Sonderveröffentlichung
Themenspecial Abschied nehmen

Neufindung der Familie

Wenn die Großeltern gehen: Lücke behutsam schließen

Großeltern spielen für Kinder oft eine wichtige Rolle. Bei ihnen fühlen sich Enkel so angenommen, wie sie sind. Wenn Oma oder Opa sterben, hinterlassen sie in der gesamten Familie eine große Lücke.

Es ist schmerzlich, wenn Großeltern sterben, denn meist prägen sie ein Kind stark. Aber mit der Beziehung zu ihnen beschäftigt man sich nicht so bewusst wie mit der zu den Eltern oder Geschwistern. Familientherapeut Hans Berwanger erklärt, warum Großeltern Kinder auf eine ebenso intensive Weise prägen wie die eigenen Eltern: „Eltern selbst befinden sich meist in einer extrem stressigen Lebensphase, müssen die Erziehung und Beruf unter einen Hut bringen“, sagt er. Großeltern hingegen haben das alles schon geleistet und sind somit viel entspannter. Sie seien diejenigen, die frei davon sind, Erziehungskompetenz und schulische Förderung der Kinder nachweisen zu müssen. Neben einem ohnehin schon vollen Terminkalender. Sie können die Zeit mit den Kindern also viel entspannter verbringen, als Eltern. „Deshalb sind Oma und Opa oft die Seelentröster, bei denen die Enkel eine bedingungslose Liebe erleben.“

Rückhalt bei Schulstress und Liebeskummer

Besonders als Jugendliche finden Enkel bei ihren Großeltern Rückhalt, wenn es um schulische Probleme, Liebeskummer, Stress mit den Eltern oder andere Sorgen geht. Bei ihnen werden sie oft angenommen, wie sie sind. Sterben die Großeltern, können sie eine Lücke im Leben der Enkel hinterlassen – und überhaupt in der gesamten Familie. „Großeltern sind oft der emotionale Rückhalt der gesamten Familie“, sagt Berwanger. Bei ihnen feiert die Familie Weihnachten, da kommen alle zusammen, die sonst vielleicht wenig Kontakt haben. Sterben die Großeltern, muss auch die Familie an sich wieder anders zueinander finden.

In dieser Lebenssituation empfiehlt Berwanger den Familien, sich gemeinsam an das Schöne und auch das Schwierige – wie zum Beispiel eine chronische Krankheit – der Verstorbenen zu erinnern. „Es ist wichtig, ein Bild aufzustellen oder ein gewisses Erinnerungsstück zu pflegen“, sagt er. „Das kann später auch wieder in den Hintergrund treten.“

Die Erinnerungskultur zu leben, sei etwas sehr Wertvolles. Die gemeinsam geteilte Trauer und Erinnerung biete auch eine Chance zu einer neuen emotionalen Bindung zwischen Eltern und ihren Kindern. Als junge Erwachsene entwickle sich dadurch häufig eine freundschaftliche Partnerschaft zwischen ihnen.

Auch Familiencoach Anja Rathfelder erachtet es als besonders wichtig, der Trauer einen angemessenen Platz im Familienalltag einzuräumen. „Die Enkel trauern mitunter noch stärker um ihre Oma, als die Eltern“, sagt sie. Es sei besonders wichtig, dass die Familie immer wieder darüber spricht. Und auch gemeinsam trauert. „Zu sagen, dass alles nicht so schlimm sei, da die Oma ja schon so alt war, ist der falsche Weg.“ Vielmehr stärke gemeinsame Trauer die Familie. „Der Tod der Großeltern ist für Eltern auch eine Chance, den Kindern zu vermitteln, was im Leben alles auf uns Menschen zukommt.“

Der Abschied von Opa oder Oma hat laut Anja Rathfelder auch noch eine andere Dimension: Die Verantwortung im eigenen Leben rückt damit in den Vordergrund. „Wenn eine Generation abtritt, rückt die nächste automatisch wieder ein Stück nach“, sagt Rathfelder. Dadurch ergebe sich auch eine Verantwortung für die Großfamilie, die zuvor durch die Oma zusammengehalten wurde.

„Die nächste Generation ist damit dran, Dinge zu übernehmen, die die Großeltern zuvor gemacht haben.“ Wie zum Beispiel das Ausrichten von Familienfesten. Das passiere manchmal auch erst Jahre später – befriedige aber viele. dpa/imp
   
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