Sonderveröffentlichung
Themenspecial 50 Plus

Zwischen Tiefsinn und Entschleunigung

   

Nico Hofmann über den Dächern Mannheims BILD: MARKUS MERTENS

12.08.2020
Zwischen Tiefsinn und Entschleunigung Image 1
INTERVIEW: Mit Nico Hofmann ins Gespräch zu kommen, ist wie eine Reise in das innere deutsche Selbst zu starten. Denn der heutige Star-Produzent redet nicht nur bemerkenswert offen über die Zeit des Nationalsozialismus, die seine Eltern hautnah miterlebten – auch mit sich selbst geht Hofmann bisweilen hart und selbstehrlich ins Gericht. Zwischen politischer Courage und beruflichem Mut entsteht so ein lebhafter Dialog, der weit über das Mannheimer Nationaltheater und die Nibelungenfestspiele in Worms herausreicht – und Demut lehrt.

Herr Hofmann, in Corona-Zeiten stellt die Welt alles auf den Prüfstand, während Sie in Worms mit Ihrer fünfjährigen Verlängerung als Intendant der Nibelungenfestspiele erst einmal für Kontinuität sorgen. Diese Willensstärke müssen Sie erklären…

Nico Hofmann: Ich denke, dass das durchaus zusammenhängt. Denn es ging ja nicht nur um meinen Vertrag, sondern um ein Votum der Stadt, ob man die Nibelungenfestspiele in ihrer Form bis 2025 überhaupt fortsetzen wird. Die klare Entscheidung aus der Politik war ein eindeutiges Signal für die Kultur, das mich absolut darin bestärkt hat, zu sagen: Dann machen wir weiter!
Stoff Depot
Sie haben mir mal im Gespräch verraten, dass Sie der Meinung sind, man habe das Publikum in Worms über Jahre unterschätzt. Nach der Zeit, die Sie die Festspiele jetzt verantworten: Bei wie viel Prozent Ihrer Vorstellung sind Sie schon angekommen?

Hofmann: Ich würde selbstkritisch sagen, dass wir jetzt bei 60 bis 70 Prozent dessen sind, was möglich ist. Wenn wir uns beispielsweise die Aufführung von Roger Vontobel ansehen, spürt man, dass eine unglaubliche Übereinstimmung zwischen dem Publikum und der künstlerischen Qualität stattfindet. Aber dadurch, dass wir jedes Jahr mit Uraufführungen agieren, ist das ein Prozess, der immer wieder von Neuem losgeht und einen ständigen kreativen Kampf bedeutet.

Dinge neu denken, ja, für sich erfinden zu müssen, ist Ihnen nichts Fremdes. Die Eintrittskarten für Ihren ersten Film „Kapitän Frisell operiert“ waren selbst gefaltete Schiffe. Dieser Tatendrang, sich kreativ zu verwirklichen – wo haben Sie den hergenommen?

Hofmann: Das war offen gestanden lange eine zweigleisige Angelegenheit zwischen Film und Journalismus. Ich habe am Moll-Gymnasium schon als Teenager die Schülerzeitung gemacht, später beim „Mannheimer Morgen“ mein Volontariat absolviert und meine ersten Drehbücher komplett selbst geschrieben. Erst als ich die Zusage von der Filmhochschule in München hatte, war mir klar, dass ich die Entscheidung treffen muss, wo meine beruflichen Wege verlaufen werden. Ich beobachte das seit 20 Jahren auch bei meinen Studierenden – ich finde diese frühe Prägung nicht so außergewöhnlich.
Dann greifen wir in die Anekdoten-Kiste: Die eigene Mutter für den ersten Spielfilm aufzufordern, ein Schiff als Drehort zu organisieren, gehört dann doch eher zu den kessen Überzeugungstaten eines jungen Wilden, oder?

Hofmann: Da könnte ich jetzt spontan noch ein paar Größen aus der Branche nennen, die ihre Eltern in einem ähnlichen Wahnsinn zu allen möglichen Schandtaten bewegt haben! (lacht) Nein, Spaß beiseite: Richtig groß wurde das Ganze natürlich dann, als ich in München angefangen habe, zu produzieren. Meine eigenen Stoffe, aber auch fremde Filme. Da gab es Situationen, in denen meine Mutter für eine mögliche Pfändung des Hauses unterschreiben musste. So war das damals: Es ging um meinen Abschlussfilm, wir hatten eine Investition von rund einer Million D-Mark und sämtliche Partner wollten Bürgschaften haben. Die bestanden dann in der Tat in dem Haus auf dem Lindenhof. Man darf das nicht vergessen: Das sind weitreichende Entscheidungen, denn wenn dir so ein Projekt wegkippt oder Verlust macht, riskierst du am Ende das elterliche Haus.

Dieser Geschäftssinn und der Mut zum Risiko hat Tradition. Als kleiner Steppke haben Sie im eigenen Garten einen Bauwagen vermietet und satte drei Mark pro Tag für den Fernseher verlangt – und auch am Moll-Gymnasium sind Sie ja im Zweifel mit Flugblättern gegen falsche Ideale angerannt. Woher kam diese Entschlossenheit?

Hofmann: Einerseits kommt das sicherlich durch das Berufsleben meiner Eltern. Damals fuhr man in der Mittagspause von der „Rheinpfalz“ noch zum Mittagessen zurück nach Hause und mit Bus und Bahn dann wieder in die Redaktion bis der Bleisatz gegossen war. Allein, wenn ich daran denke, wer uns damals zu Hause besucht hat. Dazu kam meine Mutter als erste Wirtschaftsjournalistin bei der FAZ. Das war eine permanente Auseinandersetzung mit Öffentlichkeit, Meinung und Politik, die prägt. Ich erinnere mich noch daran, wie wir 1974 unseren Holland-Urlaub wegen des Rücktritts von Willy Brandt abgebrochen haben, die Schleyer-Entführung war während meines Abiturs. Das sind Ereignisse, die man nie vergisst. Andererseits hatte ich aber eben auch schon immer eine große Verbindung zum Publikum. Ich wusste schon damals, dass es unfassbar teuer ist, Filme zu machen – und habe für die Kinoaufführungen in der Garage bei uns zu Hause dann in der Tat Eintritt verlangt. Was ich nicht leugnen kann, ist auch eine große Liebe zur Hotellerie und Gastronomie. Was kaum jemand weiß: Ich habe in Sommer-Urlauben gekellnert, verehre gutes Essen und habe während meines Volontariats beim „Mannheimer Morgen“ nach meinem Dienst in der Redaktion über Jahre in einer der ersten McDonald’s-Filialen der Stadt gearbeitet.
Die Kino-Idee hatten Sie ja keineswegs patentiert, aber recht exklusiv wurde sie dadurch, dass Sie die Filme direkt von der Mannheimer Stadtbildstelle bekommen konnten – wie haben Sie das denn nur angestellt?

Hofmann: Die Stadtbildstelle war damals streng genommen für die Schulen zuständig, und genau da hat alles begonnen. Man muss sagen, dass die Verantwortlichen hervorragend ausgestattet waren, es gab vom Historienfilm bis hin zur Moderne der 80er Jahre quasi alles – von Romy Schneider bis Alain Delon. Damals existierte noch kein digitales System und die 16 Millimeter-Filme waren kompliziert einzulegen, die Bedienung der Projektoren musste präzise funktionieren. Also machte ich einen Vorführschein, konnte damit im Geschichtsunterricht sämtliche wichtigen Filme präsentieren – und habe das dann in Absprache mit den Experten vor Ort sukzessive auf die Garage bei mir zu Hause ausgeweitet. Am Anfang musste ich mir dort noch einen Projektor leihen, später dann lief es so gut, dass ich mir sogar meinen eigenen Projektor zulegen konnte.

Interessant ist das Stehvermögen, das hinter dem Weg Ihrer Karriere steht. Die Courage zu besitzen, das Mannheimer Nationaltheater um Kostüme zu bitten, mit Gabriela Badura eine der gefragtesten Schauspielerinnen Deutschlands zu verpflichten, aber auch für Ihren ersten großen Film „Der Krieg meines Vaters“ einen Sender zu finden. Was hat Sie dazu motiviert, zu glauben, dass diese Kämpfe ihr Resultat wert sind?

Hofmann: In der Rückblende kommen viele dieser Dinge so geradlinig daher. Aber mein Weg war eben überhaupt nicht geradlinig. Das waren schwierige Entwicklungsprozesse. Jetzt habe ich mich mit dem tollen Direktor am Moll-Gymnasium ausgesöhnt, aber mein Deutsch- und Geschichtslehrer Günter Erbacher war eine wirkmächtige Figur, Horst-Dieter Schiele beim „Mannheimer Morgen“ war prägend und auch das Studium hat mich vor Herausforderungen gestellt. Dazu kam, dass ich gerade mit Gabi Badura die Scheidung meiner Eltern im eigenen Wohnzimmer verfilmt hatte. Das waren jahrelange Identitätsprozesse – und sie waren auch schmerzhaft, wenig von Erfolg gekrönt und meiner eigenen Entwicklungsdynamik verpflichtet. Aus diesen ganzen Krisen kommt dann vielleicht meine Kraft. Weil ich das Auf und Ab durchgestanden habe, erlebt habe, wie diese Filme anfangs zwar prominent auf Sendern liefen, aber im Kino überhaupt nicht funktioniert haben. Und ich stehe dazu: Ich bin jemand, der das große Publikum will. Ich leide darunter, wenn meine Filme nicht gesehen werden.
Sie haben mir mal verraten, dass einen diese Erfahrung ziemlich präzise lehrt, welche Filme funktionieren werden und ob überhaupt. Ist das eine Erfüllung oder die Verdammnis?

Hofmann: Von beidem ein bisschen. Ich liege jetzt bei etwas unter 500 Filmen, die ich produziert habe. Das ist ein Erfahrungsvorrat, der sich nicht verbraucht. Deswegen muss ich in den letzten Monaten oft lächeln, wenn ich gefragt werde, wann denn endlich der erste Corona-Film auf den Markt kommt. Dabei ist das doch eigentlich eine klare Formel: Der Film braucht Zeit. Und wo wir im Bereich der täglichen Nachrichten liegen, ist die Fiktion erst einmal weit weg – außer man macht es sehr schnell und sehr radikal, wie ich das jetzt bei Wirecard vorhabe. Wir produzieren ein Doku-Drama, das schon im ersten Quartal 2021 auf TV Now zu sehen sein wird. Damit könntest du auch fünf Jahre verbringen, aber dann sagt mir meine Erfahrung sehr deutlich, dass es kaum noch jemanden interessieren wird.

Herr Hofmann, Sie sind in der FAZ mal als der „Guido Knopp der Unterhaltung“ bezeichnet worden – empfinden Sie solche Formulierungen als Angriff?

Hofmann: Zunächst einmal verbindet mich ein absolut freundschaftliches Verhältnis zu Guido Knopp. Dann muss man sich ansehen, wie dieser Begriff gemeint ist. Denn letztlich geht es hier darum, wie man schwierige historische Zusammenhänge an ein großes Publikum heranbringen kann – und da spielt Guido Knopp eine geradezu vorbildliche Rolle. Wenn wir das auf Deutschland beziehen: Ich glaube, dass wir nach dem Krieg ein so starkes Identitätsgefühl entwickelt haben, weil eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte stattgefunden hat. Dabei ging es nicht nur um Schuld, sondern darum, gewisse Dinge nachzuerleben. Gemeint war die Bemerkung natürlich negativ, aber ich stehe zu der Linie, die ich gezogen habe. Außerdem bin ich der Meinung, dass ich durch die Menschen, die ich erreichen konnte, fast immer die notwendige Debatte auslösen konnte.

Den qualitativen Anspruch eines Kinos fürs Fernsehen haben Sie oft artikuliert. Umgekehrt mussten Sie regelmäßig mit dem Vorwurf leben, emotional dramatisiert und geschichtlich zugespitzt haben, um Quote zu machen. Wie gehen Sie mit solchen Stimmen um?

Hofmann: Mit solchen Vorwürfen kann ich wenig anfangen. Weil es mir immer um den Film ging – und ich eine Vielfalt in Unterschiedlichkeit abgebildet habe. Um es ganz konkret zu machen: Filme wie „Dresden“ oder „Die Flucht“, „Mogadischu“ oder „Nackt unter Wölfen“ haben ästhetisch und inhaltlich überhaupt nichts miteinander zu tun, außer, dass sie zeithistorisch sind. Jeder Film hat seinen eigenen Ansatz, der sich – wie die Gesellschaft – im Laufe der Zeit auch verändert hat. Ein Film wie „Der Tunnel“, der jetzt fast 20 Jahre alt ist, dient heute noch als Zeitdokument und besitzt nach wie vor seine Gültigkeit. Das ist es, worauf es mir ankommt. Zumal ich nie einen Film auf seine Kommerzialität zugespitzt habe. Wenn überhaupt, habe ich einen Film auf eine gewisse Verständlichkeit hin zugespitzt, weil ich der Meinung bin, dass die Stoffe verfangen und die Zuschauer betreffen müssen. Ich gebe das freimütig zu: Ich will gehört werden, aber frei von elitären Zugriffen.
Von „Der Fall Jakob von Metzler“ bis „Rommel“ haben Sie sich immer wieder an Stoffe gewagt, an denen man sich böse die Finger verbrennen kann, wenn man bei aller historischen Korrektheit doch daneben läge. Ist Angst so etwas wie ein Fremdwort für Sie?

Hofmann: Ich bin da tatsächlich komplett angstfrei. Wenn ich der Meinung bin, dass ein Stoff wichtig ist, dann mache ich ihn. Ich habe noch nie eine Beschränkung erfahren – und hätte sie auch nicht akzeptiert. Entscheidend ist, dass das Projekt zu 100 Prozent stimmig sein muss, sonst brauchst du gar nicht anfangen zu drehen. Der Kreis schließt sich immer wieder im Schneideraum. Wenn du bei einem heiklen Film vier Schnitte falsch setzt, kannst du alles riskieren. Und genau darum geht es: Die politische Debatte, die folgen kann, bereits im Schneideraum zu führen, die Diskussion über die Konsequenzen nicht zu fürchten und so zu der Wahrhaftigkeit zu kommen, deren Resonanz man dann aushalten muss.

Was für eine Rolle spielen da am Ende eigentlich Schauspieler? Wenn man betrachtet, dass Sie mit Götz George, aber auch Veronica Ferres persönliche Beziehungen über Jahre verbinden: Ändert das etwas an der Tiefe der eigenen Filme?

Hofmann: Solche Freundschaften entstehen nicht oft, aber wo sie möglich werden, sind sie ein Geschenk. Gabi Badura war da die Erste, mit der ich immer wieder stundenlange Gespräche führen durfte. Auch die Freundschaft mit Götz George war unvorstellbar tief. Die ganze Annäherung zwischen ihm und mir hatte so unendlich viel mit Männerbildern, Vaterbildern, Sexualität zu tun. Wenn wir uns an „Solo für Klarinette“ erinnern: Diese aggressive Männlichkeit kann man nicht zeigen, wenn nicht ein tief verbundenes Vertrauen vorhanden ist. Und da sind wir wieder bei der Angstfreiheit und, wie weit man sich nach vorne wagt – ich habe da aber nie einen Sinn in falscher Zurückhaltung gesehen. Die Krönung war, den Film über Götz Georges Vater zu machen, für den er 30 Jahre Zeit brauchte, der aber genau deswegen zur Verklammerung seines Lebens geworden ist. Das macht definitiv einen Unterschied.

Klingt fast nach einer eigenen Art Berufsethos…
     
Götz George und Produzent Nico Hofmann, hier am Set von „George“ verband über Jahre eine tiefe Freundschaft. BILD: SWR/THOMAS KOST
Götz George und Produzent Nico Hofmann, hier am Set von „George“ verband über Jahre eine tiefe Freundschaft. BILD: SWR/THOMAS KOST
Hofmann: Das kann man durchaus so begreifen. Es war die Aufgabe meiner Generation, das Nachkriegsdeutschland filmisch zu erzählen – beispielsweise in der Ku’damm-Serie für das ZDF, die die Identität der Nachkriegsjahre nachzeichnet. Heute habe ich in Ludwigsburg Studenten, die gar nicht mehr wissen, wer Hitler und was der Mauerfall waren. Ich stand damals in Berlin und durfte die Öffnung miterleben. Da steht jeder für seine Zeit – das merkt man, je älter man wird.

Sie sprechen das Alter und die geschichtlichen Bezüge an. Der Markt hat sich durch Streaming, Amazon und Netflix radikal verändert. Sind Sie in Sorge, dass da die notwendige Tiefe zugunsten von spektakulären Effekten verloren geht?

Hofmann: Ich glaube offen gestanden genau das Gegenteil. Ich bilde nach wie vor Studenten aus – und würde behaupten, dass ich von Philipp Kadelbach bis Dustin Loose die führende Gruppe der Regie prägen durfte. Wenn Sie sich ansehen, wie Burhan Qurbani, der bei mir in Ludwigsburg studiert hat, mit der ganz eigenen Handschrift seiner Heimat „Berlin Alexanderplatz“ gedreht hat, dann spürt man, dass da etwas Neues entsteht. Wenn Christian Schwochow mit „Bornholmer Straße“ die eigene Zeit in der DDR spiegelt, die er selbst erlebt hat, dann bleibt da etwas hängen, das man nicht mehr verliert. Und genau deswegen erwarte ich von dieser wachen, politisch aktiven Generation, dass sie ihre eigenen Themen setzen wird.
Blicken wir auf die UFA – Sie vertreten da letztendlich mehr als 100 Jahre Filmgeschichte, müssen aber zeitgleich auch progressiv in die Zukunft blicken. Wie oft denkt man da noch an Dr. Mabuse?

Hofmann (lacht): Dr. Mabuse habe ich das erste Mal in der Filmgeschichte in München gesehen – und seither bestimmt zehn weitere Male. Fritz Lang ist einfach ein unglaublicher Erzähler, von dem man heute noch viel über die Zeit damals lernen kann.

Eine Tradition, die mit der rassenideologischen Debatte über die „Feuerzangenbowle“ ja auch weniger schöne Kapitel kennt…

Hofmann: Jede Zeit hat ihre Filme, da gehört auch „Vom Winde verweht“ mit dazu. Aber als Führungsperson eines Unternehmens, das divers auftritt und Menschen beschäftigt, die divers sind, verfolge ich die klare Linie, dass es unsere Aufgabe ist, Diversität auch abzubilden. Das geht weit über die jüngste feministische Studie der Ma-Lisa-Stiftung von Maria Furtwängler hinaus. Ich bin dennoch der Meinung, dass man diese alten Stoffe im Kontext ihrer Entstehung betrachten muss, aber umgekehrt würde ich niemals Stoffe produzieren, die Rassismus proklamieren, zu Radikalität oder sogar Gewalt aufrufen. Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich hier im Brandenburger Wahlkampf ganz klar Initiative gegen Andreas Kalbitz und die AfD ergriffen habe. Denn wenn man sich die Kulturpapiere dieser Partei anschaut, ist „völkisch“ noch die freundlichste Bezeichnung, die man dafür finden kann. Wenn man solche Reden vor der eigenen Haustür ertragen muss, ist man als Chef eines Unternehmens gefordert.

Die Frage drängt sich auf: Haben Sie sich beim Rauswurf von Xavier Naidoo aus der „DSDS“-Jury dann auch eingemischt?

Hofmann: Ich habe mich jedenfalls sehr klar der Haltung von RTL angeschlossen. Ich kenne Xavier schon lange und habe ihn immer geschätzt. Bei der ersten Debatte mit den „Söhnen Mannheims“ habe ich mich auch vor ihn gestellt, weil ich finde, dass man Menschen die Chance geben sollte, sich kritisch-intellektuell mit den eigenen Aussagen auseinanderzusetzen. Doch es gibt Menschen, bei denen man auch nach 20 Jahren Bekanntschaft spürt, dass sie plötzlich in sehr angreifbare Bereiche abrutschen. Man kann nicht sagen: Das ist einfach rechts, die Aussagen enthalten eine ganz eigenartige völkisch-nationale Aufladung. Auch die esoterische Komponente halte ich für sehr gefährlich – und stehe deshalb hinter der Trennung. Auch, weil Xavier trotz mehrfacher Aufforderung von RTL überhaupt nicht reagiert hat. Folgerichtig muss man davon ausgehen, dass er das, was er da sagt, auch wirklich so meint – und da bin ich dagegen.

Man hat in letzter Zeit nicht mehr viel darüber gelesen, aber unter den Projekten, die Sie selbst noch verwirklichen wollen, steckte doch auch immer ein biographisches Porträt über Hitler. Wird es das noch geben?

Hofmann: Dieses Projekt gehört zu einem der wenigen Fälle, bei denen ich bereue, das nicht am Markt durchgesetzt zu haben. Wenn wir die Bücher von Niki Stein und Hark Bohm vor vier Jahren gedreht hätten, als sie fertig waren, hätten wir einen Beitrag zu der Frage liefern können, wie es zu so einer Machtberauschung überhaupt kommen kann – und das in einer Zeit, in der rechter Populismus in Europa, aber auch in Deutschland wieder eine Rolle spielt. Ich kann natürlich die Gegenstimmen verstehen, die mir sagten, dass eine Form von falscher Empathie entstehen kann, wenn man eine solche Figur über Stunden hinweg verfolgt. Jetzt ist es, wie es ist: Wir bekommen die Bücher derzeit weltweit nicht verkauft.

Herr Hofmann, als wir uns letztes Jahr getroffen haben, konnten Sie kaum gehen, hatten gerade eine schwere Rückenoperation hinter sich und die Mission im Gepäck, mehr Ruhe in Ihr Leben zu bekommen. Hat das funktioniert?

Hofmann: Das würde ich klar bestätigen. Das waren deutliche Warnzeichen, die ich berücksichtigen musste. Ich habe das schon bei Kollegen meiner Eltern gespürt, die früh gestorben sind, weil sich der Druck in einer solchen Verantwortung negativ auswirken kann. Aber das ist eine Erkenntnis, zu der man mit zunehmendem Lebensalter erst einmal selbst kommen muss. Heute weiß ich, dass viele Augenblicke der Beschleunigung der letzten 20 Jahre nicht nötig gewesen wären.

Überlegt man sich, wie lange man diese Verantwortung tragen will – und schwingt der Gedanke nach dem Danach mit?

Hofmann: Bei Bertelsmann existieren dazu klare Regeln. Mein Renteneintrittsalter ist mit 66 ¼, und ich bin offen gestanden auch nicht der Freund von ewigen Verlängerungen. Auch Personen, die vielleicht eines Tages meine Position übernehmen, erwarten eine gewisse Karriereplanung, so wie ich selbst in meiner eigenen Karriere. Außerdem: Wenn man so ausschließlich in einem Bereich gearbeitet hat, will man vielleicht eines Tages etwas ganz anders. Es gibt auch andere Dinge als Film. Ich habe mir gerade ein Reetdachhaus auf Föhr ausgebaut, liebe die Nordsee und kann mir vorstellen, ein völlig anderes Leben mit völlig anderen Beziehungen in einer anderen Ruhe zu führen.

Bereuen Sie manchmal, dass Sie die Idee eines Privatlebens mit Familie, das Sie hätten haben können, für den beruflichen Erfolg aufgegeben haben?

Hofmann: Im Rückblick war diese Karriere nur unter dem Verzicht auf Privatleben überhaupt möglich. Diese Pille muss man schlucken. Ich sehe das jetzt natürlich kritisch. Je älter ich werde, desto strenger schaue ich auf die letzten 20, 30 Jahre zurück. Ich muss ehrlich zugeben, dass eine Zeitgleichheit von Familie und Beruf bei dem Volumen, das ich geleistet habe, gar nicht möglich gewesen wäre. Was dazu führt, dass ich heute meinen Mitarbeitern bei der UFA, die fast alle Familie haben, genau die Rücksichtnahme gewähre, die ich mir gegenüber selbst nicht eingeräumt habe.

Die Frage kam eben auch vor dem Hintergrund, dass Sie mir erzählten, wie rührend sich etwa Ihre Schwester Simone um Ihren pflegebedürftigen Vater kümmert. Wenn es die eigenen Kinder nicht gibt, bleibt die Frage, wer für einen da sein wird, wenn man alt ist. Treibt Sie das um?

Hofmann: Absolut. Ich spüre jetzt bei beiden meiner Eltern, wie es verlaufen kann. Bei meiner Mutter bin ich froh, dass sie einen stabilen Freundeskreis hat und alleine in einem Haus leben kann. Bei meinem Vater, der jetzt 95 geworden ist, stellt sich die Frage, wie man ihn im Alltag überhaupt begleiten kann. Das führt dann selbst in einer innigen Beziehung zwischen Eltern und Kindern an die Grenzen von Belastbarkeit, Würde und Versorgbarkeit. Weil meine Schwester Ende letzten Jahres einfach nicht mehr in der Lage war, einen Mann von diesem Gewicht in die Badewanne zu tragen. Was uns dann unter Tränen zu dem Schritt brachte, dass wir meinen Vater stationär in der Altenpflege unterbringen mussten. Ein schmerzlicher Prozess, den ich mir so für mich auf jeden Fall nicht wünsche.

Wie geht man – dieses Wissen vorausgesetzt – mit den Dingen um, die man bei allen Reibungsverlusten des eigenen Lebensalters noch gut kann?

Hofmann: Indem man sich sehr klar wird, was älter werden bedeutet. Man spürt einfach sehr viel genauer, wie lange Energie anhält. Was ich für mich selbst nicht will, ist ein Teufelskreis des Vor-Sich-Hinvegetierens. Andererseits sind Menschen wie Bernd Eichinger oder Frank Schirrmacher in einem Alter gestorben, das ich als viel zu früh verbuchen würde. Es ist letztlich davon abhängig, was man aus diesem Rest des Lebens noch macht. Ich habe viele alte Freunde, die über 80 sind und deren Kraft langsam ermattet und ich kenne Menschen wie meine Mutter, die ihre Kraft bewahrt haben. Ich denke, dass es das Wichtigste ist, eine Form von Erfüllung zu erreichen, die einen dann eines Tages dazu bringt sagen zu können: Dieses Leben hat sich gelohnt.

Gibt es dafür die eine zentrale Strategie?

Hofmann: Zunächst einmal bin ich mit mir selbst im Reinen. Das ist viel wert, wenn man im eigenen Lebensfazit sagen kann, dass mehr Gutes als Schlechtes geschehen ist. Aber dann hilft mir auch eine Form von Gelassenheit. Zu verstehen, dass es Dinge gibt, die wir einfach nicht beeinflussen können. Dieser Gedanke kann manchmal sehr heilsam sein. Von Markus Mertens