Sonderveröffentlichung
Themenspecial 50 Plus

Porträt der Mannheimer Turnerin Petra Umminger

Persönlich: Petra Ummingers Leidenschaft ist der Sport, genauer das Turnen – ein Porträt einer bemerkenswerten Frau.

Petra Ummingers Freude am Organisieren führte sie in zahlreiche Leitungsfunktionen. BILD: LUTZ WINNEMANN

13.05.2020
Mit Auge Image 1
In der nationalen und regionalen Turnszene ist Petra Umminger bekannt wie der sprichwörtlich bunte Hund. Wenn Mädchen oder junge Frauen an Boden, Barren, Balken und Sprung ihr Können zeigen, sehen ihre scharfen Kampfrichteraugen jeden technischen Fehler, jeden Wackler, jedes krumme Knie, jeden nicht gestreckten Fuß. Ums Turnen dreht sich bei der 59-jährigen Mannheimerin, die den Sport an den Geräten mit der Muttermilch aufsog, fast alles. Doch längst hat sie sich auch über das Werten hinaus einen Namen gemacht, ist längst eine anerkannte Fachfrau für den Sport im Allgemeinen und seine Organisation.

Auch deshalb organisiert die Frau mit den zwei Berufen Rechtsanwaltsgehilfin und Sekretärin seit 2018 die Vereinsmanager-Seminare des Badischen Sportbundes und wurde nach einigen Jahren als Stellvertreterin 2019 als Sachkundige Einwohnerin in den Mannheimer Sportausschuss gewählt. „Ich organisiere gerne und habe von Jugend an versucht, Gruppen zusammenzubringen und zusammenzuhalten“, erklärt sie ihr Engagement, das sich in rund 20 Ehrenämtern spiegelt, die sie seit 1986 innehatte oder noch hat. „Mir hat alles Spaß gemacht. Ich habe immer etwas Neues gelernt, musste mich in einige Bereiche aber auch reinfuchsen.“

Dabei sieht sie sich keineswegs als Mensch auf der Suche nach permanent neuen Herausforderungen. Ganz im Gegenteil. „Ich brauche eigentlich immer einen Schubser durch andere. Es ist eher so, dass die Herausforderungen mich gesucht haben.“ Doch wenn sie ja sagt, dann mit Vehemenz, mit eigenen Vorstellungen und Durchsetzungsvermögen. Dann füllt sie bei Bedarf auch zwei Ämter aus. „Ich glaube, in dieser Beziehung sind meine Fußstapfen groß“, war es ihr dennoch immer ein Anliegen, dass ein Amt nach ihrem Ausscheiden nicht verwaist blieb.  
   
Auch durch ihre berufliche Sozialisation weiß Umminger, dass sie „Leitungsfunktionen“ kann – so wie in der Berufsgenossenschaft Handelund Warenlogistik, wo sie auch Personalrätin ist. Seit sie dort 2011 anfing, arbeitet sie Vollzeit und muss Beruf und Ehrenamt unter einen Hut bringen. „Das ging an die Substanz“, ist sie zuletzt kürzer getreten. Vorher fiel es ihr leichter, denn nach ihrer Erziehungszeit 2001 bis 2002 war sie wegen ihres Sohnes in Teilzeit beschäftigt. Durch den Jungen fand sie sich dann auch im Elternbeirat der Theodor-Heuss-Grundschule und des Ursulinen-Gymnasiums wieder.

Als ältestes von fünf Kindern und Tochter der Käfertaler Turnlegende Martin Gwiazdowski war es ihr vorbestimmt, die Sporthalle als eine Heimat anzusehen. „Unsere Eltern haben geschaut, dass wir in unserer Freizeit Dinge machten, die in unmittelbarer Nähe möglich waren. Ich war im Kirchenchor, wir haben alle Akkordeon gespielt, wir vier Mädels waren in der Funkengarde der Spargelstecher und alle fünf haben wir bei der DJK Käfertal geturnt.“ In dem Verein, in dem ihr Vater über Jahrzehnte Trainer war und Generationen von Kindern und Jugendlichen die Geräte nahebrachte.

„Ich selbst war keine Spitzenturnerin, habe es aber durchgezogen“, besuchte sie im Ludwig-Frank-Gymnasium eine Sportförderklasse und legte das Sport-Abi im Schwimmen mit 13 Punkten ab. Volleyball begeisterte sie lange, im Turnen verlegte sie sich lieber auf das Werten und entdeckte dabei eine Begabung, die sie zur internationalen Lizenz und zu Einsätzen unter anderem bei Weltcups führte. Ihr erster Wettkampf außerhalb Deutschlands ist ihr noch in bester Erinnerung. „Es war 2001 im tschechischen Decin. Wir wohnten in einem Sportinternat in Dreibettzimmern, die Duschen hatten keine Türen und Toiletten keine Abtrennung, das Besteck im Speisesaal war aus Aluminium, die Halle ähnelte der alten Halle des TSV und war wegen eines viel zu kurzen Anlaufs am Sprung ungeeignet.“ Das Gegenteil mit Top-Niveau und viel Flair erlebte sie dann beim Weltcup in Gent. „Damals war gerade das Wertungssystem nach A- und B-Noten umgestellt worden, es war ziemlich nervenaufreibend, denn wir standen immer unter Beobachtung.“ Kurios erlebte sie einen Vier-Motoren-Wettbewerb der Regionen Baden-Württemberg, Rhones-Alpes (Frankreich), Lombardei (Italien) und Katalonien in Spanien, denn der Wettkampf fiel aus, weil die Geräte nicht aufgestellt werden konnten. Ein Höhepunkt in ihrer Karriere war die WM 2007 in Stuttgart, wo sie als Assistentin am Sprung saß, obwohl ihre Lieblingsgeräte die abwechslungsreicheren Balken und Boden sind. „Ich bin sehr fair und objektiv – auch wenn es oft weh getan hat, meinen eigenen Mädels Punkte abzuziehen“, beschreibt sie ihre Stärke. Ihre internationale Karriere beendete die auch zeitweilige Fachwartin im Turngau und Badischen Turnerbund 2017, ihre nationale Lizenz gilt noch bis nach den Olympischen Spielen. Verlängern will sie danach nicht mehr. „Man muss alle vier Jahre eine Prüfung machen, die jedes Mal schwerer wird. Ich denke, 30 Jahre sind genug.“

Ummingers Freude am Organisieren führte sie zudem in zahlreiche Leitungsfunktionen, oft sprang sie ein, wenn Mangel an fähigem „Personal“ herrschte. So wirkte sie in verschiedenen Vorstandsämtern im Turngau Mannheim, im BTB sowie in der Deutschen Turnliga mit, war zusammen mit Stützpunktleiterin Hannah Stobbe und Trainer Bozo Krog tatkräftig am Aufbau der Turnhalle des Leistungszentrums beteiligt und nach einigen Jahren im Vorstand bis Ende 2019 auch Vorsitzende des LZ-Trägervereins TG Mannheim. Immer auf der Suche, dem Turnen eine größere öffentliche Plattform zu ermöglichen, holte sie die Bundesliga nach Mannheim und entwickelte die Fortbildung Turngau-Circle sowie die erfolgreiche Show „Sport im Quadrat“. Derzeit erarbeitet sie zusammen mit Joachim Fichtner das Ganz-Jahresprogramm zum 150. Geburtstag des Mannheimer Turngaus im Jahr 2022. „Eigentlich wollten wir jetzt unsere Info-Veranstaltungen starten“, sind die Pläne vom Corona-Virus gestoppt. „Doch ich schaue positiv in die Zukunft“, freut sie sich auf ihre Aufgaben beim BSB und im Sportausschuss. Einen Wunsch will sie sich vielleicht noch selbst erfüllen: „Ich würde zu gerne einmal zu Olympischen Spielen, Paris wäre eine Möglichkeit.“ Von Sibylle Dornseiff
  

Zur Person

Petra Umminger wurde am 18. September 1960 geboren, ist das älteste von fünf Kindern der Käfertaler Turnfamilie Gwiazdowski, gehörte bis 1991 zur DJK Käfertal-Waldhof und ist Mitglied der TG Mannheim. Sie hat einen Sohn (26).

Sie machte 1980 am Ludwig-Frank-Gymnasium Abitur, danach Ausbildungen als Rechtsanwaltsgehilfin (1980/82) und Sekretärin (1990/92). Sie arbeitete in einer Kanzlei, in verschiedenen Firmen als Sekretärin, war zwei Jahre hauptberuflich im Sportkreis Mannheim beschäftigt (bis 2011) und leitet seither eine Abteilung bei der BG Handel und Warenlogistik/Regionaldirektion Südwest Mannheim.

Nach eigener Aktivität im Turnen, Volleyball und Gardetanz erwarb sie Lizenzen als Jugendleiterin (1978), nebenberufliche ÜL Kinderturnen, Kampfrichterin Kunstturnen im Land (1986), im DTB (1989) und international (2001 – 2017), als Kari im Schwimmen (2005), sowie als Vereinsmanager C und B (2010, 2015).

1986 übernahm sie ihr erstes von rund 20 Ehrenämtern unter anderem im Kampfrichterwesen (Turngau, BTB, DTB, Deutsche Turnliga), als Kunstturnwartin (Turngau, BTB), Vorsitzende TG Mannheim (bis 2019). In vielen Ämtern war sie über zehn Jahre aktiv. Seit 2018 organisiert sie Seminare zum Vereinsmanager BSB und ist nach einigen Jahren als Stellvertreterin seit 2019 Sachkundige Einwohnerin im Sportausschuss der Stadt Mannheim. sd