Sonderveröffentlichung
Themenspecial Mannheim - Meine Heimat

Mit Heimat-Garantie

MIKRO-LANDWIRTSCHAFT: Nachhaltige Ernährung ist in aller Munde. Und wie wäre es, wenn sich Privatpersonen eine Fläche von 100 Quadratmetern selbst mieten könnten, um ihr eigenes Gemüse zu pflanzen? Bertram Fischer hat die Antwort darauf gefunden.

Von Markus Mertens  

Es ist Herbst 2017, als Bertram Fischer beschließt, sein Leben zu ändern. An und für sich gibt es dazu zunächst keinen großen Anlass. Der Mannheimer ist als Software-Berater einer großen amerikanischen Firma erfolgreich und betreut Kunden weltweit – zwischen Straßburg und Kopenhagen arbeitet sich der kluge Kopf binnen Tagen in komplexe Thematiken ein, schreibt Konzepte und hält Präsentationen. Es wäre nicht gelogen zu behaupten, Fischer führte ein Leben im Aufstieg. Doch dann erinnert sich der gereifte Informatiker eines Tages an Zeiten, als er selbst noch ein Bub war, der eigene Opa ihm das Gärtnern beibrachte und der junge Bertram Fischer sein erstes Gemüse erntete. 

Leder Rude

„Das war eine prägende Erfahrung“, wie sich der Mann mit Hut und halblangen Haaren noch heute erinnert – und beschließt, einen Schritt zu gehen, den er zuerst selbst als kühn beschreibt: Agrar-Unternehmer zu werden. Mit Unterstützung des ehemaligen tegut-Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Gutberlet pachtet Fischer in Feudenheim von einem Landwirt einen Acker von 5000 Quadratmetern Fläche, schreibt in Windeseile an Konzepten und entwirft einen, wie er selbst sagt, „verrückten“ Plan. Wie wäre es, wenn sich Privatpersonen eine Fläche von 100 Quadratmetern selbst mieten könnten, um ihr eigenes Gemüse zu pflanzen? Auch, wenn die großen Pläne im März 2018 nur auf Papier stehen und es regnet, wie aus Eimern, stehen 80 Anwohner auf dem Acker, um sich zu informieren – und nahezu alle sofort in Fischers Unterfangen einzusteigen. „Die Nachfrage war überwältigend und die Bereitschaft der Bürger unglaublich“, wie der Unternehmer fröhlich konstatiert – und dabei fast schon ein Loblied auf diejenigen singt, die scheinbar auf ein Angebot wie jenes der Mikro- Landwirtschaft nur gewartet hatten.
           
Der ehemalige Software-Berater Bertram Fischer rief die Mikro-Landwirtschaft in Mannheim 2018 ins Leben – und feiert immer größere Erfolge. BILDER: MARKUS MERTENS
Der ehemalige Software-Berater Bertram Fischer rief die Mikro-Landwirtschaft in Mannheim 2018 ins Leben – und feiert immer größere Erfolge. BILDER: MARKUS MERTENS
Vom Schüler bis zum Top-Manager reizt die Idee eines transportfreien, unverpackten Produkts die gesamte Mannheimer Stadtgesellschaft. Und das nicht nur, weil man genau weiß, woher Kartoffeln und Sellerie, Gurken und Karotten stammen, sondern, weil man selbst für ihr Wachstum gesorgt hat. So ernten die überzeugten Gärtner Mannheims im ersten Unternehmensjahr Gemüse mit Heimat-Garantie – im wahrsten Sinne des Wortes.

Was für all jene, die sich die Miete von 360 Euro pro Saison teilen, Leidenschaft und Verpflichtung gleichermaßen bedeutet. Wo nationale Konkurrenten mit vorgepflanzten Beeten arbeiten, deren Bewirtschaftung im Zweifel bei mangelnder Lust an Dritte ausgelagert wird, gilt bei den Mikro-Feldern: Nur wer gießt, der erntet. „Wasser und Kompost, Werkzeug und Wissen stellen wir, der Rest muss von den Gärtnern kommen“, wie Fischer die Formel Eigenverantwortung vom ersten Schritt an formulierte – und dabei auf offene Ohren stieß.

IKEA – Niederlassung Mannheim

Zumal im eigenen Mikro-Landwirtschafts-Blog auch für all jene wertvolle Ratschläge warten, die nicht genau wissen, welche Bepflanzung für ihre Beete am sinnvollsten ist. Dort erfahren selbst routinierte Gärtner nicht nur, dass Salat fast täglich gegossen werden sollte, während sich Kohlpflanzen mitunter mit wöchentlichem Nass sogar besser entwickeln – auch Unerwartetes wird hier heiß diskutiert. Denn wer staunt, warum auf den Feldstücken in Feuden-Breite wirken. Das Konzept stadtnaher Äcker, wie sie in Feudenheim fast in Wohnhausnähe zu erreichen sind, hält der Experte geografisch nicht nur in fast jedem Mannheimer Stadtteil realisierbar: „Wir sollten dringend auch in anderen Städten und Gemeinden in der Region darüber nachdenken, wie wir sinnvoll Möglichkeiten zu einer sinnvollen Selbstversorgung schaffen können. Denn das Bewusstsein bei den Menschen ist da, ich glaube nur, dass wir es einfach wieder wecken müssen. Wenn uns das gelingt, ist Großes möglich.“ heim Zwiebeln, Dill und Möhren miteinander wachsen, während im Nachbarsbeet Kohlrabi, Ringelblumen und Rote Beete um die Wette blühen, sollte die Säh-Philosophie bei aller optischen Besonderheiten nicht vorschnell verurteilen. Dass wachsender Mais mit Bohnen in einem Beet für den richtigen Gehalt von Stick- und Nährstoffen sorgt, während Kürbis-Pflanzen ihre beiden Kumpanen vor der Sonne schützen, erfahren Freunde der Permakultur hier fast schon wöchentlich, um anschließend Ernte-Erfolge von ungeahntem Ausmaß zu feiern.

Jo Peitsmeier ist eine von mittlerweile 80 Personen, die allein auf dem Acker in Feudenheim ihr eigenes Gemüse ernten – und Freude daran haben
Jo Peitsmeier ist eine von mittlerweile 80 Personen, die allein auf dem Acker in Feudenheim ihr eigenes Gemüse ernten – und Freude daran haben
Auch Jo Peitsmeier gehört in Feudenheim zu den Gärtnerinnen aus Überzeugung – und findet für die Mikro-Landwirtschaft durchgängig preisende Worte: „Das Konzept ist wirklich unglaublich gut gedacht. Bei allem, was ich hier geerntet habe, musste ich oft kaum noch in den Supermarkt gehen. Das ist ein tief befriedigendes Gefühl“, wie die Mannheimerin klarstellt während sie lächelnd ihre Erdbeeren gießt.

Für Bertram Fischer ist heute klar, dass die Mieter in den ersten Monaten nur der Anfang waren. Nach dem ersten Acker und der Vermietung von zwei weiteren Flächen in Feudenheim Nord und Wallstadt, will der ehemalige Software-Berater seine neue ökologische Hardware nun skalierbar machen. Oder um es klar zu sagen: Gärtnerisch in die Breite wirken. Das Konzept stadtnaher Äcker, wie sie in Feudenheim fast in Wohnhausnähe zu erreichen sind, hält der Experte geografisch nicht nur in fast jedem Mannheimer Stadtteil realisierbar: „Wir sollten dringend auch in anderen Städten und Gemeinden in der Region darüber nachdenken, wie wir sinnvoll Möglichkeiten zu einer sinnvollen Selbstversorgung schaffen können. Denn das Bewusstsein bei den Menschen ist da, ich glaube nur, dass wir es einfach wieder wecken müssen. Wenn uns das gelingt, ist Großes möglich.“
             

Warum Mannheim Heimat ist ...

BILD: STORCH
BILD: STORCH
Matthias Storch
Investor bei Jungfeld, Herrenfahrt und Bitterliebe

„Mannheim ist die perfekte Stadt, um eine Firma zu gründen! Die Kombination aus städtischen Gründerzentren, die sehr gute Universität, die Lage der Stadt sowie die Lebensqualität, sind in Deutschland einmalig. An Mannheim schätze ich die direkte und weltoffene Art der Einwohner. Die Nähe zu Rhein und Neckar sowie zur Pfalz.“
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