Sonderveröffentlichung
Themenspecial Mannheim - Meine Heimat

Tief verwurzelt

SPITZENSPORT: Die Adler, der SV Waldhof und Grün-Weiss – die Vereine prägen Mannheim seit vielen Jahren. Sie sorgen für große Emotionen, Glücksmomente und manchmal auch Frust. Doch wie fing alles an? Eine Spurensuche. Von Christian Rotter (Adler Mannheim), Andi Nowey (SV Waldhof) und Jürgen Berger (Grün-Weiss)

Adler: Mit der Gründung des MERC im Jahr 1938 begann die Erfolgsgeschichte.

Was hat ein erfolgreicher Ruderer mit der Geschichte des Mannheimer Eishockeys zu tun? Jede Menge, wie ein Blick in die Gründungsjahre zeigt. Hugo Strauß war ein erfolgreicher Sportler. Zusammen mit seinem Vereinskollegen Willi Eichhorn vom Mannheimer RC von 1875 wurde er 1935 im Zweier ohne Steuermann Zweiter bei den Deutschen Meisterschaften. Dieser Erfolg spornte Strauß, der am 25. Juni 1907 in Mannheim geboren wurde, noch mehr an. Ein Jahr später stand das Mannheimer Duo ganz oben auf dem Podest und löste damit das Olympia-Ticket. Bei den umstrittenen Sommerspielen in Berlin, die das Nazi-Regime 1936 zu Propagandazwecken ausschlachteten, landeten die Mannheimer den großen Coup: In 8:16,1 Minuten verwiesen sie Dänemark mit einem Vorsprung von über drei Sekunden auf den zweiten Platz.

Obwohl Strauß nicht über Popularität klagen konnte, legte er sich nicht nur in die Riemen – sondern auch für die Gründung des MERC mächtig ins Zeug. Noch vor seinem Olympiasieg hatte er Nägel mit Köpfen gemacht und gemeinsam mit Thilde Schitzler eine Rollschuh-Abteilung auf die Beine gestellt, aus der quasi der MERC hervorging: Der 19. Mai 1938 gilt als Geburtsstunde des Vereins, bei der Versammlung unter Vorsitz von Hugo Strauß hoben 83 Gründungsmitglieder an diesem Tag in der Gaststätte der Rhein-Neckar-Halle den Mannheimer Eis- und Rollsport-Club aus der Taufe.
           
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Bis die ersten Pucks über Mannheimer Eis flitzen konnten, dauerte es aber noch eine ganze Weile. Das Stadion, das später zur Kultstätte wurde, musste nach Plänen des renommierten Architekten Richard Pabst, der auch für das Olympiastadion in Garmisch-Partenkirchen verantwortlich zeichnete, erst noch gebaut werden. Am 19. Juli 1938 erfolgte der erste Spatenstich. Am Samstag, 4. Februar 1939, wurde Richtfest im Friedrichspark gefeiert, in dem der MERC 1980 den ersten Titel gewann, und in dem die Adler nach Gründung der Deutschen Eishockey Liga die Meisterschaften 1997, 1998, 1999 und 2001 folgen lassen sollten. Die „Neue Mannheimer Zeitung“ jubilierte am 31. Januar 1939: „Dornröschen wird sich einen anderen Platz zum Schlafen suchen müssen.“

Sportliche Erfolge waren in der Gründungszeit allerdings noch weit entfernt – ganz weit. So spricht es Bände, dass beim ersten Spiel im Friedrichspark an jenem 4. Februar 1939 keine Mannheimer Mannschaft auf dem Eis stand. Stattdessen lieferten sich die Düsseldorfer EG und der Krefelder EV vor immerhin 5000 Zuschauern einen Demonstrationswettkampf, den die DEG mit 2:1 gewann. Und auch die erste Partie mit Mannheimer Beteiligung war etwas ganz Besonderes. Gegen den deutschen Meister SC Riessersee griff der MERC auf Unterstützung des SC Forsthausstraße Frankfurt zurück – und kassierte dennoch ein 0:11. Als man es ganz alleine gegen die übermächtigen Bayern probierte, setzte es gar eine 1:15-Schlappe. All das hielt die Mannheimer aber nicht davon ab, zahlreich in den Friedrichspark zu pilgern. Auch dass sie dort kein Dach über dem Kopf hatten, störte sie nicht. Es überwog die Freude, dass endlich auch in Mannheim Eishockey gespielt werden konnte. Dass die Anfangsphase eine Zeit der Improvisation war, nahmen die Kurpfälzer mit Geduld und einer Portion Humor. Überliefert ist beispielsweise, dass sich Heinz Benkert, der in der Saison 1938/1939 das MERC-Tor hütete, als Schlussmann des Heidelberger Hockey-Clubs auf das Abenteuer Eishockey einließ. Mit dem Schlittschuhlaufen haperte es derart, dass er sich beim Seitenwechsel entweder an der Bande entlanghangelte oder von zwei Mannschaftskameraden gestützt werden musste. Doch aller Anfang ist eben schwer. Wie sich später herausstellen sollte, haben sich die Mühen der Pioniere des Mannheimer Eishockeys gelohnt.

Altig Radsport

Von 1911 bis 1924 wurde der Sandacker die Spielstätte des SV Waldhof. BILD: ARCHIV B.DIETRICH
Von 1911 bis 1924 wurde der Sandacker die Spielstätte des SV Waldhof. BILD: ARCHIV B.DIETRICH
Von 1911 bis 1924 wurde der Sandacker die Spielstätte des SV Waldhof, nachdem man das sogenannte Schlammloch verlassen hatte. Von dem damaligen Geläuf ist heute nichts mehr übrig geblieben, lediglich eine Gedenktafel an der Waldhof-Schule verweist auf die Stelle jener von den Gegnern sehr gefürchteten Spielstätte, die sich heute die Natur wieder zurückgeholt hat. Der Vorstand der Spiegelfabrik, auf dessen Gelände der Platz seinerzeit stand, hatte seine Zustimmung für die Nutzung der Fläche gegeben. Im ersten Spiel auf neuem Grund wurde am 12. März 1911 Borussia Neunkirchen mit 5:2 besiegt, das offizielle Einweihungsspiel erfolgte erst zwei Monate später. Der General-Anzeiger vom 2. April 1911 beschrieb das neue Areal des damaligen frisch gekürten B-Klassen-Meisters wie folgt: „Wir waren ganz erstaunt, als wir den Sportplatz des SV Waldhof betraten. Der Platz, ein gut angelegtes, schön ebenes Feld, ist mit einer wohlgeordneten Tribüne ausgestattet, wie sie kein Verein Mannheims besitzt.“

Schon damals deutete sich an, dass der SV Waldhof das Potenzial zum Mannheimer Aushängeschild hatte. Die offizielle Einweihung des Platzes wurde am 21. Mai 1911 nachgezogen. Auf den Spielankündigungsplakaten wurde die Partie gepriesen mit „Eines der bedeutendsten sportlichen Ereignisse im Neckargau“. Wie die Einweihungspartie gegen den FC Germania Frankfurt endete, darüber gehen die Aussagen in den diversen Chroniken auseinander. Von einem 4:3-Sieg bis hin zu einer 4:5-Niederlage reicht die Spanne. Immerhin, das Rahmenprogramm konnte sich wahrlich bereits sehen lassen. Das Schlammloch wurde fortan von den Vereinen FG Kickers Waldhof und FC Amicitia Waldhof genutzt. 1914 stieg der SV Waldhof – nicht zuletzt auch bedingt durch seine enorme Heimstärke – nach einem 1:0 gegen den FV Germania Bockenheim in die höchste Liga auf.
            
Spielstätte „Schlammloch“: Noch heute tritt hier der SV Harmonia Waldhof an. BILD: NOWEY
Spielstätte „Schlammloch“: Noch heute tritt hier der SV Harmonia Waldhof an. BILD: NOWEY
Im Jahr 1924 siedelte der SV Waldhof in das von der Stadt Mannheim zugewiesene Gelände an den Schießständen über. Der Klub verließ seinen eigenen Stadtteil und war nun in dem von Waldhof durch die heutige Waldstraße getrennten Stadtteil Gartenstadt heimisch geworden. Bis zu 10 000 Besucher sollten anfangs an diesem Rund, das den schlichten Namen Waldhof-Stadion trug, Platz finden. Immer mehr wurde es zur Festung. Das seinerzeitige Fachblatt „Fußball – Illustrierte Sportzeitung“ schrieb über die Vorherrschaft des SV Waldhof in jener Epoche sinnbildlich in seiner Ausgabe vom 27. März 1934: „Waldhof, der vielfache Meister der früheren Rheingruppe, hat sich auch im neuen Gau Baden gegen die verstärkte Konkurrenz an der Spitze behauptet. Damit ist die Elf Meister geworden, die während der ganzen Saison die stabilste Form gezeigt und sich als beste Mannschaft Badens erwiesen hat [...]. Wir glauben, daß Waldhof heute noch Badens schärfste Waffe ist.“ Zum abschließenden Vorrundenspiel hatten damals schon 6000 Zuschauer dem Waldhof im Stadion die Daumen gedrückt.

Mit dem Bundesliga-Aufstieg 1983 wechselte der SVW Stadion und Bundesland und trug seine Heimspiele im Südweststadion in Ludwigshafen aus. Nach der Rückkehr zum Alsenweg 1989 gingen dort noch knapp fünf Jahre über die Bühne, ehe das Carl Benz-Stadion (1994) die neue Heimat wurde.
              
Große Emotionen: Tommy Haas (r.) wurde 2017 von Teamchef Gerald Marzenell verabschiedet. BILD: VAF-FOTO/ALFRED GEROLD
Große Emotionen: Tommy Haas (r.) wurde 2017 von Teamchef Gerald Marzenell verabschiedet. BILD: VAF-FOTO/ALFRED GEROLD
Grün-Weiss: Mit einer Zeitungsanzeige vor 119 Jahren fing alles an

Vor einem Jahr sicherten sich die Tennis-Herren von Grün-Weiss Mannheim zum siebten Mal in der Vereinsgeschichte die deutsche Mannschaftsmeisterschaft. Auf der Anlage am Feudenheimer Neckarplatt knallten die Sektkorken und bei der Übergabe des Meisterpokals gab es jede Menge Applaus. Teamchef Gerald Marzenell sprach von „einer genialen Bundesliga-Saison mit einem ganz besonderen Titel“.

Der 54-Jährige ist Rekord-Bundesliga-Spieler der Mannheimer, doch in der Club-Geschichte schlugen viele prominente Spieler für Grün-Weiss auf. Der dreifache Wimbledon-Champion Boris Becker zum Beispiel oder der frühere Weltranglisten-Zweite Tommy Haas. Wilhelm Bungert, Patrik Kühnen und der Österreicher Dominic Thiem sind weitere große Namen.

Ganz am Anfang der Erfolgsgeschichte stand allerdings eine Zeitungs-Anzeige vor 119 Jahren, in der „Damen und Herren mit großem Unternehmungsgeist“ zur Gründung des ersten Mannheimer Tennis-Vereins gesucht wurden. Im Juli 1900 wurde so der Lawn-Tennis-Klub aus der Taufe gehoben, aus dem später durch die Fusion der beiden Traditionsvereine TK Mannheim und Tennis- und Turnierklub Grün-Weiss der heutige TK Grün-Weiss Mannheim hervorging. Die ersten Plätze entstanden am Friedrichsring, wo sich heute das Nationaltheater befindet.

Anfang der 1920er Jahre stieß der Verein erstmals in die nationale Spitze vor. 1921 erreichten die Mannheimer die Vorschlussrunde der Deutschen Meisterschaft, in der es eine Niederlage gegen Leipzig gab. Ein Jahr später wurde dann im Duell mit Düsseldorf die erste Mannschaftsmeisterschaft gewonnen. In dieser Zeit zählte der Verein, der 1925 das „Lawn“ aus seinem Namen strich, 500 Mitglieder, in der Gegenwart sind es 1000.

Die Titelsammlung ist beeindruckend: 1922, 1993, 1996, 2005, 2007, 2010 und zuletzt 2018 ging der Meistertitel in die Quadratestadt. 1924, 1999, 2008 und 2017 gelang die Vizemeisterschaft. In den Jahren 1999, 2005 und 2007 wurde Grün-Weiss zudem zur Mannheimer Mannschaft des Jahres gewählt. Becker zählt mit Steffi Graf zu den prominentesten Grün-Weiss-Mitgliedern. Bereits als 16-Jähriger stand der Leimener auf der Meldeliste für die Bundesliga. 1987 erhielt er die Ehrenmitgliedschaft. Alle Stars lobten und loben stets die familiäre Atmosphäre. Vor einem Jahr schwärmte Thiem in höchsten Tönen von Grün-Weiss. „Es ist immer etwas Außergewöhnliches hier zu spielen“, sagte der Top-Ten-Spieler aus Österreich.

Die große Identifikationsfigur der Gegenwart ist Rekordspieler Marzenell. Der Seckenheimer ist Bundesliga-Teamchef und betreibt auf der Anlage am Neckarplatt seine Tennis-Akademie. Ohne den früheren Profi wäre der konstante sportliche Höhenflug nicht vorstellbar. Der von ihm erzeugte Teamgeist ist der Hauptgrund dafür, dass in Mannheim seit vielen Jahren so erfolgreich Bundesliga-Tennis gespielt wird.

Zu den Höhepunkten der jüngeren Vergangenheit gehören der Auftritt von Thiem in der vergangenen Saison im Derby gegen den TC Weinheim und der emotionale Abschied von Haas vor zwei Jahren. Der frühere Weltklassespieler gewann sein letztes Einzel für GW gegen Aachens Nils Langer mit 7:6, 6:2 nach 1:48 Stunden – und wurde danach auf einem voll besetzten Centercourt gefeiert. Es war der letzte Auftritt des 39-Jährigen als Profi in Deutschland überhaupt. „Ich habe drei Jahre für Grün-Weiss gespielt und kein Einzel verloren“, sagte der Rechtshänder damals nicht ohne Stolz in der Stimme. Doch nicht nur auf allerhöchstem Niveau wird am Neckarplatt aufgeschlagen. Mit 1000 Mitgliedern und 46 Mannschaften, davon 20 Jugendteams, ist der Tennisklub Grün-Weiss der größte Tennisverein in Baden und Mitglied der „Leading Tennis Clubs of Germany“. Die Anlage verfügt über ein Areal mit über 50 000 Quadratmeter Fläche. Dazu gehören 18 Freiluft- und drei Hallenplätze sowie ein Kleinfeldplatz.
            

Warum Mannheim Heimat ist ...

BILD: SOMMER
BILD: SOMMER
Susann Becker
Bereichsleitung Unternehmenskommunikation, RNV

„Immer wieder begegnet mir hier im Vertrauten völlig unerwartet Neues, immer wieder finde ich Überraschendes, stolpere über schöne Hässlichkeit und spaziere durch Traditionen, althergebrachte und erst jüngst dazu gewordene. Hier fühle ich raue Ehrlichkeit. Hier zu Hause, in meiner Heimatstadt, finde ich herzliche Kanten und liebe ich die herbe Offenheit der Menschen, die in dieser Stadt leben, hier in Mannheim darf ich Menschen treffen, die mir zunächst fremd sind und doch so schnell bekannt werden, weil ihr Wesen offen ist. Weil sie interessiert sind, akzeptieren, annehmen und gerne auch geben. Von sich und für andere. Für mich, als gebürtige Mannheimerin, wird Mannheim von Jahr zu Jahr schöner – weil Mannheim echt ist, mit allem Für und Wider, bei allem Auf und Ab. Und weil Mannheim sich immer treu bleibt. Zudem steht nur in Mannheim dieser wunderbar starke Wasserturm, der für mich unerklärlichen Trost auszustrahlen scheint, immer da ist, mich immer begrüßt, wenn ich von irgendwo auf dieser Welt nach Hause zurückkomme. Es würde mir sein „auf mich warten“ fehlen, ebenso wie ich die Geräusche, Farben und Gerüche auf dem Wochenmarkt dieser Stadt nirgendwo sonst finde. Entspannen kann ich dort, zuhören, zusehen, dabei sein und doch auch für mich bleiben. Deshalb ist Mannheim meine Heimat. Weil sie Menschen so sein lässt, wie sie sind, weil sie mich lässt, wie ich es bin.“
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