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„Es gibt momentan keinen Platz auf der Welt, an dem ich lieber wäre“

Adler Mannheim: Auch wegen des stabilen Gesundheitssystems hat Verteidiger Cody Lampl den Sommer in der Kurpfalz verbracht, statt über den großen Teich zu jetten. Geschäftsführer Matthias Binder lobt unterdessen das gesamte Team und den Trainerstab für die gelebte Solidarität. Unter dem Strich lautet das Credo im Lager der Blau-Weiß-Roten: Die Hoffnung auf eine DEL-Saison 2020/21 lebt.

Mach’s noch einmal, Cody: Sollte Adler-Verteidiger Lampl im kommenden Frühjahr – wie hier 2019 – den Meisterpokal in die Höhe stemmen können, hätten sich die vielen Entbehrungen von Fans, Spielern und Club gelohnt.

26.06.2020
„Es gibt momentan keinen Platz auf der Welt, an dem ich lieber wäre“ Image 1
SDie Play-offs 2020 wurden abgesagt, wann – und wie – die nächste Saison in der Deutschen Eishockey Liga über die Bühne gehen wird, ist noch völlig unklar. Auf die Frage, ob es derzeit etwas gibt, das ihm Hoffnung macht, wird Matthias Binder deutlich. „Man muss das Kind schon beim Namen nennen: Im Vergleich zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr haben wir bislang nur die Hälfte der Dauerkarten verkauft“, stellt der Geschäftsführer der Adler Mannheim unmissverständlich klar. „Aber natürlich kann man das auch andersherum sehen: Obwohl unsere Ausgangssituation völlig unklar ist, hatten wir Mitte Juni bereits mehr als 2300 Saisontickets abgesetzt.“

Die Blau-Weiß-Roten reagierten, sie verlängerten den Frühbucherrabatt bis Ende Juli. Möglicherweise kommen die Stammkunden in den Genuss, sich ihre Dauerkarte noch später zum günstigen Tarif sichern zu können. Die Adler, die sich 2019 den Titel sicherten, beobachten ganz genau, wie sich die Corona-Pandemie weiter auf das Sportbusiness auswirkt. Während die Saison in der Fußball-Bundesliga ohne Zuschauer zu Ende gebracht werden konnte und auch die BBL-Basketballer beim Finalturnier in München ihren Meister ausspielten, steht momentan noch in den Sternen, wann die Mannheimer SAP Arena wieder für die Fans öffnet. Ursprünglich war der Saisonstart für den 18. September angesetzt, im Hintergrund arbeiteten die DEL-Clubs intensiv an Alternativkonzepten. Nichts wurde ausgeschlossen. In einem Worst-Case-Szenario beginnt die Runde erst kurz vor Weihnachten mit einigen wenigen Geisterspielen, Zuschauer sollen – und müssen – schnellstmöglich in die Stadien zurückkehren, weil die Vereine auf die Einnahmen angewiesen sind. Um den Clubs möglichst viele Heimspiele zu garantieren, ist es sogar möglich, dass der Hauptrundensieger zum Meister gekürt wird – und es ein weiteres Mal keine Play-offs gibt, die für viele das Filetstück der Eishockey-Saison sind.
    
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Da die Clubs überhaupt nicht einschätzen konnten, wie ihre Einnahmensituation kurz- und mittelfristig aussehen wird, versuchten sie, ihre Ausgaben zu minimieren. Das Thema Kurzarbeit machte auch vor den Mitarbeitern in der SAP Arena nicht halt, die Profis mussten ebenfalls ihren Beitrag leisten. „Im Grunde geht es darum, dass wir bei der Lizenzierung wirtschaftliche Plausibilitäten zeigen müssen. Aufgrund der Corona- Situation muss davon ausgegangen werden, dass sich die Einnahmen nicht so entwickeln und nicht so einstellen, wie das in der Vergangenheit der Fall war“, sagte Adler-Gesellschafter Daniel Hopp Anfang Juni und erklärte: „Das ist eine totale Sondersituation! Damit einhergehend müssen wirschauen, dass wir unsere größten Ausgabenblöcke – und das sind bei den DEL-Clubs nun einmal die Personalkosten – anpassen.“

Zwei Wochen später meldete Binder Vollzug. „Wir haben alle für die Lizenzierung notwendigen Unterlagen in der Zentrale der Deutschen Eishockey Liga eingereicht – und zwar ausnahmslos“, betonte der Adler-Geschäftsführer. Das bedeutet, dass das Personal den sogenannten Corona-Klauseln (potenzieller Gehaltsverzicht, Kurzarbeit) zugestimmt hat. „Alle Spieler haben den Vertrag unterzeichnet, auch unsere Trainer und der Manager sind dabei“, betont der 52-Jährige. „Mein Kompliment gilt der gesamten Truppe.“

Öffentlichkeitswirksam hatten zuvor bereits Augsburg, Bremerhaven, Iserlohn und Wolfsburg erklärt, dass ihre Profis das an die Umsatzerlöse der Clubs gekoppelte Einfrieren von 25 Prozent ihres Gehalts akzeptiert haben. Nicht an allen DEL-Standorten stieß das Vorgehen auf Verständnis. Dass es bei den Adlern länger dauerte, bis alle Unterschriften beisammen waren, erklärt Binder so: „In Mannheim haben die Spieler eine andere Fallhöhe als bei kleineren Clubs, wenn es ums Gehalt geht.“

„Alle Spiele haben die Corona-Klausel unterschrieben, auch unsere Trainer und der Manager sind dabei.Mein Kompliment gilt der gesamten Truppe.“

Adler-Geschäftsführer Matthias Binder

Bei den Adlern spielte sich in den vergangenen Wochen vieles im Hintergrund ab. So arbeitete der Club in Absprache mit den Behörden mit Hochdruck an Konzepten, wie ein Saisonstart mit Zuschauern aussehen könnte. Mit großem Interesse verfolgte die DEL daher die Wiederaufnahme des Spielbetriebs in der Fußball-Bundesliga und das Meisterschafts-Finalturnier der Basketballer in München. Die Hygienekonzepte, die dort für Spieler, Trainer, Betreuer und Offizielle greifen, könnten zwar auch auf das Eishockey übertragen werden. „Viel schwieriger ist das Hygienekonzept aber für die Zuschauer umzusetzen – gerade für eine Hallensportart“, betont Binder.

Daniel Hopp bekommt die Diskussionen, Vorschläge und Ideen hautnah mit, der 39-Jährige sitzt im DEL-Aufsichtsrat. „Unser Ziel muss es bleiben, mit einer vollen Kapazität die Arena bespielen zu können“, betont der Adler-Boss und ergänzt: „Wenn es ein stufenweises Heranführen an die volle Kapazität geben soll, kann man darüber sprechen. Ich schließe zahlreiche Geisterspiele aus, ich schließe aber nicht aus, dass man ein oder zwei davon macht im Wissen, dass man dann schrittweise möglichst schnell zu voller Kapazität kommt. 1000 Menschen in die Arena zu einer Veranstaltung zu lassen, ist keine Option. 5000 oder 6000? Darüber kann man eher nachdenken.“

„Wenn es ein Land und eine Liga gibt, in die ich großes Vertrauen setze, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen, sind das Deutschland und die DEL.“

Adler-Verteidiger Cody Lampl

Und die Spieler? Seit Mitte April bereiten sich die über den Sommer in Mannheim gebliebenen Profis auf die nächste Saison vor, die Ausländer erhielten ihren Trainingsplan. Torhüter Dennis Endras wurde in der Zwischenzeit zum ersten Mal Vater, Stürmer David Wolf freute sich darüber, dass er nach der Corona-Zwangspause sein „Café Wolfsbau“ wieder öffnen durfte. Die Pandemie hatte auch ganz unmittelbare Auswirkungen auf den Kader der Mannschaft von Trainer Pavel Gross: Der kroatische Angreifer Borna Rendulic, der in der vergangenen Spielzeit teaminterner Topscorer war, konnte nicht gehalten werden. Das hing, wie Manager Jan-Axel Alavaara bestätigte, auch mit dem selbstauferlegten Transferstopp zusammen: „Wir hatten gute Gespräche. Ohne Corona wäre Borna noch ein Jahr bei uns geblieben, davon bin ich überzeugt.“

Verteidiger Cody Lampl machte aus der Not eine Tugend. „Es gibt momentan keinen Platz auf der Welt, an dem ich lieber sein würde“, betont der US-Amerikaner mit deutschem Pass: „Ich fühle mich in Deutschland sicher. Ich vertraue den Entscheidungsträgern und dem Gesundheitssystem. Das ist der Hauptgrund, warum ich nach dem bitteren Saisonende mit meiner Familie nicht nach Hause geflogen, sondern hier geblieben bin.“ In Mannheim versuchte er – wie so viele in der Hochphase des Corona-Lockdowns –, das Beste aus der Situation zu machen: „Ich verbringe mit meinen Kindern viel Zeit im Garten.“ Obwohl er mit seinem Team die Mission Titelverteidigung nicht zu Ende führen konnte, fiel es Lampl derzeit nicht schwer, sich für die Schindereien im Sommertraining zu motivieren. „Ich weiß, dass ich unserem Fitnesstrainer Anton Blessing zu 100 Prozent vertrauen kann. Ihm geht es einzig und allein darum, uns zu besseren Spielern zu machen. Es tut gut, in die Arena zu kommen, das Hirn auszuschalten und sich einfach nur dem Training widmen zu können.“

Wie es mit der DEL weitergeht? Das ist die Frage, die sich alle stellen, denen das Eishockey am Herzen liegt. „Wenn es ein Land und eine Liga gibt, in die ich großes Vertrauen setze, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen, sind das Deutschland und die DEL“, betont Lampl. Die Hoffnung auf eine DEL-Saison 2020/21 – sie lebt noch.

Von Christian Rotter