Sonderveröffentlichung
Themenspecial Mein Hund

Zusammenleben ohne Frust

ERZIEHUNG: Er ist loyaler, treuer Begleiter, Beschützer, Spielgefährte und vieles mehr: Seit Jahrtausenden gelten Hunde als die besten Freunde des Menschen. Doch in der täglichen Praxis ist das Verhältnis zwischen Hundehalter und Tier nicht immer reibungslos, oft sogar von Missverständnissen oder Aggressionen geprägt.

Von Markus Wilhelm

Wie erziehe ich meinen Hund richtig? Eher partnerschaftlich – oder unter dem Einsatz von Einschüchterung, Druck und Dominanz? Für viele Besitzer ist das eine Glaubensfrage. Nadine Bihn kennt die Problematik und hat ihren eigenen Weg gefunden: Die Hundeverhaltenstherapeutin aus Mannheim setzt auf aggressionsfreie Erziehung, auf faires, individuelles Training. Körperliche Bestrafung ist für die 35- Jährige ein absolutes Tabu. Bihns Ansatz: die positive Verstärkung. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet das, dass die Tiere nicht für falsches Verhalten sanktioniert werden, sondern richtiges Verhalten anerzogen und belohnt wird. 

„In den letzten Jahren hat schon ein Umdenken stattgefunden“, sieht Bihn ihren Kurs bestätigt und traditionelle Erziehungsmethoden, die auf Bestrafung setzen, auf dem Rückzug. 2010 gründete die dreifache Hundehalterin die Hundeschule „Chico rockt“. An den beiden Standorten Mannheim und Bensheim bietet sie im Team mit fünf Hundetrainerinnen Seminare, Workshops und natürlich Trainingseinheiten an. „Die Arbeit ist super spannend, jedes Hunde-Mensch-Team ist etwas ganz individuelles“, weiß Bihn zu berichten.

Die Experten von „Chico rockt“ distanzieren sich von jeglicher Form von Gewalt wie körpersprachliche Bedrängungen, Flanken zwicken oder Leinenrucks. Vielmehr soll gewünschtes Verhalten durch eine bedürfnisbefriedigende Belohnung erreicht werden. „Natürlich füttern wir auch. Aber es geht nicht darum, dem Tier wahllos Leckerlis in den Mund zu stopfen, sondern darum, zu schauen, was der Hund wirklich braucht und auch tatsächlich als Belohnung ansieht“, betont Bihn und verdeutlicht es an einem konkreten Beispiel.

So gehe es einem Hund, der beim Gassi gehen einem Hasen nachhetze, „nicht darum, den Hasen zu jagen um ihn zu fressen, sondern um das Rennen.“ Im Sinne der bedürfnisbefriedigenden Belohnung wäre hier nicht der Einsatz von Leckerlis der Weg zum gewünschten Ziel – nämlich dem Abbruch der Hasenjagd – sondern beispielsweise gemeinsame Ballwurfspiele.
Fragender Blick: Im Zusammenleben mit dem Hund kann es auch zu Missverständnissen kommen. Die Vierbeiner reagieren übrigens am besten auf Gesten – wenn diese klar eingesetzt werden. BILD: ALEXANDRA DUSIN
Fragender Blick: Im Zusammenleben mit dem Hund kann es auch zu Missverständnissen kommen. Die Vierbeiner reagieren übrigens am besten auf Gesten – wenn diese klar eingesetzt werden. 
BILD: ALEXANDRA DUSIN
Doch auch das Grenzen setzen auf eine faire und nette Weise will für Mensch und Vierbeiner erlernt sein. Hier sei es wichtig, feste Rituale zu etablieren, erklärt Expertin Bihn. Wer nicht möchte, dass sein Hund am Essenstisch bettelt, der sollte das Tier nicht einfach wegschicken – sondern es als feste Regel einführen, dass es sich während der Essenszeiten auf seinen Platz zurückzieht, wo es dann auch eine Belohnung erhalten kann.

Das Setzen von Grenzen ist durchaus ein Balanceakt. Fühlt sich das Tier zu sehr eingegrenzt, stauen sich schnell Frust und Aggressionen auf. Gleiches gilt für den Menschen, wenn er feststellt, dass Grenzen nicht akzeptiert würden. „Grundsätzlich ist es so, dass speziell Haushunde ja schon komplett eingegrenzt sind“, gibt Bihn zu bedenken: „Sie haben sich nicht herausgesucht, wo sie wohnen, gehen an der Leine und kriegen die Futterzeiten vorgeschrieben. Man muss schon aufpassen, ob man noch mehr Grenzen setzen möchte.“

Bihns Tipp: „Es ist wichtig, sich rechtzeitig professionelle Hilfe zu holen, bevor sich der Frust aufstaut. Im Zweifelsfall lieber ein bisschen zu früh – dann lassen sich nicht erwünschte Verhaltensweisen rechtzeitig umlenken.“ Es komme nicht zuletzt auf Geduld an, denn einmal erlerntes Verhalten lasse sich nicht von einen auf den anderen Tag verändern. „Es kann auch einmal Rückschläge geben. Entscheidend ist, dass man nicht den Kopf in den Sand steckt, sondern am Ball bleibt.“ Wie lange das Training für einen Vierbeiner dauere, bis alles in den gewünschten Bahnen laufe, lasse sich nicht pauschal sagen. „Das hängt von vielen Faktoren ab“, weiß Bihn. „Jedes Hunde-Mensch-Team bringt spezifische Eigenschaften mit, auf die wir eingehen.“

Durch ihren Labrador Chico ist Nadine Bihn den Weg zur Hundetrainerin gegangen. Mittlerweile gehören auch Pepper und Snoopy – so die Namen ihrer anderen beiden Hunde – zu ihrem Haushalt. Die Mannheimerin kann auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen – durch die Praxis mit ihren eigenen Tieren, aber auch durch regelmäßige Zusatzqualifikationen. Der Erfolg gibt Nadine Bihn und ihrem Konzept der aggressionsfreien Erziehung Recht. Vor allem die positiven Rückmeldungen ihrer Kunden bestärken die Mannheimer Trainerin. Die leidenschaftliche Hundehalterin weiß aber auch, dass ein ausschließliches Arbeiten über positive Verstärkungen nicht realistisch ist: „Das Leben ist nicht immer positiv. Es gibt im positiven Training natürlich auch negative Konsequenzen!“ Es komme darauf an, diese fair umzusetzen – „und ohne den Hund einzuschüchtern“.
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