Sonderveröffentlichung
Themenspecial 150 Jahre Galopprennsport in Mannheim

„Eine wahnsinnig gute Idee“

Gabriele Gaul hat in der Pferdezucht ihr Glück gefunden


Pferde verleihen uns Flügel, die wir nicht haben.“ Der beliebte Aphorismus ließe sich weiter spinnen: „Und der Mensch beflügelt das Pferd, indem er die Besten seiner Art vereint.“ Die Zucht edler Vierbeiner hat fast so etwas wie Sucht-Potenzial: Weil sich auf wundersame Weise Schicksal und Sachkenntnis, Erfahrung und Intuition, Hoffen und Bangen verbinden. Überraschungen inbegriffen. Was dies emotional wie rational bedeutet, davon kann Gabriele Gaul ein Lied singen. Seit 2009 zieht sie mit einer Stute Fohlen. „Eigentlich habe ich damit ziemlich naiv begonnen“, blickt die Endfünfzigerin zurück. Dass damals mit ihr die Begeisterung fürs Züchten gleich einem Pferd durchgegangen ist, bereut sie nicht. Im Gegenteil. 

Nach einem Sieg 2009 in Mannheim-Seckenheim: Ericarrow – einst Rennpferd, heute Mutterstute. BILD: MARC RÜHL
Nach einem Sieg 2009 in Mannheim-Seckenheim: Ericarrow – einst Rennpferd, heute Mutterstute. BILD: MARC RÜHL
Der Weg zum Galoppsport und darüber zur Zucht verlief für sie keineswegs in Art eines Start-Ziel-Sieges. Als junge Frau suchte die Wahl-Mannheimerin, die eigentlich aus Mainz stammt, das sprichwörtliche Glück dieser Erde auf dem Rücken der Pferde, nahm im Reiterverein Unterricht. Aber so richtig wohl fühlte sie sich im Sattel nicht. Als Ehefrau des Immobilienentwicklers Peter Gaul, der sich beim Badischen Rennverein ein Jahrzehnt als Vizepräsident und sechs weitere Jahre (bis 2011) als Präsident engagiert hat, begann ihre Faszination für Galopper – insbesondere für deren „Schönheit, Eleganz, Stärke und Schnelligkeit“.

Über Umwege, ja großes Wasser, kam Stute Ericarrow aus England zu Gabriele Gaul. Eigentlich hatte Trainer Christian von der Recke (Weilerswist) die Bollin-Eric-Tochter gekauft – sie blieb jedoch hinter den Erwartungen zurück. Hingegen galoppierte die Braune mit dem weißen Stirnfleck mitten ins Herz ihrer neuen Besitzerin und obendrein auf einen respektablen dritten Platz beim Listen-Parkett im Badener Roulette-Preis. Außerdem gewann sie in Seckenheim einen Amateur-Weltmeisterschaftslauf vor haushohen Favoriten. Der überlegene Sieg begeisterte auch Peter Gaul, damals als Vereinspräsident gewissermaßen Hausherr der Waldrennbahn. „Wie bei diesem internationalen Wettbewerb üblich, gab es eine riesige Siegerehrung mit Nationalhymne und allem Pipapo. Das Deutsche Derby ist nichts dagegen. Wir fanden es toll!“, blickt er zurück.

Ericarrow und ihr sechstes Fohlen: Elle Aigle ist eine Adlerflug-Tochter. BILD: MARC RÜHL
Ericarrow und ihr sechstes Fohlen: Elle Aigle ist eine Adlerflug-Tochter. BILD: MARC RÜHL
Wenig später erlitt Ericarrow einen bleibenden Sehnenschaden. Gabriele Gaul war „zum Heulen“ – aber sie dachte keine Minute an Verkauf. Sie war beseelt von dem Gedanken, dass die so gelassene wie pfeilschnelle Stute mit dem großen Kämpferherz geradezu als Fohlenmutter prädestiniert ist. Gabriele Gaul wagte das Abenteuer. „Eine Wahnsinnsidee, in die Zucht einzusteigen. Im Nachhinein zugegebenermaßen eine wahnsinnig gute Idee“, kommentiert Ehemann Peter Gaul.

Als „Kinderstube“ wählten die Gauls eine grüne Idylle, wo saftiges Gras sprießt, Kastanien lange Wege säumen, Koppeln genügend Raum für Galoppaden munterer Jährlinge bieten, ein Hauch von Freiheit weht – wo obendrein „menschlicher Pferdeverstand“ zu Hause ist. Die Fohlen von Ericarrow – inzwischen sechs an der Zahl – haben auf dem von Michael Andree geführten „Römerhof Erfstadt “ das Licht eines Stalles erblickt und durften „auf der milden Scholle an der Erft“, wie es bei der Gestüts-Gründung anno 1896 hieß, ein unbeschwertes Heranwachsen genießen. Unvergesslich das erste Fohlen – für Mutterstute Ericarrow genauso wie für die Züchterin. Eigentlich hatte Gabriele Gaul den Sohn des Deckhengstes Tertullian nach dem Rocksänger Eric Burdon nennen wollen – weil ihr Ehemann großer Fan des britischen Sängers ist. Der Plan scheiterte jedoch an Namensrechten. Das Erstlingsfohlen Eric rockte freilich auch ohne Starunterstützung auf der Rennbahn: 2013 gewann er gleich das höchstdotierte Rennen für Zweijährige in Baden-Baden. Allerdings nahm die Fachwelt den nicht sonderlich großen Galopper kaum zur Kenntnis. Das von seiner Mutter geerbte Kämpferherz sollte allerdings noch Furore machen: als Eric 2014 beim Deutschen Derby in Hamburg im berühmten Rennen für dreijährige Rennpferde gegen starke Konkurrenz als Außenseiter Platz vier belegte und in Krefeld bei einem Gruppe-III-Rennen siegte. Eric sorgte für manch eine Überraschung. In Köln stürmte er „oben ohne“ aus der Startbox, lief reiterlos die komplette 2400-Meter-Distanz und wurde (nach ärztlichem Check) beim richtigen Rennen erstaunlicherweise noch Dritter. Eric läuft bis heute – auch international. 

Viel unterwegs: Gabriele und Peter Gaul. BILD: PRIVATBILD GAUL
Viel unterwegs: Gabriele und Peter Gaul. BILD: PRIVATBILD GAUL
Dass talentierte Galopper keine Rennmaschinen mit eingebauter Erfolgstaste sind, dies lehrte Erics 2012 geborener Halbbruder Eastside One. Zweijährig gewann er in Bad Doberan einen 1300-Meter-Cup, hingegen lief er dreijährig eine eher durchwachsene Saison. Als die Gauls mit dem Gedanken spielten, ihn von der Rennbahn zu nehmen, ihm aber dann doch noch eine Chance gaben, legte der Mamool-Sohn eine verblüffende Serie von Siegen und vorderen Plätzen hin. „Eric ist Champions League, Eastside One zweite und erste Bundesliga“, umschreibt Gabriele Gaul die Leistungsklasse ihrer zwei ersten Zuchtpferde. Mit einer „Wundertüte, in der noch so ziemlich alles drin ist“, vergleicht sie die 2013 geborene Erica. Die ebenfalls von Mamool abstammende Stute hat es in Listenrennen- und Gruppenrennen auf hohem Niveau zu ansehnlichen Platzierungen gebracht. Aufgrund einer Verletzung geht sie aber möglicherweise in die Zucht. Bei dem dreijährigen Earl, der eine Bänderdehnung auskurieren musste, „weiß man noch nicht, was daraus wird“. Der 2017 geborene Enzo tummelt sich noch auf dem „Römerhof“, steht aber an der Schwelle zum Training. Und das im April geborene Nesthäkchen Elle Aigle will vor allem eines: die Nähe von Mama Ericarrow.

Gabriele Gaul versucht, so häufig wie möglich die idyllische „Kinderstube“ ihrer Vierbeiner zu besuchen und außerdem im Rennstall Hammer-Hansen in Iffezheim die Galopparbeit zu verfolgen. Längst ist Professionalität anfänglicher Blauäugigkeit gewichen. Gabriele Gaul analysiert Rennen, studiert Ausschreibungen, überlegt mit den Trainern, wo und wiehäufig ihre Zuchtpferde starten. „Verheizen“ will sie keines ihrer Pferde – aber auch nicht unterfordern. Immer wieder beobachtet sie, wie junge Galopper nach einem bejubelten Erfolg „an Selbstbewusstsein zulegen“. Und was für einen Traum hat sie? „Dass Ericarrow eines Tages als Stammmutter einer erfolgreichen Blutlinie gilt“ – sozusagen einer erlesenen „E-Linie“. Earl, Enzo und Elle Aigle haben die Zukunft vor sich. Gabriele Gaul ist gespannt, wie viel Schnelligkeit in den Beinen, welch Siegeswille im Herzen ihrer drei jüngsten Zuchtpferde steckt. Und die haben eine gemeinsame Mutter, aber unterschiedliche Väter. „Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen“, sinnierte der „Kleine Prinz“-Autor Antoine de Saint-Exupéry. Wenn das kein wunderbares Motto für Pferdezucht ist! Waltraud Kirsch-Mayer

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