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Themenspecial Generation 50 Plus

„Mit der Vielfalt groß geworden“

INTERVIEW: Gute Nachrichten für alle Freunde von Dance-Popsongs, klassischer Musik und den 90er Jahren – Pop-Visionär Alex Christensen und das Berlin Orchestra gehen mit ihrem sehr erfolgreichen Musik-Projekt „Classical 90s Dance“ erstmalig im Frühjahr 2020 auf große Deutschland-Tour. Im Mai sind sie unter anderem in der Alten Oper in Frankfurt und im Mannheimer Rosengarten zu Gast.

Ob Komponist oder Arrangeur – Alex Christensen ist seit drei Jahrzehnten im Musikgeschäft immer wieder auf der Suche nach neuen Herausforderungen. BILD: MARCEL BRELL

23.10.2019
Von Markus Mertens 

Es fällt fast schwerer zu erzählen, was Alex Christensen in seiner Laufbahn musikalisch noch nicht erreicht hat, als die zahllosen Stationen einer über drei Jahrzehnte andauernden Vita einzeln vorzustellen. Denn zwischen der Karriere als DJ und Produzent für Größen wie Paul Anka oder Helene Fischer versteht sich der gelernte Speditionskaufmann aus Hamburg nicht nur als Überlebender in einem volatilen Geschäft: Er lebt die Vielfalt. Bevor Christensen mit seinem neuen Projekt „The Classical 90s“ gemeinsam mit dem Berlin Orchestra in den Mannheimer Rosengarten kommt, hat der Tausendsassa über Ängste und Leidenschaften, aber auch über die Frage gesprochen, wo die Stars von morgen zu finden sind – oder auch nicht.

Herr Christensen, kess gefragt: Wie wird man denn ganz ordentlich Speditionskaufmann, um sich dann plötzlich dem Lotterleben als Musiker hinzugeben?

Alex Christensen: Ich habe diese Ausbildung gemacht und die Erkenntnis, dass ich da relativ talentfrei bin, kam schnell. Ich muss das ehrlich so sagen: Ich bin einfach kein guter Speditionskaufmann gewesen. Ich habe ja damals mit meinen 17 Jahren schon als DJ in einem Hamburger Club gearbeitet und dort an einem Wochenende mehr verdient, als bei meiner Lehre im Jahr und dann war die Entscheidung, wie ich meinen Weg weitergehe, eigentlich relativ schnell klar. Wobei ich sagen muss, dass es auch als Musiker selten schlecht ist, ein bisschen rechnen zu können (lacht).
Wenn Produzent und Superstar sich verstehen – dieses Bild zeigt Alex Christensen gemeinsam mit Sängerin Anastacia. BILD: PRIVAT
Wenn Produzent und Superstar sich verstehen – dieses Bild zeigt Alex Christensen gemeinsam mit Sängerin Anastacia. BILD: PRIVAT
Es hat dann ja auch gar nicht so lange gedauert, bis Sie mit Verona Feldbusch und „Ritmo de la Noche“ die erste Goldene Schallplatte gewannen. Wie knüpft man denn als Szene-Einsteiger solche Kontakte?

Christensen: Das ist eine wirklich witzige Geschichte. Ich hatte den Song komponiert, Verona kam in den Club, in dem ich auflegte, und wir redeten einfach. Sie war damals populär, für mich aber auch als Charakter die ideale Kandidatin, um diesen Song zu singen. Also sprach ich sie an, wir trafen uns mehrfach und produzierten den Song – ohne große Pläne und aus Lust an der Musik. Dass das so ein riesiger Erfolg werden würde, hat wirklich keiner von uns geglaubt.

Was uns zu der spannenden Frage bringt, die sich viele Künstler seit Generationen stellen: Wie schreibt man einen Hit?

Christensen: Da spielen natürlich mehrere Faktoren eine Rolle. Wenn du dir „Mambo No. 5“ anschaust, dann schreit da schon der Beat danach, gemocht zu werden, aber es können auch gesellschaftliche Themen oder die großen Namen sein, die einen Song mit nach oben ziehen. Was glaube ich wirklich eine Rolle spielt, ist, dass du keinen Hit machen willst, um einen zu landen. Denn die Menge da draußen ist ziemlich smart und erkennt die Absichten hinter einem Song. Du musst als Songwriter und Musiker wirklich beharrlich bleiben und den Menschen deine Leidenschaft zeigen, dann wirst du früher oder später auch belohnt.
Auch mit ganz großen des Showgeschäfts wie Michael Bolton (linkes Bild) und Paul Anka konnte Alex Christensen schon früh in seiner Karriere zusammenarbeiten. BILDER: PRIVAT
Auch mit ganz großen des Showgeschäfts wie Michael Bolton (linkes Bild) und Paul Anka konnte Alex Christensen schon früh in seiner Karriere zusammenarbeiten. BILDER: PRIVAT
Das bedeutet aber auch, den Mut zu haben, etwas zu wagen, von dem man nicht weiß, ob es eintrifft – mit dem Wissen, dass unter Umständen die eigene Existenz vom Erfolg abhängt…

Christensen: Das ist klar – und das Risiko, das jeder Berufsmusiker eingeht, wenn er sich voll und ganz für dieses Leben entscheidet. Natürlich ist es schlecht, wenn du sofort erfolgreich sein musst, um mit deiner Musik Kinder und Familie zu ernähren, denn dann hast du Persönlichkeiten, die mit 28 bereuen, dass sie diesen Weg eingeschlagen haben und ihre Leidenschaft das eigene Leben zerstört. Solcher Druck sollte niemals auf der Kunst liegen.

Eine Haltung, die ich mir mit einem Blick auf Ihre Biographie gar nicht so einfach durchzuhalten vorstelle. Wenn man mit unterschiedlichen Stars wie Tom Jones oder Marianne Rosenberg zusammenarbeitet, liegt doch auch die Erwartungshaltung auf einem.

Christensen: Ich habe Erwartungshaltungen immer als etwas Positives begriffen. Wenn ich mich auf musikalisches Terrain begebe, auf dem ich noch nie war, bin ich gefordert. Man verlässt sich nicht auf alte Routinen, und muss wirklich alles geben, um etwas darin zu finden, was einem gefällt. Das ist für mich wie ein Marathon, mit völlig unterschiedlichen Künstlern immer wieder Neues zu erschaffen.
Schon als noch nicht einmal volljähriger Erwachsener legte Alex Christensen in Hamburger Clubs und Bars auf – im Bild im Gespräch mit Mark Wahlberg, der früher als Marky Mark auftrat.
Schon als noch nicht einmal volljähriger Erwachsener legte Alex Christensen in Hamburger Clubs und Bars auf – im Bild im Gespräch mit Mark Wahlberg, der früher als Marky Mark auftrat.
Eine Vielfalt, für die man sich – zwischen Sarah Brightman, Right Said Fred und NSYNC – auch begeistern können muss. Wie liebt man das Unterschiedliche genug, um es erfolgreich machen zu können?

Christensen: Ich bin mit dieser Vielfalt schon groß geworden. Meine Eltern waren große Rock ’n’ Roll-Fans, dann kam Abba dazu und Freunde von mir haben früh Schlager gehört. Das prägt dich in deinem Verständnis von dem, was du für möglich hältst – und dann auch möglich machst. Denn klar hätte ich mich im Lauf der Jahre auf ein Genre einschießen können, aber ich wollte nie der Facharbeiter sein, der nur in einem Metier funktioniert. Das wäre für mich auf Dauer langweilig geworden. Das ist wie auf dem Spielplatz – du findest Kinder, die immer nur auf dem Klettergerüst hängen, ich bin immer schon auch zur Schaukel und zur Wippe gelaufen.

Der sehr unterschiedlichen öffentlichen Wahrnehmung sind Sie dabei nie aus dem Weg gegangen – und hatten auch den Mut, die Protagonisten von Morgen mit zu suchen. Als Jury-Mitglied von Popstars, aber auch als Texter für den Castingshow-Kandidaten Fady Maalouf. Wie blicken Sie denn heute mit fast zwei Jahrzehnten Erfahrung auf diese Branche?

Christensen: Man muss diese Shows einfach ehrlich zu beurteilen, denn eines ist doch klar: Es geht einzig und allein darum, die Jury zu promoten. Die Juroren sind die Stars – und sonst niemand. Was durchaus ja nicht immer so war. Wenn man sich anschaut, dass die Sänger von Bro’Sis heute fast alle noch musikalisch aktiv sind, oder auch Gewinner wie ein Alexander Klaws von seinen Auftritten leben kann, darf man sagen, dass in den Anfangszeiten zumindest auch die Kandidaten nachhaltig etwas von ihrer Teilnahme hatten. Aber heute müsste man fairerweise dazu sagen, dass es doch gar nicht mehr darum geht, irgendjemanden zu entdecken, sondern allein die eigene Reichweite zu stärken.

Womit wir zu dem interessanten Punkt kommen, dass man künstlerisch zu dem stehen können sollte, was man selbst aufgenommen hat. Würden Sie Songs wie „Du hast den schönsten Arsch der Welt“, das Sie mit Y-ass produziert haben, heute wieder so machen?

Christensen: Das würde ich sofort wieder machen. Weil wir damals auch wirklich weit – und auch emanzipiert gedacht haben. Denn im Gegensatz zu all den Rap-Songs, in denen machohafte Sexualität zum Spieltrieb gehört, singt hier eine Frau über das Hinterteil eines Mannes. Das hat zwar eine provokative Frechheit an sich, aber eine, die sehr souverän und niemals angestrengt dahergekommen ist. Und das erinnert uns an etwas, was heute gar nicht mehr so gewöhnlich ist: Bei der Musik Spaß zu haben.

Harter Schnitt: Wie oft denken Sie noch an den Eurovision Song Contest (ESC) 2009?

Christensen: Eigentlich relativ selten. Aber immer dann, wenn er kommt, erinnere ich mich eigentlich gerne daran, dass ich für Deutschland ein Teil dieses internationalen Zusammenhalts sein durfte, den man bei diesem Event wie selbstverständlich zwischen den Ländern spürt. Und genau deswegen finde ich es so schade, dass man als Künstler immer nur am Ergebnis und nicht daran gemessen wird, dass man gemeinsam einen guten Abend hatte. Natürlich ist der ESC wie wenn du eine Kuschelrock-Platte durchhörst: Du wirst immer auch mal eine Nummer dabei haben, die dir nicht passt. Aber letztlich geht es darum, dass du deine Nation würdig vertrittst – wissend, dass du von den Medien je nach Ergebnis danach geschreddert wirst und auch eine ganze Weile brauchst, um danach wieder aufzustehen. Aber die Erfahrung dieses unglaublichen Abends in Moskau, die kann mir keiner nehmen.

Eine tolle Erfahrung wollen Sie auch den Besuchern auf der Tournee in Mannheim mit dem Motto Classical 90s bereiten, die die Trilogie erst einmal vollendet hat. Wie wichtig war dabei gerade der orchestrale Gedanke?

Christensen: Du erreichst einfach den Punkt in deiner Karriere, an dem du die Songs – auch, wenn sie dich erfolgreich gemacht haben – nicht mehr so hören kannst, wie sie damals auf den Markt kamen. Einfach, weil sie in die Phase gehören und dort bleiben sollten. Die Suche nach etwas Neuem im Alten war da fast selbstverständlich und das Ergebnis mit dem Orchester irgendwann die folgerichtige Entscheidung.

Die Arbeit mit einem solchem Klangkörper, diesen Dimensionen und Gewerken ist doch aber sicher keine Kleinigkeit…

Christensen: Das ist es auch nicht. Und wenn ich mir überlege, wie lange ich selbst an den Arrangements gearbeitet habe, ohne ein Label zu haben, das mir die Einspielung bezahlt oder die Live-Tournee ermöglicht, wird mir heute fast schlecht. Aber ich glaube daran, dass ein Künstler auch ein Unternehmer ist. Und dann ist, die Frage, die sich früher oder später stellt: Was unternimmt man?

Zwischen Yiruma und Helene Fischer können Sie sich ja zumindest nicht vorwerfen, zu wenig unternommen zu haben. Wie blickt man nach all der Zeit darauf?

Christensen: Mein Blick ist mir der Zeit eher absolut geworden. Du begreifst, was die Musik in deinem Leben für einen Stellenwert hat, entwickelst gleichzeitig aber auch Ängste, verdrängt zu werden: Dass da eines Tages jemand vorne auf der Bühne steht und erzählt, wie Musik geht und der plötzlich sagt: Der Christensen, der da hinten sitzt, der gehört hier übrigens nicht dazu, der muss jetzt gehen. Das wirst du nie los. Und das macht dich als Sozialpartner und Familienmensch, der eigentlich auch andere Verantwortung übernehmen muss, unglaublich anstrengend. Diesem Teufelskreis wenigstens temporär zu entkommen, ist ein Kampf, den ich immer wieder führe – voller Tatendrang und mit Überzeugung.

H. Keller Schreinerei GmbH