Sonderveröffentlichung
Themenspecial 50 Plus

„Das ist der Kick!“

FLUGSPORT: Ralf Bauer (55), Gleitschirmflieger aus Leutershausen, nutzt die Kraft der Sonne und schießt dabei eindrucksvolle Fotos in luftiger Höhe.

Von Michael Callies

Es ist der 1. Juli 2006. Ein heißer Tag, die Sonne scheint. Es weht ein böig auffrischender Ostwind. Ralf Bauer (55) aus Leutershausen erinnert sich noch ganz genau an diesen Tag – als wäre es erst gestern gewesen. Mit seinem Gleitschirm ist er damals abgestürzt. In der Nähe von Fränkisch-Krumbach im Odenwald war der 28 Quadratmeter große Schirm in etwa 30 Meter Höhe gleich zweimal zusammengeklappt.

Beim anschließenden Aufprall auf den Hang zog sich Bauer Prellungen, einen Bruch der linken Hand und einen doppelten Beckenbruch zu. Es folgten fünf Wochen Krankenhaus-Aufenthalt mit anschließender zweimonatiger Rehabilitation. Doch nach der vollständigen Genesung dachte der begeisterte Flugsportler gar nicht daran, mit dem Gleitschirmfliegen aufzuhören. Er schnallte sich das Gurtzeug um, packte seinen Gleitschirm auf die Schulter und startete an der gleichen Stelle erneut – allerdings bei besseren Bedingungen. Das ist jetzt gut zwölf Jahre her. „Seitdem gab es zum Glück keine weiteren Zwischenfälle“, berichtet der Flugsportler, der mit seiner über 20-jährigen Erfahrung und seinen unzähligen Flugkilometern längst als erfahrener Pilot unter den Gleitschirmfliegern gilt.

Über den Alpen und den Dolomiten gewinnt er bis etwa 4000 Meter an Höhe. Lärm gibt es da oben nicht, allerdings kann es schon mal richtig kalt werden. Der Aufwind greift soft unter seinen Flügel. Kreisend gewinnt er an Höhe. Bauer: „Vom Schriesheimer Ölberg aus 370 Metern Höhe zu starten und zu sehen, wie aus einzelnen Bäumen Wälder werden, aus Häusern kleine Dörfer und dann an der Wolkenuntergrenze bei etwa 2500 Metern anzukommen – das ist der Kick! Die Landschaft unter mir sieht dann aus wie eine Landkarte.“ Thermik heißt das Zauberwort für lange, hohe und weite Flüge. An sonnigen Tagen erwärmt sich der Boden und damit die darauf aufliegende Luft. Da warme Luft leichter als kalte Luft ist, steigen die warmen Luftmassen, die sogenannte Thermik, auf. Gleitschirmflieger nutzen die aufsteigende Luft, um Höhe zu gewinnen. Im Aufwind fliegt der Gleitschirmpilot Kreise wie ein Vogel, bis er die gewünschte Höhe erreicht hat oder wenn er möchte, bis hinauf zu den Wolken. „Der besondere Reiz des Thermikfliegens liegt darin, diese Aufwinde zu finden und zu nutzen“, sagt der Leutershausener, der vor über 20 Jahren von Ladenburg an die Bergstraße zog. „Da jeder Tag und jeder Aufwind ein bisschen anders ist, wird das Thermikfliegen auch für alte Hasen wie mich nie langweilig.“

Gleitschirmflieger fliegen mit der Kraft der Sonne und im Einklang mit der Natur. Da kann es auch schon mal vorkommen, dass man in der Luft unerwarteten „Besuch“ bekommt – zum Beispiel von einem Vogel. „Einmal flog ein Adler neben mir her. Schaute immer wieder zu mir rüber und drehte schließlich ab. Wir haben die gleiche Thermik genutzt. Ich will nicht wissen, was der gedacht hat.“ Auch Bergsteiger in den Alpen haben ihn vom Gipfelkreuz aus schon lautstark begrüßt und mit dem einen oder anderen Segelflieger-Piloten ist Ralf Bauer mittlerweile auch schon gut bekannt. Sein längster Flug dauerte übrigens rund sechs Stunden, sein weitester war knapp 90 Kilometer weit. Und was sagt seine Familie eigentlich zu dem nicht ganz ungefährlichen Hobby? Ehefrau Regina und die beiden Kinder Philipp (24) und Amelie (21) sehen die Sache recht entspannt. Sie kennen es nicht anders. Bei den meisten Urlauben ist das Flug-Equipment dabei.

Als Kfz-Sachverständiger setzt Ralf Bauer bei seinen Flügen ganz besonders auf Sicherheit. In der Tat: Jede Luftsportart birgt Risiken in sich. Wegen der vergleichsweise niedrigen Fluggeschwindigkeiten von Gleitschirmen sind tödliche Unfälle seltener als in anderen Luftsportarten wie zum Beispiel Segelfliegen, Motorfliegen und Ultraleichtfliegen. Weil Gleitschirme kein schützendes Cockpit haben, wie beispielsweise Segelflugzeuge, kommt es jedoch vergleichsweise häufiger zu Unfällen mit Verletzungen. „In wenigen anderen Sportarten ist jedoch so viel Eigenverantwortung erforderlich wie beim Gleitschirmfliegen“, weiß Ralf Bauer, der bei seinem Absturz 2006 nach eigener Aussage aus seinen Fehlern viel dazugelernt hat. „Gerade weil das Fliegen mit Gleitschirm praktisch von jedermann zu erlernen ist, sind Besonnenheit und Risikobewusstsein Grundvoraussetzungen für eine sichere Ausübung unseres Sports. Leichtsinn und Selbstüberschätzung können schnell in kritische Situationen führen. Besonders wichtig ist eine sichere Einschätzung des Flugwetters.“ Gleitschirme seien nicht für Flüge in turbulenten Wetterbedingungen konstruiert. Die meisten schweren Unfälle mit Gleitschirmen hätten ihre Ursache in einer Fehleinschätzung des Flugwetters durch den Piloten. Die Fluggeräte selbst seien außerordentlich sicher, so Bauer. So hätten sich die Prüfvorschriften des Verbandes für Gurtzeuge und Rettungsfallschirme in den vergangenen Jahren am wachsenden Sicherheitsbedürfnis der Piloten orientiert. Das Flugverhalten eines Standardgleitschirms sei sehr sicher, stabil und Fehler verzeihend. In enger Zusammenarbeit mit den Flugschulen, Fliegervereinen und Herstellern sei ein hohes Sicherheitsniveau erreicht worden.

Ralf Bauer ist seit vielen Jahren Mitglied bei den Schriesheimer „Bergsträßler Drachenund Gleitschirmfliegern e.V“, die den Schriesheimer Ölberg als Startplatz nutzen. Der Ölberg ist der meistbeflogene Berg im Odenwald – gilt aber aufgrund seiner naturrechtlichen Auflagen und luftrechtlichen Besonderheiten als anspruchsvoll. Anspruchsvoll sind auch die zahlreichen Fotos, die Ralf Bauer bei seinen Flügen macht. Ob er über die Region gleitet oder in den Alpen unterwegs ist – für das eine oder andere Selfie muss da natürlich Zeit sein – auch in knapp 4000 Meter Höhe.

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