Sonderveröffentlichung
Themenspecial Mode & Stil - Herbst 2019

Auftritt Ananas

Nachhaltigkeit: Wer auf tierische Produkte verzichten möchte, findet immer mehr Alternativen – auch in der Mode.

Die Schuhe? Natürlich aus Leder. Der Gürtel? Auch. Die Tasche, das Portemonnaie? Ebenfalls Leder. Wer vegan leben oder aus ethischen Gründen auf Produkte mit gegerbter Tierhaut verzichten will, hatte es in der Vergangenheit oft nicht leicht, Alternativen zu finden. In den vergangenen Jahren sind allerdings zunehmend nachhaltige Produkte auf den Markt gekommen – auch weil viele internationale Labels inzwischen weiter denken als bis zum Verkauf ihrer Produkte. „Cradle to cradle“ ist zum Schlagwort dieses neuen Denkens in Kreisläufen geworden: Verbrauchtes soll zur Grundlage von Neuem werden. Das bedeutet nicht nur, dass Recyclingmaterialien ein zweites Leben erhalten, sondern dass auch darüber nachgedacht wird, was aus dem Produkt wird, wenn es nicht mehr benötigt wird.

Vor wenigen Wochen präsentierte Samsonite eine neue Reisegepäck-Kollektion namens „Neoknit“. Das Gewebe sieht aus wie gestrickt, ist robust und wasserabweisend wie Neopren und besteht aus alten PET-Flaschen, die zu einem Garn versponnen wurden. Und zur Berliner Fashion Week stellte Bree die Taschen-Serie „Vary“ aus Tyvek vor. Das Material aus hochverdichteten Polyethylenfasern erinnert optisch an leicht zerknittertes Papier, ist aber reißfest und wasserdicht. Und es kann zu 100 Prozent recycelt werden.

BILD: kovaleva_ka - stock.adobe.com
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Doch auch die Natur liefert Ersatzstoffe für Leder: zum Beispiel die Ananas-Pflanze. Die Entdeckung war purer Zufall. Die Spanierin Carmen Hijosa bereiste die Philippinen Mitte der 90er Jahre eigentlich, um Firmen bei der Lederherstellung zu beraten. Erschüttert von den Arbeitsbedingungen in den Gerbereien und den immensen Umweltschäden, sagte sie der Branche Adios und begann, nach Alternativen zu forschen. Bei den Einheimischen bemerkte sie ein Festtagskleid aus „Piña“, einem festen, aber dehnbaren Stoff, der aus den fasrigen Blättern des Ananasbaums gewebt wird. Hijosa hatte die „Cradle to cradle“-Idee damals schon verinnerlicht. Die Ananasblätter passten perfekt: Sie waren sowieso da (auf den Philippinen ist die Ananas-Produktion ein wichtiger Wirtschaftszweig) und sie galten als Abfall. Sie weiterzuverwerten war ressourcenschonend und günstig. Ein paar Jahre lang produziert und vermarktet sie den Stoff erfolgreich, doch die Idee, ein neues Leder zu entwickeln, lässt sie nicht los. 2009 steigt sie aus ihrem eigenen Unternehmen aus und geht ans Royal College of Art nach London. Fünf Jahre dauert es, dann schafft sie den Durchbruch: Piñatex wird präsentiert, mit ganz ähnlichen Eigenschaften wie Leder, aber vegan. „Ananas Anam“ heißt ihre neue Firma, die Innovation überzeugt auch die Modebranche. Im vergangenen Jahr brachte Hugo Boss die erste Sneakers-Kollektion aus Piñatex in die Läden.

In welche Stoffe wir uns in Zukunft möglicherweise hüllen werden, ist noch bis Oktober auf der Bundesgartenschau in Heilbronn zu bestaunen. Dort zeigt das „Material Labyrinth“ in einer sehenswerten Ausstellung neben Baustoffen der Zukunft auch Piñatex-Produkte und weitere Prototypen aus der Welt der Mode: Holztextil etwa, tierischem Leder ebenfalls sehr ähnlich, Schuhe aus Algenschaumstoff oder Kleidung aus Kombucha-Pilz. Und den Fungi-Sneaker des veganen Schuh-Pioniers Sebastian Thies. Der Münchner experimentiert für seine „nat-2-coffee-line“ auch mit Kaffeeresten. Dem „Fungi“ hat der Zunderschwamm (ein Parasit, der an Bäumen wächst) nicht nur eine edle Wildlederoptik beschert. Er wirkt – und das ist bei einem Sneaker ja nicht ganz unpraktisch – auch antiseptisch und antibakteriell. Ute Maag

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