Sonderveröffentlichung
Themenspecial Mannheim - Meine Heimat

Wallstadt im Herzen, die Welt in der Stimme

MUSIK: Wer auf die bewegte Geschichte dieses bewegenden Chores blickt, kann eigentlich kaum glauben, dass es ihn erst knappe drei Jahrzehnte gibt: der Celebration Gospel Choir aus Wallstadt.

Von Markus Mertens  

Wo immer der Celebration Gospel Choir (CGC) aus Wallstadt die Würde des Herren sängerisch hochleben lässt, hinterlässt er nicht nur beseelte Gäste, sondern den tiefen Eindruck, dass es hier um mehr geht, als nur Musik.

Wer die Geschichte dieses heute 50-köpfigen Ensembles erzählen will, muss zeitlich zurückgehen in ein Deutschland, das die Wende gerade erst hinter sich hat und auch den Musikanten in Wallstadt sichtlich Flügel verleiht. Da mag es den Gesangsverein Sängerkreis im eigenen Ort schon seit 1906 geben: Hier hat man sich noch immer zu erneuern verstanden, ohne deswegen die eigenen Wurzeln zu kappen.

Als 17 Gründungsmitglieder nach einigen Monaten der Findungsphase 1991 nicht nur die frisch fertig studierte Chorleiterin Anne Westrich finden, sondern in „Sister Act“ auch noch einen Welterfolg von Kult-Kino erleben, der ihnen vormacht, wie man mit Gospel-Klängen die Welt erobert, ist es um mittlerweile dutzende Beteiligte längst geschehen. „Dieser Sound hat einen nicht mehr losgelassen“, wie es Edeltraud Langlotz in Worte fasst, die damals schon mit dabei war, den Chor noch heute als Sängerin und Pressereferentin mit prägt – und somit für viele sprechen kann, die wissen, dass da etwas Besonderes vor sich ging.

Denn ob man bereits in den ersten Jahren komplexe Werke wie Kirk Franklins „Up Above My Head“ in Angriff nimmt oder sich 1995 am landesweit gerühmten Musical „Human Pacific“ beteiligt: Aus dem östlichen Stadtteil dringt eine Strahlkraft, der selbst heutige Popstars wie Xavier Naidoo nicht widerstehen können. Dass der Mannheimer Soul-Sänger beim Celebration Gospel Choir seine ersten Karriereschritte ging, wissen heute zwar fast nur noch die absoluten Kenner des Mannheimer Vereinslebens – allein wundern will einen dieser historische Wink mit dem melodischen Zaunpfahl kaum.
             
Berühmter Spross: Xavier Naidoo – hier bei einem Konzert 2002 in der Maimarkthalle – startete seine Gesangskarriere einst beim Celebration Gospel Choir. BILD: DPA
Berühmter Spross: Xavier Naidoo – hier bei einem Konzert 2002 in der Maimarkthalle – startete seine Gesangskarriere einst beim Celebration Gospel Choir. BILD: DPA
Denn wer die schiere Energie spürt, die sich bei rund 50 Sängerinnen und Sängern bereits in der Probe entwickelt, weiß, warum Nachwuchsprobleme in einem Chor, der 21-Jährigen ebenso eine Heimat bietet, wie 77-Jährigen, zu einem Fremdwort geworden sind. Dabei lassen sich vor allem drei Besonderheiten ausmachen, die diesen Chor erkennbar prägen. An erster Stelle kommt da ohne Zweifel der Mut. Denn wo sich andere Gospel-Formationen oft auf Nummern wie „Oh Happy Day“ verlassen, denen man in Wallstadt als „Schlager des Gospels“ fast schon augenzwinkernd begegnet, herrscht beim CGC Wagemut pur. Womit nicht nur gemeint sein soll, dass die Qualitätslatte mit Arrangements des Gospel-Chors aus Oslo ebenso hoch gehängt wird wie bei den Songs der New York Voices: Als der Mutterverein 2006 sein Hundertjähriges feiert, zelebriert der Gospel Choir „Händels Messiah“ eine faszinierende Meditation von derartiger Inbrunst, dass selbst die konservativsten Zuhörer das Tanzen lernen.

Was einen konsequent zur Innovation überleitet, die das Ensemble von der Geburtsstunde an prägte. Statt mit immergleichen Programmen zum Konzert zu laden, organisieren die Sänger Mitsing-Konzerte und Swing-Abende, die sich der afrikanischen Folklore ebenso verschreiben, wie kaum bekannten Spirituals.

Mit dieser Philosophie und dem dritten Element, der Kooperation, im Bunde, gelingen der Formation immer wieder große Würfe. Denn wenn Leiterin Anne Westrich zwischen strenger Stimmbildung und diplomatischem Geschick eines wichtig ist, dann, „dass wir hier zusammen und nicht gegeneinander arbeiten.“ Wer genau zuhört, wie diszipliniert Westrich ihren Sängern selbst bei hitzigen Temperaturen präzise Hinweise erteilt und wie konstruktiv diese aufgenommen werden, mag sich kaum wundern, dass Vollblutmusiker der Region wie Arrangeur Joe Völker oder Perkussionistin Cris Gavazzoni beim Gospel Choir zu den festen Größen zählen.

Zwar sucht der Chor derzeit für die eigenen Proben nach einer festen Bleibe und würde sich am liebsten ein Vereins- und Kulturzentrum im eigenen Stadtteil wünschen, doch wenn es um die Entwicklung des Chores geht, ist der Vorsitzende Thomas Müller mit Worten des Lobes voll: „Wenn ich mir überlege, wie wir angefangen haben und wo wir heute stehen: Das ist schon der Wahnsinn.“ Und so gilt es nun auch mit dem neuen Programm, den Swing des vergangenen Jahrhunderts einmal mehr mutig hörbar zu machen. Woran keinen Zweifel haben will, wer einmal gehört hat, mit welcher Passion hier Sänger agieren, die Wallstadt im Herzen tragen und die Welt in ihrer Stimme.
         

Warum Mannheim Heimat ist ...

BILD: START UP MANNHEIM
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Christian Sommer
Start up MA

„Ich liebe an Mannheim seine Authentizität und seine Echtheit. Mannheimer und Mannheimerinnen sagen, was sie denken. Sie machen den Mund auf und sie mischen sich ein. Mannheim ist offen, direkt, rau und polarisierend. Die Stadt hat Charakter, die Menschen sind dynamisch, engagiert und leidenschaftlich. Man weiß immer, woran man ist. Mannheim ist die kleinste Großstadt und das größte Dorf der Erde. Wir Mannheimer identifizieren uns in einem sehr hohen Maße mit unserer Stadt. Das schweißt uns zusammen. Das verbindet. Das ist Heimat.“
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