Sonderveröffentlichung
Themenspecial Nur Mut

Bildschirm statt Bühne

NATIONALTHEATER: Sie hatten teils mehr Zuschauer, als wenn sich der Vorhang regulär hebt: Opernsänger, Schauspieler und Tänzer des Nationaltheaters haben gleich nach der Schließung ihre Kunst virtuell geboten. Das wird in der nächsten Spielzeit fortgesetzt – auch wenn das Ensemble wieder vor Publikum spielen darf.

Screenshot der Zoom-Probe von „Meine geniale Freundin – Teil 2“: Ann-Sophie Reiser. BILD: NTM/DESSAUER

26.06.2020
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Das Flanieren im Foyer entfällt, der Sekt in der Pause, die Begegnungen und Gespräche – ja, das fehlt. Aber keiner kann sagen, dass es kein Theater in Mannheim gegeben hat, als das Nationaltheater wegen der Corona-Pandemie sein Spielhaus abschließen musste. Sofort hat das Team am Goetheplatz verschiedene Formate entwickelt, und das mit Erfolg.

„Digitales Nationaltheater“ nennt sich das Online-Programm auf der Internetseite sowie in den sozialen Medien Facebook, Instagram und Twitter, um in der Zeit, in der kein regulärer Vorstellungsbetrieb erlaubt ist, Kontakt zu den Zuschauern zu halten. Ganz schnell entsteht spartenübergreifend eine Mischung aus Videoclips, interaktiven Formaten, Doku- und Interviewfilmen sowie Streamings von Repertoireklassikern, alle auch auf Dauer weiterhin abrufbar.

Nicht immer geht es ganz ernst zu: Eine herrliche Parodie auf die großen alten Samstagsabends-Quizshows früherer Jahrzehnte hat etwa Opernsänger Joachim Goltz entwickelt: ein Opernquiz. Als seine reizende Assistentin fungiert Bühnenbildassistentin Jodie Fox, auch im echten Leben seine Partnerin – und die erweist sich ebenso als eloquentes Bühnentalent wie seine Töchter. Aus den „Max-Joseph-Studios“, sprich ihrer Wohnung, stellen Goltz und Fox 24 Fragen, alle hübsch illustriert und mit Musik untermalt. Meist geht es um Namen von Komponisten, Titel von Opern oder Theatergeschichte, aber man darf auch Kinderfotos den Bildern der Intendanten zuordnen. „Gott sind die putzig“, so Goltz mit wunderbarer Ironie. Klar, dass das gerade erst im Februar gekürte Bloomaul eine Frage auch in Mannheimer Dialekt stellt.
   
Der absolute Hit: das Tanzvideo „Let’s Dance“ der gesamten NTM-Compagnie – aufgenommen an Orten rund um den Globus. Dieses Video hat bisher 16 555 Personen erreicht und ist damit der beliebteste Beitrag in den sozialen Medien. Auch die Darbietung der anrührenden Arie „Nessun dorma“ aus „Turandot“ von Operntenor Irakli Kakhidze hat digital hohe Wellen. geschlagen. Über 11 300 Personen, so eine Bilanz von Theater-Pressereferent Maik Dessauer, haben das Video bislang bei Facebook aufgerufen. Ebenfalls in die Kategorie der beliebtesten Beiträge hat es das Falafel-Tutorial von Nicolas Fethi Türksever geschafft, bei dem der Schauspieler ( bekannt aus „Meine geniale Freundin – Teil 1“) mit mehr als einem Augenzwinkern sein Falafel-Rezept mit den Zuschauern teilt. Knapp über 8000 Nutzer haben den Beitrag bisher gesehen. Als einer der erfolgreichsten Beiträge bei Instagram hat sich die Ankündigung des Schauspiels „Ellbogen“, das im Stream auf der Webseite gezeigt wurde, erwiesen – er erreicht über 3500 Personen.

Insgesamt hat das Nationaltheater bei Facebook rund 17 500 und bei Instagram knapp über 6 200 Abonnenten – bei 342 000 Besuchern insgesamt in der vergangenen Spielzeit ein guter Schnitt, wenn man bedenkt, dass Theaterbesucher im Durchschnitt älter und weniger bei sozialen Medien unterwegs sind.

Auf besonders große Resonanz seien, so zieht Dessauer Bilanz, die Videos der Rubriken „Künstler*innen im Homeoffice“ und „Meisterklasse“ gestoßen. Bei „Künstler*innen im Homeoffice“ geben die Ensemblemitglieder mal humorvolle, mal sportliche, mal kulinarische, vor allem aber immer persönliche Einblicke in ihr Leben ohne Theateralltag, Proben und Vorstellungen. In der Rubrik „Meisterklasse“ laden die Sänger, Schauspieler und Tänzer das Publikum zum Mit- und Nachmachen beim Singen von Arien, beim Workout oder beim Puzzeln ein. Damit zeigt sich manch ein Publikumsliebling von einer bislang unbekannten, privaten Seite – und viel intensiver als sonst auf der Bühne in der Rolle.

Auch das Live-Format bei Instagram, bei dem bekannte Gesichter von der Mannheimer Opern- oder Schauspielbühne wie Jelena Kordic („Carmen“) und Samuel Koch („Warten auf Godot“) in einer guten Stunde auf die Fragen der Nutzer eingehen und sich von ihrer persönlichen Seite zeigen, stößt nach Theater-Angaben bislang auf großes Interesse.

„Ich dachte erst nicht, dass da viele etwas fragen – ich bin ja keine Anna Netrebko“, so Kordic bescheiden. Aber dann war sie doch gut beschäftigt. Sie wurde nach ihrer Lieblingsrolle in Mannheim (Octavian in „Rosenkavalier“), ihrem Lieblingskostüm (ein „sehr schickes“ Kleid aus „Cosi fan tutte“, das sie bei einem Gastspiel an der Semperoper in Dresden trug) sowie ihrer Meinung zu modernen oder klassischen Inszenierungen gefragt. „Es war sehr nett und wunderbar zu wissen, dass wir beim Publikum nicht vergessen sind und sie auf uns warten, bis wir wiederkommen im September“, so Jelena Kordic nach dem Instagram-Live-Chat. „Triff mich live“, soll – wie viele andere und sich in Planung befindende neue Formate – auch zukünftig, wenn wieder vor Publikum gespielt werden darf, fortgeführt werden.

Und nicht nur das: Ein neues Format ab der kommenden Spielzeit steht bereits fest: ein spartenübergreifender Podcast des Nationaltheaters, moderiert von Clara Günther und Maik Dessauer aus der Presseabteilung des Nationaltheaters. Im Zentrum jeder Folge soll eine Frage stehen, die sich die Zuschauer vor, während und nach ihrem Theaterbesuch in Mannheim stellen. „Gemeinsam mit externen Gästen will das Nationaltheater einmal im Monat in entspannter Talk-Atmosphäre Antworten auf diese Fragen finden“, kündigt Dessauer an.

Aber das Ensemble hat auch an Menschen gedacht, denen in der Corona-Krise das Theater fehlt und die nicht zu den Nutzern Sozialer Netzwerke gehören. Für sie entwickelte das Team die ungewöhnliche Aktion: „Bei Anruf Lyrik“. Schauspieler tragen Gedichte per Telefon vor, von Almut Henkel über Ragna Pitoll, Rocco Brück, Boris Koneczny bis Christian Marx.

Auf besondere Weise geholfen haben in der Corona-Krise zudem die Kostümschneider des Nationaltheaters: Sie nähten Schutzmasken. „Wir haben die Fähigkeiten, das Material, die Leute – dann können wir das doch jetzt in der Krise auch nutzen, wenn anderswo Mangel herrscht“, dachte sich Nele Haller, Mitarbeiterin des Geschäftsführenden Intendanten. Sie regte die Werkstätten des Theaters an, sich auf diese Weise zu engagieren – zumal es auch einen Aufruf der Gesellschaft der Theaterkostümschaffenden, kurz GTKos, dazu gab. „Klar machen wir das gerne“, reagierte sofort Manfred Scholz, der Leiter des Kostümwesens. Seine Kollegen seien „dankbar, dass sie etwas zu tun bekommen, denn es macht auf Dauer mürbe, wenn man nicht arbeiten darf“, so Scholz. Freilich sei „diese Aufgabe weit weg von der eigentlichen Arbeit“, denn statt um Kreativität und Schönheit geht es jetzt um Masse und Schnelligkeit.

Aber schön sind die Masken dennoch – und bunt. „Was an waschbarem Baumwollstoff da war, habe ich herausgesucht, alle vorhandenen Reste entsprechend zugeschnitten“, so Scholz, der all seine Vorräte dafür nutzte. Er packte die Stoffe zu Päckchen – denn genäht wurde nicht im Werkhaus des Nationaltheaters. Dort säßen die 28 Schneiderinnen und Schneider viel zu eng zu zusammen. Sie nähten vielmehr zu Hause, viele Wochen lang. „Fast alle haben Nähmaschinen zu Hause“, berichtet Scholz, und in vier Fällen habe er Maschinen vom Theater in die Wohnungen der Kollegen geliefert, damit sie mitmachen können. Pro Maske brauche man 15 Minuten, „aber mit der Routine wird man schneller“, so Scholz. Das Nationaltheater lieferte die Masken an das Katastrophenschutzlager der Berufsfeuerwehr – über 100 000 Stück.

Von Peter W. Ragge