten, um die Situation zu erleichtern und um Mut zu machen, dass das auch irgendwann wieder vorbei sein wird. Wir können ja nichts anderes, als Menschen durch unsere Veranstaltungen zu begeistern, ihnen schöne Stunden zu bereiten, sie den Alltag ein Stück weit vergessen zu lassen. Vielleicht wird ein Veranstaltungsbesuch in der Zukunft anders ablaufen müssen, aber muss er deshalb weniger Spaß machen oder weniger Empathie wecken? Kulturschaffende waren schon immer diejenigen, die sich neuen Zeiten anpassen konnten, weil sie mit Kreativität auf die jeweilige Situation reagiert haben. Mit dieser Einstellung können wir letztlich alles verändern.
   
Klartext: Capitol-Geschäftsführer Thorsten Riehle. BILD: CAPITOL
Klartext: Capitol-Geschäftsführer Thorsten Riehle. BILD: CAPITOL
Das Capitol als privat geführte Live-Spielstätte hat es besonders schwer. Wie hilflos oder allein gelassen fühlt man sich? Spielen Existenzängste eine Rolle?

Riehle: Zunächst einmal eines vornweg: Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie waren richtig, die flache Entwicklung der Fallzahlen ist der beste Beweis dafür. Ich sage das, obwohl dies trotz subjektiv fehlender Gefährdung bedeutet, dass das Capitol in seiner Entwicklung um Jahre zurückgeworfen wird. Das Jahr 2020 wäre das wirtschaftlich beste seit 25 Jahren gewesen, also seitdem wir das Haus übernommen haben. Das ist toll, hilft aber aktuell nichts. Für die Soforthilfe, die wir im März bekommen haben, sind wir sehr dankbar. Die hat uns zehn Tage ausgereicht. Dauerhafte Unterstützung von Stadt, Land oder Bund haben wir in der Vergangenheit nicht bekommen, da sind andere Häuser, die institutionell gefördert werden oder gleich ganz zur Stadt gehören, im Vorteil. Unser großes Problem ist, dass die Verwaltung nicht wirklich versteht, dass wir nicht nur ein kulturelles „nice to have“ sind, sondern ein Wirtschaftsunternehmen. Unsere jährlich rund 150 000 Besucher gehen vor der Vorstellung in der Stadt shoppen oder nutzen die Gastronomie und lassen so rund zwei Millionen Euro in Mannheim. Das interessiert aber weder die Wirtschaftsförderung noch das Kulturdezernat. Ich hätte es für notwendig erachtet, wenn sich jemand gemeldet oder nachgefragt hätte, wie sich die aktuelle Situation darstellt. Und so wie uns geht es allen anderen freien Häusern auch. In der Krise ginge es um Kommunikation, Wertschätzung, Anerkennung und Wahrnehmung. Passiert ist davon genau gar nichts. Das ist frustrierend. Die Einzigen, die mit vielen Informationen versuchen zu helfen, sind die, die gar nicht für uns zuständig sind: Startup Mannheim und der Nachtbürgermeister. Existenzangst habe ich nicht, da wir mit unserer Stiftung als Hauseigentümerin, der Finanzierung durch vermietete Wohneinheiten und der besonderen Konstellation unserer Betreibergesellschaft und unseres gemeinnützigen Kinder- und Erwachsenentheaters genügend Möglichkeiten haben, diese Situation zu überstehen. Aber auch nur, wenn wir weiterhin private Hilfe erhalten und Spender und Sponsoren an unserer Seite bleiben. Wir müssen also dran bleiben, Hände in den Schoss legen ist nicht.

Was stimmt Sie dennoch zuversichtlich?

Riehle: Der Rückhalt in der Gesellschaft. Es geht nicht um Systemrelevanz, sondern vielmehr darum, dass Kunst und Kultur etwas beizutragen haben, der Gesellschaft Orientierung und Halt geben. Das ist derzeit, wo wir zunehmend eine Spaltung wahrnehmen, wohl wichtiger als je zuvor. Und das spüren die Menschen im Moment sehr stark.

Gibt es bestimmte Lehren, die Sie aus der Zeit ziehen?

Riehle: Nichts ist für die Ewigkeit und alles kann ganz schnell anders werden. Das mal so als großes Ganzes. Es wird aber wichtig sein, insbesondere die Künstlerinnen und Künstler vor solchen Situationen besser zu schützen. Es braucht für alle, die mit ihrer Kunst für uns da sind, dringend eine Absicherung von Arbeitslosigkeit und eine Grundsicherung im Alter. Das muss jetzt ganz schnell kommen.

Sicher gab es auch die eine oder andere positive Überraschung… Stichwort: Solidarität…

Riehle: Die ist besonders groß. Wenn ich mir anschaue, wie die Menschen uns moralisch durch Mails und Zuschriften unterstützen, wie sie freigiebig spenden und uns mit ihren guten Gedanken, mit ihrer Empathie helfen, das ist rührend und gibt uns allen sehr viel.

Konnten Sie die Zwangspause nutzen, um neue Ideen oder Produktionen zu entwickeln?

Riehle: Zwangsläufig, denn im Moment ist ja nicht klar, wann und wie es weitergeht. Deshalb müssen wir neben dem normalen Spielplan für das Spätjahr noch einen Notfallplan entwickeln. Da stecken wir mittendrin in den Überlegungen und Planungen. Die Zeit haben wir aber auch genutzt, um uns zu überlegen, wie wir Künstlerinnen und Künstler über den Sommer bringen können. Deshalb gibt es in Kooperation mit der Mannheim Music Commission, dem Quartiermanagement und dem Capitol Musik in den Stadtteilen und in Kooperation mit dem KulturNetz und dem Luisenpark ein Sommerfestival auf der Seebühne. Und wir haben dafür gesorgt, dass sich alle wichtigen Livespielstätten in Mannheim miteinander vernetzen, Wissen austauschen und sich gegenseitig unterstützen. In der Krise zeigt sich, wie wichtig und wie wertvoll dieser Austausch ist.

Am 1. September startet das Capitol mit dem Wiedereröffnungskonzert unter dem Motto „Capitol macht Mut“ wieder durch. Was können die Besucher erwarten?

Riehle: Ich hoffe ein tolles Konzert mit vielen Künstlerinnen und Künstlern, die uns in den letzten Wochen bei „Rockt zu Hause“ über die schwierige Zeit geholfen haben. Natürlich weiß ich derzeit nicht, ob das wirklich klappt, aber wir hoffen es.

Was vermissen Sie am meisten oder anders herum gefragt, auf was freuen Sie sich am meisten?

Riehle: Wenn endlich wieder jeden Abend das Licht im Capitol angeht und die Menschen in unserem Haus ein Stück weit den Alltag vergessen können. Darauf freuen wir uns alle.

Von Ludwig Ricke