Sonderveröffentlichung
Themenspecial Nur Mut

Damit Schwetzingen singt und klingt

Festspiele: Als Kurfürst Carl-Theodor in der Sommerresidenz weilte, hatte er das Hoforchester mit dabei, das im Schlossgarten und im Theater musizierte. Untergebracht waren die Musiker in Privatquartieren. Zeitgenossen berichteten von einer bei offenen Fenstern musizierenden Stadt. Heute sind es die SWR Festspiele, die sonst immer im Mai die Stadt zum Klingen bringen. Einen Teil der Konzerte gibt es jetzt im Oktober.

Die Collage zeigt alle Künstler, die für Oktober zugesagt haben und damit Ludwig van Beethoven (2. Reihe Mitte) ehren. BILD: SWR

26.06.2020
Damit Schwetzingen singt und klingt Image 1
Es ist eine Weile her, dass Andy Schmid ein Handball-Spiel bestritt. Anfang März war das, mit den Rhein-Neckar Löwen verlor der Weltklasse-Mittelmann damals die Bundesliga-Begegnung beim THW Kiel – und niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass es für eine sehr lange Zeit die letzte Partie sein wird. Die Saison wurde zunächst unter-, dann abgebrochen. „Eine zu 100 Prozent richtige, weil alternativlose Entscheidung“, sagt Schmid, der wegen der vielen Corona-Infektionen innerhalb der Löwen-Mannschaft selbst 14 Tage unter Quarantäne stand und die Zeit nutzte, um sich auf seine Trainerkarriere vorzubereiten. Er machte das Beste aus der Situation, wenngleich ihn die Perspektivlosigkeit nervte. Denn unter dem Strich konnte der Schweizer seinen Beruf nicht ausüben, was der Rechtshänder als recht frustrierend empfand. Doch jetzt gibt es Hoffnung: In der ersten Oktober-Woche wird die neue Saison beginnen, im besten Fall sogar mit – wenn auch wenigen – Fans, wie Liga-Präsident Uwe Schwenker verrät: „Wir werden weiterhin alles in unserer Macht stehende unternehmen, um passende Rahmenbedingungen für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs mit Zuschauern zu ermöglichen. Denn Sport lebt von Emotionen – und die gibt es eben nur zu 100 Prozent auf dem Spielfeld und vor vollen Rängen.“

Klar ist: Die Löwen sehnen sich nach einem weiteren Schritt Richtung Normalität, im Mai hatten sie zumindest noch in Kleingruppen trainiert. Von einer richtigen Handball-Einheit konnte man da aber trotzdem nicht sprechen. Es war eher eine Art Bewegungs- und Beschäftigungstherapie durch Coach Martin Schwalb, der erst kurz vor der Corona-Zwangspause den Job vom entlassenen Kristjan Andresson übernommen hatte und nur so vor Tatendrang sprüht. Keine Frage: Durch die Pandemie fühlte er sich in seinem Eifer dann doch ein wenig ausgebremst. Längst kreisen Schwalbs Gedanken um die neue Saison, in der die Löwen in zwei Wettbewerben vertreten sind. Der DHB-Pokal wird aufgrund des verspäteten Rundenbeginns für ein Jahr ausgesetzt, aber neben der Bundesliga stehen für die Badener auch die Aufgaben in der neu geschaffenen European Handball League an. „Ich will so viele Titel wie möglich gewinnen. Ohne DHB-Pokal ist eine Titelchance weg. Und deswegen ist es gut, dass wir in der European Handball League dabei sind. Das ist ein toller Wettbewerb, in dem wir etwas reißen wollen“, sagt Schwalb, der zur nächsten Saison mit Klaus Gärtner einen alten Bekannten als Co-Trainer zur Seite gestellt bekommt.

Zwar nicht in vollem Umfang, aber dennoch mit einem beachtlichen Programm finden im Oktober unter anderem im Rokokotheater die Schwetzinger SWR-Festspiele statt. BILD: SCHWERDT
Zwar nicht in vollem Umfang, aber dennoch mit einem beachtlichen Programm finden im Oktober unter anderem im Rokokotheater die Schwetzinger SWR-Festspiele statt. BILD: SCHWERDT
Los geht’s am Montag, 19. Oktober, um 19.30 Uhr im Rokokotheater mit dem Artemis Quartett. 2019 vollzog das Quartett just in Schwetzingen den Übergang in eine neue Ära: Gemeinsam konzertierten diejenigen, die bisher das Ensemble gebildet hatten, mit den beiden Neuen. Die neue Formation hat sich inzwischen etabliert. Ihr Schwetzinger Programm darf als Motto gelten, denn es besteht aus Werken, die in die Zukunft gewiesen haben: Den Rahmen bilden eines der experimentellen Werke Haydns, der das Streichquartett zum Ideal der Kammermusik schlechthin erhob, und Beethovens Abschlusswerk des Zyklus, der für seinen neuen Weg in der Kammermusik steht. In der Mitte gibt es eine Komposition, mit der Jörg Widmann nach 14-jähriger Quartettpause einen neuen Zyklus eröffnet, „in dem eine intensive Auseinandersetzung mit der Quartettkunst Beethovens stattfinden wird“.

Tags drauf folgt das Belcea Quartet im Mozartsaal. Es hat in den 25 Jahren seines Bestehens nichts von seinem Mut zum Wagnis und Experiment verloren. Beethovens B-Dur-Quartett op. 130 in der ursprünglichen Fassung mit der Großen Fuge als Abschluss zu spielen, bedeutet schon eine Herausforderung. Doch die Musiker um die Primaria Corina Belcea gehen einen Schritt weiter: Um die Struktur des Werkes „zu erweitern und offenzulegen“, fügen sie zwischen die Sätze des beethovenschen Werkes Quartettstücke ganz unterschiedlicher Provenienz ein. Es ist die Idee dieses Programms, dass die ergänzenden Stücke und ihre Komponisten nicht vorher genannt werden. Auch, um einem Ideal nahezukommen: dem ästhetischen Erleben ohne Voreingenommenheit. Als Piano-Duo bringen Andreas Grau und Götz Schumacher seit drei Jahrzehnten konträre Ideale zusammen. Hindemiths Streben nach einfachen Formen, transparenter Satztechnik und Festigung der Tonalität trifft auf die Komplexität der Großen Fuge, in die Beethoven alle musikhistorische Erfahrung von der Renaissance bis zur Romantik bannen wollte und zugleich alle Konventionen sprengte. Den zweiten Teil spielen die Pianisten ausschließlich an zwei Klavieren. Sie gastieren am Mittwoch, 21. Oktober, im Schloss.

Das Schubert-Oktett am 22. Oktober mit Werken von Strawinsky, Debussy und Schubert und die Quatuor Ébène am 26. Oktober, die sich den äußeren Säulen von Beethovens Quartettschaffen widmet – den frühen und den letzten Werken – setzen weitere Höhepunkte.

Der erst 29-jährige Fabian Müller will am 27. Oktober zwei kompositorische Ideale in Kontrast zueinander setzen: Expansion und Reduktion. Expansiv ist Charles Ives’ Concord-Sonata, ein Pionierwerk der Moderne: Mit den Mitteln der Musik greift sie in die Gedankenwelt idealistischer Philosophie. Expansiv ist Beethovens Sonate f-Moll, der Tonart dunkler Leidenschaft, in Form und Emotionalität. Sie riskiert bisweilen den inneren Zusammenhang. Brahms dagegen reduziert: Seine Intermezzi entlocken einem knappen Urgedanken einen Mikrokosmos an Variationen und Deutungen.

Und natürlich der Schwerpunkt Beethoven: An vier Abenden (inklusive Vortrag von Mark Evan Bonds) geht’s um die Sinfonien Betthovens und seine Vorbilder. Es spielt die Akademie für Alte Musik aus Berlin. Sie macht erlebbar, worauf Beethoven aufbauen konnte. Dass die erste Sinfonie Verwandtschaft zu Mozart und zu französischer Revolutionsmusik zeigt, ist ebenso bekannt wie die starke Affinität der zweiten zum Musiktheater, vor allem zur „Zauberflöte“. Welch wichtige Inspiration von Carl Philipp Emanuel Bach nicht nur auf Haydn und Mozart, sondern auch auf Beethoven ausging, zeigt dieses Programm ebenfalls. Und Beethoven empfahl ja auch „jedem wahren Künstler nicht allein zum hohen Genuss, sondern auch zum Studium“. Übrigens: Bei Buchung aller vier Konzerte der Reihe „Beethovens Sinfonien und ihre Vorbilder“ am 24., 25., 28. und 29. Oktober gibt’s 20 Prozent Rabatt.

Infos zu den einzelnen Konzerten auf www.schwetzinger-swr-festspiele.de

Von Jürgen Gruler