Sonderveröffentlichung
Themenspecial Nur Mut

Führung per Video

MUSEEN: Ins Museum, auch wenn es vorübergehend geschlossen sein muss – das geht. Die Mannheimer Kunsthalle, die Reiss-Engelhorn-Museen sowie das Marchivum haben sehr gute Beispiele dafür geliefert. Davon kann man auch weiter profitieren, nachdem die Häuser wieder geöffnet sind.

Cornelia Rebholz von den Reiss-Engelhorn-Museen dreht das Video mit Kuratorin Irmgard Siede. BILD: REM/TOBIAS MITTAG

26.06.2020
Führung per Video Image 1

Johan Holten hat sofort angefangen. Gleich an dem Tag, an dem der Direktor der Kunsthalle sein Haus wegen der Corona-Krise zumachen muss, öffnet er dem Publikum neue Einblicke. „Wir sind weiterhin digital für Euch da und gehen mit unserer Sammlung viral“, verkündet er auf der Facebook-Seite der Kunsthalle. Und er geht voran, im Wortsinne sogar. Mit der Handykamera läuft er durch die hohen, hellen Räume des Neubaus.

Sein erstes Ziel: das „Porträt des Schriftstellers Max Herrmann-Neiße“, von George Grosz (1893-1959) im Jahr 1925 gemalt. Er zeigt Details, erklärt kurz das Werk, die Person des Malers sowie die Stilrichtung „Neue Sachlichkeit“. In den Tagen danach machen Holtens Mitarbeiterinnen Antonella B. Meloni und Lena Berkler weiter, dann folgt wieder er, dann weitere Fachleute – stets erklären sie ein Werk der Sammlung. Dabei gehen sie mit der Kamera näher dran, als das ein Besucher je mit seinem Gesicht darf. Und man hat den Eindruck, man bekommt ganz persönlich eine Erklärung.

Holten ist Vorreiter – was dazu passt, dass die Kunsthalle seit der Eröffnung des Neubaus ohnehin eine moderne digitale Strategie verfolgt, ganz unabhängig von Corona-Einschränkungen. Die große Projektionsfläche im frei zugänglichen Atrium präsentiert die wachsenden digitalen Sammlungsbestände der Kunsthalle. Jeder Besucher kann da, ohne Eintritt, Kunstwerke können durch Fingergesten auswählen und sich weitere Informationen aufrufen. Ein „Creative Lab“ lädt zu experimentellen multimedialen Darstellungsformen ein (Virtual Reality, Augmented Reality, 3D-Modelle), und an einem Terminal darf sich jeder selbst einen Katalog mit persönlichen Favoriten der Sammlung gestalten, sich selbst nach Hause schicken oder ausdrucken.
   
Zum Internationalen Museumstag dann, als das Haus wieder geöffnet werden darf, kombiniert die Kunsthalle Besichtigungen vor Ort sowie digitale Angebote. Über eine Streaming-Plattform können die Teilnehmer ihre Eindrücke teilen und mit dem Team der Kunsthalle ins Gespräch kommen. Und auch wenn das Haus längst wieder ganz zugänglich ist – die digitalen Angebote gibt es weiter, parallel.

Das gilt ebenso für die Reiss-Engelhorn-Museen und das Marchivum, die zuvor außer ihrer Internetpräsenz keinen zusätzlichen virtuellen Service geboten hatten. Aber kaum mussten sie wegen der Corona-Pandemie die Häuser schließen, entwickelten sie tolle neue Ideen.

Das Marketing-Team der Reiss-Engelhorn-Museen hat binnen nur einer Woche zahlreiche Videos sowie zusätzliche Angebote für Kinder produziert. „Ab aufs Sofa – rein ins Museum!“ lautet das Motto für die neuen digitale Inhalte, die Cornelia Rebholz von der PR-Marketing-Abteilung gedreht hat. In fünf kurzen Videos erläutert Kuratorin Gabriele Pieke die neue Sonderausstellung des deutsch-amerikanischen Fotokünstlers Marc Erwin Babej „Yesterday – Tomorrow“ über ägyptische Kunst, die gerade einen Tag nach der Eröffnung schon wieder geschlossen werden musste. Die Videos sind ihr, gibt die Ägyptologin und Kuratorin der Ausstellung zu, nicht leicht gefallen. „Ich habe lieber Kontakt zu Menschen, sehe denen in die Augen und merke, worauf sie reagieren und für was sie sich alles interessieren“, sagt sie. „Aber jetzt ist es die einzige Möglichkeit für uns, in Kontakt zu unserem Publikum zu treten – also stecken wir da viel Energie ’rein“, betont sie.

„Wir sollten nicht 24 Stunden am Tag Corona-Updates verfolgen. Das ist nicht gesund. Die Kulturschaffenden sind deshalb gefordert, etwas zur Ablenkungen zu bieten.“

Magdalena Pfeifenroth, Leiterin der PR-Marketing-Abteilung für die Reiss-Engelhorn-Museen

„Wir sollten nicht 24 Stunden am Tag Corona-Updates verfolgen. Das ist nicht gesund“, meint Magdalena Pfeifenroth, Leiterin der PR-Marketing-Abteilung für die Reiss-Engelhorn-Museen. Da seien nun die Kulturschaffenden gefordert, „etwas zur Ablenkung zu bieten“. Sie hatte am Anfang „zugegebenermaßen etwas Bedenken, denn viele Nutzer sind natürlich hochprofessionelle digitale Angebote gewöhnt“, räumt sie ein: „Das können wir mit unserem technischen Know-how nicht bieten, aber man wächst mit den Herausforderungen. Man darf in der aktuellen Situation nicht zu streng mit sich sein, die Videos kommen bei den Leuten gut an“, freut sich Pfeifenroth. Immerhin gibt es auf die Internetseite des Museums binnen einer Woche dreimal mehr Zugriffe als sonst.

Pfeifenroth hat zudem eine Bildergalerie erstellt. „Da kommt man näher an die Objekte dran als im Museum“, hebt sie hervor. Ferner dachte das Museumsteam an die Kinder, die gerade viel zu Hause sein müssen. „Wir möchten altersgerechte Videos anbieten, die sie in die Welt der Pharaonen entführen und ihnen das Leben im Alten Ägypten anhand spannender Objekte zeigen“, so die Abteilungsleiterin. Dazu kommen Videos mit Bastelideen zum Thema. Zudem kann man von der Internetseite des Museums ein „Götter-Memory“, ein „Hieroglyphen-Alphabet“, Ausmalbögen und Zahlenbilder rund um die Ägypten-Schau herunterladen – was nach der Corona-Krise weiter angeboten wird.

Selbst als sie wieder öffnen durften, haben die Reiss-Engelhorn-Museen ihre digitalen Angebote weiter ausgebaut und pünktlich zu Fronleichnam der Ausstellung „Glaubensschätze“ einen eigenen Bereich auf der Website gewidmet. Kuratorin Irmgard Siede stellt da sakrale Kostbarkeiten von der Romanik bis zum Barock vor – vom eindrucksvollen Rother Altar über verschiedene Madonnenfiguren bis hin zur funkelnden Sonnenmonstranz. Und im REM-Blog verrät die Kunsthistorikerin, wie überraschend vielfältig Heilige eingesetzt werden und an welchen Attributen man sie erkennen kann. Einen Blick hinter die Kulissen gewährt schließlich Restauratorin Gisela Gulbins. Sie präsentiert ein besonderes Schmuckstück der Ausstellung – einen Hausaltar aus dem Barock, der vor einigen Jahren im Depot wiederentdeckt wurde und jetzt frisch restauriert in altem Glanz erstrahlt.

Gleich vier Angebote für digitale Stadtgeschichte haben Marchivum-Direktor Ulrich Nieß und sein Team entwickelt, bei denen sie zeigen, dass sie mehr als nur ein Behördenarchiv sind, sondern Stadtgeschichte lebendig aufbereiten können. Täglich gibt es auf der Internetseite einen neuen Beitrag zur Historie mit einem Bild. Das Spektrum reicht von den Gründungsprivilegien der Stadt vom 24. Januar 1607 über spannende Streifen aus den „Filmschätze“-Beständen bis zum Zweiten Weltkrieg, von der Einweihungszeremonie der Kurpfalzbrücke 1950 bis zu Persönlichkeiten wie „Blumepeter“ Peter Schäfer oder Künstlerin Elsbeth Janda. Anhand der „Stadtpunkte“-Tafeln werden virtuelle Spaziergänge angeboten.

Dass man in Zeiten der Kontaktbeschränkungen doch Kontakte pflegen kann, helfen elektronischen Grußkarten, kostenlos verschickt über die Marchivum-Internetseite mit einem historischen Bild. Zu den Ausstellungen mit Fotos des Mannheimer Fotografen-Ehepaars Rohden aus der Nachkriegszeit wie zur Sonderschau zu Albert Speer vom Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg gibt es Video-Führungen. Und auch einen monatlichen Newsletter hat das Marchivum eingeführt – alles kostenlos.

Von Peter W. Ragge