Sonderveröffentlichung
Themenspecial Nur Mut

„Menschen können sich an Veränderungen auch gewöhnen“

INTERVIEW: Ängsten auf den Grund zu gehen, ist seine Berufung: Professor Georg W. Alpers ist einer der wenigen Angstforscher Deutschlands und weiß genau, wovor sich Menschen in Ausnahmesituationen fürchten. Der Mannheimer Psychologe ist seit der Corona-Pandemie ein sehr gefragter Interview-Partner. Denn diese Krise, eine bisher noch nie dagewesene Situation, stellt auch an den Spezialisten ganz neue Herausforderungen.

BILD: ANNA LOGUE/UNIVERSITÄT MANNHEIM

26.06.2020
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Was machte Ihrer Einschätzung nach, den Menschen eigentlich so viel Angst, die Sorge vor Ansteckung oder die veränderten Lebensumstände?  

Alpers: Das hat sich im Verlauf des Geschehens sehr gewandelt. Am Anfang war die Bedrohung für unsere Gesundheit abstrakt und die Befürchtungen bezüglich einer Ansteckung drangen plötzlich in den normalen Alltag ein – das hat viel Angst verursacht. Dann gab es eine Phase der konkreten Bedrohungen durch Jobverlust und viele neue Alltagssorgen. Derzeit ist die Angst vor der Ansteckung stark zurückgegangen. Manch einer hat vielleicht schon zu wenig Angst und ärgert sich nur noch über Einschränkungen ohne noch die verbleibende Bedrohung wahrzunehmen. 

Was kann man gegen die Angst vor Corona tun/ Wohin mit dieser Angst? 

Alpers: Ängste sind zwar unangenehm, aber sie sollten nicht gering eingeschätzt werden. Denn unsere Emotionen haben unserer Spezies im Laufe der Evolution geholfen, so erfolgreich zu sein. Emotionen steuern meist angemessenes Verhalten: Wer keine Angst vor dem Feuer hat, kann sich schnell verbrennen. Nur manchmal gerät Angst außer Kontrolle, sie kann dann übermäßig stark werden. Das passiert, wenn Menschen Situationen oder Reize konsequent vermeiden, die Angst auslösen, dann kann sich die Angst verselbständigen. 

Viele bangen zurzeit auch um ihren Job und Existenzen. Gibt es Empfehlungen wie man diese Sorgen bewältigen kann?

Alpers: Soziale Unterstützung ist das stärkste Gegengewicht: Freundschaften, Familie und gesellschaftlicher Zusammenhalt helfen am besten. Bemerkenswert ist ja, wie schnell der Staat reagiert hat um Jobs und Existenzen zu sichern. Das schlägt sich auch in hohem Maße in Zustimmung zu solchen Maßnahmen nieder. Ansonsten gibt es zwar kein Patentrezept, aber viele Vorschläge: Wer einerseits aktiv an der Lösung der Probleme arbeitet, aber dann auch für Erholungsphasen und Freizeit sorgt, ist gut beraten.
      
Wenn Eltern Angst haben, überträgt sich das natürlich auch auf den Nachwuchs.

Alpers: Ja, Eltern übertragen ihre Ängste auf die Kinder. Ein weiterer Grund sich als Erwachsene nicht einzuigeln. Wenn Ängste überhand nehmen, kann man auch selbst Hilfe aufsuchen. Es gibt für die am schwersten Betroffenen wirksame psychotherapeutische Angebote.

Wie fange ich mein Kind in diesen Zeiten auf, helfe ihm die Sorgen und Ängste zu nehmen?

Alpers: Wenn es in der Familie gut läuft, findet das Kind Unterstützung bei seinen Entwicklungsaufgaben. Das betrifft nicht nur das Lernen im Home-Schooling, sondern z.B. die wachsende Selbständigkeit im Alltag. Manche Kinder sind es sicher nicht gewohnt, sich selbst zu beschäftigen, da hilft es, wenn die Erwachsenen für eine gewisse Tagesstruktur sorgen. Hat ein Kind wirklich Sorgen und Ängste – längst nicht alle haben das – ist es gut, offen damit umzugehen. Auch hier bringt es nichts, nur zu vertrösten. Zuletzt ist es eine gute Entwicklung, dass Beratungsstellen und Therapieangebote wieder besser arbeiten können.

Fast täglich ändern sich jetzt die Beschränkungen, vieles wird gelockert. Geschäfte haben geöffnet, man kann wieder sein Essen im Restaurant genießen, Reisen ist wieder möglich. Doch statt Freude trifft man auf Zurückhaltung. Warum fällt es so vielen schwer, die herbeigesehnten Lockerungen anzunehmen?

Alpers: Wir bleiben also beim Thema Unsicherheit und scheinbare Widersprüche. Die aktuelle Phase gleicht einem Experiment: Was geht gut, was geht zu weit? Die Maßnahmen müssen an das aktuelle Infektionsgeschehen, an wissenschaftliche Erkenntnisse und auch an die Bedürfnisse der Bevölkerung angepasst werden. Die Lockerungen werden ja angenommen aber die Auswirkungen werden ebenfalls beobachtet. Zurückhaltende Freude erscheint mir dabei ein angemessener Emotionsausdruck zu sein.

Irgendwann müssen wir vermutlich alle lernen mit dem Virus zu leben. Wie gestalte ich mein Leben möglichst sorgen- und angstfrei? Kurz gefasst, wie komme ich gut durch diesen Ausnahmezustand?

Alpers: Ein angstfreies Leben gibt es nicht. Es bleibt aber zu hoffen, dass der Ausnahmezustand nicht ewig anhält. Wahrscheinlich wird es Änderungen in unserem Verhalten geben. Manche Ausnahmen werden dann zum Normalzustand werden und wir werden lernen damit umzugehen. Die Corona-Krise hat viele unserer Gewohnheiten erschüttert, aber Menschen können sich an Veränderungen auch gewöhnen.

Was ist das Positive an solchen Krisen?

Alpers: Ich möchte so antworten: Es gibt wenig zu beschönigen, viele hat es hart getroffen und auf dem ganzen Globus sterben noch viel zu viele Menschen. Das Positivste war aus meiner Sicht, dass unser Gesundheitssystem dank der durchgreifenden Maßnahmen eben nicht zusammengebrochen ist. Und dass unser Gemeinwesen – im Großen und Ganzen – funktioniert. Ob jeder einzelne von uns oder gar die Gesellschaft aus den Erfahrungen gelernt hat, werden wir erst später sehen.

Von Swenja Knüttel
    

Zur Person

Prof. Dr. Georg W. Alpers ist Lehrstuhlinhaber für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Mannheim. Er leitet die Psychologische Ambulanz am Otto-Selz-Institut der Universität Mannheim.

Dort wird Psychotherapie für Erwachsene sowie Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen psychischen Problemen und Erkrankungen angeboten.

Kontakt: Telefon: 0621 / 1813480; Internet: https://www.uni-mannheim.de/osi/ambulanz/