Sonderveröffentlichung
Themenspecial 150 Jahre Galopprennsport in Mannheim

Traumberuf fordert viel Herzblut

Tommaso Scardino und Kerstin Elsässer sind Berufsreiter mit Leib und Seele


Sie sitzen fast jedes Wochenende im Sattel, reiten entweder für ihren eigenen Stall oder werden von anderen Trainern gebucht. Für jeden Ritt erhalten sie 75 Euro, dazu einen Anteil von fünf Prozent an der Prämie – sofern sie die Geldränge erreichen. Als Profi-Jockeys haben sich Tommaso Scardino und Kerstin Elsässer längst über Mannheim hinaus einen Namen gemacht. Ende 2017 legten die beiden auch ihre dreijährige Ausbildung als Pferdewirte ab. „Als Beste in Deutschland“, ist ihr Meister Marco Klein stolz. Neben acht weiteren Absolventen in den Bereichen Zucht, Service und Haltung sowie Klassisches Reitwesen, waren seine Schützlinge die einzigen im Spezialgebiet Rennsport. „Nur sechs haben die Prüfung überhaupt bestanden.“ 
 
Doch ganz normal verlief ihre Karriere nicht. So ist der 23-jährige gebürtige Italiener ein Späteinsteiger. Von den Eltern aus dem Metier – der Vater Jockey, die Mutter Futtermeisterin – lernte er zwar früh reiten, hatte aber wenig Interesse am Rennsport. Erst während einer Kochlehre entschloss er sich mit 17 Jahren zum Umstieg, hatte also die übliche Phase der Pony-, Jugend- und Amateurrennen übersprungen. „Glücklich waren meine Eltern nicht. Mein Vater verlangte aber, dass ich wegen der besseren Möglichkeiten nach Deutschland gehen sollte“, zog er nach einem halben Jahr in der Heimat in die Fremde. Wegen seiner aus Österreich stammenden Mutter war die deutsche Sprache kein Hindernis, und eher durch Zufall fand er beim Mannheimer Rennstallbesitzer Marco Klein einen Ausbildungsplatz. Mit der Unterschrift unter dem Vertrag war er sofort Profi, verdiente in den nächsten Jahren zwischen 580 und 720 Euro netto. 

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In der Familie der 25-jährigen Sinsheimerin Kerstin Elsässer spielten Pferde keine Rolle. Doch schon als Kind drängte sie darauf, reiten zu lernen, verschlang Pferdebücher – besonders wenn sie vom Rennsport handelten – und überredete ihren Vater zum ersten Rennbahnbesuch in Frankfurt. „Da hatte ich im Turf Blut geleckt.“ Mit 13 Jahren stellte sie sich beim Seckenheimer Besitzertrainer Horst Rudolph vor, half bei der Pferdepflege, durfte bald schon reiten und fasste nach der mittleren Reife den Entschluss, Profi zu werden. Nach dem ersten Ausbildungsjahr in Baden-Baden brach sie ihrer Eltern wegen ab, lernte zunächst Erzieherin, ritt aber als Hobby weiterhin. Noch während des Anerkennungsjahres beschloss sie, sich ihren Traumberuf doch noch zu erfüllen. „Marco Klein hatte gerade seinen Meister gemacht und fragte mich, ob ich meine Ausbildung nicht bei ihm beenden wollte.“ 

Kerstin Elsässer lebt ihren Traum. BILD: EMMA PREIKSCHAT
Kerstin Elsässer lebt ihren Traum. BILD: EMMA PREIKSCHAT
„Der Beruf Pferdewirt ist körperlich und psychisch anspruchsvoll. Man ist immer im Freien, der Tag beginnt um fünf Uhr mit Stallarbeit und Training. Die Pferde brauchen viel Aufmerksamkeit und man muss ihnen gegenüber Selbstbewusstsein ausstrahlen. Reiterfahrung und Teamfähigkeit sind Voraussetzung, freie Tage und Urlaub gibt es, wenn es passt. Reich werden kann man bei einem Grundgehalt von netto höchstens 1500 Euro nicht und man muss permanent auf sein Gewicht achten – ohne Herzblut geht es nicht“, umreißt Klein das Berufsbild. Im staatlichen Rahmenlehrplan spielt die Theorie eine große Rolle. Mit einer Ausnahmegenehmigung durften seine beiden Auszubildenden statt zum Blockunterricht von jeweils dreieinhalb Wochen nach Münsingen, in die Berufsschule nach Oberursel gehen. „Pro Woche ein Tag ist für Jockeys und Trainer günstiger.“

Weder Scardino noch Elsässer empfanden die Schulzeit als „berauschend“. Er lernte lieber in der Praxis, sie vermisste „mehr Lehrgänge speziell für das Rennreiten“. Noch gut zwei Jahrzehnte können sie in den Sattel steigen. Über die Zukunft danach hat sich Scardino schon Gedanken gemacht. „Ich würde gerne Trainer werden, möglichst mit einem eigenen Stall.“ Futtermeister – engster Mitarbeiter eines Coachs – ist eine weitere Möglichkeit.

Auch Amateure müssen, bevor sie startberechtigt sind, einige Hürden bis zur Lizenz überwinden: Zwei Jahre Reiterfahrung, sechs Monate regelmäßiges Reiten in einem Rennstall, Bescheinigungen von zwei Trainern sowie ein Lehrgang samt Prüfung in Köln. Prämien erhalten sie nicht, in einem Stall dürfen sie höchstens als Mini-Jobber arbeiten. Sibylle Dornseiff

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