Sonderveröffentlichung
Themenspecial Mannheim - Meine Heimat

„Ich hatte richtig Heimweh“

GROSSER KLEINKÜNSTLER: Poetry-Slam-Champion Nektarios Vlachopoulos hat während seiner Zeit in Mannheim eine Verbundenheit zur Quadratestadt entwickelt – und dazu beigetragen, sein Genre zu etablieren.

Von Jörg-Peter Klotz  

Als Student hat Nektarios Vlachopoulos sein Herz nicht in Heidelberg verloren, sondern ist relativ schnell nach Mannheim gezogen: „Heidelberg hatte ich mir 2006 als Studienort ausgesucht, einfach, weil ich die Stadt so wunderschön fand. Aber es wurde mir relativ schnell langweilig, immer die Hauptstraße in der Altstadt hoch- und runter zu laufen. Da fand ich Mannheim spannender“, erinnert sich der längst bundesweit gefragte Wanderer zwischen den Kleinkunstwelten Slam-Poetry, Comedy und Kabarett. Ersteres ist eine 1986 in Chicago etablierte, zunächst literarisch geprägte Lesungsform, die auch humoristisch interpretiert oder mit starken Performance- oder sogar Rap-Elementen auf die Bühne gebracht wird. 2009 begann er sein Lehramts-Studium der Germanistik und Anglistik an der Ruprecht-Karls-Universität, in Mannheim lebte der Sohn griechischer Eltern mit doppelter Staatsbürgerschaft mit einer kurzen Unterbrechung bis 2015.

Dann griff die übliche Junglehrer-Lotterie „Nach dem Referendariat an der Wernervon-Siemens-Schule in der Neckarstadt hatte ich meine erste Station in Neckarsulm.“ Den Beruf als Deutsch- und Englischlehrer hat er inzwischen gegen den Profi-Bühnenkünstler eingetauscht. Heute lebt der in Bretten geborene, im Kraichgauer 11 000-Seelen-Städtchen Oberderdingen aufgewachsene 33-Jährige in Heilbronn, hat aber vor, gegen Ende des Jahres nach Stuttgart zu ziehen. Was nicht so klingt, als ob Heimat die ganz große Rolle im Leben des Nektarios Vlachopoulos spielt: „Stimmt. Da ich so viel unterwegs bin, ist der Begriff Heimat für mich nicht ortsgebunden, sondern eher mit den Menschen verbunden, die mich umgeben.“
            
Mixt nicht nur Slam-Poetry und Comedy virtuos: Nektarios Vlachopoulos.
Mixt nicht nur Slam-Poetry und Comedy virtuos: Nektarios Vlachopoulos.
Auch in seinen rund fünf Mannheimer Jahren gab es mehrere Stationen: „Ich habe erst im Studentenwohnheim, dem Curt-Sandig-Haus in der Schwetzingerstadt gewohnt, dann auf dem Lindenhof und später im Referendariat in der Neckarstadt-Ost.“ Damit hat er fast alle Temperaturen des Lebens in der Kurpfalzmetropole kennengelernt: „Absolut! Ich habe mich auch sehr, sehr heimisch und wohlgefühlt, mochte die etwas raue Art der Mannheimer gern. Ich hatte sogar richtig Heimweh, als ich wegzog.“ Die Zeit in der Kurpfalz war auch prägend für seine Bühnenkarriere, insofern „dass ich in Mannheim und Heidelberg meine ersten Auftritte hatte, in der bis heute existierenden Poetry-Slam-Reihe ,Word Up!’. Ich war schon beim allerersten Slam in der Alten Feuerwache dabei und bin dort jahrelang im Schnitt alle zwei Monate aufgetreten.“ Deshalb habe er sich das Kulturzentrum am Neckar auch ausgesucht, um dort Ende März die Premiere seines zweiten abendfüllenden Programms „Ein ganz klares Jein!“ zu feiern (nach „Kein Mensch weiß, wie man mich schreibt“ (2016). „In Mannheim habe ich mein größtes Publikum.“ Zur Bühnenpraxis sei in Mannheim auch die Erfahrung einer Dramaturgie-Hospitanz am Nationaltheater gekommen: „Am Stück ,Spiel ohne Grenzen’ von Peter Michalzik und Burkhard C. Kosminski habe ich 2016 mitgeschrieben und sogar mitgespielt.“

Umgekehrt kann man sagen, dass Vlachopoulos enorm dazu beigetragen hat, die Unterhaltungsform Poetry-Slam in der Quadratestadt auch außerhalb des Jungakademiker-Publikums bekannt zu machen. Bescheiden will der Gewinner der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften 2011 in Hamburg im Einzelwettbewerb das selbst nicht ganz so einordnen: „Das würde ich nicht so überschätzen. Zufälligerweise habe ich halt 2011 die Meisterschaft gewonnen und 2012 wurde der Wettbewerb in Mannheim/Heidelberg ausgetragen. Dass mit mir ausgerechnet der Vorjahressieger das quasi mit in die Region holt, hat medial natürlich für etwas mehr Aufsehen gesorgt. Aber entscheidend waren die Meisterschaften selbst, um Poetry-Slam noch populärer zu machen.“ Inzwischen werden seine Programme häufig in die Comedy-Schublade gesteckt, 2018 gewann der Poetry-Slam-Champion beim Deutschen Kabarettpreis en Förderpreis: „Ich finde es schön, wenn die scharf gezogenen Grenzen zwischen den Genres verwischt werden. Mein Programm ist zum Teil sehr albern, aber stellenweise auch politisch. Mir ist eigentlich egal, wie ich bezeichnet werde und sehe mich selber in erster Linie als Humoristen. Ich versuche also, lustig zu sein – auch mit Standup-Comedy-Elementen oder Texten, die ich wie beim Slammen vorlese. Letztendlich probiere ich gern alle Spielarten aus.“
           
Als Deutsch-Grieche schlagen heimattechnisch nicht unbedingt zwei Herzen in seiner Brust: „Ich habe mich mein Leben lang immer zu einhundert Prozent als deutsch empfunden und war früher eher ein bisschen genervt, wenn man mich ständig nach meinem griechischen Background gefragt und zu irgendwelchen interkulturellen Begegnungen eingeladen hat. Ich bin ja kein Gast, sondern hier geboren und sozialisiert worden.“

Aber seine Eltern hätten immer sehr viel Wert auf die Tradition ihres Heimatlandes gelegt, und der Name Nektarios Vlachopoulos macht es auch nicht ganz leicht, den eigenen Migrationshintergrund zu ignorieren. „Im Teenager-Alter habe ich mich noch dagegen gewehrt, und hatte erst Recht hauptsächlich deutsche Freunde.“ Mit etwas Abstand habe er das Thema als Teil seiner Geschichte akzeptiert: „Griechisch war die erste Sprache, die ich gesprochen habe. Das prägt.“

Vormerken

Mit seinem aktuellen Programm „Ein ganz klares Jein!“ ist Vlachopoulos unter anderem am 2. November im Mannheimer Schatzkistl zu sehen. Am 24. November folgt ein Auftritt zum Thema „Mit der Kraft der Power“ in der Alten Feuerwache.

Warum Mannheim Heimat ist ...

BILD: GRIMMINGER
BILD: GRIMMINGER
Michael Grimminger
Geschäftsführer Bäckerei Grimminger

„Egal, wo man auch gerade war, gibt es doch nichts Schöneres als vom Autobahnkreuz abzufahren, die Augustaanlage entlangzufahren und unseren schönen Wasserturm zu erblicken. Da weiß man doch, man ist zu Hause! Das bietet keine andere Stadt dieser Welt!“
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