Sonderveröffentlichung
Themenspecial Mannheim - Meine Heimat

„Kurpfalz ist mein Vaterland“

FRIEDRICH SCHILLER: Gerade widmete ihm das Nationaltheater die Internationalen Schillertage, die mit rund 70 Veranstaltungen an elf Tagen als eines der größten Theaterfestivals gelten – denn Mannheim spielte im Leben des schwäbischen Dichters eine große Rolle, auch wenn er hier unter Geldnot litt.

Von Peter W. Ragge  

Hier hat er sich zu Hause gefühlt, obwohl er eigentlich Schwabe war: „Kurpfalz ist mein Vaterland“ schreibt, ja schwärmt der berühmte Dichter Friedrich Schiller, nachdem er 1784 in die „Kurpfälzische Deutsche Gesellschaft“ aufgenommen worden ist. Die Reiss-Engelhorn-Museen erinnern sehr authentisch an sein Mannheimer Wirken.

„Nun fühlte er sich hier sicher, unter dem Schutz des Kurfürsten, und in die Gesellschaft aufgenommen“, interpretiert Lise-lotte Homering, Leiterin der Theater- und Literaturgeschichtlichen Sammlung der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, den Satz des Dichterfürsten. „Jetzt lebe ich zu Mannheim in einem angenehmen dichtrischen Taumel“, hat er noch angefügt. Auch wenn sein Leben nicht immer angenehm war, als er hier bei mehreren Aufenthalten insgesamt 21 Monate wirkte. Denn er litt oft unter Geldproblemen.

Daran erinnert am Südrand der Mensawiese im einstigen Schlossgarten ein reich verzierter roter Sandsteinquader. Hier hat man 1907 einer mutigen Frau ein Denkmal gesetzt, die den jungen Friedrich Schiller in Mannheim mehrfach in großen Geldnöten hilft. So ist der Stein nicht nur der Erinnerung an Schillers Mannheimer Zeit gewidmet. Größer verzeichnet als den Namen Schillers hat man bewusst ihren Namen „Anna Hölzel“, mit dem Zusatz „der Retterin des Dichters aus schwerer Bedrängnis“. Der Retterin, wohlgemerkt – nicht etwa ihrem Mann.

Der heißt Anton Hölzel, ist Maurermeister und Hausbesitzer im Mannheimer Quadrat B 5. Hier lebt Schiller, obwohl er die Miete nicht zahlen kann, sondern lediglich „einem fiebrigen Buben heilen“, wie es in alten Quellen heißt. Aber nicht nur die Miete bleibt Schiller den Hölzels schuldig. Anna Hölzel bekommt mit, dass der Dichter viele offene Rechnungen hat, beim Drucker, beim Schuster, beim Gastwirt – und begleicht sie aus den Ersparnissen ihres Mannes, 200 Gulden. Denn nur so entkommen Schillers Stuttgarter Bürgin Fricke und auch er selbst der strengen Schuldhaft. Sein „Beutelchen“, so Schiller 1784 in einem Brief, habe „einen ganz großen Riß“, sei also leer. Und kränklich ist er obendrein, der Meister. „Sobald ich gesund bin, wird überhaupt meine Kost sehr einfach eingerichtet“, hat er sich diesem Schreiben zufolge vorgenommen. „In einem Weck wird mein Frühstück bestehen, um zwölf Kreuzer habe ich aus einem hiesigen Wirtshaus ein Mittagsessen zu vier Schüsseln, wovon ich noch gut auf den Abend aufheben kann. Abends esse ich allenfalls Kartoffel in Salz oder ein Ey oder so etwas zu einer Bouteille Bier. Zwölf Kreuzer – das ist das Doppelte dessen, was die Kaiserliche Reichspost damals für einen einfachen Brief von Mannheim nach Stuttgart verlangt. Daran sieht man: der erst 1802 geadelte Dichter hat wahrlich „mein Leben hier nicht genossen“, wie er schreibt, und nur das Notwendigste ausgegeben. Allerdings legt er auf feine Kleidung sehr viel wert, dafür gibt er einige Gulden aus – im September 1783 sogar zwei Drittel seines Jahresgrundgehalts als Mannheimer Theaterdichter.
            
Nebenan, in B 5, 8, hat er in genau solch einem Haus zuletzt gelebt – das Anwesen steht jedoch nicht mehr. Dieses Haus in B 5, 7 erinnert als Museum Schillerhaus an das Wirken des Dichters in Mannheim. BILDER: PROSSWITZ
Nebenan, in B 5, 8, hat er in genau solch einem Haus zuletzt gelebt – das Anwesen steht jedoch nicht mehr. Dieses Haus in B 5, 7 erinnert als Museum Schillerhaus an das Wirken des Dichters in Mannheim. BILDER: PROSSWITZ
Viele Zeugnisse von Schillers Werken

Zusammengetragen hat viele dieser Fakten schon 2005, zum damaligen Schillerjahr, Liselotte Homering. Die Leiterin der Theatersammlung der Reiss-Engelhorn-Museen, eine Frau mit bewundernswert reichhaltigem Wissensschatz über die Mannheimer Bühnengeschichte quer durch die ganzen Jahrhunderte, sowie ihre seinerzeitigen Mitarbeiterinnen Susanne Käthow und Angela Wendt bereiteten die große Sonderschau „SchillerZeit in Mannheim“ vor. In der Theatersammlung im Zeughaus C 5 hat sich etwas davon erhalten – das Original- Soufflierbuch der „Räuber“-Uraufführung etwa, zahlreiche Schriftstücke, Dokumente oder auch Requisiten späterer Aufführungen von Schillers Werken in Mannheim. Denn auch wenn er Schwabe ist – der Grundstein zu der herausragenden Karriere des am 10. November 1759 in Marbach am Neckar im damaligen Württemberg geborenen, am 9. Mai 1805 in Weimar gestorbenen Dichters und Dramatikers wird ohne Zweifel in Mannheim gelegt.

Hier herrscht ein ganz anderes Klima als in Württemberg. Aufgewachsen als Sohn eines Militärarztes, früh zum Besuch einer Militärakademie verdonnert, muss für Schiller – der viel liest, schon als 13-Jähriger heimlich Theaterstücke verfasst und als aufmüpfig gilt – das Leben im engen Stuttgarter Talkessel schrecklich sein. Ganz anders, viel freier und liberaler als unter dem württembergischen Herzog, ist die Atmosphäre in der Kurpfalz, in Mannheim. Hier gibt es keinen Herrscher vor Ort, der Kurfürst Carl Theodor ist an Silvester 1777 nach München abgereist, um das bayerische Erbe anzutreten. Die Bürgerschaft prägt nun die Stadt.

Ihr hat der Kurfürst anstelle des höfischen Theaters die „Deutsche Nationalschaubühne“ gestiftet, für die das ehemalige kurfürstliche Zeug- und Schütthaus in B 3 umgebaut wird und das Wolfgang Heribert Freiherr von Dalberg leitet. Erst ab 1779 gibt es aber ein festes Ensemble, von dem am 13. Januar 1782 Friedrich Schillers Drama „Die Räuber“ uraufgeführt werden – ein Stück mit damals höchst ungewohnten aufrührerischen, respektlosen Parolen, drastischen Sätzen, mit ungewohnter Brutalität, aber den Nerv der Zeit, des Publikums treffend.

Schiller ist dabei, erlebt den Erfolg – aber illegal. Herzog Karl Eugen von Württemberg hat den promovierten Mediziner Schiller als Regimentsmedicus angestellt und für dessen Dichtkunst keinerlei Sinn. Also reist er am 12. Januar per Kutsche heimlich über Schwetzingen, wo er eine Rast im Gasthaus „Zu den drei Königen“ einlegt, nach Mannheim. Hier hält er sich einige Tage auf, wohnt bei seinem Kontaktmann und Verleger Christian Friedrich Schwan.

Im Mai 1782 kommt Schiller erneut in die Quadratestadt, entfernt sich dafür wieder unerlaubt von der Truppe, besucht hier oft das Theater und schwärmt vom Antikensaal (heute im Schloss-Ostflügel). Doch der Herzog ist sauer, bestraft den Dichter mit vierzehn Tagen Arrest, verbietet jede weitere Schriftstellerei (außer medizinische Texte) sowie den Kontakt ins Ausland – als die gilt die von Bayern aus regierte Kurpfalz. Schiller entschließt sich daher zur Flucht. Er reist in der Nacht vom 21. auf 22. September 1782 heimlich mit seinem Freund und Musiker Andreas Streicher unter Pseudonym „Dr. Ritter“ und „Dr. Wolf“ per Kutsche aus Stuttgart ab und via Bretten – südlichster Außenposten der Kurpfalz – sowie Waghäusel und Schwetzingen nach Mannheim.

Aber er eilt nach zehn Tagen weiter, aus Angst vor württembergischen Spionen und wegen des Misserfolgs seines „Fiesko“ – als er ihn in seinem starken Schwäbisch den kurpfälzischen Schauspielern vorträgt, wird das für ihn zum Fiasko. Schiller und Streicher laufen daher eilig los, über Sandhofen und entlang der Bergstraße nach Darmstadt und dann nach Frankfurt.

Fiasko mit  „Fiesko“

Mitte Oktober 1782 kehrt Schiller über Mainz und Worms in die Kurpfalz zurück. Mannheim ist ihm aber zu gefährlich – er gilt nun offiziell als Deserteur, der Herzog lässt ihn suchen. Also taucht der Dichter in Oggersheim im Gasthaus „Zum Viehhof“ in der heutigen Schillerstraße 6 unter. In die Quadratestadt kommt „Dr. Schmidt“, so jetzt sein Pseudonym, nur heimlich, zu Fuß läuft er die Allee entlang. Ludwigshafen gibt es damals noch nicht, ringsum sind Felder. Über den Rhein führt eine Schiffsbrücke, eine Holzkonstruktion aus fest verankerten Kähnen. Aber das Mannheimer Theater lehnt seinen „Fiesko“, obwohl umgearbeitet, erneut ab – ein Affront, wie er findet. Bestürzt reist Schiller im Dezember 1782 ab, flieht auf das Gut Bauerbach bei Meiningen, wohin er einer Einladung seiner Stuttgarter Gönnerin Henriette von Wolzogen folgt und wo er ein halbes Jahr Ruhe zum Schreiben findet. Dort erreicht ihn ein Brief von Heribert von Dalberg, der ihn doch für Mannheim zurückgewinnen will.

Ab dem 27. Juli 1783 lebt er im „Hubertushaus“ in L 2,1, woran heute eine Gedenktafel erinnert. Dalberg bietet Schiller ab 1. September die Position des Theaterdichters an – endlich ein festes Einkommen. Zwar wird die Mannheimer Erstaufführung des „Fiesko“ am 11. Januar 1784 kein Erfolg, aber die Erstaufführung von „Kabale und Liebe“ am 15. April 1784. Am Tag zuvor, dem 14. April, wird Schiller im Schlosshof Zeuge, wie ein Heißluftballon abstürzt, den der Meteorologe Johann Jakob Hemmer, bekannt als Erfinder der Blitzableiter, steigen lässt. Gern hält sich der Dichter im Lokal „Zum fliegenden Holländer“ in C 3,20 auf, auch in der ehemaligen Theatergaststätte „Zwischenakt“ in B 2,12 oder im benachbarten B 2,14, wo Schauspieler August Wilhelm Iffland lebt, oder bei Dalberg, der im heute noch bestehenden Palais in N 3 wohnt. Aber Iffland und Schiller entfremden sich, wohl auch weil der – an Malaria erkrankte – Dichter mit Lieferungen im Rückstand ist. Im August 1784 wird daher der Vertrag als Theaterdichter nicht verlängert. Feste Einkünfte hat er nun nicht mehr. Er gibt die Zeitschrift „Rheinische Thalia“ heraus, rezensiert – und kritisiert heftig – das Nationaltheater und seinen Umgang mit seinen Stücken. „Seit wie lang ist es Mode, dass Schauspieler den Dichter schulmeistern“, fragt er im Januar 1785 erbost den Intendanten Dalberg.

Es ist die Zeit, wo seine Geldnöte zunehmen, er bei Familie Hölzel einziehen darf – in einem Hinterhaus in B 5,8, das heute nicht mehr existiert. Doch 2004 hat die Stiftung des Fördererkreises der Reiss-Engelhorn-Museen das noch gut erhaltene Nachbarhaus B 5,7 erworben, das als „Museum Schillerhaus“ von außen ein nahezu authentisches Bild von der Wohnsituation des Dichters in seinen letzten Mannheimer Monaten vermittelt. Anfang April 1785 verlässt Schiller Mannheim, geht nach Leipzig – wo er mehr Erfolg hat.

Seine Mannheimer Helfer vergisst er nicht. Als französische Revolutionstruppen 1799 Mannheim besetzen und das Anwesen von Hölzel zerstören, weist Schiller von Jena aus seinen Stuttgarter Verleger Johann Friedrich Cotta an, „mit erster Post“ – also eilig – Geld zu schicken. „Jene Leute haben mir vor 14 Jahren bei meinem Aufenthalt in Mannheim wesentliche Hilfe erzeigt, jetzt hat sie der Krieg aus dem Wohlstand in Not und Dürftigkeit versetzt“, schreibt Schiller. So können Hölzels ihr Bauunternehmen wenigstens kurze Zeit fortführen. 1801 hilft Schiller erneut – mit einer größeren Summe und seine Kontakte, durch die der Sohn als Bühnendekorateur am Nationaltheater angestellt wird.
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