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Alles auf die Karte Eishockey

Ein 15-jähriger Junge aus Kroatien, der während des Bürgerkriegs aufwächst, verlässt die Heimat, um seinen Traum vom Profisportler zu verfolgen: Diese Beschreibung klingt im ersten Moment vermutlich wie das Drehbuch eines klassischen Hollywoodstreifens. In Wirklichkeit aber ist es die beeindruckende Geschichte von Borna Rendulic, dem Neuzugang der Adler Mannheim, der Familie, Freunde und Bekannte hinter sich lässt, um die Eishockeywelt zu erobern.

Rendulic kam am 25. März 1992 in Zagreb zur Welt, der Hauptstadt Kroatiens. Das Land befand sich damals mitten im Kroatischen Unabhängigkeitskrieg, dem Tausende Menschen zum Opfer fielen. Der heute 27-Jährige bekam von den politischen Wirrungen und den traurigen Zuständen in seinem Land zum Glück kaum etwas mit, zu klein war Rendulic, um den Ernst der Lage überhaupt zu begreifen. „Meine Eltern waren natürlich besorgt, schließlich weiß man nie, welches Ausmaß ein Krieg annimmt. Doch die Unruhen spielten sich eher an den Küsten ab, Zagreb blieb weitestgehend verschont“, so der Kroate.

Die Jahre vergingen und mit ihnen auch der Krieg und die Sorgen. Rendulic ging bereits in den Kindergarten, als er, seine Kumpels und die Erzieher einen Ausflug zum Eislaufen machten. „Ich habe die Schlittschuhe angezogen und bin sofort über das Eis geflitzt“, erinnert sich der Rechtsschütze an seine ersten Schritte auf dem glatten Untergrund. Einige Nachwuchstrainer, so Rendulic, seien damals vor Ort gewesen, um den Kids das Schlittschuhlaufen beizubringen. „Als wir fertig waren, kam einer der Coaches zu mir und lud mich zu einem Eishockeytraining ein“, hatte Rendulic, der wie die meisten kroatischen Jungs auch Fußball spielte, gleich einen positiven Eindruck hinterlassen. Rendulic nahm dankend an – und der Eishockeysport ließ ihn nicht mehr los.

BEI WIND UND WETTER
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Doch die Bedingungen waren alles andere als optimal. Die Eishalle in Zagreb war inzwischen in die Jahre gekommen, ein Dach erst gar nicht vorhanden. Rendulic und seine Teamkameraden waren jedoch nicht zu bremsen, dreimal pro Woche jagten sie der schwarzen Hartgummischeibe hinterher. Ob bei Regen oder Schnee, den Kids war es egal. „Wir hatten eine talentierte Gruppe junger Spieler, die den Sport geliebt hat und sich unbedingt verbessern wollte“, blickt Rendulic auf die Anfangszeit bei Medveščak Zagreb zurück. Der pure Wille, eines Tages ein ganz Großer des Eishockeysports zu werden und sich mit den besten Spielern der Welt zu messen, trieb den heranwachsenden Rendulic an. Wenig verwunderlich, dass er im Alter von 14 Jahren keine Sekunde zögerte, als eine IIHF-Einladung zu einem Trainingscamp in Finnland auf seinem Tisch lag. „Diese Erfahrung wollte ich mir nicht entgehen lassen“, sagt Rendulic, der mit einem seiner Freunde nach Vierumäki aufbrach. „Spieler aus ganz Europa waren dort. Die Coaches, alle aus verschiedenen Ländern, haben uns gezeigt, wie man sich als Profi verhält, wie wichtig gesunde Ernährung ist und auf was es beim Eishockey ankommt.“

BLEIBENDER EINDRUCK

Rendulic wusste im Camp auf sich aufmerksam zu machen. Immer wieder kamen die Trainer auf ihn zu, erkundigten sich nach seinen Plänen. „Sie fragten mich, ob ich nicht nach Finnland kommen wolle, um dort Eishockey zu spielen“, erzählt Rendulic, der in diesem Moment realisierte, dass das Leistungsgefälle zwischen ihm und den anderen Jungs nicht allzu groß war. Doch ein Spieler, erinnert sich Rendulic, war gefühlt von einem anderen Stern: Teemu Pulkkinen. „Wir, also mein Kumpel und ich, waren damals noch jung, völlig unprofessionell und spielten zum Spaß. Doch Teemu hat uns beeindruckt. Als wir dort ankamen, zog er sich eine kurze Hose, ein T-Shirt und seine Laufschuhe an – und ging joggen, abends um 23.00 Uhr. Wir trauten unseren Augen nicht, machten uns lustig über ihn. Aber als wir ihn am nächsten Tag auf dem Eis sahen, dachten wir nur: ‚Wow.‘ Dieser Junge ist über das Eis geflogen, er war unglaublich talentiert. Das spornte uns an.“

Nach einer Woche Trainingscamp im Land der tausend Seen kehrte Rendulic in seine Heimatstadt zurück. Mit all den Eindrücken und Erkenntnissen im Hinterkopf. Dass die Coaches ernsthaftes Interesse an ihm bekundet hatten, ließ ihm jedoch keine Ruhe. Ständig malte er sich aus, wie es wohl sein würde, in Finnland Eishockey zu spielen und dort zu reifen. Die Chance zu bekommen, ein richtiger Eishockeyprofi zu werden. Ein gutes halbes Jahr war ins Land gegangen, als er plötzlich einen Anruf eines Coaches bekam, mit dem er die ganze Zeit über in Kontakt geblieben war. „Er wollte mir helfen, sagte, er habe mir ein Tryout bei Ilves Tampere organisiert“, konnte Rendulic sein Glück zunächst kaum fassen. Doch ihm war klar: Diese Chance bekommt er vermutlich kein zweites Mal. Also packte Rendulic seine Sachen und machte sich auf den Weg nach Tampere, um bei Ilves vorzuspielen, das zur damaligen Zeit von Ilkka Pakarinen gecoacht wurde, der aktuell als CoTrainer für die Heilbronner Falken tätig ist.

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ERSTER RÜCKSCHLAG AUF DEM WEG NACH OBEN

Das einwöchige Tryout verlief nicht optimal für den 14-jährigen Kroaten, zum ersten Mal in seinem noch jungen Leben musste er einen sportlichen Rückschlag verkraften. Rendulic hätte zwar bei Ilves bleiben können, doch Pakarinen konnte ihm keine Einsätze garantieren. Er lehnte das Angebot ab, doch während sich eine Tür schloss, öffnete sich eine neue. „Ein finnischer Agent, der für Ilves arbeitete, sprach mich an und versicherte mir, mich bei einem anderen Team unterbringen zu wollen“, freute sich Rendulic, dass er womöglich eine zweite Chance bekommen würde, sollte ihm dieser Agent einen neuen Club finden – und so war es auch.

Zurück in Zagreb stand Rendulic nun vor der Entscheidung, seine Heimat auf unbestimmte Zeit zu verlassen. So schnell würde er definitiv nicht zurückkommen. „Meine Mutter war sehr traurig, mein Vater hingegen bestärkte mich und sprach mir Mut zu“, gibt Rendulic zu, dass sein Entschluss von gemischten Gefühlen begleitet wurde. Rückblickend jedoch ist er unendlich dankbar. Dankbar, dass ihm seine Eltern keine Steine in den Weg legten. Dankbar,dass seine Eltern Himmel und Hölle in Bewegung setzten, damit er seiner Leidenschaft nachgehen konnte. „Meine Eltern haben zwei Autos verkauft, um mir das Startkapital finanzieren zu können.Sie haben viel für mich getan“, gesteht Rendulic, der sein Finnland-Abenteuer bei S-Kiekko begann, einem finnischen Nachwuchsteam aus Seinäjoki.

KEIN WEG ZURÜCK
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Doch aller Anfang ist schwer. Rendulic spielte auf einmal nicht nur Eishockey fernab der Heimat. Nein. Er lebte plötzlich in einem Land, dessen Sprache er nicht beherrschte und verstand. Dessen Kultur und Lebensart er nicht kannte. „Die ersten Wochen waren unglaublich hart. Es gab immer wieder Momente, in denen ich weinte. Ich hatte oftmals Zweifel, ob es die richtige Entscheidung war. Aber ich biss mich durch, denn ich wollte auf keinen Fall mehr zurück“, hatte Rendulic sein Ziel ständig vor Augen.

In den folgenden Jahren lernte er die Sprache, passte sich der Lebensweise an, fand neue Freunde und machte aus sportlicher Sicht immense Fortschritte. Der Wechsel in die Nachwuchsabteilung von Porin Ässät nur ein Jahr nach seiner Ankunft in Finnland sei im Rückspiegel betrachtet richtungsweisend für seinen späteren Werdegang gewesen, so der sympathische Kroate. „Dort bin ich gereift, habe gelernt, wie man richtig trainiert und wie man Eishockey spielt.“ Rendulic stellte sich der Herausforderung, nahm den harten Konkurrenzkampf in den Nachwuchsmannschaften von Ässat an und wurde von Jahr zu Jahr besser – bis er in der Spielzeit 2011/12 alle Erwartungen übertraf. Mit 61 Scorerpunkten aus 39 Partien für das U20-Team aus Pori absolvierte der damals 19-jährige Rendulic seine bis dahin punktbeste Saison, die Berufung in die erste Mannschaft war also nur noch eine Frage der Zeit. Doch mehr als drei Liiga-Spiele sollten erst einmal nicht für ihn herausspringen, die Ausländerregelung machte ihm einen Strich durch seine fast schon perfekte Rechnung. „Kroatien war damals kein EU-Land, und in Finnland durften maximal drei Ausländer in einer Mannschaft spielen“, ärgerte sich Rendulic, „also spielte ich mit dem Gedanken, die finnische Staatsbürgerschaft anzunehmen.“

So weit sollte es jedoch nie kommen. Zwar wurde das Ausländerkontingent in Finnland aufgestockt, aber das Angebot, das Ässät dem Jungen aus Kroatien nach der Saison vorlegte, entsprach nicht seinen Vorstellungen. Daraufhin unterzeichnete der flinke Angreifer, dessen harter und präziser Schuss eine Waffe ist, im Sommer 2012 ein gültiges Arbeitspapier bei Hämeenlinnan Pallokerho (HPK), nur ein Jahr später absolvierte Rendulic als Importspieler seine erste komplette Spielzeit in Finnlands höchster Spielklasse.

RENDULIC WAGT DEN SPRUNG
   
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Doch Rendulics rasanter Aufstieg war keineswegs an seinem Höhepunkt angelangt. Mit 14 Toren und 21 Vorlagen in 63 Liiga-Partien für HPK hatte er in seiner Premierensaison nicht nur innerhalb der Liiga für Aufsehen gesorgt, sondern auch die Blicke einiger NHL-Clubs auf sich gezogen. Rendulic wagte schließlich den Sprung über den Großen Teich und setzte seine Unterschrift unter einen Zweijahresvertrag bei den Colorado Avalanche. Damit war Rendulic seinem Traum ein großes Stück nähergekommen. Die harte Arbeit, der Schweiß, der Umzug nach Finnland – all das schien sich plötzlich bezahlt zu machen. Angekommen in Denver, nahm er am Trainingscamp der Avs teil und schnell bekam der kroatische Flügelstürmer den bedingungsglosen Konkurrenzkampf zu spüren, der die NHL von anderen Ligen unterscheidet. Rendulic schaffte es nicht auf Anhieb in den Kader, doch er gewann eine entscheidende Erkenntnis: „Mir wurde im Camp relativ schnell bewusst, dass ich den Sprung ins Team schaffen kann. Klar, Spieler wie Matt Duchene, Gabriel Landeskog oder Nathan Mac-Kinnon waren besser als ich. Um jedoch auf ihr Level zu kommen, fehlte mir nicht viel. Das machte mir Mut und gab mir Hoffnung.“

GESCHICHTSTRÄCHTIGES TOR

Rendulic musste also runter, in die American Hockey League zu den Lake Erie Monsters, dem Farmteam der Avs. Doch lange sollte er dort nicht bleiben. Kurze Zeit später kam der Call-up, und Rendulic absolvierte im Dezember 2014 sein erstes NHL-Spiel im Trikot der Colorado Avalanche, für die er auch prompt sein erstes Tor erzielte – und damit NHL-Geschichte schrieb. Denn Rendulic war fortan der erste in Kroatien geborene Eishockeyprofi, dem es in der besten Liga der Welt gelungen ist, einen Treffer zu erzielen.

Der Kroate, der seine Heimat verließ, um die Eishockeywelt zu erobern, war endlich dort angekommen, wo er schon immer hinwollte. Auf dem Weg nach ganz oben hatte er seine Familie hinter sich gelassen, er hatte alles auf die Karte Eishockey gesetzt – und wurde am Ende dafür belohnt.
   
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