Sonderveröffentlichung
Themenspecial Nur Mut

„Wir lassen es nicht sein“

ENJOY JAZZ: Die Planung der 22. Auflage des Festivals stellt den Gründer Rainer Kern und sein Team vor nie dagewesene Herausforderungen. Ein Gespräch über den Umgang mit der Unsicherheit, B-Pläne und den Wert der Kultur für die Gesellschaft.

Corona zum Trotz: Am 2. Oktober soll die 22. Auflage von Enjoy Jazz eröffnet werden. Gründer und Organisator Rainer Kern ist optimistisch, dass das größte Jazz-Festival in Deutschland auch vom Publikum angenommen wird. BILD: DANIEL_LUKAC

26.06.2020
„Wir lassen es nicht sein“ Image 1

Herr Kern, am 2. Oktober soll die 22. Auflage Ihres Festivals Enjoy Jazz eröffnen. Sind Sie in diesem Jahr nervöser als sonst?

Rainer Kern: Ich bin jedes Jahr nervös. Enjoy Jazz ist ein Herzensprojekt. Eines, an dem ich das ganze Jahr gemeinsam mit meinem Team arbeite. Wenn man so ein großes Festival macht – das größte Jazz-Festival in Deutschland – hat man immer mit Unwägbarkeiten zu kämpfen, das ist quasi Tagesgeschäft. Daher bin ich immer angespannt. Aber es ist eine positive Anspannung, gemischt mit großer Vorfreude. In diesem Jahr geht es allerdings nicht nur um die üblichen Unwägbarkeiten. Wir sind in einer Extremsituation.

Der Heidelberger Frühling musste im März unmittelbar vor dem Start komplett abgesagt werden. Befürchten Sie, dass es Ihnen genauso ergehen könnte?

Kern: Die Lage im März war eine andere: Die Kolleg*innen vom Heidelberger Frühling hatten überhaupt keine Chance, auf die plötzlich eingetretene Pandemie zu reagieren. Durch den Lockdown gab es keine Alternative zur Absage. Wir haben immerhin die Möglichkeit, auf Entwicklungen zu reagieren und unsere Planungen entsprechend anzupassen. Auch wenn wir derzeit nicht wissen, wie die Situation im Herbst sein wird und welche behördlichen Verordnungen dann gelten werden. Die Unsicherheit ist exorbitant größer als in den Vorjahren, dadurch liegt eine große Last auf unseren Schultern. Wir können nicht frei agieren, sondern müssen stattdessen ständig reagieren. Das macht die Sache natürlich komplexer und schwieriger.
   
Sanner
Haben Sie daran gedacht, in diesem Jahr zu pausieren?

Kern: Keine halbe Sekunde habe ich daran gedacht! Es gibt nur zwei Optionen: Entweder man lässt sich auf die Situation ein und versucht, das Beste daraus zu machen, oder man leidet permanent – vor diese Wahl gestellt bin ich klar für Ersteres. Das ganze Team war von Beginn an einer Meinung: Wir lassen es nicht sein. Das Festival findet statt. Wie, werden wir sehen.

Was bedeutet das für Ihre Planungen? In früheren Jahren hatten Sie Ende Juni schon sehr viel mehr Konzerttermine veröffentlicht …

Kern: Das ist richtig. Das Konzert mit Anoushka Shankar, mit dem wir eröffnen, war lange vor der Pandemie bestätigt. Auch dass Michael Wollny das Festival abschließt, stand sehr früh fest. Mit der Bekanntgabe des kompletten Programms lassen wir uns aber noch etwas Zeit. Dass Planungen wieder verworfen werden, ist übrigens nicht unüblich, das kommt jedes Jahr vor. Mal können Konzerte nicht stattfinden, weil es Terminschwierigkeiten gibt, und mal entscheidet man, dass etwas anderes doch besser ins Gesamtprogramm passt. Außerdem wollen wir ja aktuelle Musik präsentieren, daher halten wir auch sonst immer einige Slots offen, um kurzfristig noch auf Neues reagieren zu können. Es ist ein ständiges Planen und Verwerfen, ein Pendelspiel, in dem wir sehr geübt sind. In diesem Jahr entwickeln wir aber parallel mehrere B-Pläne, um auf verschiedene Szenarien vorbereitet zu sein.

„Mut erhoffe ich mir auch vom Publikum, dass bereit sein muss, sich wieder zu versammeln.“

Rainer Kern, Gründer und Organisator des Festivals Enjoy Jass

Wie bewerten Sie die Resonanz?

Riehle: Abstrakt gesehen haben die Menschen verstanden, dass es nicht mehr nur um den Zipfel, sondern um die ganze Wurst geht. Wenn wir dauerhaft Kunst und Kultur in unserem Land erhalten wollen, dann geht das nicht nur durch staatliche Unterstützung, dann müssen alle mithelfen – jeder wo er kann. Das gilt für das kleine Theater um die Ecke genauso wie für einen Club, eine Diskothek oder eine Livemusikspielstätte wie das Capitol. Konkret bin ich immer wieder begeistert davon, wie positiv „Rockt zu Hause“ bei unseren Gästen ankommt. Hunderte Mails mit Musikwünschen, tausende Kommentare auf Facebook und YouTube und nicht zuletzt bis zu 45 000 Zusehende sind eine tolle Resonanz und geben uns die nötige Kraft, durchzuhalten.

Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit und die Ihres Teams von der herkömmlichen Vorgehensweise?

Riehle: Grundlegend ist wohl das richtige Wort. Zum einen, weil zwölf von 14 Festangestellte in Kurzarbeit sind und alle Aushilfen und Dienstleister gar kein Einkommen mehr durch uns haben. Das frustriert uns sehr, da rund 100 Menschen mehr oder weniger abhängig von unserer Arbeit hier im Capitol sind. Zum anderen, weil es im Moment nicht mehr darum geht, Kunst und Kultur zu ermöglichen, sondern um einen reinen Überlebenskampf. Das hatten wir schon mal am Anfang als wir das Capitol vor 25 Jahren übernommen haben. Auch wenn wir heute ganz anders aufgestellt sind: Dahin zurückgeworfen zu werden, ist kein gutes Gefühl.
   
Am 29. Oktober soll das amerikanischbritische Trio um John Scofield und Dave Holland im BASF-Feierabendhaus auftreten. Was passiert, wenn die Reisebeschränkungen bis dahin nicht aufgehoben werden?

Kern: Es ist müßig, zum gegenwärtigen Zeitpunkt darüber zu spekulieren. Dass sie vielleicht nicht reisen dürfen, bedeutet nicht zwangsläufig, dass das Konzert ausfällt. Denkbar wäre auch, dass sie dort spielen, wo sie sind, und wir das Konzert übertragen. Ich bin zwar nicht der größte Fan von Streamingkonzerten, aber ich lehne sie auch nicht grundsätzlich ab. Diese Krise fordert von allen größtmögliche Flexibilität: von Künstler*innen, von deren Management, vom Publikum und auch von uns.
   
Jazz-Fans können sich unter anderem auf Sitar-Virtuosin Anoushka Shankar (l.), Pianist Michael Wollny und Saxofonistin Alexandra Lehmler freuen. BILDER: ANUSHKA MENON, FELIX GROTELOH, JÖRG SETINMETZ
Jazz-Fans können sich unter anderem auf Sitar-Virtuosin Anoushka Shankar (l.), Pianist Michael Wollny und Saxofonistin Alexandra Lehmler freuen. BILDER: ANUSHKA MENON, FELIX GROTELOH, JÖRG SETINMETZ
Was mögen Sie nicht an Streamingkonzerten?

Kern: Ich bin nicht dogmatisch. Meine berufliche Situation ist einfach so, dass ich den ganzen Tag vor dem Laptop sitze. Da möchte ich das nicht auch noch in meiner Erholungszeit tun. Aus diesem Grund schaue ich auch keine Filme auf dem Computer. Zum UNESCO International Jazz Day am 30. April haben wir ein Konzert aus dem Mannheimer Club Ella&Louis gestreamt, weil es zu diesem Zeitpunkt die einzige Alternative war, überhaupt ein Konzert zu veranstalten. Das war für mich eine sehr positive Erfahrung. Wir haben viel in die Technik investiert, um den Zuschauern das bestmögliche Erlebnis zu bieten. Und die waren auch bereit, dafür zu bezahlen. So konnten wir über 5000 Euro Gagen an die beteiligten Künstlerinnen und Künstler aus der Region ausschütten. Mich stört dieser tägliche Tsunami an kostenlosen Streamings, den wir in den vergangenen Monaten erlebt haben. Ich finde, Künstlerinnen und Künstler, die ihre Kunst darbieten, auf welcher Bühne auch immer, müssen dafür bezahlt werden.

Enjoy Jazz hat auch deshalb einen exzellenten Ruf, weil hier immer wieder innovative Formate entstehen. Womit ist in diesem Jahr zu rechnen?

Kern: Das hängt auch davon ab, welche Veranstaltungen im Herbst an welchen Spielstätten möglich sein werden. Wir müssen viele Dinge neu denken. Dabei lernen wir ständig dazu: beim Auftritt von Matthias Brandt und Jens Thomas Mitte Juni beim Mannheimer Carstival etwa …

… die beiden zeigten ihre musikalische Lesung „Psycho“, eine Eigenproduktion des Festivals aus dem Jahr 2011 …

Kern: … auch da war ich zugegebenermaßen skeptisch, ob das funktioniert. Aber wir haben tolles Feedback bekommen: Die Atmosphäre war fantastisch, auch wenn alle Zuschauer im Auto saßen, das ganze Festival ist von GO7 super organisiert und die große Leinwand bot sogar einen Mehrwert, weil jeder das Minenspiel der beiden Künstler genau studieren konnte. Ähnliches erhoffe ich mir, wenn am 15. Juli Wladimir Kaminer im Heidelgarden in Heidelberg auftreten wird: Seine Open-Air-Lesung aus seinem fast fertigen, hochaktuellen Buch „Deutschland raucht auf dem Balkon“ können rund 100 Zuschauer mit dem nötigen Abstand vor der Bühne in Liegestühlen verfolgen. Weitere 100 Stellplätze gibt es im benachbarten Autokino, in das die Lesung live übertragen wird.

Niemand kann derzeit sagen, wie viele Zuschauer Sie im Oktober und November zu den Festival-Konzerten zulassen dürfen. Was bedeutet die fehlende Planbarkeit der Ticketeinnahmen für den Etat?

Kern: Die Situation ist, wie sie ist. Ich verstehe, dass die politischen Entscheidungsträger Verordnungen an die Infektionszahlen anpassen. Die Ungewissheit trifft ja auch andere, sehr wichtige Bereiche. Wenn wir nur auf die Schulen schauen: Selbst da gibt es noch keine Klarheit, wie es im September weitergeht. Wichtig für uns ist, dass alle Sponsoren signalisiert haben, das Festival weiter uneingeschränkt zu unterstützen. Einige wenige kleinere Partner mussten den Betrag etwas reduzieren, weil sie selbst von der Krise betroffen sind. Und die Stadt Heidelberg hat vorsorglich alle ihre Zuschussverträge gekündigt. Was das ab 2021 bedeuten könnte, werden wir heute in einer Sitzung von Oberbürgermeister Würzner erfahren. Der Vorverkauf für die bereits bekannten Konzerte läuft, zunächst mit einem vorläufigen Ticketkontingent, das wir noch aufstocken können. Eine Option ist es auch, dass einige Künstler*innen zwei Sets an einem Abend spielen, damit Konzerte trotz verringerter Zuschauerzahlen finanzierbar bleiben.

Wird es ein gedrucktes Programmheft geben?

Kern: Nein, das macht in diesem Jahr aufgrund der vielen Ungewissheiten wenig Sinn. Einerseits spart uns das etwas Geld, andererseits ist das Heft eine unserer wichtigsten Werbeplattformen. Auch hier gilt für uns: Wir müssen neu nachdenken und kreativ sein, um unseren Partnern andere Foren anzubieten und das Festivals zu bewerben.

Welche Rolle spielt gerade in diesen Zeiten das vor vier Jahren gegründete Kuratorium, das das Festival bei der strategischen Planung unterstützt?

Kern: Wir stehen in engem Austausch, auch wenn Treffen von Angesicht zu Angesicht zuletzt nicht möglich waren. Die Mitglieder sind alle äußerst krisenerfahrene Unternehmer und Manager. Aus deren Kreis kommen sehr wertvolle, unterstützende Gedanken.

Was wünschen Sie sich von den politischen Entscheidungsträgern?

Kern: Dass die Plausibilität ihres Handelns endlich auch die Kultur- und Veranstaltungsbranche erreicht. Denn die wurde, gemessen an ihre Bedeutung, bislang viel zu stiefmütterlich behandelt. Damit kein Missverständnis entsteht: Wir als Veranstalteter von Enjoy Jazz wollen uns angemessen verhalten und dazu beitragen, dass es den Leuten besser geht und nicht, dass das Infektionsrisiko steigt. Das empfinden wir als unseren Auftrag – im Interesse der Künstler und des Publikums. Wie, sagten Sie, heißt die Beilage, in der dieses Interview erscheint?

Nur Mut!

Kern: Das unterstreiche ich! Mut erhoffe ich mir auch vom Publikum, das bereit sein muss, sich wieder zu versammeln. Wir haben ja schon bei der Wiedereröffnung der Restaurants und der Geschäfte gesehen, dass die Leute zunächst eher zurückhaltend waren. Auch vor den Museen haben sich keine Schlangen gebildet. Die Weltgesundheitsorganisation hat in einer großen Studie den positiven Effekt von Kunst auf die physische und psychische Gesundheit der Menschen nachgewiesen. Nicht nur deshalb sollten wir alles dafür tun, dass die Kulturinstitutionen sowie die Künstler*innen auch nach der Krise noch da sind.

Von Ute Maag
  

Enjoy Jazz

Die 22. Auflage des Internationalen Festivals für Jazz und Anderes wird am 2. Oktober von der Sitar-Virtuosin Anoushka Shankar im BASF-Feierabendhaus in Ludwigshafen eröffnet. Bis zum 14. November, wenn Pianist Michael Wollny in der Mannheimer Christuskirche den Schlussakkord setzt, treten in der Metropolregion an rund 25 Spielstätten in der Metropolregion Rhein-Neckar Weltstars des Jazz und verwandter Musikrichtungen auf, unter anderem die sechsfache Grammy-Preisträgerin Dionne Warwick (17. Oktober). Gäste aus der Region sind etwa Drummer Erwin Ditzner und die Saxofonistin Alexandra Lehmler. Am Sonntag, 28. Juni, gibt Festival-Gründer Rainer Kern in der SWR2-Sendung „Zur Person“ von 15.05 bis 17.00 Uhr Einblicke in die Vorbereitungen im Zeichen der Pandemie. Weitere Informationen und Tickets: www.enjoyjazz.de