Sonderveröffentlichung
Themenspecial Nur Mut

Kreativitätsschub bei den Kirchen

KIRCHEN: In der Krise haben sich die Kirchen nicht nur bewährt, sondern viele Pfarrer und Gemeinden sind auf bewundernswerte Weise über sich hinausgewachsen. Auch ohne gemeinsame Gottesdienste musste sich niemand alleine gelassen fühlen – im Gegenteil.

Segenswünsche per Lautsprecher: Feuerwehr-Kommandant Sven Wollschläger, Pfarrerin Anna Maria Baltes, IWV-Vorsitzende Manuela Mueller, Jörg Kihm (in IWV und Feuerwehr aktiv) sowie Philipp Jakobi, der Fahrer bei der Aktion, mit Tochter Helena. BILD: THOMAS TRÖSTER

26.06.2020
Kreativitätsschub bei den Kirchen Image 1

In all der Verunsicherung durch das Coronavirus ist es Anna Maria Baltes, Pfarrerin der Evangelischen Petrusgemeinde Wallstadt, die ein erstes positives, aufmunterndes Zeichen setzt. Während Mitte März plötzlich an vielen Stellen nur Schilder mit den Schriftzügen „Vorübergehend geschlossen“ oder „Abgesagt“ auf Veranstaltungsplakaten kleben sowie an Türen von Kultur- und Freizeiteinrichtungen hängen, entscheidet sie sich für einen besonderen Akzent. Statt den sonst mit sehr vielen Terminen und Angeboten reichlich gefüllten Schaukasten einfach leer zu lassen, prangt dort ein Spruch. „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ steht da in ganz großen, auch von weitem sichtbaren Buchstaben.

Den Bibelspruch (2. Timotheus 1,7) hat Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh in einem Brief an alle Kirchengemeinden verwendet, in dem er sie bittet, die Menschen aufzurichten und zu einem verantwortungsvollen Mit- und Füreinander zu ermutigen. Baltes kommt dann auf die Idee, statt einem trostlos leeren Schaukasten dort ganz groß diese Worte zu platzieren und mit weiteren Texten zu erläutern.
   
Auch an Ostern ist in Wallstadt plötzlich alles anders: Es klingt zunächst merkwürdig. Man denkt an einen Notfall, an einen Einsatz – aber dann tönt aus dem Lautsprecher eines roten Fahrzeugs „Immer wieder geht die Sonne auf“, dazu Segenssprüche der Geistlichen des Ortes, von Baltes und dem katholischen Diakon Bernhard Kohl. Dazu spricht Manuela Müller, Vorsitzende der Interessengemeinschaft Wallstadter Vereine (IWV), kurze, aufmunternde Worte. Alle Straßen fahren die Feuerwehrleute ab, um die Menschen zu überraschen und zu erfreuen. „Die Resonanz war großartig“, blickt Müller zurück. „Die Leute haben auf den Balkonen geklatscht und getanzt oder sich bei mir und der Feuerwehr telefonisch oder per Mail bedankt“, berichtet sie.

„Immer wieder geht die Sonne auf“ – man mag über den Schlager von Udo Jürgens schmunzeln. Aber die Liedzeile „Denn Dunkelheit für immer gibt es nicht, die gibt es nicht“ ist letztlich die Schnulzenversion der Osterbotschaft.

„Ostern findet trotz allem statt!“, schreibt der katholische Stadtdekan Karl Jung in einem berührenden wie aufmunternden Hirtenbrief an die Gläubigen. „Das Kontaktverbot, das vielfach zu sozialer Isolation führt, ist auch für mich selbst schwer zu ertragen“, gesteht er und äußert sich „sehr bewegt“, dass keine öffentlichen Gottesdienste stattfinden können. Zugleich zeigt sich Jung in dem Brief „begeistert von dem, was in den letzten Wochen durch Kreativität, Tatkraft und Engagement“ der ehrenamtlichen und hauptberuflichen Mitarbeiter an neuen Ideen entstanden sei, christliches Leben dennoch zu ermöglichen.

So lassen beide christliche Kirchen jeden Abend um 18.55 Uhr die Glocken läuten („Ein Klangteppich der Solidarität“, so Jung). Es ist ein Impuls, der vieles auslöst. Nach dem Geläut gibt es in vielen Vororten spontane Balkon-Konzerte. Vom kleinen Mädchen, das sich mit seiner Flöte vor die Wohnungstür stellt und die Nachbarn erfreut, bis zu Profimusikern, die sich formieren, reicht das Spektrum. Nach dem Läuten kommen sich so gerade in Zeiten, in denen Abstand gefordert ist, Menschen plötzlich näher – wenn auch auf Distanz.

Gerade um Ostern herum gibt es unzählige weitere Aktionen: Die Kirchengemeinde Mannheim-Süd ruft zum „Stillen Flashmob“ auf, indem Gläubige mit Straßenmalkreide am Ostersonntagmorgen die Worte „Der Herr ist auferstanden!“ in der Nähe der eigenen Wohnung auf den Gehweg schreiben. Ergänzend zu digitalen Angeboten verteilten die Kirchengemeinden Mannheim-Nord und Mannheim-Südwest rund 300 Osterkerzen an Menschen, die wegen Krankheit, Alter oder Quarantäne ihr Zuhause nicht verlassen können.

„Die kirchliche Jugendarbeit lebt von Beziehungen. Deshalb ist jetzt viel Kreativität und die Bereitschaft zum Ausprobieren gefragt.“

Jungedpfarrer Tobias Streit

Die Seelsorgeeinheit Mannheim St. Martin verschickt über 500 bemalte Ostersteine mit einem Brief und dem Osterevangelium. Solche Steine findet man auch in Feudenheim als Hoffnungszeichen am Rand von Spazierwegen am Bürgerpark und in den Feldern. Die Konfirmandengruppe der Evangelischen Gemeinde Feudenheim mit Vikar Johannes Vortisch erinnert so an den weggerollten Stein am Grab Jesu – ein Symbol, dass Gottes Liebe stärker ist als der Tod.

Die Katholische Hochschulgemeinde (KHG) versendet 12 000 Postkarten oder hängt sie als Sets zum Mitnehmen auf Wäscheleinen an Kirchentüren auf. „Es ist für alle, die einen Lichtblick brauchen oder verschenken wollen“, so Hochschulseelsorger Marius Fletschinger.

Als ganz wichtig erweisen sich zwischen März und Pfingsten die Mannheimer Fernsehgottesdienste. Sie ermöglichen Gläubigen, zu Hause mitzufeiern. Die Zusammenarbeit mit dem Rhein-Neckar-Fernsehen (RNF) sei „ein neuer Weg, den Menschen in der Phase der Distanz nah zu sein und Halt durch das Evangelium zu vermitteln“, freuen sich die beiden Dekane, Karl Jung und sein evangelischer Amtsbruder Ralph Hartmann, über viele positive Rückmeldungen.

Damit sich ohne gemeinsame Gottesdienste niemand alleine gelassen fühlt, gibt es noch viele weitere Ideen. Ob Gebete zum Mitnehmen an der Wäscheleine oder in Tütchen am Kirchenportal, Internetandachten, „Online-Bibelteilen“ auf Instagram, Online- Gesprächskreise, Blogs, Anrufketten: Die einst oftmals verstaubt erscheinende Kirche wirkt plötzlich modern wie nie, erprobt aus der Not heraus frische Konzepte, erweist sich kreativ und innovativ.
   
Leopold Kohlbrenner. BILD: SAMUEL
Leopold Kohlbrenner. BILD: SAMUEL
Und sie denkt auch an Menschen, die das Internet nicht nutzen: Stefan Scholpp, Pfarrer der Christus-Frieden-Gemeinde, bietet zweiminütige Andachten per Telefon. Im Wechsel mit Pfarrerin Maibritt Gustrau oder Vikar Sebastian Degen spricht er auf Band, täglich wird der Text aktualisiert. „Der Aufwand ist gar nicht groß, ich spreche das auf mein Handy, wie wenn ich telefonieren würde“, sagt Scholpp. Doch er findet das Angebot, das Vikar Degen vorgeschlagen hat, sehr wichtig. „Wir wollten gerade an die vielen älteren Menschen denken, die kein Internet haben und sonst von den kirchlichen Angeboten ganz abgeschnitten wären“, betont der Pfarrer. Sechs Ehrenamtliche der Christus-Frieden-Gemeinde rufen zudem alle über 80-jährigen Gemeindemitglieder von sich aus an. „Viele haben keinen Hilfebedarf, aber es ist bewegend, wie sehr sie sich freuen, dass jemand mit ihnen redet oder einfach zuhört“, berichtet Scholpp. Solche Aktionen gibt es auch in vielen anderen Gemeinden.

Aber auch ganz praktische Hilfe ist gefragt: Kisten mit haltbaren Lebensmitteln, Hygieneartikeln und neuer, gewaschener Kleidung – vor allem Unterwäsche und Socken – sind in einer katholischen Kirche ein eher ungewöhnlicher Anblick. Doch zahlreiche Kirchengemeinden haben diese aufgestellt, um Menschen in prekären Lebenssituationen unter dem Schlagwort „Gaben. Geben.Leben.“ zu unterstützen. „Nicht alles ist abgesagt. Andere zu unterstützen, geht immer.“ Darüber waren sich Johanna Sarközi, Jesse Primow, David Schwab und Luisa Bucher schnell einig, als sie dieses Projekt entwickelten. Die vier Studenten der Kirchlichen Hochschule Freiburg im Studiengang „Angewandte Theologie und Soziale Arbeit“, die gerade in Mannheimer und Hockenheimer Kirchengemeinden im Praxissemester sind, haben damit Obdachlose und Menschen an oder jenseits der Armutsgrenze in den Blick genommen, um ihnen auch in Zeiten von Abstandsregelungen zu helfen.

Und die Jugendlichen, wie kommt die Kirche an die? Keine Clubabende, keine Feste oder Konzerte: Neue Menschen kennenzulernen, scheint vielen von ihnen schwierig wegen der Corona-Auflagen. Das Team der katholischen Jugendkirche „Samuel“ hat daher eine Plattform geschaffen, die völlig fremde Menschen in Kontakt bringt. „Die kirchliche Jugendarbeit lebt von Beziehungen, deshalb ist jetzt viel Kreativität und die Bereitschaft zum Ausprobieren gefragt“, so Jugendpfarrer Tobias Streit. „Luftbrücke ins Ungewisse“ ist das Konzept dafür überschrieben, das auf eine Idee von Leopold Kohlbrenner zurückgeht, der gerade sein Freiwilliges soziales Jahr im Haus der Jugend absolviert.

Das Prinzip dieser „Luftbrücke ins Ungewisse“ ist einfach: Interessierte melden sich auf der Homepage der Jugendkirche www.jugendkirchesamuel.de an und bestimmen selbst, wie der Kontakt mit dem unbekannten Gegenüber aufgenommen werden soll – Messenger-Dienste oder EMail. Auch welche Art der Kontaktperson gewünscht ist, kann ausgewählt werden: Jugendlicher oder Priester oder Ordensmann/ Ordensfrau. „Es wird oft davon gesprochen, dass die Corona-Krise auch eine Chance bietet. Klar kann eine solche Aktion keine Treffen mit Freunden oder Ähnliches ersetzen, aber trotzdem kommt man, auch wenn man zuhause ist, aus seiner Komfortzone“, erklärt Kohlbrenner seine Idee, die er auch als Baustein hinsichtlich der künftigen Kirchenentwicklung nach Corona sieht. Damit der Kontakt zwischen den zunächst Fremden in Gang kommt und dann auch flüssig bleibt, bekommen die Tandempartner in unregelmäßigen Abständen eine Challenge, also eine Herausforderung, die es gemeinsam zu erfüllen gilt.

Bewusst hat er auch die Möglichkeit eingebaut, sich mit Priestern oder Ordensleuten vernetzen zu können: „Gerade hier in Mannheim nehme ich die Jugend als sehr progressiv wahr, die oft mit Riten oder Regeln der Kirche aneckt. Ein Geistlicher kann erklären, warum man sich heutzutage noch für diesen so anderen Lebensstil entscheidet“, so der aus Ilvesheim stammende Jugendliche Es sei eben alles in allem eine neue und spannende Art, Menschen kennenzulernen und der Aufruf: „Lasst uns alle eine ,Luftbrücke ins Ungewisse‘ bauen!“ hat große Resonanz gefunden, bestätigt das Team im Haus der Jugend: „Junge Menschen aus der ganzen Diözese nehmen bereits an der Aktion teil“.

Von Peter W. Ragge