Sonderveröffentlichung
Themenspecial 50 Plus

Die Stimme der Waldrennbahn

TURF: Am 27. Oktober steigt der letzte Renntag des Jahres auf der Seckenheimer Waldrennbahn – mittendrin ist dann wieder Turf-Kommentator Jürgen Burk.

Von Sibylle Dornseiff

Jürgen Burk kann wenig erschüttern. Pferdenamen wie Rinky Dink Dawn, Get Ready Freddy oder Rock of Cashel – alle Galopper sind für die letzte Jahresveranstaltung am 27. Oktober auf der Seckenheimer Waldrennbahn gemeldet – treiben dem Turf-Kommentator keine Schweißtropfen mehr auf die Stirn. „Das war aber schon anders“, erinnert sich der 57-Jährige noch an die Zeiten der Araberrennen. Vor allem an die Vollblüter des Scheichs von Dubai, die 1997 in Hamburg liefen. „Die hatten brutale Namen, waren lang und kompliziert.“ Die korrekte Aussprache hat er sich von Experten beibringen lassen. „Ich glaube, es war fast immer richtig.“ Heute weiß der gelernte Versicherungskaufmann, dass er sich auf seine Routine verlassen kann. „Genau hinsehen, üben und auswendig lernen. Irgendwann gehen die Namen ins Blut.“ Weil der Kommentator den Rennverlauf in jedem Abschnitt so schildert, dass man auch ohne Hinschauen weiß, wer gerade an welcher Position liegt, hört sich das beinahe an, wie auf einer Auktion. Eine Redepause gibt es während der zwei bis vier Minuten dauernden Rennen nicht.

Die zweite Herausforderung ist die Identifikation der Galopper, denn die läuft ausschließlich über die Trikots der Jockeys. Zwar spielt auch dabei die Erfahrung eine große Rolle, „doch Besitzer und Ställe tauchen neu auf oder verschwinden. Ich helfe mir bei der Orientierung so: helle Namen – helle Farben, dunkle Namen – dunkle Farben. Und wenn ein Besitzer mehrere Pferde in einem Rennen am Start hat – so wie in Mannheim oft Horst Rudolph oder Marco Klein – dann bitte ich sie, dass die Reiter unterschiedliche Helmfarben tragen.“ Den gelegentlich erhobenen Vorwurf, er würde schummeln, weist er mit Nachdruck zurück. „Das gibt es bei mir nicht.“

Früher, zu seinen Anfangszeiten hat sich Burk noch akribisch vorbereitet. Heute, nach fast 40 Jahren, genügt am Renntag-Morgen ein Blick in die Nennungslisten und später vor jedem Start ein Besuch in der Waage. Danach macht er sich auf den Weg in den Richterturm, dank seines Fernglases hat er nun alles im Blick. Hilfreich ist zudem ein Monitor. „Durch die neuen Kameras bleibt inzwischen auch auf der Waldrennbahn nichts mehr verborgen.“ Doch sobald die Pferde auf die Zielgerade eingebogen sind, verlässt er sich nur noch auf sein Auge.

Die Liebe zum Turf wurde dem Neuostheimer in die Wiege gelegt, denn sein Vater Otto Burk hatte nicht nur zwei Rennpferde, sondern war auch über viele Jahrzehnte im Badischen Rennverein Mannheim-Seckenheim: als Vorstandsmitglied, Präsident und Ehrenpräsident. „Meine Initiation hatte ich 1966 in Iffezheim“, ist Sohn Jürgens erste eigene Erinnerung der Sieg von Luciano im Großen Preis von Baden-Baden. Dennoch hielt und hält er sich lieber in einer gewissen Entfernung von den Tieren auf. „Ich liebe Pferde, aber eher aus der Ferne. Ich bin vielleicht dreimal selbst im Sattel gesessen. Die Beobachtung am Führring, von der Tribüne oder vom Richterturm aus genügt mir.“

Nach einem ersten Einstieg als Moderator feierte er 1979 sein Kommentator-Debüt in Haßloch, 1981 dann in Mannheim. „Ich muss wohl Talent mitgebracht haben, für die Feinheiten hatte ich in Wilfried Metzler einen guten Lehrer. Wegen des richtigen Abstandes hat er mir eine Rose ohne Blüten ans Mikrofon geklebt!“ Den beiden Heim-Rennbahnen hält er bis heute die Treue, doch er ist im ganzen Südwesten und darüber hinaus ein gern gebuchter Mitarbeiter. So gab er Gastspiele in Gotha, Hamburg, München, Frankfurt, war 15 Jahre in Saarbrücken und ist weiterhin in Zweibrücken, Karlsruhe, Lebach, Billigheim, Miesau und Erbach. „Ich fühle mich ein bisschen wie der Marcel Reif der Galopprennbahn“, scherzt der vielseitige Burk, der nicht nur reden, sondern auch schreiben kann. Bis vor kurzem verfasste er die Artikel in der Rennzeitung des BRV. Und er hat mit der Vorliebe für Malerei, Fotografie sowie Musik auch eine von der väterlichen Linie vererbte künstlerische Ader. So war der Keyboarder Gründungsmitglied der Mannheimer Kultband AMOKOMA, bis er 1989 aus privaten Gründen aufhörte.

Seit dem Tod seiner Eltern, dem Verkauf des ererbten Hauses und dem Umzug in ein kleines Apartment kann Burk uneingeschränkt seiner Leidenschaft Turf nachgehen. Wenn er nicht selbst kommentiert, reist er zu den schönsten Rennplätzen in Deutschland und Europa. „Die Rennbahn ist mein Leben, ich genieße es auch sehr, als Zuschauer dabei zu sein“, verbringt er jedes Wochenende irgendwo beim Turf. Über 100 Mal war schon in Paris, allein 41 Mal beim berühmten Preis Arc de Triomphe; regelmäßig fährt er nach Ascot und Epsom. „Manchmal wette ich auch, aber nie, wenn ich eine Reportage habe. Und wenn, dann am liebsten in England. Dort bin ich immer erfolgreicher.“ Ebendort hatte er sein wohl schönstes Erlebnis, verbunden damit aber auch sein schlimmstes. „Ich habe 1981 live erlebt, wie Aga Khans Sherger das Epsom-Derby gewann. Zwei Jahre später wurde der Hengst von der IRA gegen die Forderung von zwei Millionen Pfund Lösegeld entführt und getötet.“

Großen Eindruck hinterließ der Besuch auf dem Rennplatz Happy Valley in Hongkong. „Die Bahn liegt zwischen Wolkenkratzern und die Rennen finden unter Flutlicht statt.“ Weil er bisher nur zweimal außerhalb Europas unterwegs war (außer in Hongkong noch in Rio), hat Jürgen Burk noch unerfüllte Wünsche: New York reizt ihn, aber auch Kanada, Japan, Australien oder der Dubai-World-Cup. „Das ist alles eine Frage des Geldes.“ Denn trotz des elterlichen Erbes lebt der Privatier nicht auf großem Fuß. „Es gibt hauptberufliche Kommentatoren, aber zu denen gehöre ich nicht. Meine Honorare reichen vielleicht für die Miete, manchmal springe ich auch als Kurierfahrer ein.“

Burks Lieblings-Turfbahn in Deutschland ist Baden-Baden („Iffezheim ist hier das Non-Plus-Ultra“). Im Südwesten gesteht er Mannheim den höchsten Stellenwert zu. „Durch die Badenia gab es einen Riesenfortschritt, sie ist das größte und wichtigste Jagdrennen in Deutschland. Es ist auch für mich immer eine Herausforderung und Ehre, die Live-Übertragungen zu kommentieren.“

Zur Person

Jürgen Burk wurde am 24. Juli 1961 in Mannheim geboren, besuchte die Johann-Peter-Hebel-Grundschule in Neuostheim, später das Bach-Gymnasium und lernte Versicherungskaufmann.

Von Vater Otto Burk erbte er die Leidenschaft für den Turf, sein erstes großes Erlebnis hatte er 1966 in Baden-Baden. Selbst reiten gehört nicht zu seinen Hobbys. Nach wenigen Jahren als Moderator begann er 1979 als Rennkommentator in Haßloch, seit 1981 ist er die Stimme der Seckenheimer Waldrennbahn.

Er verbringt jedes Wochenende auf einem Turfplatz, entweder als Kommentator in Deutschland und dem Südwesten oder als Besucher in ganz Europa. sd

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