Sonderveröffentlichung
Themenspecial Nur Mut

Prosten in die Webcam

LEBENSART: In Zeiten von Corona läuft vieles über das Internet. Schulunterricht, Geschäftsbesprechungen, Tanzkurse und Yogaklassen. Auch Weinproben gehen jetzt digital. Man trifft sich auf ein Gläschen online und fachsimpelt im Live-Stream über Nase, Mundgefühl und Säurewerte. Ohne Gesichtsmaske, aber mit allen Sinnen.

Zuprosten via Netz – (Corona-)Not macht erfinderisch: Online-Weinproben sollen nach Einschätzung der Branche auch nach der Krise erhalten bleiben. BILD: DEMPHOTO - STOCK.ADOBE.COM

26.06.2020
Prosten in die Webcam Image 1

In der Pandemie zeigt sich die Weinszene kreativ und rührig. Auch in der Metropolregion Rhein-Neckar, wo nicht nur zuhause verkostet, sondern sogar im großen Stil gefeiert wird. Wer hat‘s erfunden? Das virtuelle Weinfest ist eine regionale Hausgeburt. Beim Blick auf die deutsche Weinlandschaft muss man unvoreingenommen konstatieren: der distanzierte Spaß stammt eigentlich von hier. „Wenn wir schon nicht zum Fest kommen können, dann kommt das Fest eben zu uns!“ lautete das Motto, mit dem die Tourismuszentrale Südliche Weinstraße der Krise tapfer getrotzt hat. Das „Pfälzer Weinfest für Dehäm“ (mit ganz langem ä) war die Online-Ouvertüre am 17. April. Mittendrin und doch daheim, gesellig in der kollektiven Isolation. Mit einem vinophilen Grundgerüst vor dem Laptop und einem Draht in die Welt. Mitmachen statt nur zuschauen. Pfälzer Lebensgefühl im Wohnzimmer. Über 1000 Weinpakete wurden verkauft. Ein Teil des Erlöses floss an die darbende Gastronomie. Gute Idee!
   
rnv
Das Dreiländereck Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen ist das vielfältigste Weinland der Republik. Hier beschnuppern sich die Anbaugebiete Pfalz, Baden, Rheinhessen und Hessische Bergstraße. Ab Frühjahr reihen sich normalerweise Weinmessen und Feste im fliegenden Wechsel aneinander. In Corona-Zeiten aber musste schöpferisch umdisponiert werden. Weinfreunde gingen zwangsweise auf Abstand, verloren durch digitale Alternativen aber nicht den Anschluss zu den hiesigen Betrieben. Das neue Format stößt weiterhin auf reges Interesse und überzeugt – wenn es gut gemacht ist – auch Skeptiker und Netz-Muffel, die sich sonst kaum aus ihrer analogen Nische heraus wagen.
   
Ramstetter Rechtsanwalt
Mit großem Aufgebot fand Ende April im Ludwigshafener Innovations- und Kulturzentrum „Freischwimmer“ das virtuelle Weinfest „Prost, Rhein-Neckar!“ statt. Ein Mix aus Reben, Musik und Talk im modernen Zoom-Raum. Im dazugehörigen Paket: sieben Weine, ein Schorle-Glas und eine Dose Saumagen. Vor den Kameras fünf Weinmajestäten, die feine Tropfen aus der Region kommentierten. Darunter auch Gebietsweinkönigin Jana Petermann von der Hessischen Bergstraße. Die 23-jährige Studentin aus Groß-Umstadt ist ein echter digital native“. Mit ihrem Freund Philipp Rappl, ein Koch, streamt sie regelmäßig einen Food-Blog in die globale Community. Zeit hat sie momentan genug, denn der Terminkalender der Wein-Royals zeigt sich in dieser ereignisdürren Zeit von seiner schlanksten Seite. Von fast 100 angesetzten Terminen konnte die Weinkönigin bislang kaum ein Drittel wahrnehmen. Die Coronakonformen Auftritte im Netz sind mit dem Live-Erlebnis vor Ort zwar nicht vergleichbar, aber besser als nichts.

Die Corona-konformen Auftritte im Netz sind mit dem Live-Erlebnis vor Ort zwar nicht vergleichbar, aber besser als nichts.
  

Auch das Weinfest in Zwingenberg ging diesmal digital über die Bühne. Besser als nichts, dachte sich auch die amtierende Bergsträßer Gebietsweinkönigin Jana Petermann, die zum Auftakt nur allzu gerne das Glas erhob. BILD: FUNCK
Auch das Weinfest in Zwingenberg ging diesmal digital über die Bühne. Besser als nichts, dachte sich auch die amtierende Bergsträßer Gebietsweinkönigin Jana Petermann, die zum Auftakt nur allzu gerne das Glas erhob. BILD: FUNCK
Der Medien-Experte Peter Steitz von der Produktionsfirma action & fun, der bereits bei „Prost, Rhein-Neckar!“ die Technik gestemmt hatte, führte auch Regie beim diesjährigen Zwingenberger Weinfest. Weil sich der ausrichtende Verkehrsverein dem Virus nicht kampflos ergeben wollte, inszenierte man eine virtuelle Alternative zum viertägigen Bacchanal – diesmal im Theater Mobile statt auf dem historischen Marktplatz-Pflaster. Eine gelungene Premiere, von der sich trotzdem niemand eine Fortsetzung erhofft. Die Echtzeit-Übertragung aus dem Keller unter dem cleveren Titel „Weinfest 29 Einhalb“ (die offizielle 30. Vollzeit-Sause soll 2021 folgen) war ein unterhaltsames Zugeständnis an die Pandemie und die mit ihr einhergehenden Abstandsregeln. Distanziert, aber nicht verschlossen. Professionell in Szene gesetzt, mit kurzweiliger Dramaturgie und den entspannten Moderatoren Susanne Schäfer (GGEW AG) und Bürgermeister Holger Habich, die den Mix aus Weinprobe, Gesprächen und Konzert als lebendige, gut dreistündige Show frei Haus in die Wohnstuben geschickt haben. Über 250 Probierpakete wurden im Vorfeld verkauft. Im Laufe des Abends haben laut Veranstalter bis zu 500 Zuschauer das Geschehen verfolgt. Das waren mehr als erwartet.

Verkostet wurden fünf Weine aus traditionellen und jüngeren Betrieben der Hessischen Bergstraße. Garniert mit Infos aus erster Hand: aus jedem Weingut war ein Vertreter vor Ort. Denn auch für die Winzer ist das digitale Medium ein willkommener Kanal, um in der Krise nah am Kunden zu agieren. Mit Online-Weinproben, bei denen sie per Live-Video mit ihrem Publikum in Kontakt treten, haben sich viele Betriebe gegen Absatzrückgänge gestemmt, während Restaurants und Vinotheken wegen der Ansteckungsgefahr geschlossen waren.
    
Glück im Unglück: Neben Toilettenpapier und Mehl hat sich im Zuge des Lockdown früh noch ein anderes Konsumgut als krisenfest erwiesen: der Wein. Die Absätze über Online-Shops und Händlerportale sind während der stillen Tage deutlich gewachsen. Der digitale Vertriebsweg hat sich aus seiner Nische befreit. Und wer nicht ausgehen kann, der trinkt zuhause. In diesem Fahrwasser wurden auch virtuelle Proben immer häufiger und gefragter.
   
Völlig neu ist das Phänomen übrigens nicht: Bereits seit rund einem Jahrzehnt verabreden sich regelmäßig Menschen aus allen Ecken der Bundesrepublik, zeitgleich den gleichen Wein zu kosten – und sich dann zum Beispiel bei Twitter darüber auszutauschen. BILD: ANDREY POPOV - STOCK.ADOBE.COM
Völlig neu ist das Phänomen übrigens nicht: Bereits seit rund einem Jahrzehnt verabreden sich regelmäßig Menschen aus allen Ecken der Bundesrepublik, zeitgleich den gleichen Wein zu kosten – und sich dann zum Beispiel bei Twitter darüber auszutauschen. BILD: ANDREY POPOV - STOCK.ADOBE.COM
Sie sind jung und mit den sozialen Medien aufgewachsen: Das Tasting via Facebook und Instagram war für die Bergsträßer Jungwinzerinnen-Vereinigung Vinas kein Neuland. Aber eine Premiere. Caroline Guthier und Heike Knapp, zwei der sechs Mitglieder, haben das Meeting im Netz Ende Mai moderiert. Die auf 60 Exemplare limitierten Weinpakete wurden bundesweit verschickt. Zuschauen konnte man aber auch mit eigenen Gewächsen. Infotainment mit Genuss. Und mit allein rund 900 Augenzeugen auf Facebook. Eine Wiederholung scheint nicht ausgeschlossen.

Bereits einen Tag zuvor hatte Carolin Hillenbrand live auf Instagram gesendet. In der dritten royalen Online-Weinprobe hat die Deutsche Weinprinzessin aus Heppenheim regionaltypische Weine aus verschiedenen Anbaugebieten präsentiert. Zuvor hatte das Deutsche Weininstitut 60 Pakete deutschlandweit zugestellt. 80 Accounts haben zugeschaut. Hinter jedem steckte ein Grüppchen an Leuten, was die Publikumszahlen multipliziert hat. „Allein vor der Kamera habe ich die realen Menschen schon sehr vermisst“, so die Repräsentantin des Deutschen Weins, die noch bis zur Wahl der Deutschen Weinkönigin am 25. September im Amt ist. Interagiert wurde über die Kommentarfunktion.
     
Trotz Abstrichen sei das eine schöne Art, gemeinsam Weine zu verkosten, so die 27-Jährige, die sich über viel positives Feedback gefreut hat. „Wenn Weinfeste wegfallen und die Menschen nicht mehr so gut zum Wein kommen, müssen kreative Wege unternommen werden“ – so hatte es Carolin Hillenbrand bereits in ihrem Poetry-Slam zum Thema Corona formuliert. Auch vor der Kamera waren die Poetry-Slams eine knackige Form der Auflockerung. „Ich wollte ja keinen Frontalvortrag halten.“ Gespräche mit Brot-Sommelier Jörg Schmid und „Summer Wine“ auf dem Klavier zum Einstieg haben die knappe Stunde kurzweilig ausgarniert. 
   
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„Wir müssen die Existenz der Winzer sichern.“ Es gehe auch darum, dass der Wein als Kulturgut überleben wird. „Think global, drink local“, appelliert die Weinprinzessin.

Insider gehen davon aus, dass das Angebot an virtuellen Weinproben und Tasting Sets in den kommenden Monaten noch zunehmen wird. An der Bergstraße bietet das Heppenheimer Weingut Freiberger ein „Heim Markt-Paket an, das über den abgesagten Weinmarkt hinweg trösten soll. Am 25. Juli findet die erste Online-Proben mit 2019er Weinen von Hanno Rothweiler und seinem Team statt. „Und das Beste ist: Sie brauchen danach kein Taxi“, erklärt der Winzer. 2020 bleibt alles anders. Nur die Reben machen unbeirrt weiter, während sich Weinfreunde via Webcam zuprosten und mit Winzern chatten. Kleine Hangouts im Internet, eingefrorene Bilder und Verwerfungen der Bild-Ton-Synchronität werden großzügig überspielt. Ein Neustart behebt die technischen Kinderkrankheiten. Ein Wiederaufbau verlorener Verbindungen: genau das erhofft man sich vom nächsten Jahr.

PS: Nach Ansicht führender Virologen ist der mäßige Konsum von alkoholischen Getränken wie Wein für das Immunsystem nicht bedenklich. Von den stimmungsaufhellenden Effekten ganz abgesehen.
     
Von Thomas Tritsch