Sonderveröffentlichung
Themenspecial Generation 50 plus

„Es geht um die Geschicke der ganzen Welt“

Interview: Wer sich mit Edgar Selge zum Gespräch verabredet, vereinbart damit gleichzeitig den Blick in seelische Tiefe. Denn auch über den Telefonhörer hinweg strahlen Kraft und Lebenserfahrung des 72-Jährigen einen ganz eigenen Geist aus. Unmissverständliche Worte mit dem Mut zur klaren Kante bekommt man von dem Mann aus Brilon ebenso zu hören wie nachdenklich Hintersinniges. Dabei geht es dem Schauspieler bei Weitem nicht nur um die eigene Kunst, die sich bald schon einmal mehr im Klimaschutz-Drama „Ökozid“ zeigen werden. Vielmehr ergeben sich auch Erkenntnisse über Menschlichkeit.

Szene aus dem Film „Ökozid“, der am 18. November im Ersten zu sehen ist. Edgar Selge (r.) spielt Hans-Walter Klein, den Vorsitzenden Richter. BILD: RBB/ZERO ONE FILM/JULIA TERJUNG

21.10.2020
„Es geht um die Geschicke der ganzen Welt“ Image 1
Herr Selge, Sie haben mal gesagt, wenn Sie im Himmel einen Freund haben könnten, würden Sie Franz Kafka wählen. Lassen Sie uns an diesem Gedanken noch einmal teilhaben? 

Edgar Selge: Die Frage, wen ich im Himmel treffen möchte, war bereits absurd. Um darauf hinzuweisen, habe ich geantwortet: Franz Kafka. Denn wenn Kafka im Himmel ist, wäre Gott in der Hölle.

Wenn ich Ihnen den Satz „Hier sieht man in seinem Kaffeegarten den Kellner Edgar auf die Gäste warten“ zitiere – was sagt Ihnen das noch? Das waren immerhin Ihre ersten Worte auf der Bühne, Ihr erstes Stück…

Selge: (lacht) Was haben Sie sich da nur zusammengesucht! Das war eigentlich ein großer Familienspaß. Ein Stück, das meine Mutter anlässlich einer Feier schrieb. Der Text hängt mir im Hirn und geht auch nicht mehr weg.
   
Bauhaus GmbH - Baderwelt
Sie waren damals ein kleiner Bub, der neben einer Jugendstrafanstalt lebte. Ein Häftling floh einmal auf Ihrem Fahrrad, bis er in einer Kleingartenanlage schließlich gestellt wurde. Wie muss ich mir diese Jugend vorstellen? Das muss Sie doch heftig geprägt haben…

Selge: Jede Jugend prägt und die Umgebung eines Jugendgefängnisses ist besonders eindrucksvoll. In den 50er Jahren ist die Vorstellung, aus jugendlichen Straftätern wieder „nützliche Glieder der Gesellschaft zu machen“ – so nannte man das – schon merkwürdig. Denn diese Gesellschaft hatte die schwersten Verbrechen des letzten Jahrhunderts hinter sich, wollte davon aber nichts wissen. Sie war also zur Erziehung von Straftätern nur bedingt geeignet.

Aber nicht nur die Erwachsenen wurden von diesem Jahrzehnt geprägt. Auch Sie sind ja mit sieben Jahren zum ersten Mal von zu Hause mit einem Stück Brot ausgerissen, um die Welt zu ändern. Es hat zwar nur bis zur nächsten Straßenecke gereicht, aber würden Sie sich als jungen Rebell bezeichnen?

Selge: Als Rebell habe ich mich erst ‘68 gesehen. Aber ein gewisser Freiheitsdrang, den Sie wahrscheinlich meinen, ist immer in mir gewesen – und der hat sich auch bis heute in mir gehalten.

Hat das auch etwas mit der strengen protestantischen Erziehung zu tun, die Sie genossen haben?

Selge: Ich habe meine protestantische Erziehung durchaus genossen. Meine gute Bibelkenntnis habe ich nie bereut. Den Zusammenhang zwischen sozialer Arbeit, wie sie mein Vater geleistet hat, und seiner Hingabe an die Musik und die Literatur, war vorbildlich. Es gibt sicher keinen zweiten Gefängnisdirektor, der so gut Klavier gespielt hat wie er. Vor allem hat er seine musikalischen Fähigkeiten ganz seinen Strafgefangenen zukommen lassen. In Form von Konzerten, die er für sie gegeben hat.
  
Autohaus Ivancan GmbH
Sie haben mal gesagt, die christliche Religion bedeute, das Leid der Menschen wahrzunehmen und zu lindern. Gilt das für Sie noch heute?

Selge: Das Christentum ist eine radikale Religion der Nächstenliebe. Radikal bis zur Provokation. Im Zentrum steht das Leiden des Andern, des Nächsten. Das ist der Sinn von Gottes Tod am Kreuz. In der Praxis bedeutet das, dass wir zum Beispiel jeden Flüchtling aus Griechenland aufnehmen und ihn hier gut behandeln sollten. Das könnte unserem Leben hier einen Sinn geben.

Wenn wir an Schiller und das Theater als moralische Anstalt glauben: Werden wir durch diese konkrete Erfahrung zu besseren, moralischeren und mitfühlenderen Wesen?

Selge: Als mitfühlenderes Wesen? Das finde ich gut. Denn dass es im Theater darum geht, widersprüchliche Situationen in ihrer emotionalen Komplexität auszustellen, halte ich für ganz wesentlich.

Wenn man – wie Sie – einen Bruder durch den tragischen Unfall mit einer Handgranate verloren hat: Glaubt man noch an den lieben Gott?

Selge: Ich glaube, dass das nichts miteinander zu tun hat. Was soll das für ein Weihnachtsmann sein, der dafür sorgt, dass auf unserer Erde alles bestens läuft? Nein, Gott ist nicht unser Laufbursche! Für unsere menschlichen Abgründe, für die Kriege, den Waffenhandel und für die Zerstörung unserer Umwelt sind wir schon selbst verantwortlich. Wir müssen uns selber fragen, wie wir eigentlich leben wollen. Und tragische Unglücke, die uns persönlich treffen, haben auch den Sinn, uns an die Endlichkeit unseres Lebens zu erinnern.
   
Edgar Selge im Juli 2016 bei den Bayreuther Festspielen. BILD: TIMM SCHAMBERGER/DPA
Edgar Selge im Juli 2016 bei den Bayreuther Festspielen. BILD: TIMM SCHAMBERGER/DPA
Wer sich Ihre Partien ansieht, erkennt große, engagierte Rollen, die die Bedeutung quasi schon aufsaugen. Trotzdem beschreiben Sie immer wieder eine regelrechte Bühnenangst. Hat die für Sie viel damit zu tun, was auf dem Spiel steht?

Selge: Dass ein Tänzer, ein Sänger, ein Schauspieler, der auf die Bühne geht, Lampenfieber hat, ist normal und angemessen. Auch ein Autor, der vor seinem Papier sitzt, hat Lampenfieber. Unsere Sehnsucht nach Ausdruck bedeutet ja nicht, dass dieser Ausdruck auch gelingt und ankommt. Eigentlich geht es um das Risiko der Kommunikation. Die verlangt immer unsere Offenheit. Dazu muss man Angst überwinden. Denn wir leben im Versteck und in der Verstellung.

Stichwort professionelle Routine: Wie hat sich diese Angst trotz aller Erfahrung gehalten und wie hält man sie so im Zaum, dass sie einen nicht erschlägt?

Selge: Routine ist Verdrängung der Spontanität. Routine will eine Sicherheit, die es nicht gibt.

Wie sehr hängt die Fähigkeit, als Schauspieler das Äußerste aus sich herauszuholen, davon ab, dass man mit Menschen wie in Ihrem Fall Karin Beier zusammenarbeiten kann, mit denen ein tiefes Verständnis und Vertrauen besteht?

Selge: Das spielt eine große Rolle. Man muss sich gegenseitig in seiner Arbeit achten und schätzen. Dazu gehört es auch, sich über die Arbeit der Menschen zu informieren, mit denen man gemeinsam etwas stemmen will. Man muss die Gemeinsamkeit wirklich wollen. Karin Beier war auf den Text und die Proben sehr gut vorbereitet. Ich auch. So hat die Arbeit viel Freude gemacht.

Einen extrem engagierten Beitrag leisten Sie ja auch im neuen Film „Ökozid“, der am 18. November sehr prominent in der Themenwoche der ARD laufen wird. In diesem 90-Minüter wird die Bundesrepublik Deutschland juristisch für die Zerstörung der globalen Umwelt verantwortlich gemacht. Glauben Sie, dass die sehr stark vom Wollen geprägte Debatte durch diesen Film eine neue Qualität in Richtung Müssen erhalten könnte?

Selge: Es geht zunächst um Information. Als ich das Drehbuch las, war ich fassungslos über den Dschungel aus Kumpanei, Kungelei und Selbstbetrug, der zwischen der Industrie und der Politik abläuft. Unser öffentliches Reden stellt sich dar als ein großes Bemühen um die Umwelt, aber tatsächlich ist unter den Regierungen Schröder und Merkel das Gegenteil passiert. Die europäischen Vorgaben für die Umwelt, die aus Brüssel kamen, sind systematisch unterlaufen und blockiert worden. Dazu liefert dieser Film, der auf einer wissenschaftlichen Studie basiert, das Material, das heißt die konkreten Einzelheiten. Es betrifft in erster Linie die Energiewirtschaft und die Automobilindustrie. Was sich da enthüllt, ist ein Alptraum. Jetzt zu Ihrer Frage. Bevor man etwas tun kann, muss man die Lage erkennen. Das bedeutet in diesem Fall, dass wir unsere Politiker viel mehr dazu ermutigen müssen, die Schwierigkeiten offenzulegen, die im Umgang mit der Industrie auftreten. Dann kann auch die Gesellschaft ihre Ziele Schritt für Schritt klarer formulieren und ihre politischen Entscheidungsträger besser stärken. Das ganze Unternehmen dieses Films bezieht seine Kraft aus dem tollen Engagement des Autors und Regisseurs Andres Veiel. Auch aus dem Mut des Senders in Gestalt von Martina Zöllner. Der gemeinschaftliche Wille, diesen Stoff der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, setzt die Solidarität vieler Beteiligter voraus.

Hand auf’s Herz: Wie viel Zündstoff haben diese Erkenntnisse wirklich?

Selge: Das ist sehr brisant. Das ist genau das, was man Zündstoff nennt. Denn speziell die Sozialdemokraten und Gewerkschaften zeigen sich in diesen Filmausschnitten als reine Besitzstandswahrer, denen die Zerstörung der Umwelt egal ist. Gerade Politiker müssen viel mehr Überzeugungsarbeit leisten. Sie müssen den Menschen klarmachen, dass zum Beispiel 4000 Arbeitsstellen in der fossilen Energiewirtschaft 40 000 Arbeitsplätze bei den erneuerbare Energien gegenüberstehen. Sie müssen dafür werben, dass es in der fossilen Energie kein Wachstum geben darf. Aber auch, dass Wachstum durchaus in jeder Technik möglich ist, die die Umwelt schont. Und man muss immer wieder darauf hinweisen, dass es sich lohnt, in solche Technik zu investieren, damit Geld zu verdienen und dort zu arbeiten. Es geht um neue Verbindung von Verantwortung und Wirtschaft.

Sie haben der deutschen Gesellschaft vor gar nicht so langer Zeit attestiert – nicht zuletzt in der Flüchtlingskrise – heuchlerisch agiert und die eigenen Werte nicht klar artikuliert zu haben. Wenn wir beim Film bleiben und eine käufliche Elite befürchten, die dieses Land lenkt: Wie kann der Ausweg in Richtung einer besseren Zukunft aussehen?

Selge: Ich kann nur wiederholen: Wir brauchen Transparenz und Information. Dazu gehört für mich eine illusionslose Bestandsaufnahme darüber, in welchem Zustand unser Planet wirklich ist. Und wir müssen wissen, in welche Industriezweige wir mit unseren Versicherungen und Pensionskassen tatsächlich investieren wollen, in welchem Bereich unsere Geldvermehrung wirklich stattfinden soll.

Glauben Sie denn, dass der Mensch in Zeiten von Fake News-Vorwürfen für diese Fakten überhaupt nicht empfänglich ist?

Selge: Dann muss man eben kämpfen. Wir können doch nicht sagen, nur, weil es eine starke Rechte gibt oder Trump kritische Medien als Fake News-Produzenten betitelt, bräuchten wir uns nicht mehr um die Wahrheit zu kümmern. Wir müssen unser Kaufverhalten ändern. Unsere Abfallbeseitigung müssen wir revolutionieren. Wenn nur fünf Prozent des Plastikmülls, den wir brav getrennt haben, wieder recycelt wird, ist das nicht motivierend.

Werden wir zum Schluss noch einmal persönlich: Wären Sie der bessere Musiker geworden

Selge: Nein, ganz bestimmt nicht (lacht).

Herr Selge, Sie sind jetzt 72. Ist das Alter Ihnen ein hilfreicher Lebensschatz oder manchmal auch nervig, weil man nicht mehr alles so kann, wie man möchte?

Selge: Ich finde, man kann sich im Alter viel schamloser zu dem bekennen, was wichtig ist – oder zumindest dazu, was man für wichtig hält. Die Ängste, dass man es sich mit irgendwelchen Leuten verdirbt, kann man getrost vergessen.

Finale: Haben Sie für sich ein klares Ende auf der Bühne oder vor der Kamera definiert, oder wollen Sie vielleicht genau dort sterben?

Selge: Mein Ende definiert ein anderer. Ich würde jedenfalls lieber zu Hause oder bei der Arbeit sterben, als im Altenheim oder in einer Klinik. Aber im Augenblick geht’s mir gut. Und meine Rückenprobleme waren mit 30 gravierender als heute. Von Markus Mertens