Sonderveröffentlichung
Themenspecial Nur Mut

Visiere in Nachtarbeit

PARTNERSCHAFT: Mit Hochdruck hat die Hochschule Mannheim Schutzausrüstung für das Uniklinikum produziert. Weitere Projekte sind geplant, dafür investiert die Hochschule in ein modernes 3D-Produktionszentrum.

Matthias Rädler, Leiter des Instituts für Prozesskontrolle und Innovative Energieumwandlung (PI) an der Hochschule Mannheim.

26.06.2020
Visiere in Nachtarbeit Image 1

Mit den steigenden Temperaturen der letzten Tage, steigt auch die Lust darauf raus ins Freie zu gehen. Die Innenstädte sind wieder gut besucht. Das Accessoire des Sommers ist dabei nicht zu übersehen – der Mund- und Nasenschutz. Um eine Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, ist jeder dazu verpflichtet, sich an die geltenden Hygieneregeln zu halten. Während für den privaten Gebrauch selbst gebastelte Gesichtsbedeckungen zulässig sind, muss die Schutzausrüstung im Gesundheitswesen strenge Anforderungen erfüllen. Um den Engpass des Universitätsklinikums Mannheim zu beheben, produzierte die Hochschule Mannheim mithilfe mehrerer 3D-Drucker Spritzschutzmasken für Pflegepersonal und Ärzte. Federführend waren bei diesem Projekt Lukas Schmitt, leitender Konstrukteur am Ce-MOS, und Matthias Rädle, Leiter des Instituts für Prozesskontrolle und Innovative Energieumwandlung (PI) der Hochschule Mannheim sowie stellvertretender Direktor am Institut für Medizintechnik (IMT). Im Interview berichtet Matthias Rädle über die Zusammenarbeit mit dem Klinikum und über kommende Projekte.
    
La Roche AG
Herr Rädle, wie kam es dazu, dass die Hochschule Mannheim und die Universität Heidelberg gemeinsam Schutzmasken produzieren?

Matthias Rädle: Die medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg und die Hochschule Mannheim arbeiten seit vielen Jahren auf diversen Gebieten intensiv zusammen. Die spontane Corona- Kooperation ist also nur eine Ausprägung eines gepflegten Dialogs und gemeinsamer wissenschaftlicher Arbeiten. Dabei ist die Kompetenz- und Arbeitsaufteilung zwischen den beiden Einrichtungen nahezu ideal. An der medizinischen Fakultät sind die Medizinprofis, Ärzte und Technologie-Anwender, die immer auf der Suche nach den neuesten Technologien sind. Und die Hochschule Mannheim ist der größte Technologie-Anbieter im Umkreis. An unserem interdisziplinären Forschungszentrum CeMOS (Center of Mass-Spectrometry and Optical Spectroscopy) arbeiten inzwischen über 60 Ingenieure aus allen Fachrichtungen.

Wie kam es zu der Idee Spritzschutzvisiere herzustellen?

Rädle: Unser Mitarbeiter Tri Mai, Ingenieur an der Hochschule Mannheim, fand im Internet einen Hinweis darauf, dass man Spritzschutzvisiere auch über 3D-Drucker drucken kann, wenn man sie händisch nachbearbeitet. Also habe ich beim Dekan der klinischen Fakultät, Professor Gördt, und beim Leiter der Strahlendiagnostik, Professor Schönberg, angefragt, ob Bedarf besteht. Die Reaktion war heftig und positiv. Die Dringlichkeit war zu diesem Zeitpunkt immens, da man Spritzschutzvisiere nicht kaufen konnte. Also haben unsere Leute auf vier Maschinen parallel über die Osterfeiertage die gewünschten 100 Visiere für die Intensivstationen des Klinikums produziert.

Nachtschichten für die Visier-Produktion: Tri Mai (l.) und Lukas Schmitt.
Nachtschichten für die Visier-Produktion: Tri Mai (l.) und Lukas Schmitt.
Wie kann man sich die Produktion vorstellen?

Rädle: Da wir kein automatisierter Betrieb sind, mussten Lukas Schmitt und Tri Mai Tag und Nacht alle drei Stunden an die Hochschule kommen und die Maschinen mit neuem Material bestücken. Am Mittwoch nach Ostern wurde dann ausgeliefert. Im Anschluss wurden auch die Institute der Hochschule unterstützt – unter weniger zeitlichem Druck. Man kann sagen, das war eine Hau-Ruck-Aktion, die wegen Corona einfach notwendig war. All das geschah aus der Not heraus, da wir ja nicht in Serie produzieren. Da wir kein Produktionsbetrieb sind, wäre das wirtschaftlich nicht konkurrenzfähig. Weniger dringlich, aber dennoch wichtig sind Spezialkomponenten für die Forschung. Auch die stellen wir her.

Worauf musste besonders geachtet werden?

Rädle: Auf die Geschwindigkeit. Es ging um die Intensivstationen und den Schutz des Pflegepersonals und der Ärzte. Die technischen Details der benötigten Komponenten wurden von uns mit den Anwendern abgestimmt, da diese am besten wissen, was sie genau benötigen.

Wie kann man sich die Entwicklung von solchen 3D-Teilen für medizinische Produkte vorstellen?

Rädle: Am wichtigsten ist es, den genauen Bedarf und die Erfüllbarkeit der Wünsche gemeinsam zu erarbeiten. Dazu sitzen der Mediziner und der Technologe an einem Tisch, auf dem Bilder von Vorlagen liegen. Nach einer gemeinsamen Abstimmung wird ein Muster produziert, innerhalb eines Tages evaluiert und los geht’s.

Sind weitere Projekte in diese Richtung gehend angedacht?

Rädle: Absolut. Aktuell investiert die Hochschule ein Million Euro in den Aufbau eines 3D-Produktionszentrums. Außerdem hat sie drei Millionen Euro für eine 3D-Virtual-Reality-Umgebung investiert, dank der man förmlich durch die Niere gehen kann und die Auswirkung von Krankheiten veranschaulicht bekommt. Die Stadt hat schon ein ganzes Gelände direkt am Klinikum bereitgestellt, auf dem künftig gemeinsame Aktivitäten stattfinden. Vielleicht war Corona hier ein Katalysator – aber mit einem Ende von Corona wird die Zusammenarbeit nicht aufhören.

Von Katja Tamakloe

Spritzschutzmasken

Im wahrsten Wortsinn unter Hochdruck haben Mitarbeiter der Hochschule Mannheim mittels 3D-Druckverfahren Spritzschutzmasken für das Klinikum produziert. BILDER: HOCHSCHULE MANNHEIM
Im wahrsten Wortsinn unter Hochdruck haben Mitarbeiter der Hochschule Mannheim mittels 3D-Druckverfahren Spritzschutzmasken für das Klinikum produziert.
BILDER: HOCHSCHULE MANNHEIM
Spritzschutzmasken bieten klare Sicht, sind leicht zu reinigen und wiederverwendbar. Als Schutz gegen das Coronavirus finden sie inzwischen auch vermehrt Einsatz im Einzelhandel. In Hygiene-sensiblen Bereichen des Gesundheitswesens und der Veterinärmedizin wird solch ein Schutzvisier hingegen nicht als alleiniger Schutz genutzt. Vielmehr wird dieses in Kombination mit einer Mund-Nasen-Maske getragen