Sonderveröffentlichung
Themenspecial 50 Plus

Wandern und Wein

AN DER MOSEL UNTERWEGS: Der Calmont ist der steilste Weinberg Europas, hier wachsen Trauben für Spitzen-Rieslinge. Durch den sonnenbeschienenen Hang führt ein Klettersteig – der vom Alpenverein gesichert wurde.

Wanderer auf dem Calmont-Klettersteig – die Sonne knallt in den Hang, viel Trinken ist angesagt. BILD: BERND F. MEIER/DPA-TMN

12.08.2020
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Drei Stunden werden die Wanderer für gerade einmal drei Kilometer benötigen. Das liegt am Terrain: „Unser Klettersteig ist kein Sonntagsspaziergang“, sagt Hans-Jürgen Franzen.

Der Chemiker, 70, ist den Felsenweg schon unzählige Male gegangen, auch heute begleitet er wieder eine kleine Gruppe von Weinfreunden. Denen will er mehr über den Calmont erzählen, den steilsten Weinberg Europas an der Mosel – und über diesen besonderen Weg.

Schritt für Schritt geht es voran, ganz langsam. Gut zehn Meter misst die schmale Passage, gleich zu Beginn des Calmont-Klettersteigs oberhalb von Bremm, der nach Ediger-Eller führt.

Die Tour braucht ihre Zeit, nicht nur wegen des steilen Geländes. Es gibt auch jede Menge zu entdecken, hier in 150 Metern Höhe über der engsten aller Moselschleifen. Gegenüber auf der Landzunge zieht die Klosterruine Stuben immer wieder die Blicke auf sich. „Es gibt auch Wanderer, die stiefeln hier durch, ohne die Besonderheiten des Calmont zu beachten“, sagt Franzen.

An sonnigen Tagen zeigt das Thermometer in Bodennähe schon mal an die 60 Grad Celsius. Fauna und Flora des Calmont haben mediterranen Charakter. Eidechsen huschen zwischen den Steinen hindurch, mit etwas Glück sind seltene Apollofalter zu sehen. „Diese Art kommt in Deutschland nur an drei, vier Stellen vor“, sagt Franzen.

Die ebenfalls vom Artensterben bedrohte Rotflügelige Ödlandschrecke hat am Calmont ihren Lebensraum. Dazu gesellen sich Pflanzen, die Wärme lieben, etwa Felsenmauerpfeffer, weißer Mauerpfeffer und der Felsenahorn, eine typische Mittelmeerpflanze.

Am Calmont sind die Reben in Terrassen quer zum Steilhang gepflanzt. Kaulen nennen sie die runden Einschnitte, die wie ein Hohlspiegel die Sonnenstrahlen bündeln. „Die Kaulen sehen aus wie das Halbrund römischer Amphitheater“, stellt Franzen fest. Tief müssen die Rebstockwurzeln sich durch das Schiefergestein kämpfen, um in zehn Metern Tiefe und noch tiefer lebenswichtige Wasseradern zu erreichen. Wertvolle Mineralien saugen die Reben aus dem Schiefer, das sorgt für den typischen Rieslinggeschmack der Calmont-Weine.
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Römisches Amphitheater – für Franzen ein Stichwort, um den Namen des 380 Meter aufragenden Gebirges zu erläutern: Calidus (warm) und mons (Berg), so hätten die Römer wohl den Berg bezeichnet, woraus später der Name Calmont wurde. „Schließlich haben die Römer bereits 300 Jahre nach Christus an der Mosel Wein angebaut.“

Für den Moment ist das genug Hintergrundwissen, nun geht die Kraxelei so richtig los. Handtuchschmal und steil ist der Steig am Fels, Trittbügel und Haken wurden ins Gestein gebohrt. An Stahlseilen hangeln sich die Tourengeher Meter um Meter mühsam vorwärts. Nur nicht hinunter schauen! Dann folgen Leitern, Tritt für Tritt geht es aufwärts. Der Deutsche Alpenverein hat die Passage gesichert.

Bis zur Jahrtausendwende hat Wein vom Calmont keine Chance: Billige Massenweine aus Südeuropa, von Großkellereien auch an der Mosel abgefüllt, verdrängen den Anbau der gleichermaßen kostbaren wie kostspieligen Rieslinge. Manch ein Winzer gibt seine Mini-Parzelle im Berg auf, die Hänge verbuschen – und die teils mehr als 100 Jahre alten Trockenmauern der Terrassen krachen zusammen.

Rettet den Calmont: Unter diesem Motto finden sich 1999 engagierte Bürger, die Gemeinden Bremm, Ediger-Eller und Neef sowie Kreis- und Landesbehörden zusammen. Land wird aufgekauft, Eigentümer verhandeln, 70 zusammenhängende Parzellen kommen am Ende dabei heraus. Freiwillige Helfer schlagen an den Wochenenden den Weg durchs Buschwerk frei, 2002 wird der Klettersteig eröffnet.

Ungefähr zur gleichen Zeit beginnt Hans-Jürgen Franzens Bruder Ulrich mit der Rekultivierung einer Parzelle im Calmont – ein Pionier. Körperlich anstrengend und zeitintensiv ist die Arbeit in der steilen Parzelle Fachkaul. Von Hand wird die Fläche gerodet, in drei Jahren graben der Winzer aus Bremm und ein Team von Helfern etwa 7900 Rieslingreben in den kargen Schieferboden. Die ersten Trauben können 2005 geerntet werden.

Doch durch einen tragischen Arbeitsunfall stirbt Ulrich Franzen, sein Sohn Kilian steigt mit 23 Jahren in das Weingut der Familie ein. Onkel Hans-Jürgen vermittelt dem gelernten Drucker Kilian die Grundlagen des Weinbaus am Calmont.

„Wer am Calmont arbeitet, der braucht keine Muckibude“, sagt Jungwinzer Kilian. Heute bewirtschaften er und Ehefrau Angelina mit fünf Hektar die größte Fläche am Calmont, keltern Rieslinge bester Qualität und exportieren nach Dänemark und in die USA. Auch Hans-Jürgen Franzen und sein Sohn Philipp bauen inzwischen Riesling am Calmont an, wie sie bei der Rast in ihrer urigen Schutzhütte erzählen. Mit drei Freunden aus Bremm rodet Vater Franzen eine Parzelle in der Geichkaul, die Hobbywinzer ernten dort seit Herbst 2007 Rieslingtrauben.

Traditionell lassen sie der Hefe viel Zeit, den Most in Wein zu verwandeln. Bis zum Spätsommer des nächsten Jahres bleibt dem Wein im Fass Zeit zum Reifen, erst dann wird abgefüllt. „So können sich Aromen und Geschmack voll entfalten.“

Sohn Philipp, 30, bewirtschaftet ein gutes halbes Hektar. „Unsere junge Generation besinnt sich wieder auf alte Werte: Handarbeit in Steillagen mit weniger Ertrag und mehr Qualität.“ Der Calmont-Klettersteig führt vorüber an den kleinen Parzellen der Franzens. Bis zu 400 Wanderer sind an manchen Tagen auf dem Trail unterwegs und sehen die harte Arbeit der Winzer aus nächster Nähe. „Wir setzen darauf, dass die Gäste verstehen, warum wir diese Kulturlandschaft erhalten“, sagt Vater Franzen. „Und die Rieslinge vom steilsten Weinberg Europas ihren Preis haben.“ dpa Von Bernd F. Meier