Sonderveröffentlichung
Themenspecial Mannheim - Meine Heimat

Schloss Mannheim: Leben nach Zeremoniell

SCHLOSS: Wo und wie der Kurfürst in dem riesigen Prachtbau gewohnt hat.

1 - Gerichte, Hofkammer; 2 - Gartensaal, Intrada; 3 - Gartenappartement; 4 - Silberkammer; 5 - Kellerei, Mundschenkerei - 6 Küche, Konditorei; 7 - Kavalierräume; 8 - Kaiserliches Quartier; 9 - Rittersaal; 10 - Quartier des Kurfürsten; 11 - Quartier der Kurfürstin; 12 - Lakaien; 13 - Hofdamenquartier; 14 - Oberhofmeisterin; 15 - Offizianten(Beamte)

14.08.2020
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Edel, vornehm, üppig, prachtvoll, ausschweifend gar – so stellt man sich heute das Leben in einer barocken Residenz vor. Was Mannheim betrifft, muss es bei der Vorstellung bleiben. Aquarelle gibt es nicht, Fotos ohnehin nicht, lediglich viele Pläne, Inventarlisten, sowie alte Hofakten aus der Kurpfalz, die heute im Bayerischen Hauptstaatsarchiv lagern.

Als Carl Philipp den Hof ab 1720 in Mannheim aufbaut, umfasst er etwa 400 Personen. Unter seinem Nachfolger Carl Theodor kommt es ab 1742, wie etwa ein Blick in den Hofkalender von 1776 zeigt, zu einer Personalexplosion. Rund 1000 Personen und ihre Ämter werden da aufgelistet. Daher ist in den Stallungen im Bereich des heutigen Schneckenhofs Platz für rund 300 Pferde, im Geschoss darüber leben Bedienstete. Die meisten Angestellten „wohnen“ im Mezzanin – einem Halb- oder Zwischengeschoss des weitläufigen Baus, mit niedrigen Kämmerchen, wo nur Platz für ein Bett ist. „Sie haben da nur geschlafen, sich sonst im Küchenbereich aufgehalten oder eben gearbeitet“, so Uta Coburger, Konservatorin für Schloss Mannheim bei den Staatlichen Schlössern und Gärten.

Allein Küche und Keller umfassen in der Hochphase des Hofs mehr als 60 Personen, darunter zwei Bratmeister, ein Spickmeister, Zuständige für Geflügel und Fisch, Hofkonditor mit Mitarbeitern. Eigens ausgewiesen sind „Tafelwäscherin“ und „Silberspülerin“, zudem viele „Controlleure“ sowie – für die Kinder – extra ein „Edelknabenkoch“ und „Edelknabentafeldecker“. Sie arbeiten im Erdgeschoss des Westflügels.

Der ganze Ostflügel des Schlosses besteht aus Büros. Hofkammer (für die Finanzen zuständig) mit Einzug der Abgaben, Hofrat (Verwaltung und Gerichte), der „Geheime Rat“ für wichtige innen- und außenpolitische Fragen, Gerichte, dazu Archiv und Bibliothek, Grafik- und Gemäldesammlung sowie Naturalienkabinett befinden sich hier. Im Obergeschoss wohnen die besseren, weil adeligen Bediensteten. Im Anbau im Westen befinden sich Ballsaal und die Hofoper. Doch sie steht schon seit dem Beschuss der Stadt durch die preußisch-österreichische Artillerie 1795 nicht mehr, als die Franzosen Mannheim besetzt halten.

Wenn nicht gerade groß getanzt oder gefeiert wird, konzentriert sich das Leben des Herrschers allein auf den Mittelbau, Corps de Logis – also Wohntrakt – genannt. Die Untergebenen dienen ihm weitgehend unsichtbar. Es gibt Tapetentüren, durch die sie schnell verschwinden können, schmale Wendeltreppen und Gänge. Die Öfen werden von den Korridoren aus beheizt.

Als Kurfürst Carl Philipp nach elfjähriger Bauzeit und Einweihung der Schlosskirche 1731 in das – bei weitem nicht fertige – Schloss einzieht, tut er das offiziell alleine. Schließlich ist er Witwer. Aber er liebt Gräfin Violanta Maria Theresa von Thurn und Taxis, die Erzieherin seiner Enkeltöchter. Mit ihr ist er sogar seit 1729 verheiratet – aber nur morganatisch, also „zur linken Hand“, da die Frau von niedererem gesellschaftlichen Stand ist als der Kurfürst. Inoffiziell weisen die Uta Coburger vorliegenden Pläne sogar ein gemeinsames Schlafzimmer aus – genau im Eckturm zwischen ihren Räumen im Westflügel und den Gemächern von Carl Philipp im Mittelbau. Sie beginnen westlich vom Rittersaal mit demersten Vorzimmer, „Antichambre“ genannt. Es folgt als zweiter Raum das Speisezimmer für das öffentliche Diner, gefolgt vom Audienzzimmer, dem Konferenzzimmer, einem weiteren Audienzzimmer und dem Kabinett. Üppige Stuckdecken, Deckenmalereien und Supraporten, edle Tapisserien sowie reiche Holzvertäfelungen schmücken diese Enfilade sowie das Kabinett (als letzten und intimsten Raum), dazu kostbares Porzellan und Lackmöbel. „Ins Kabinett durfte nicht jeder, es war ein Rückzugsort“, so Coburger.

Natürlich ist auch Platz für Gäste. So heißt bis heute die üppigst verzierte Raumfolgeöstlich vom Rittersaal das „Kaiserliche Quartier“ – weil hier der einzige, nur drei Jahre regierende Wittelsbacher-Kaiser Karl VII. 1742 auf dem Weg zu seiner Krönung in Frankfurt nächtigt. Als „Paradeappartement“ wird es später weiter für besonders prominente Gäste vorgehalten. Im vorderen, näher an den Quadraten befindlichen Teil des Westflügels gibt es noch das „Kölnische Quartier“, benannt nach dem Verwandten Clemens August von Bayern, seit 1723 Kurfürst und Erzbischof von Köln. Er kommt im Januar 1742 nach Mannheim, anlässlich der Hochzeit von Carl Theodor und seiner Cousine Elisabeth Augusta, und es wird auch später für hochgestellte Verwandtenbesuche genutzt.

Als nach dem Tod von Carl Philipp am Silvestertag 1742 Carl Theodor die Regentschaft antritt, zieht er ebenso in den westlichen Mittelbau, Elisabeth Auguste in den Westflügel. Das große Schlafzimmer wird aber geteilt – sie erhält Garderobe und Puderzimmer, er einen eigenen, kleinen Schlafraum, etwas abgelegen im südwestlichen Eckturm.

Carl Theodor gilt unter Zeitgenossen als „sehr fleißig“, hat Coburger aus zeitgenössischen Schilderungen entnommen. Vier-Augen-Gespräche führt er in seinem Kabinett, wo er absolut vertrauliche Vorgänge aufbewahrt. Er arbeitet viel. Oft treffen diplomatische Depeschen ein, die gelesen und beantwortet werden wollen – schließlich hat er eine herausgehobene Stellung, zählt zu den Reichsfürsten, welche den Kaiser wählen, ist obendrein Reichsvikar, also dessen Vertreter.

„Post kam nach striktem Reglement an, täglich um 8 Uhr morgens aus Wien, München, Augsburg, Frankfurt, Regensburg, Antwerpen, Düsseldorf, Paris, Straßburg“, weiß Coburger aus den Akten der Reichspost von Thurn und Taxis.

Und viele Reisende machen hier Station – Adelige, Gesandte. Ihr Rang entscheidet darüber, wie weit sie vorgelassen werden, und ob sie Platz nehmen dürfen oder stehenbleiben müssen. Gesandte etwa fahren sechsspännig im Gartensaal vor, werden dort vom Kammerherrn, zudem Heyduken, Hoflakaien, Schlosswachen in Rüstung mit Trommel empfangen.

Am Beginn des bewusst sehr repräsentativ gestalteten Treppenhauses nehmen – laut einer Liste des Bayerischen Hauptstaatsarchivs – „Kammerfouriers und eine Suite Cavaliers, auf der Hauptstiege die Kammerherren, oben auf der Treppe Obristhofmarschall, die übrigen Kammerherren Aufstellung“. Im breiten Gang des Mittelbaus auf beiden Seiten stehen Leib- und Schweizergarde („in Galla paradiret haben“) bis zum Vorzimmer. Es folgen Edelknaben und Lakaien, ehe der Obristhofkämmerer den Gesandten durch das Appartement zur Audienz führt. Höherrangige Gäste empfängt der Monarch direkt an der Treppe oder geht ihnen gar bis zum Absatz entgegen – als besonderer Gunstbeweis.

Der Kurfürst sitzt mit Armlehne, Hofgesellschaft und Adel erhält gepolsterte Stühle, aber ohne Armlehnen. Niederen Rängen bleibt das Tabouret – ein Hocker. „Die ganze Einrichtung der Räume sind ein Machtbeweis. Solche Dinge sind total wichtig zu jener Zeit“, betont Uta Coburger unter Hinweis auf die Rolle Carl Theodors als absolutistischer Reichsfürst.„ Man muss sich so einen Hof als enorm durchgetaktete Organisation vorstellen“, erläutert sie. Klar, es erklingt auch Musik, es wird getanzt, man genießt Kaffee und Schokolade, aber die kleinen Tischchen dafür wie auch die Spieltische sind wirklich Mobiliar – sprich: mobil. „Sie müssen jederzeit weggeräumt werden können, das Zeremoniell hat Vorrang“, unterstreicht sie.

Von Peter W. Ragge
   

Info: Schlossmuseum

Das zum Stadtjubiläum 2007 neu eröffnete Schlossmuseum und die rekonstruierten historischen Repräsentationsräume zeigen das Leben zur Zeit der Kurfürsten (1720 bis 1777) sowie der Großherzogin Stéphanie von Baden (1809- 1860).

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, letzter Einlass 16.30 Uhr. Eintritt: Schloss mit Audioguide Erwachsene sieben Euro, ermäßigt 3,50 Euro, Familien 17,50 Euro, Gruppen pro Person 6,30 Euro.

Zu besichtigen: Haupttreppenhaus, Rittersaal, je vier rekonstruierte Räume des Kaiserlichen Quartiers und des Appartements der Großherzogin sowie das Schlossmuseum im Erdgeschoss mit der Dauerausstellung „Kunst und Kultur am Mannheimer Hof“ und dem Bibliothekskabinett der Kurfürstin – insgesamt mit 800 Objekten, die einst zur Ausstattung des Schlosses gehört hatten.

Führungen: Samstag, Sonntag und Feiertage 11 bis 16 Uhr stündlich, Eintritt und Führung 10 Euro für Erwachsene, 5 Euro für Ermäßigte, 25 Euro für Familien, derzeit wegen Corona eingeschränkt. pwr