Sonderveröffentlichung
Themenspecial 150 Jahre Galopprennsport in Mannheim

Eine Erfolgsgeschichte

Der Galoppsport hat im Herzen der Stadt Geschichte geschrieben und schreibt sie auf der Seckenheimer Waldrennbahn immer noch.


Die 150 Jahre Galoppsport in Mannheim, sie stehen nicht nur für das Jubiläum des Badischen Rennvereins Mannheim-Seckenheim, sie erzählen auch Stadtgeschichte. Und dazu gehört als weit leuchtendes Glanzlicht das bis heute über feste Hindernisse ausgetragene Jagdrennen „Badenia“ – vor dem Ersten Weltkrieg die höchst dotierte Steeplechase in ganz Europa. Unglaubliche 50 000 Goldmark erwarteten allein den Sieger!

Als sich im Dezember anno 1868 der Badische Rennverein konstituierte, lebten an Rhein und Neckar um die 38 000 Menschen, war die Rheinbrücke Mannheim- Ludwigshafen ein Jahr zuvor für den Eisenbahnbetrieb freigegeben worden. Allerdings gab es den Wasserturm noch nicht, dafür existierte schon zweieinhalb Jahrhunderte der Maimarkt, zu dessen landwirtschaftlichem Rahmenprogramm ab 1836 Pferderennen für Bauern hoch zu Ross (noch ohne Sattel) gehörten – sozusagen der Vorgalopp des späteren Rennvereins.

Wie eng damals der Turf-Pferdesport mit Wirtschaft, Gesellschaft, Adel und Militär verwoben war, offenbarte das Vereinsgründungs-„Comite“, das sich als „Who ’s Who“ der damaligen Zeit las: Seine Großherzogliche Hoheit Prinz Wilhelm von Baden und weitere Durchlauchten bildeten den Ehrenkreis. Offiziere (viele blaublütig), Geschäftsleute, Bankiers und Politiker saßen in der „Directoriumsrunde“.

Als Pionierpräsident hatte Julius Espenschied fast ein Vierteljahrhundert die Zügel fest wie geschickt in der Hand. Der einstige Dragoner-Rittmeister wusste die Ära aufstrebender Industrialisierung zu nutzen: Seine „Badische Kartoffelmehlfabrik“ hatte so viel Geld abgeworfen, dass Espenschied vor den Toren der Stadt, heute Friedrichsfeld, eine Fabrik für Tröge, Wannen und Kanalisationsröhren erfolgreich aufbauen konnte – als Vorläufer der „Steinzeug“, inzwischen „Friatec“. Bevor die Fortüne des Unternehmers mit großbürgerlichem Lebensstil und eigenem Rennstall in wirtschaftliche Fehlschläge umschlug, führte der Patriarch den Rennverein in eine goldene Ära. 

„Gruß vom Rennplatz“: Diese Postkarte mit der Sprungszene aus Mannheim wurde im Mai 1901 gestempelt. BILD: MARCHIVUM, BILDSAMMLUNG, ALBUM NR. 1542–192
„Gruß vom Rennplatz“: Diese Postkarte mit der Sprungszene aus Mannheim wurde im Mai 1901 gestempelt. BILD: MARCHIVUM, BILDSAMMLUNG, ALBUM NR. 1542–192
Als 1869 bei herrlichem Mai-Wetter der Doppelrenntag Premiere feierte und 10 000 Besucher das Hype- Event auf den Neuwiesen, später Rennwiesen genannt, besuchten, dürfte bei der allseits „animirten“ Stimmung, wie es ein Reporter des Fachblatts „Der Sporn“ formulierte, das Schicksal des herrlichen Grünareals nahe des Neckarufers (heute Luisenpark) kein Thema gewesen sein. Eigentlich hatte ein visionärer Goldschmied namens Friedrich Engelhorn die Wiesen kaufen wollen, um dort eine Produktionsstätte für synthetische Farben zu errichten. Weil die Konkurrenz ein höheres Angebot versprach, lehnten die Stadtväter ab. Und so kam es zu der kuriosen Situation, dass eine Fabrik mit dem Hinweis „Badisch“ im weltberühmten Namen – nämlich Badische Anilinund Sodafabrik, kurz BASF – im pfälzischen Ludwigshafen zum Siegeszug ansetzte. Weil letztlich gar kein Verkauf zustande kommen sollte, verpachtete die Stadt die Neuwiesen dem Rennverein – bis zum Zweiten Weltkrieg ein Glücksfall.

Anno 1870, als zum ersten Mal das Jagdrennen „Badenia“ – damals über 5600 Meter mit 26 festen Hindernissen – ausgetragen wurde und Graf Ferdinand Metternich auf „The Nip“ in knapp 13 Minuten souverän die Siegprämie von stattlichen 1200 Gulden samt Ehrenpreis des Großherzogs gewann, sorgte auf der Hamburger Rennbahn eine Bretterbude für Furore: der erste Totalisator auf deutschem Boden.


Badischer Rennverein Mannheim-Seckenheim e.V.

Einige Jahre zuvor war das Wetten ohne Buchmacher, aber mit fairer Ausschüttungsquote in Paris eingeführt worden, was sich schon bald als verlässliche Einnahmequelle erwies. Nicht von ungefähr setzte auch der Badische Rennverein 1887 vier solcher „Addiermaschinen“ ein – anfänglich ausschließlich für Wetten auf Sieg. Ein Vierteljahrhundert später konnte sich Mannheim rühmen, in Süddeutschland den größten Totobetrieb aufgebaut zu haben. 1911 wurden allein bei der „Badenia“-Steeplechase 100 000 Mark umgesetzt. Während der Inflationsjahre, als das Geld schneller an Wert verlor als ein Pferd zu galoppieren vermochte, gab es bis zu 82 Kassen. Auch wenn nach der Währungsumstellung Ende 1923 das Wettfieber abflaute, so blieb das Geschäft am Totalisator wichtiger Einnahmefaktor – bis heute.

Seine goldene Ära der Herrenreiterei (Berufsjockeys sollten erst später kommen) erlebte der Badische Rennverein vor dem Ersten Weltkrieg – auch wenn die Mannheimer Bahn noch 1929 für den besten deutschen Hinderniskurs ausgezeichnet wurde. Nach 1945 waren die nahezu zerstörte Zuschauertribüne und die Bombentrichter im Geläuf keineswegs das größte Problem. Vielmehr blockierte den Verein, dass die Militärregierung die Rennwiesen beschlagnahmte, weil US-Offiziere den dortigen Golfplatz – seit 1930 Untermieter im inneren Rund des Streckenverlaufs – ungestört nutzen wollten. 

Das kolorierte Bild des Rennplatzes (oben), aufgenommen aus einem Zeppelin, ziert die 1921 gestempelte Postkarte. BILD: MARCHIVUM, BILDSAMMLUNG, ALBUM NR. 1542–191B
Das kolorierte Bild des Rennplatzes (oben), aufgenommen aus einem Zeppelin, ziert die 1921 gestempelte Postkarte. BILD: MARCHIVUM, BILDSAMMLUNG, ALBUM NR. 1542–191B
Nach der Freigabe hatte die Stadt mit dem Areal andere Pläne: Unterschiedliche Nutzungskonzepte für Freizeit und Sport, ja ein Schwimmbad wurden heiß diskutiert. Bekanntlich erblühte 1975 dort die Bundesgartenschau, wo früher Vollblüter an tausenden Zuschauern vorbeipreschten. Der Golfclub war zwischenzeitlich nach Viernheim „ausgewandert“.

Trotz der Widrigkeiten gab es bereits 1950 wieder Galoppsport in Mannheim – allerdings von dem Seckenheimer Pferdezucht- und Rennverein auf die Bahn gebracht. Die beiden Vereine bildeten erst eine Interessensgemeinschaft und fusionierten schließlich 1969. Nach dem Zusammenschluss zum Badischen Rennverein Mannheim-Seckenheim erwies sich der pferdebegeisterte Unternehmer Carl Lochbühler vom Familienbetrieb „Lochbühler Aufzüge“, heute in fünfter Generation, als anpackender Präsident. Nach der baulichen Erweiterung der Seckenheimer Rennbahn konnte 1973 das nach Haßloch ausgelagerte Jagdrennen endlich wieder in Mannheim ausgetragen werden. Bis heute strahlt die „Badenia“ gewissermaßen doppelt: Der Reiterverein hat nämlich seinen hochkarätigsten Parcours-Wettbewerb beim großen Spring- und Reitturnier anlässlich des Maimarkts nach der legendären Steeplechase „Badenia“ benannt. Ohnehin verbindet den Präsidenten des jubilierenden Rennvereins, Holger Schmid, und den des Reitervereins, Peter Hofmann, eine Vision: Mannheim zu einer Marke für den gesamten Pferdesport zu machen.

Kein Galopprennen ohne Finish auf der Zielgeraden. Darauf befindet sich gerade der Rennverein. Am 27. Oktober soll ein uriges Fest in Kombination mit dem „Mannheim im Quadrat“-Renntag beim prallen Jubiläums-Programm einen abschließenden Höhepunkt setzen. Grund zum Feiern haben all jene, die mit ehrenamtlichem Einsatz den Traditionsverein zukunftssicher in die Gegenwart geholt haben. Alles andere als selbstverständlich. Waltraud Kirsch-Mayer
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