Sonderveröffentlichung
Themenspecial Mathaisemarkt Schriesheim

Nur gute Erinnerungen an die Stadt

Festredner: Günther Oettinger über seine Beziehung zu Schriesheim und sein Leben nach dem Ausscheiden aus der aktiven Politik

Im „Salon Ladenburg“ des Heidelberger Hotels „Europäischer Hof“: Günther Oettinger im Gespräch mit „MM“-Redakteur Konstantin Groß. BILD: MARCUS SCHWETASCH

6.03.2020
Günther Oettinger ist Festredner der traditionellen Mittelstandskundgebung des Bundes der Selbstständigen (BdS) Baden-Württemberg auf dem Schriesheimer Mathaisemarkt. Am 9. März spricht der ehemalige Ministerpräsident und bisherige EU-Kommissar im 1700 Menschen fassenden Festzelt. Im Vorfeld seines Besuches stellt er sich den Fragen von Redakteur Konstantin Groß.

Herr Oettinger, welche Erinnerungen haben Sie an Schriesheim?

Günther Oettinger: Nur gute. Zunächst einmal vom Hörensagen. Der Lothar Späth hat schon in den 1980er Jahren positiv von Schriesheim gesprochen und von Peter Riehl im Besonderen. Ich erinnere mich gut: Ich war junger Abgeordneter. Wir hatten CDU-Kreisvorstandssitzung im Kreis Ludwigsburg. Späth hat angerufen und gesagt, er kommt noch. Wir haben alle gewartet und derweil Skat gespielt. Dann kam er direkt von Schriesheim und hat mit Begeisterung von der Atmosphäre und der Freundlichkeit und der Freundschaft zu Peter Riehl berichtet. Auch ich habe ihn ein paar Jahre später kennengelernt. Ich war als Fraktionschef öfter dort, als Regierungschef, ich kenne auch den Mathaisemarkt selbst recht gut.

Welchen Menschen vor Ort fühlen Sie sich verbunden?

Oettinger: Natürlich Peter Riehl. Und ich schätze auch den jetzigen Bürgermeister, Herrn Höfer. Gerhard Burkhardt von der Familienheim ist mir ein wertvoller Ratgeber in Fragen des Wohnungsbaus. Hans Lorenz aus dem benachbarten Dossenheim war mein Landtagskollege mehrere Jahre, ist mein Freund. Mit Landrat Stefan Dallinger habe ich ein gutes Verhältnis, schon als er Direktor der Region war, und er hat mich drei Mal in Brüssel besucht. Ich habe eine sehr gute Beziehung in den Landkreis und in diese Stadt Schriesheim.

Sie wiederum haben vor Ort hohes Ansehen, da in Ihrer Amtszeit der Baubeginn für den Branich-Tunnel erfolgt ist. War es schwer für Sie, das Projekt umzusetzen?

Oettinger: Was es mir natürlich leichter gemacht hat, das war die gute Kassenlage damals, das muss ich offen zugeben. Den Tunnel hätte man aus dem herkömmlichen Straßenbauetat nicht finanzieren können. Da hätte man zehn, 15 andere Projekte im ganzen Land auf viele Jahre verschieben müssen und Neider in ganz Baden-Württemberg gehabt. Das wollte ich vermeiden, So haben wir vier, fünf Maßnahmen, die herausragend groß und teuer und wichtig waren, über ein Sonderprogramm finanziert, damit es nicht zu Lasten der anderen ging. Und so haben wir es hinbekommen. Mein früherer Landtagskollege und Freund Georg Wacker hat besonders stark für das Projekt geworben.

Edelmann Treppen

Sie würden also schon sagen: Der Branich-Tunnel ist Ihr Kind?

Oettinger: Ja. die Idee des Sonderprogramms, um eine Konkurrenz zu vermeiden, um nicht zehn, 15 andere Projekte zu beschädigen und eines zu bevorzugen, das war meine Idee. Dass die Kassenlage gut war, kam mir zu Gute. Aber vielleicht hätte ein anderer Regierungschef mit den verfügbaren Mehreinnahmen Anderes gemacht.

Bekommen Sie viele Einladungen wie die jetzige vom BdS für den Schriesheimer Mathaisemarkt?

Oettinger: Ja, schon.

Man spürt: Sie sind noch voll dabei. Ist es Ihnen das Loslassen vom In-der-ersten-Reihe-Stehen schwer gefallen?

Oettinger: Mir fällt es mental nicht schwer. Denn ich habe mich ja darauf vorbereiten können. Es war ja seit zweieinhalb Jahren für mich klar. Aber man muss sich neu organisieren. Ich habe mal ein Interview gelesen mit Henry Kissinger, als er als Außenminister aufhörte, und gefragt wurde von einem Kollegen von Ihnen: Was fehlt Ihnen denn? Der Journalist dachte wohl: Jetzt kommt „Macht“, „Ansehen“, „Autorität“. Doch Kissinger sagte: Drei Dinge fehlen mir (auf Englisch): Information, Communication, Transportation. So ist das in der Tat.

Was heißt das konkret?

Oettinger: Schauen Sie: Wenn ich früher von Brüssel nach Köln oder nach Mannheim oder nach Straßburg gefahren bin, dann konnte ich zwei, drei, vier Stunden meine Akten lesen und die Zeitungen. Jetzt fahre ich selbst und muss schon am Vorabend die Akten lesen und ärgere mich, dass ich die Zeitungen zwar im Auto hab‘, aber nachts noch nicht einmal einen Blick reingeworfen habe. Das ist in der Tat eine Veränderung.

Sie fahren jetzt also selbst?

Oettinger: Ich bin auch bisher schon selbst gefahren. Als Komissar bin ich im Jahr 120000 Kilometer gefahren worden und 25 000 Kilometer selbst gefahren. Als MP habe ich mir meinen „Panzer“, der 3,8 Tonnen wiegt, am Wochenende oft zur Solitüde stellen lasen und bin dann samstags zum Einkaufen oder mit meinem Sohn zum Tennisspielen selbst gefahren.

Aber als Ministerpräsident hat man doch den großen Auftritt. Ist es wirklich leicht, auf diese Aura zu verzichten?

Oettinger: Ja. Wobei, wissen Sie: Auf der Fasnet, im Rathaus von Bad Waldsee, oder nehmen Sie den Mathaisemarkt: Ich glaube, ich werde dort ähnlich freundlich, wenn auch protokollarisch vielleicht nicht so streng begrüßt wie bisher. Ich muss mich immer noch nicht durch den Hintereingang reinschleichen.