Sonderveröffentlichung
Themenspecial Mannheim - Meine Heimat

Das Herz der Stadt

STADTGESCHICHTE: Hier flaniert man, hier wird gefeiert: Der Friedrichsplatz ist die nicht nur von Touristen oder Kongressteilnehmern im Rosengarten immer wieder bestaunte größte Jugendstilanlage Deutschlands. Er hat eine sehr spannende, wechselvolle Geschichte.

Von Peter W. Ragge  

Zunächst geht es hier blutig zu. Am 20. Mai 1820 wird der Student Karl Ludwig Sand, der im Jahr zuvor den Schriftsteller August von Kotzebue ermordet hat, von Scharfrichter Widmann mit einem Schwertstreich vom Leben zum Tode befördert. Die Volksmenge „schluchzt“ und reagiert „überaus ergriffen“, heißt es in zeitgenössischen Chroniken. Ein Aufgebot von 2000 großherzoglichen Soldaten muss daher die schon zu kurfürstlicher Zeit genutzte Hinrichtungsstätte in Sichtweite des Heidelberger Tores, östlich der Stadtmauer gelegen, sichern. Dann liegt sie wieder verlassen da.

Schließlich ist Mannheim zu der Zeit noch viel kleiner. Aber die Stadt wächst immer schneller, besonders im Zuge der Aufbruchstimmung nach dem siegreich beendeten deutsch-französischen Krieg 1870/71 und der Gründung des deutschen Kaiserreichs am 18. Januar 1871. Da zählt sie schon 36 606 Einwohner. Wenige Monate später, im Oktober 1871, bewilligt der Mannheimer Bürgerausschuss daher Geld für einen Wettbewerb für eine Stadterweiterung nach Osten, jenseits der Heidelberger Straße (also der Planken) auf die Felder, die bis an die Feudenheimer Gemarkung (heute Neuostheim) heranreichen. „Es ist eine völlige Brachfläche damals“, weiß Andreas Schenk vom Marchivum, Mannheims Archiv und Haus der Stadtgeschichte, der die alten Akten und Pläne intensiv studiert hat.

Den Zuschlag erhält Reinhard Baumeister, Professor in Karlsruhe. Sein Entwurf von 1872 sieht neben großen Wohnungen, Häusern und Villen auch repräsentative Plätze, einen Park Richtung Neckar, Arbeiterhäuser und Flächen für Fabriken vor – man will nicht, dass wieder Firmen abwandern, wie das mit Friedrich Engelhorns Badischer Anilin- und Sodafabrik passiert, die 1865 in Ludwigshafen gegründet wird – die heutige BASF. „Sogar eine breite, große Achse wie die heutige Augustaanlage mit einer Allee hat er schon als Idee“, weiß Schenk.

Allein – der Plan bleibt liegen. „Er war wohl zu ambitioniert für die damalige Zeit, und man hatte kein Geld“, so Schenk. Zunächst werden der Jungbusch und die „Neckargärten“ (Neckarstadt) erweitert, weil viele Arbeiter in die Stadt drängen. Und ganz wichtig wird der Bau einer zentralen Wasserversorgung. 1882 erhält dazu der österreichische Ingenieur Oskar Smreker den Auftrag, der neben einem Wasserwerk im Käfertaler Wald den Bau von einem Hochbehälter zum Ausgleich von Druckschwankungen vor dem Heidelberger Tor vorschlägt – also einen Wasserturm. „Letztlich ist das dann die Initialzündung für die tatsächliche Gründung der Oststadt“, so Andreas Schenk, „denn man hat beschlossen, den Turm ansprechend zu gestalten, weil darum ein repräsentatives, neues Wohnviertel entstehen soll“.

Daher wird eine „würdige“ Gestaltung verlangt, da die „Baustelle sich in einer der besten Baulagen der Stadt befindet und von modernen Häusern mit teilweise reicher Architektur umrahmt ist“, wie es in der Ausschreibung für den Wasserturm heißt. Den Zuschlag dafür bekommt 1886 der erst 23-jährige Stuttgarter Architekt Gustav Halmhuber. Erst 1889, nach mehreren Verzögerungen, Kostensteigerungen, Ärger mit der Baufirma und Krach mit dem (inzwischen am Berliner Reichstagsgebäude arbeitenden) Architekten ist der reich verzierte, 60 Meter hohe Turm vollendet. Er gilt schnell als das Wahrzeichen der prosperierenden Stadt.

Zudem bekommt das städtische Tiefbauamt den Auftrag, rund herum ein Wohngebiet zu entwerfen – ohne Industrie. Erstmals taucht in diesen Plänen der Name „Friedrichsplatz“ (nach Friedrich I., 1856 bis 1907 Großherzog von Baden) auf. Die neue Oststadt wächst schnell, ja ganz Mannheim wird durch erste Eingemeindungen größer. Daher entsteht der Wunsch, eine große, repräsentative Konzert-Festhalle zu bauen – den Rosengarten. Den Wettbewerb gewinnt der Berliner Architekt Bruno Schmitz, bekannt vom Völkerschlachtdenkmal Leipzig. 1899 bis 1903 errichtet er das Gebäude. Der (im Zweiten Weltkrieg zerstörte) Nibelungensaal ist mit 6000 Plätzen der größte Saal in Baden und einer der größten Säle in Deutschland. Parallel zum Rosengarten mit seinen grün glasierten Tonziegeln entsteht 1900/1901 im neubarock-französischen Stil und gelbem Sandstein das Parkhotel, heute „Maritim“.

Zugleich schreibt die Stadt den Bau von Wohn- und Geschäftshäusern als halbrunden Abschluss des Friedrichsplatzes aus. „Man will hier ein wirklich repräsentatives Entree“, so Schenk, während im übrigen Bereich der neuen Oststadt die Bauunternehmer und Architekten zahlreiche Freiräume haben und es zu einigem Wildwuchs kommt. Es bewerben sich aber nur zwei Architekten – was Bruno Schmitz als Chance sieht.

Er bekommt den Auftrag und will dann eben das gesamte Areal gestalten – mit beiden 1903 vollendeten Zirkelbauten, ihren Arkaden und Türmchen, dazu später Wasserbecken und Wassertreppe, Pergolen, Beeten, Hecken, Bäumen und großzügige Schmuckanlagen. Es entsteht 1901/1902 und – weil die Stadt zunächst für das große Wasserbassin kein Geld hat – in einer zweiten Bauphase 1906/07 ein höchst stilvollelegantes Gesamtkunstwerk, heute die größte und schönste Jugendstilanlage Deutschlands.

Schmitz kann Stadtrat und Bürgerausschuss auch deshalb überzeugen, weil die bereits das Jahr 1907 im Blick haben. Da wird Mannheim 300 Jahre alt, will das mit einer „Internationalen Kunst- und Großen Gartenbauausstellung“ feiern – rund um den Friedrichsplatz. Entlang der auf der Südseite noch nicht komplett bebauten Augustaanlage entstehen die Gärten und das Palmenhaus, zudem Vergnügungspark, Panorama, Wasserrutsche und das Abessinier-Dorf, wo Ureinwohner aus dem heutigen Äthiopien und Eritrea in Hütten leben. Für den künstlerischen Ausstellungsteil wird ein völlig neues Gebäude geschaffen, südlich des Friedrichsplatzes.

Möglich machen das die jüdischen Eheleute Julius (1841–1895) und Henriette Aberle (1847–1901). 1901 stiften sie 236 250 Goldmark für ein Gebäude, in dem später die – notdürftig im Schloss untergebrachte – städtische Kunstsammlung eine Heimat finden soll. Der Karlsruher Architekt Hermann Billing baut 1905 bis 1907 diese zweiflügelige Ausstellungshalle aus rotem Mainsandstein. Während Vergnügungspark und Gartenanlagen dem weiteren Ausbau der Oststadt als vornehmes Wohn- und Geschäftsviertel weichen, bleibt der Billing-Bau nach dem Jubiläumsfest erhalten. Im Dezember 1909 wird er als Städtische Kunsthalle eröffnet – und erweist sich schnell als zu klein. Die Pläne von Schmitz für einen monumentalen, tempelartigen Bau im Stil des Neoklassizismus mit einer riesigen Kuppel als Erweiterung werden aber durch den Ersten Weltkrieg nicht realisiert. Viele Jahrzehnte liegt die Fläche brach. Erst 1983, nach mehreren vergeblichen Anläufen, wird hier der Kunsthallen-Erweiterungsbau nach den Plänen von Hans Mitzlaff eröffnet – und dann 2018 durch die neue Mannheimer Kunsthalle, ermöglicht durch eine 50-Millionen-Euro-Spende des Ehepaars Hector und vom Hamburger Büro gmp entworfen, ersetzt.
             

Ausstellung

Über die „Internationale Kunst- und Großen Gartenbauausstellung“ 1907 wie auch die Bundesgartenschau 1975 und ihre jeweiligen Auswirkungen auf die Stadtplanung informiert noch bis einschließlich 18. August die Ausstellung „BUGA 75. Ein Fest verändert die Stadt“ im Marchivum im Ochsenpferchbunker in der Neckarstadt. Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Mittwoch 10 bis 20 Uhr, Montag geschlossen. Eintritt: 5 Euro und 3 Euro (ermäßigt, auch Jahreskarteninhaber der beiden Stadtparks). pwr

Warum Mannheim Heimat ist ...

BILD: HYP YERLIKAYA
BILD: HYP YERLIKAYA
Christian „Chako“ Habekost
Comedian

„Das Klima uff de Gass, die großartige Geschichte mit Kurfürsten und Musikern und Autos und Bulldogs und Fahrrädern. Der Rhythmus vun de Sprooch. Die laude, bunde, direkte, großgoschische Leit üwwerall – die erst dann sprachlos werden, wenn sie erklären sollen, wie die Adressen der Quadrate funktionieren… des gebbt’s nur do!“
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