Sonderveröffentlichung
Themenspecial Die Adler - Saison 2019/2020

Der Mannheimer Weg – die Adler schlagen eine andere Richtung ein als die Konkurrenz

Philosophie: Mit der neuen sportlichen Führung hat sich beim Club aus der Eishockeystadt einiges zum Positiven verändert / Durch konsequentes Handeln soll nachhaltiger Erfolg einkehren

Von unserem Redaktionsmitglied Christian Rotter  

MANNHEIM. Sie haben die Liga gerockt. Sie haben in der Hauptrunde einen neuen Punkterekord aufgestellt und in den Playoffs 2019 auf ihrem Weg zur Meisterschaft keine einzige Partie in der regulären Spielzeit verloren – in Jubelstürme brechen die Adler trotz des großen Triumphs aber nicht aus. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Sportmanager Jan-Axel Alavaara und liegt damit auf einer Wellenlänge mit Trainer Pavel Gross: „Die Nachricht ist ganz klar: Wir hatten eine gute Saison, sie ist aber Geschichte. Eine Woche nach dem Titelgewinn haben wir uns gesagt: Okay, die Meisterschaft ist vorbei, let’s go!“
           
Mittelstürmer Ben Smith hat sich mit den hohen Anforderungen zurechtgefunden. BILD: PIX
Mittelstürmer Ben Smith hat sich mit den hohen Anforderungen zurechtgefunden. BILD: PIX
Als Clubgesellschafter Daniel Hopp im Dezember 2017 die Notbremse zog, den Weg ebnete für einen Neuanfang und diesen im Sommer 2018 mit einer nicht gekannten Konsequenz vorantrieb, tat der 38-Jährige dies in der Hoffnung auf eine positive Zukunft. Er nahm aber nicht einfach nur eine große Stange Geld in die Hand, um kurzfristigen Erfolg einzukaufen, sondern es ging um eine Neuausrichtung, um das Etablieren einer Club-Philosophie. Dieser neue Mannheimer Weg sollte nachhaltig sein. Manager Alavaara und das Trainerteam um Pavel Gross erhielten die Aufgabe, diese Vision voranzutreiben – ohne Kompromisse, wie bereits die ersten Personalentscheidungen zeigten. So wurde zum Beispiel Daniel Sparre mitgeteilt, dass er sich einen anderen Verein suchen kann, obwohl er noch vertraglich an die Adler gebunden war. „Hätte Daniel Hopp damals diese Schritte nicht gewagt – auch mit den Vertragsauflösungen –, hätten wir diesen Erfolg nicht gehabt. Hätten wir auch nur die Hälfte der Spieler in der Mannschaft gehabt, die den neuen Weg nicht mitgehen wollten, hätte das die Chemie im Team zerstört“, betont Gross. „Wir hatten eine ganz klare Vision, eine ganz klare Ausrichtung, wo wir hinwollen. Das war mir sehr wichtig und ein wesentlicher Bestandteil der Gespräche vor meiner Unterschrift bei den Adlern. Zudem hat Axel gute Spieler, gute Charaktere nach Mannheim geholt. Der ganze Trainerstab hat es geschafft, den Spielern unsere Philosophie zu vermitteln. Es hat einfach alles gepasst. Zur richtigen Zeit haben verschiedene Maßnahmen gegriffen.“

„Hätte Daniel Hopp damals diese Schritte nicht gewagt, hätten wir diesen Erfolg nicht gehabt.“

Klar ist: In Mannheim war Geld in den vergangenen Jahren nie das Problem. Es wurde aber zu selten richtig eingesetzt. Jetzt profitieren die Adler immens von der Professionalisierung ihres Scoutings – und davon, dass Alavaara als ehemaliger Talentspäher der Buffalo Sabres diesen Bereich aus dem Effeff kennt. Das Netzwerk wurde ausgebaut. Die Zeiten gehören der Vergangenheit an, in denen der Blick ausschließlich nach Nordamerika ging. Vor allem der skandinavische Spielermarkt wurde erschlossen – und das aus gutem Grund, wie Alavaara erklärt: „Unsere Philosophie ist die: Man spielt nur so gut, wie man trainiert. Die Profis in Finnland und Schweden haben Elfmonatsverträge. Sie haben im Jahr nur vier Wochen frei, den Rest trainieren sie hart.“
           
Coach Pavel Gross setzt – nicht nur im Training – immer wieder neue Reize. BILD: PIX
Coach Pavel Gross setzt – nicht nur im Training – immer wieder neue Reize. BILD: PIX
Spielersuche: Stressresistenz ein Faktor

Das ist unter anderem ein Grund dafür, warum mit dem Schweden Johan Gustafsson und mit den Finnen Joonas Lehtivuori, Tommi Huhtala und Jan-Mikael Järvinen vier Skandinavier im Kader für die neue Saison stehen. Zudem genoss der gebürtige Kroate Borna Rendulic den Großteil seiner Eishockey- Ausbildung in Finnland, die Verteidiger Mark Katic und Chad Billins wechselten aus der schwedischen Eliteliga SHL nach Mannheim. Die Adler sahen ganz genau hin, wer im Training Gas gab. Das Ergebnis dieser Analyse wird bei den Personalentscheidungen deutlich. Bei einigen Spielern war in diesem Bereich Luft nach oben – Ben Smith passte sich an. „Ben hat das im Verlauf des vergangenen Jahres verstanden. Wir setzen auf laufstarke Spieler – und auf der größeren europäischen Eisfläche ist eine gute Ausdauer einfach das A und O“, erklärt Alavaara. „Du hast Spieler, die in den 52 Hauptrundenpartien überragen, aber in den Play-offs unsichtbar sind“, führt Gross aus. „Bei manchen Spielern ist der Faktor Stress viel höher, wenn es um die Wurst geht, andere blühen in diesen Situationen auf. Sie verkraften es besser, wenn Druck da ist und es um etwas geht.“
         

„Uns liegt die Entwicklung der jungen Spieler am Herzen. Das ist ein ganz wichtiger Pfeiler.“

Um diese Spieler zu finden, haben die Adler Kriterien erarbeitet, die potenzielle Neuzugänge erfüllen müssen. „Natürlich müssen sie auch gut Schlittschuhlaufen können. Es kommt aber auch auf ihren Charakter und ihre Wettbewerbsfähigkeit an. Zudem müssen sie über einen ausgeprägten ,Hockey Sense’ verfügen. Nur wenn ein Spieler in diesen Bereichen über überdurchschnittliche Qualitäten verfügt, ist er ein Kandidat für die Adler Mannheim“, unterstreicht Alavaara. Eine gewisse Stressresistenz sei auch von Vorteil. „Im Spiel dürfen wir den Faktor Stress nicht vergessen, den wir nicht trainieren können. Wir treffen auf einen Gegner, es geht um etwas, auswärts sind vielleicht 10 000 Fans gegen dich. Das kann mancher gar nicht bewältigen, weil es zu viel für ihn ist. Das ist der Grund, warum wir im Training immer 100 Prozent geben. Wenn das nicht der Fall ist, bleiben wir lieber in der Kabine oder machen einen Tag frei“, verdeutlicht Gross. Der 51-Jährige akzeptiert den Konkurrenzkampf um die Plätze nicht nur, sondern forciert diesen. Die Zeiten, in denen Mannheim als Wohlfühloase galt, sind endgültig vorbei. „Die Torhüter Dennis Endras und Johan Gustafsson sollen sich beispielsweise nicht nur als Konkurrenten sehen, sondern sie sollen sich herausfordern und pushen zur bestmöglichen Leistung, damit die Mannschaft der Gewinner ist – nicht der einzelne Goalie, sondern die Mannschaft“, sagt der Coach: „Das verhält sich bei den Verteidigern und den Stürmern genauso. Dass das dem einen oder anderen nicht schmeckt oder in der vergangenen Saison nicht geschmeckt hat, weil er oben auf der Tribüne saß, verdeutlicht ein bisschen die neue Zeitrechnung in Mannheim: Uns interessieren die Namen nicht so sehr, sondern die Leistung und die Entwicklung.“
           
Sportmanager Jan-Axel Alavaara profitiert bei den Transfers von seinem großen Netzwerk. BILD: BINDER
Sportmanager Jan-Axel Alavaara profitiert bei den Transfers von seinem großen Netzwerk. BILD: BINDER
Umstrukturierung im Athletik-Bereich

Fest steht: Gut ist den Adlern nicht (mehr) gut genug. Waren sie in der vergangenen Saison topfit, als es darauf ankam? Ja. Hat sich in den entscheidenden Phasen der Spiele ihre konditionelle Überlegenheit ausgezahlt? Ja – und trotzdem ließen die Mannheimer im Fitnessbereich nicht alles beim Alten, sondern stellten diesen komplett neu auf. „Wir haben einen Teil der Sommervorbereitung verändert“, sagt Gross. „Die meisten deutschen Spieler haben zwölf Monate Vertrag bei uns. Sie haben mit unseren neuen Konditionstrainern in einer Gruppe gearbeitet. Klar, die Jungs schuften auch individuell. Ich glaube aber immer noch, dass es mehr bringt, wenn man in einer Gruppe arbeitet. Die Jungs sind Sportler, im Wettbewerb mit den anderen kitzeln sie noch 10, 15 Prozent mehr aus ihrem Körper heraus. Es ist zwar nicht immer einfach, hier zu bleiben, aber das gehört dazu. Wir wollen den nächsten Schritt gehen und uns in diesem Bereich verbessern.“
          
Nicht stehen bleiben, sich stetig steigern wollen – das ist das Ziel der Adler. Dabei verfolgen sie einen ganzheitlichen Weg, der auch bei der Nachwuchsförderung durchgezogen wird. „Uns liegt die Entwicklung der jungen Spieler am Herzen. Das ist ein ganz wichtiger Pfeiler, auf dem unser Konzept steht“, sagt Alavaara. Jungadler, Heilbronner Falken, Adler – alle sollen die gleiche Sprache sprechen. Dabei geht es dem Manager nicht unbedingt darum, dass bei den Jungadlern das System der „großen Adler“ kopiert wird, um den Talenten den Schritt in die DEL zu erleichtern: „Die Jungadler sollten unser System kennen, müssen es aber nicht unbedingt selbst spielen. Es ist wichtiger, dass sie viel laufen und verschiedene Systeme erlernen.“

Der Mannheimer Weg wird mit großer Konsequenz vorangetrieben – und er kostet Opfer. Der Club trennte sich vom langjährigen Publikumsliebling Ronny Arendt, der zuletzt als Fitnesscoach für die Adler arbeitete. Nach 15 Jahren und über 800 Spielen ging auch die Zeit von Marcus Kink in Mannheim zu Ende – obwohl der Kapitän noch über einen Vertrag bis 2021 verfügt. „Um langfristig erfolgreich zu sein, müssen wir uns an unseren Plan halten“, betont Alavaara, der das Vorgehen im Fall Kink als „Blaupause“ bezeichnet. Die Adler schrecken also vor unpopulären Entscheidungen nicht zurück, wenn sie im sportlichen Bereich von diesen überzeugt sind – mögen sie auch noch so schwer fallen. „Wir haben das Buch 2018/19 zugeklappt und stellen uns der Verpflichtung, weiterzugehen“, betont Pavel Gross. „Es war eine gute Zeit, die wir noch einmal erleben wollen. Wir Trainer werden dafür sorgen, dass die Mannschaft bereit ist. Let’s go.“
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