Sonderveröffentlichung
Themenspecial Mannheim - Meine Heimat

Weit mehr als nur Cafés

GASTRONOMIE: Ein generationenübergreifendes Wohnzimmer für die Neckarstadt, eine Werkstatt für ambitionierte Bastler in der Schwetzingerstadt oder eine Bar, die ihre Gewinne spendet: In Mannheim bieten Café-Besitzer ihren Besuchern längst mehr als nur guten und fair gehandelten Kaffee.

Von Anne-Kathrin Jeschke  

Der erste Weg führt Besucher der „klokke“ zur Stechuhr. Einmal den Hebel des altehrwürdigen Geräts aus der Industrie betätigen, dann stempelt es die Ankunftsuhrzeit auf einen kleinen Zettel. Hier in der Mittelstraße in der Neckarstadt-West wird die Zeit gemessen, die der Gast im Café verbringt. Dafür bezahlt er – konsumieren kann er derweil, was frei verfügbar in der für alle begehbaren Küche steht oder was er sich selbst mitgebracht hat. An diesem heißen Junitag etwa gibt es unter anderem Pflaumen-Crumble, Muffins und Beeren aus dem Garten von Swetlana Hermanns Oma. Vor rund eineinhalb Jahren hat Swetlana die „klokke“ gemeinsam mit ihrer Freundin Caroline Courbier eröffnet. Die beiden Frauen, Anfang 30, sind in Mannheim aufgewachsen und haben gemeinsam Abitur gemacht. Sie wollten nach dem Studium nicht einfach ein weiteres Café öffnen, sondern den Mannheimern einen offenen Raum bieten, „in dem sie kreativ und kulturell tätig werden können“, erklärt Swetlana Hermann. Hier sollen sie ihr Können und Wissen teilen, hier sollen ganz unterschiedliche Leute zusammenkommen.

„Menschen mit Nischeninteressen finden sich zwar in sozialen Netzwerken“, sagt Caroline Courbier. „Aber oft fehlt ihnen der Raum, diesen Interessen auch gemeinsam nachzugehen.“ Ein bisschen sei die „klokke“ wie „Facebook analog“. Hier treffen sich Menschen etwa zum Buchclub, zum Basteln, zum freien Tanzen. Um Sprachen zu lernen, gemeinsam zu häkeln oder um beim „Speed-Befriending“ Anschluss zu finden. Sie sitzen auf Bänken, die die beiden Gründerinnen gemeinsam mit Familie und Freunden aus den alten Rollläden der Ladenfenster gebaut haben. Sie sitzen unter üppigen Rankpflanzen, die von der Decke baumeln. Oder in alten Sesseln, die für gemütliche Atmosphäre sorgen. Denn auch das soll es sein: ein Wohnzimmer für die Menschen in der Neckarstadt und ihre Gäste. Generationenübergreifend – und „gegen das anonyme Nebeneinander“. Dabei wollen Swetlana Hermann und Caroline Courbier niemanden ausschließen. Die Akademie der Vielfalt hat Gutscheine gesponsert für Menschen, die an einem Kurs teilnehmen wollen, sich die Zeit in der „klokke“ aber eigentlich nicht leisten können.

Das erste Jahr war nicht immer einfach: der heiße Sommer, dann ein Wasserschaden, dessen Reparatur sich hingezogen hat. Ans Aufgeben haben die beiden nie gedacht, haben sich stattdessen flexibel gezeigt, Neues ausprobiert, sind auf Anregungen ihrer Gäste eingegangen: Deswegen gibt es jetzt sonntags vegetarischen und veganen Brunch mit regionalen und saisonalen Produkten. Allerdings zu einem festen Preis. Auch wenn die Stechuhr dann aussetzt: Die „klokke“ steht nicht still.
           
Reparieren statt kaufen: In der Werkstatt des „Luni“ in der Schwetzingerstadt dürfen Hobby-Handwerker und Kreative gerne zur Tat schreiten. BILD: WETZEL
Reparieren statt kaufen: In der Werkstatt des „Luni“ in der Schwetzingerstadt dürfen Hobby-Handwerker und Kreative gerne zur Tat schreiten. BILD: WETZEL
„Grüne Oase inmitten der Quadrate“: Im Innenhof des Gründerinnenzentrums betreibt Nicole Chilla die „dankbar“. Gewinne werden gespendet.                   BILD: JESCHKE
„Grüne Oase inmitten der Quadrate“: Im Innenhof des Gründerinnenzentrums betreibt Nicole Chilla die „dankbar“. Gewinne werden gespendet.                   BILD: JESCHKE
Dankbar ändert das Konzept

Ein Gedanke, der auch die Gründer der „dankbar“ in den Mannheimer G-Quadraten bewegt hat: Bislang war sie vor allem für ihr Pay-What-You-Want-Prinzip bekannt. Gäste durften selbst entscheiden, wie viel ihnen das Konsumierte wert ist. Das ist nun anders, seit Montag gelten feste Preise. Vor einem guten halben Jahr hat Nicole Chilla die „dankbar“ übernommen, die etwas versteckt im Innenhof des Gründerinnenzentrums liegt. „Es gibt immer wieder Gäste, die das Prinzip ausnutzen und viel zu wenig Geld in die Spendendose werfen“, bedauert sie. Das müssten dann diejenigen tragen, die fair oder sogar sehr viel bezahlen. Und am Ende bleibe zu wenig zum Spenden übrig. Denn die „dankbar“ ist gemeinnützig – Gewinne sollen an Einrichtungen und Vereine gehen, die auf finanzielle Unterstützung angewiesen sind. „So funktioniert das Konzept aber nicht.“

Deswegen hat sich Nicole Chilla nun doch für feste Preise entschieden, auch wenn sie damit ein Alleinstellungsmerkmal aufgibt. Sie muss ihre Fixkosten zahlen, will ihre Mitarbeiter fair entlohnen – und das Thema Gemeinnützigkeit stärker in den Vordergrund rücken: „Denn das ist in den Köpfen leider nach hinten gerutscht, weil immer nur vom Pay-What-You-Want-Prinzip die Rede war.“ Bevor sie die „dankbar“ übernommen hat, war sie im Eventbereich selbstständig, organisierte Veranstaltungen. „Irgendwann spielte mir dabei das Thema Geld eine zu große Rolle.“ Die Ellbogen- Mentalität liege ihr nicht. Sie entschied sich also für einen Neuanfang – und las erst dann zufällig im Internet, dass die „dankbar“-Gründer eine Nachfolge suchen. „Die Gemeinnützigkeit hat mich sofort angesprochen“, sagt die 46-Jährige. Unterstützung bekommt sie von rund 30 Ehrenamtlichen, „ohne die der Betrieb in dieser Form gar nicht möglich wäre“. Vor kurzem hat sie einen Flammkuchenofen angeschafft, backt die Elsässer Spezialität mit frischen Zutaten. Zudem soll es französisches Pâtisserie-Gebäck geben.

Die „dankbar“ bietet Künstlern Raum, ihre Bilder auszustellen, dort gibt es regelmäßige Live-Musik „auf Hut“ und Veranstaltungen wie Lesungen, Vorträge oder Workshops, zu denen der Eintritt frei ist. Besonders glücklich ist Nicole Chilla mit dem neu gestalteten Innenhof: Ein befreundetes Unternehmen aus Bocholt wollte ihr besonderes Konzept unterstützen und hat Holzbänke, -tische und Rattanmöbel gesponsert. „Es ist eine kleine grünen Oase inmitten der Innenstadt“, findet Nicole Chilla. Ihre „dankbar“ versteht sie als einen Ort, „der Seelen heilt“.
               

Warum Mannheim Heimat ist ...

BILD: BINDER
BILD: BINDER
Markus Scholz
Torhüter, seit 2015 beim SV Waldhof

„Ich mag an Mannheim besonders, dass die Leute so sportverrückt und begeisterungsfähig sind. Mannheim hat ein paar schöne Ecken wie der Luisenpark oder der Wasserturm an schönen Sommerabenden in Sommerlicht. Persönlich am schönsten ist es aber für mich im Carl-Benz-Stadion. Mit dem Ort verbinde ich wirklich viele Emotionen.“
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