Sonderveröffentlichung
Themenspecial Die Adler - Saison 2019/2020

Der Mann, der Ketten sprengt

Stürmer: Der in Kroatien geborene Borna Rendulic hat in Finnland eine hochklassige Eishockey-Ausbildung genossen

Von unserem Redaktionsmitglied Christian Rotter  
  
MANNHEIM. Ein Kroate? Borna wer? Als die Adler Anfang Juni die Verpflichtung von Borna Rendulic bekanntgaben, war der 27-Jährige nur den Wenigsten ein Begriff. Ja, Kroatien hat eine Menge gute Basketballer hervorgebracht, bei der Fußball- WM 2018 führte Luka Modric den Balkanstaat bis ins Finale – aber im Eishockey? Der Pucksport nimmt bei den Osteuropäern eine untergeordnete Stellung ein, dümpelt international in der Drittklassigkeit herum. Das bedeutet aber nicht, dass es keinen erstklassigen Spieler mit kroatischen Wurzeln gibt. Rendulic ist das beste Beispiel dafür. In seiner Vita stehen unter anderem 15 Einsätze für die NHL-Clubs Colorado Avalanche und Vancouver Canucks.

Warum ist Rendulic nicht wie viele seiner Freunde beim Fußball gelandet? Wer sich intensiver mit dem stets gut gelaunten und redseligen Neuzugang unterhält, merkt schnell: Rendulic ist niemand, der den einfachsten Weg wählt. Wenn er sich etwas in den Kopf setzt, zieht er das durch – koste es, was es wolle.

Der Sport mit dem runden Leder, das erkannte Rendulic schnell, war nichts für ihn. „Beim Fußball hast du doch nur alle zehn Minuten mal den Ball, das ist mir viel zu wenig“, sagt der 27-Jährige. Wie gut, dass er früh in Kontakt mit Eishockey kam. „Ich habe in meiner Kindheit viele Sportarten ausprobiert, bin aber beim Eishockey hängen geblieben, weil mich dieser Sport am meisten fasziniert hat. Als ich noch in den Kindergarten gegangen bin, habe ich zum ersten Mal Schlittschuhe angezogen, und was soll ich sagen? Ich wollte sie am liebsten nicht mehr ausziehen, das Skaten hat auf Anhieb gut geklappt. Ich war der Einzige, der nicht ständig hingefallen ist“, erzählt er lachend.

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Mit 14 Jahren nach Finnland

Rendulic ging seinen Weg im Heimatclub Medvescak Zagreb. Schnell war klar, dass es sich bei ihm um ein Ausnahmetalent handelt. Er musste die Ketten sprengen, die gewohnte Umgebung verlassen, um sein ganzes Können zu entfalten. „Ich wusste genau: In Kroatien konnte ich mich nicht so entwickeln, wie ich das wollte. Es ist ein kleines Land, in dem Eishockey eine Nebenrolle spielt. Im Alter von 14 Jahren habe ich in Finnland an einem Camp teilgenommen, habe dort in einer Nachwuchsmannschaft einen Platz bekommen und mich danach Jahr für Jahr hochgearbeitet“, schildert er seinen Werdegang und ergänzt mit einem herzhaften Lachen: „Ich habe zwar das Herz eines Kroaten, Finnland hat mich aber zu dem Eishockey-Spieler gemacht, der ich bin.“

Rendulic wurde schnell erwachsen. Besser gesagt: Er musste schnell erwachsen werden. Mit 15 Jahren verließ er das gemachte Nest in Zagreb endgültig, schloss sich der U 16 von S-Kiekko an, einem Eishockeyclub aus Seinäjoki im Westen Finnlands. „Gerade die ersten Wochen waren hart für mich. Meine Mutter wollte mich nicht gehen lassen, aber mein Vater hat wie ich gewusst, dass ich in Finnland den nächsten Schritt machen konnte. Ich habe in Finnland sehr schnell Freunde gefunden und bin in einer Gastfamilie toll aufgenommen worden“, erzählt er.

Bis 2014 blieb Rendulic im Land der tausend Seen, ehe er den Sprung über den großen Teich wagte. Tatsächlich landete er für ein Intermezzo in der NHL. Der Rechtsschütze erfüllte sich einen Traum, will diesen aber nicht überbewerten: „Ich hatte viel Glück, wurde nur nach oben beordert, weil sich sieben andere Stürmer verletzt hatten“, gibt er unumwunden zu. Nein, so selbstkritisch ist er: Als einen NHL-Spieler würde er sich selbst nicht bezeichnen.

2017 kehrte der Mann mit der außergewöhnlichen Vita auf den alten Kontinent zurück. Über seine zweite Heimat Finnland ging es weiter nach Russland. Rendulic absolvierte zwei Saisons für den Moskauer Vorortclub Vityaz Podolsk in der multinationalen KHL. Adler-Manager Jan-Axel Alavaara fiel das Kraftpaket mit dem guten Schuss im Sommer 2018 auf, als Mannheim in einem Testspiel in Sursee (Schweiz) auf Podolsk traf – und Rendulic die Russen mit einer Direktabnahme in Führung brachte. „Rendulic ist ein beweglicher, sehr schneller Spieler, der große Torgefahr ausstrahlt. Er hat eine gute Arbeitseinstellung“, erklärt Alavaara. Der Rechtsschütze könne zwar bei Bedarf auch als Mittelstürmer eingesetzt werden, zunächst ist er aber als Flügel eingeplant.

Rendulic gilt als Upgrade für den nach Salzburg abgewanderten Chad Kolarik. Alavaara sagt: „Wir wissen, dass es nicht einfach ist, Kolarik zu ersetzen, sind aber davon überzeugt, dass Rendulic mindestens so viele Tore schießen kann.“ Kolarik markierte in den vergangenen drei Spielzeiten jeweils über 20 Treffer für die Adler, in den Play-offs ließ seine Torproduktion aber stets nach.

Zeug zum Publikumsliebling

Rendulic hat das Potenzial zum Publikumsliebling. Auf dem Eis geht er in die Ecken, keinem Zweikampf aus dem Weg und zieht vors Tor. Bei den Adlern trägt er das Trikot mit der Nummer 33, das ein gutes Omen sein könnte. Diese Ziffern standen auch auf dem Jersey von Mike Stevens. Der Kanadier genießt bis heute bei vielen Adler-Fans nicht nur einen Kultstatus, weil er in den Meisterteams 1999 und 2001 stand, sondern weil er die Spielweise verkörperte, die in der Arbeiterstadt besonders gut ankommt: Stevens schonte weder sich noch Gegner, ließ ab und zu auch einmal die Fäuste sprechen – und war torgefährlich.

Neben dem Eis ist Rendulic ein Sonnyboy, ein angenehmer Zeitgenosse, der für jeden Spaß zu haben ist. „Schüchtern bin ich jedenfalls nicht gerade“, sagt er und lacht. „Ich bin ein Typ, der auf Menschen zugeht und denke, dass ich einen starken Charakter habe. Da kommt die kroatische Mentalität hervor.“

Um bei den Adlern voll durchzustarten, traf er nicht wie die anderen ausländischen Spieler erst Ende Juli in Mannheim ein, sondern einige Tage früher. „Mir ist daheim langweilig geworden“, sagt er – und das, obwohl er im Sommer keinesfalls untätig war. Selbst als er der Einladung eines guten Freundes zur Hochzeit nach Finnland folgte, hatte Rendulic seine Eishockeysachen im Gepäck. „Ich habe einfach weitertrainiert – zum Beispiel mit dem finnischen Stürmer Joel Armia, der in der NHL für die Montreal Canadiens spielt“, erzählt er.

Am wohlsten hat er sich in seiner Karriere jenseits von Kroatien in Finnland gefühlt, das für Rendulic zu einer zweiten Heimat wurde. „Ich hoffe, dass ich das bald auch über Deutschland sagen kann“, betont er. Der Kroate will seine Geschichte bei den Adlern weiterschreiben. In einem Jahr muss niemand in Mannheim mehr die einschlägigen Internetseiten aufrufen, um sich über Rendulic zu informieren.

Zwei Plätze für U-23-Spieler

Regeln: Nachwuchs soll gefördert werden

MANNHEIM. Die Deutsche Eishockey Liga (DEL) entwickelt sich stetig weiter. Zur Saison 2019/20 hat sie einige Regeln verändert. Ein Überblick:

Spielberichtsbogen:

Ab dieser Saison dürfen nur noch 17 Feldspieler (im Vorjahr waren es 18) mit einer regulären Lizenz pro Partie eingesetzt werden. Will ein Club weiter 19 Feldspieler aufbieten, muss er dies mit zwei U-23-Spielern tun. Diese müssen eine Spielberechtigung für die deutsche Nationalmannschaft besitzen und nach dem 31. Dezember der jeweiligen Saison das 23. Lebensjahr vollenden. Für 2019/20 ist der Geburtsjahrgang 1997 der älteste, der als U 23 gilt.

Flexbanden

In zwölf der 14 Arenen stehen ab dieser Saison belastungsreduzierende Bandensysteme, die im mit neuen Acrylglasscheiben das Verletzungsrisiko für die Spieler reduzieren sollen. Die Kosten belaufen sich auf je 200 000 bis 350 000 Euro. Ausnahmen: In Straubing wird die neue Bande erst im nächsten Jahr installiert. Zudem gewährte der Aufsichtsrat Schwenningen Bestandsschutz, weil in der Helios Arena vor sechs Jahren bereits eine flexiblere Bande eingebaut wurde, die den heutigen Anforderungen genügt.

Disziplinarausschuss

Lorenz Funk junior ist der neue Vorsitzende des Gremiums. Im Gegensatz zu Vorgänger Tino Boos ist der ehemalige Nationalspieler und DEL-Manager nicht fest bei der Liga angestellt, sondern übt den Posten auf Honorarbasis aus. Nach einer Einarbeitungsphase trifft er die Entscheidungen über mögliche Sperren via Konferenz mit seinen Beisitzern (ein Pool bestehend aus Jörg Mayr, Ramin Yazdi, Till Feser, Henrik Hölscher, Richard Schütz und Felix Barth) von seinem Wohnort Fischbachau in Oberbayern aus.

Regeln

- Icing: Ab sofort ist es einem Team, das ein Icing verursacht, nicht mehr gestattet, in der folgenden Unterbrechung eine Auszeit zu nehmen.

- Bully: Bei einem Verstoß gegen die Anspielregeln wurde bisher der Center des sich verfehlenden Teams vom Anspiel weggeschickt. Ab sofort wird dieser durch den Linienrichter verwarnt und derselbe Mittelstürmer wiederholt das Bully. Bei einem erneuten Regelverstoß spricht der Schiedsrichter wie gehabt eine Zweiminuten- Strafe aus.

- Bestrafter verletzter Spieler: Sollte ein Spieler, gegen den eine Strafe ausgesprochen wurde, diese wegen einer Verletzung nicht antreten können, muss kein Ersatzmann die Strafe verbüßen – solange die Strafe nicht auf die Uhr kommt. Es liegt in der Verantwortung des bestraften Teams, dass der betreffende Spieler erst in der ersten Unterbrechung nach Ablauf der Strafe wieder eingesetzt wird.

- Disziplinarstrafe: Sollte eine zehnminütige Disziplinarstrafe ausgesprochen werden und der Übeltäter aufgrund der Spielzeit im laufenden Drittel nicht mehr von der Strafbank zurückkehren können, wird er in die Kabine geschickt. Nach der Pause nimmt der Spieler auf der Strafbank Platz und kehrt mit Ablauf der Strafe aufs Eis zurück.

- Verlorener Schläger: Bisher durfte ein verlorengegangener Schläger dem stocklosen Spieler von einem Mitspieler nur per Hand übergeben werden. Das Zuschieben des Stocks war nicht gestattet und wurde mit einer kleinen Strafe geahndet. Ab sofort darf der Stock dem Mitspieler wieder flach auf dem Eis zugeschoben werden. Weiter gilt jedoch, dass dies nicht in Richtung des Pucks ausgeführt und das gegnerische Team nicht behindert werden darf.

- Verlorener Helm: Bisher musste ein Spieler, der im Laufe des Spiels seinen Helm verlor, sofort zur Bank und durfte seinen Helm nicht wieder aufsetzen. Im Sinne der Sicherheit darf der Spieler seinen Helm jetzt wieder aufheben und aufsetzen. Dennoch muss er wie gehabt sofort zur Bank fahren und darf nicht ins Spielgeschehen eingreifen. cr
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