Sonderveröffentlichung
Themenspecial Nur Mut

Hoffnung im Herbst

Handball: Die Rhein-Neckar Löwen haben endlich Gewissheit: In der ersten Oktoberwoche startet die neue Saison in der Handball-Bundesliga – im Idealfall sogar mit Fans, wenn auch mit wenigen. Die ohnehin stressgeplagten Handball-Profis werden dann ob des Termindrucks noch eine Schippe drauflegen müssen. Doch alle im Lager der Gelbhemden sind froh, bald wieder auf dem Feld stehen zu können.

Training in Corona-Zeiten: Handball-Nationalspieler Jannik Kohlbacher stemmte in den zurückliegenden Wochen im Trainingszentrum der Rhein- Neckar Löwen in Kronau mit Mundschutz Gewichte. BILD: DPA

26.06.2020
Hoffnung im Herbst Image 1
Es ist eine Weile her, dass Andy Schmid ein Handball-Spiel bestritt. Anfang März war das, mit den Rhein-Neckar Löwen verlor der Weltklasse-Mittelmann damals die Bundesliga-Begegnung beim THW Kiel – und niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass es für eine sehr lange Zeit die letzte Partie sein wird. Die Saison wurde zunächst unter-, dann abgebrochen. „Eine zu 100 Prozent richtige, weil alternativlose Entscheidung“, sagt Schmid, der wegen der vielen Corona-Infektionen innerhalb der Löwen-Mannschaft selbst 14 Tage unter Quarantäne stand und die Zeit nutzte, um sich auf seine Trainerkarriere vorzubereiten. Er machte das Beste aus der Situation, wenngleich ihn die Perspektivlosigkeit nervte. Denn unter dem Strich konnte der Schweizer seinen Beruf nicht ausüben, was der Rechtshänder als recht frustrierend empfand. Doch jetzt gibt es Hoffnung: In der ersten Oktober-Woche wird die neue Saison beginnen, im besten Fall sogar mit – wenn auch wenigen – Fans, wie Liga-Präsident Uwe Schwenker verrät: „Wir werden weiterhin alles in unserer Macht stehende unternehmen, um passende Rahmenbedingungen für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs mit Zuschauern zu ermöglichen. Denn Sport lebt von Emotionen – und die gibt es eben nur zu 100 Prozent auf dem Spielfeld und vor vollen Rängen.“

Klar ist: Die Löwen sehnen sich nach einem weiteren Schritt Richtung Normalität, im Mai hatten sie zumindest noch in Kleingruppen trainiert. Von einer richtigen Handball-Einheit konnte man da aber trotzdem nicht sprechen. Es war eher eine Art Bewegungs- und Beschäftigungstherapie durch Coach Martin Schwalb, der erst kurz vor der Corona-Zwangspause den Job vom entlassenen Kristjan Andresson übernommen hatte und nur so vor Tatendrang sprüht. Keine Frage: Durch die Pandemie fühlte er sich in seinem Eifer dann doch ein wenig ausgebremst. Längst kreisen Schwalbs Gedanken um die neue Saison, in der die Löwen in zwei Wettbewerben vertreten sind. Der DHB-Pokal wird aufgrund des verspäteten Rundenbeginns für ein Jahr ausgesetzt, aber neben der Bundesliga stehen für die Badener auch die Aufgaben in der neu geschaffenen European Handball League an. „Ich will so viele Titel wie möglich gewinnen. Ohne DHB-Pokal ist eine Titelchance weg. Und deswegen ist es gut, dass wir in der European Handball League dabei sind. Das ist ein toller Wettbewerb, in dem wir etwas reißen wollen“, sagt Schwalb, der zur nächsten Saison mit Klaus Gärtner einen alten Bekannten als Co-Trainer zur Seite gestellt bekommt.

Wohnmarkt Fritz Keilbach GmbH
Gärtner war schon bis 2017 der Assistent des damaligen Löwen-Coaches Nikolaj Jacobsen, ehe er selbst für zwei Jahre Chef beim österreichischen Erstligisten HC Hard wurde. Nun kehrt er zum deutschen Pokalsieger von 2018 zurück. „Ich wollte mich als Cheftrainer ausprobieren. Und ich glaube, dass ich das auch ganz gut beim HC Hard gemacht habe. Aber die Rolle als Co-Trainer passt einfach besser zu meinen Charaktereigenschaften. Den Chef zu unterstützen, das ist genau das Richtige für mich.“

Gärtner kennt den Club, die Mitarbeiter der Geschäftsstelle, die Nachwuchsabteilung und einen Großteil der Mannschaft – entsprechend wird er keine großen Eingewöhnungsprobleme haben. Die Neuzugänge Mait Patrail und Albin Lagergren kennen zumindest die Bundesliga – und wollen sich endlich auch im Löwen-Trikot beweisen. Der schwedische Nationalspieler Lagergren kommt vom SC Magdeburg und hat bereits eine Wohnung in Heidelberg bezogen, mit Jerry Tollbring, Jesper Nielsen, Andreas Palicka und Mikael Appelgren trifft er beim zweifachen deutschen Meister gleich vier Landsleute an. „Das wird mir helfen“, glaubt Lagergren, den Sportchef Oliver Roggisch als „spielstarken Linkshänder“ bezeichnet.

Patrail ist hingegen noch auf der Suche nach einer Bleibe. Immerhin weiß der 2,01-Hüne genau, was er will. „Eine Wohnung auf dem Land – und zwar mit Garten“, sagt der Este, den die Löwen ohne die Corona-Krise ziemlich sicher nicht bekommen hätten. Denn die TSV Hannover-Burgdorf verlängerte den Vertrag mit dem 32-Jährigen nur nicht, weil sie kein finanzielles Risiko in diesen ungewissen Zeiten eingehen wollte. „Es ist sicher ein außergewöhnlicher Transfer unter besonderen Voraussetzungen“, weiß auch Löwen-Managerin Jennifer Kettemann, dass ihr Club bei dieser Personalie von der Pandemie profitierte. Was jetzt eigentlich nur noch fehlt, ist die Aufnahme des Spielbetriebs, der aufgrund des verspäteten Saisonstarts ziemlich stressig werden dürfte. Doch Schmid ist das egal. „Ich glaube, in dieser Saison werden die Spieler bereit sein, Überstunden zu leisten. Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation. Alle wissen das und sind sensibilisiert. Deshalb bin auch überzeugt, dass es keine Belastungsdebatte geben wird.“

Denn schließlich sind alle froh, bald endlich wieder auf dem Feld stehen zu dürfen.

Von Marc Stevermüer