Sonderveröffentlichung
Themenspecial Generation 50 Plus

Kein Mainstream

NACHGEFRAGT: Holger Müller ist kein Mann der leisen Töne – zumindest dann, wenn der Comedian als „Ausbilder Schmidt“ auf der Bühne steht.

Holger Müller, besser bekannt als „Ausbilder Schmidt“, ist derzeit mit „Die Lusche im Mann“ auf Tour. Am 14. November ist er damit in Weinheim in der Alten Druckerei zu Gast. BILD: MANFRED WEGNER

23.10.2019
Von Markus Wilhelm 

Achtung, Ihr Luschen!“ lautet einer der bekanntesten Sprüche von Comedian Holger Müller, besser bekannt als „Ausbilder Schmidt“. Abgetragene Bundeswehruniform und dunkle Sonnenbrille gehören seit beinahe zwei Jahrzehnten zu den Markenzeichen des 50-jährigen Wahl-Kölners. Mit seinem aktuellen Programm „Die Lusche im Mann“ ist Müller derzeit wieder auf Tournee. Ein Ende ist auch nach über 1500 Gastspiel- Auftritten im deutschsprachigen Raum, acht erfolgreichen Liveproduktionen, einem Kinofilm und 100 000 verkauften CDs nicht in Sicht.

Herr Müller, seit 2001 touren Sie als „Ausbilder Schmidt“ quer durch die Republik. Gibt es eine Ecke von Deutschland, in der sie noch nicht aufgetreten sind?

Holger Müller: Eigentlich nicht! Vielleicht die eine oder andere Stadt, in der ich noch nicht gewesen bin, aber eine Ecke, in der ich noch gar nicht war, gibt es glaube ich nicht.

Hier am Oberrhein dürfte es dem Ausbilder vermutlich zu warm und zu sonnig sein...

Müller: Dem „Ausbilder Schmidt“ in der Tat ja, ich selbst bin aber gerne in Mannheim. Es ist eine schöne Ecke, die hat was! Einerseits Industriestadt, andererseits die Landschaft drumherum. Direkt auf meiner ersten Tour bin ich in Mannheim im Capitol aufgetreten. Es ist somit auch eine emotionale Geschichte für mich. Ich habe einen guten Bezug zu den Mannheimern.

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Im November stehen Sie wieder in der Region auf der Bühne und treten in der Alten Druckerei in Weinheim auf. Wie würden Sie das Kurpfälzer Publikum beschreiben?

Müller: Ich mag die Leute hier! Es ist ein ehrlicher Menschenschlag. Am Anfang etwas knurrig, aber irgendwann hast du sie. Die Region fühlt sich wie Heimat für mich an. Die Kurpfälzer, auch die Pfälzer an sich und der Ausbilder Schmidt, das passt zusammen.

Aufgewachsen sind Sie im Hunsrück in Idar-Oberstein, einer Garnisonsstadt. In wieweit hat Sie diese Herkunft geprägt und vielleicht auch zur Entstehung des „Ausbilders“ beigetragen?

Müller: Es war in meiner Jugendzeit völlig normal, viel Militär um einen herum zu haben. Aber ich hatte privat nicht viele Berührungspunkte zur Bundeswehr. Die Idee zum „Ausbilder Schmidt“ ist während meiner Wehrdienstzeit 1989 entstanden. Ich hatte danach eine kleine Theatergruppe in Idar-Oberstein. Richtig los mit dem Ausbilder ging es aber erst, nachdem ich meinen Abschluss an der „Köln Comedy Schule“ gemacht habe.

Und was ist Ihr Erfolgsgeheimnis? Immerhin hält das Publikum Ihnen seit fast zwei Jahrzehnten die Treue...

Müller: Der Ausbilder ist definitiv kein Mainstream, dafür polarisiert er zu sehr. Die Fans, die zu den Vorstellungen kommen, wissen, dass sie ein geiler, schräger Abend mit viel Spaß erwartet. Davon lebt es. Live zu überzeugen ist wahrscheinlich das Erfolgsgeheimnis. Dafür muss man permanent ein gutes Programm abliefern, was mit viel Arbeit verbunden ist. Außerdem versuche ich, nah bei den Fans zu sein. Ich bin auch nach den Shows noch da, unterhalte mich mit den Leuten und schreibe Autogramme. Das muss einem liegen und ist nicht jedermanns Sache. Ich mache das aber gerne.

Ein Ende ist nicht in Sicht? Oder orientiert sich „Ausbilder Schmidt“ an der Altersgrenze für Berufssoldaten?

Müller: Die Figur lebt schon viel länger, als ich es mir hätte erträumen lassen. Die Nachfrage ist nach wie vor da und ich habe das Gefühl, dass Publikum hat noch Bock auf mich. Man kann als Künstler aber nur von Programm zu Programm planen.

Fällt es Ihnen schwer, zwischen dem Privatmenschen Holger Müller und der Rollenfigur „Ausbilder Schmidt“ zu unterscheiden? Wie viel Soldat steckt in Ihnen?

Müller: In mir steckt kein Soldat. Auf der Bühne macht es „Klick“ und ich bin der Ausbilder. Die Rolle ist komplett erfunden, eine Comic-Figur, die so im realen Leben gar nicht existieren könnte. Wobei der Ausbilder ja auch noch eine weichere Seite hat, die er aber nur im Abendprogramm zeigen kann...

Wie schalten Sie ab, wenn Sie Stiefel und Uniform nach Dienstende abgestreift haben?

Müller: Ich versuche so viel Zeit wie möglich bei meiner Familie in Köln zu verbringen und fahre nach den Auftritten wieder nach Hause, wenn die Entfernung nicht zu groß ist. Gerade der September und der Oktober sind extreme Monate mit bis zu 26, 27 Shows. Ansonsten entspanne ich zum Beispiel in der Sauna oder gehe vor den Auftritten spazieren. Das hilft mir beim Entspannen und das brauche ich auch. Ich merke, dass ich mittlerweile 50 und keine 40 mehr bin. Ich muss meine Energie besser einteilen und auch wieder Kraft auftanken.

Wie halten Sie sich fit?

Müller: Zu Hause gehe ich ins Fitnessstudio. Der Ausbilder darf nicht fett werden! Aber ich bin vom Typ her sicher kein Supersportler.

Ist Ihr Bühnenprogramm eher etwas Statisches oder entwickeln Sie es während einer laufenden Tournee weiter?

Müller: Natürlich habe ich feste Säulen im Programm. Es sind immer ein paar Klassiker dabei, die die Leute sehen wollen. Außerdem habe ich ja auch vier CD’s gemacht und auch daraus finden sich in überarbeiteter Form Inhalte im Bühnenprogramm wieder. Dazu kommt immer ein gewisser Anteil an Improvisation, der sich durch die Kontaktaufnahme mit dem Publikum ergibt. Aktuelle Sachen baue ich auch in mein Programm ein. Kramp-Karrenbauer als neue Verteidigungsministerin ist ein super Thema.

Darf ein Comedian auch einmal schlechte Laune haben?

Müller: Auf der Bühne nein, da muss man alles abschütteln können und der coole, klasse Typ sein. Das ist mein Job, dafür kommen die Leute in die Shows. Als junger Comedian war das noch ein bisschen anders, damals hatte ich beruflich noch einen ganz anderen Druck. Da wird man dann auch eher mal frech oder stinkig zum Publikum.

Sie sind auch in anderen Bereichen beruflich engagiert, leiten in Ostfriesland eine Kleinkunstbühne, veranstalten Comedy-Seminare, besitzen eine eigene Agentur. Wie wichtig ist es, als Künstler breiter aufgestellt zu sein?

Müller: Existenziell gesehen ist es immer gut, wenn ein Künstler das eine oder andere zusätzliche Standbein besitzt. Mit den Auftritten als Ausbilder bin ich ausgelastet. Mir ging es vor allem darum, noch etwas anderes zu machen und einen anderen Blickwinkel zu bekommen. In Ostfriesland kümmere ich mich um meine eigene Bühne. Da steckt viel organisatorische Arbeit drin, die Betreuung der Künstler gehört auch dazu. Dadurch habe ich überhaupt erst gesehen, was Theaterbesitzer alles leisten müssen.

Sind Zeiten, in denen Themen wie Klimawandel, Flüchtlingskrise oder Donald Trump die Agenda bestimmen, für Ihren Berufszweig eine besondere Herausforderung?

Müller: Wie politisch man wird, ist eine grundsätzliche Frage, die sich jeder Humorist stellen muss. Ich für meinen Teil möchte, dass die Leute in den Shows Spaß haben. Meine Aufgabe ist es, sie zum Lachen zu bringen und für zwei Stunden in eine andere Welt zu führen. Es gibt Kollegen von mir, die halten das natürlich politischer, da gibt es tolle Kabarettisten wie Christoph Sieber zum Beispiel, den ich sehr schätze.

Im August gab es im ZDF-Fernsehgarten einen Eklat um ihren Kollegen Luke Mockridge, dessen Auftritt vom Sender abgebrochen wurde, nachdem er unter anderem Witze über Senioren gemacht hatte. Wie denken Sie darüber?

Müller: Humor ist immer Geschmackssache. Letztendlich hat Luke Kinderwitze erzählt. Das Echo darauf hatte schon etwas von „Sommerloch“. Grundsätzlich finde ich, dass der Fernsehgarten eine tolle Sendung ist. Aber Comedy gehört da thematisch nicht hinein. Ein Clown würde vielleicht passen, aber ein klassischer Komiker hat dort meiner Meinung nach nichts verloren.

Haben Sie das Gefühl, dass sich die Maßstäbe in den vergangenen Jahren verschoben haben, was Comedy darf und was nicht?

Müller: Ja, ich glaube schon. Das ändert sich immer. Es gibt große Diskussionen über politische Korrektheit. Die Frage ist: Wo und wie legt man die Grenze fest? Meiner Meinung nach zieht die das Publikum. Natürlich gibt es aber immer auch eine Grenze des guten Geschmacks. Der „Ausbilder Schmidt“ geht bisweilen an diese Grenze, aber er überschreitet sie nie komplett. Er ist kein Fascho, kein Nazi.

Kommen wir zum Abschluss noch auf Ihr aktuelles Programm „Die Lusche im Mann“ zu sprechen. Was haben die Zuschauer zu erwarten, worauf darf sich Ihr Publikum freuen?

Müller: Es gibt zwei Stunden lang eine sehr abwechslungsreiche Show. Hauptthema ist die Verweichlichung der Männer. Für die dürfte es ganz interessant sein zu erfahren, was aus dem einst starken Geschlecht geworden ist und wie der eine oder andere Mann bei der Hausarbeit zur Oberlusche mutiert. Das Programm ist ein großer Spaß und breit angelegt. Es kommen auch viele Frauen, es ist im Publikum 50 zu 50 verteilt. Oft gehen die Frauen mit zum „Ausbilder Schmidt“, dafür kommen die Männer mit zu Helene Fischer oder zu Dieter Nuhr.