Sonderveröffentlichung
Themenspecial Generation 50plus

Aki Kato: Ein Leben im Takt

TANZEN: Aki Kato ist ihren Weg gegangen und erfüllte sich ihre Träume.

„Wenn ich unterrichte, vergesse ich die Zeit“ – Aki Kato widmet sich dem Tanzen mit voller Hingabe. BILD: MICHAEL RUFFLER

25.03.2020
Aki Kato hatte schon als Kind immer nur drei Wünsche: Primaballerina werden, Mama sein und eine Ballettschule besitzen. Inzwischen ist die Japanerin aus Tokio, die seit 1991 in Mannheim lebt, 53 Jahre alt und hat alles erreicht. Gemäß ihrer Lebensmaxime: Wenn man wirklich etwas will, dann schafft man es auch. Sie war von 1991 bis 2001 eine der großen Solistinnen im Ballett-Ensemble des Mannheimer Nationaltheaters, Tochter Miyu ist 15 Jahre alt und seit 2003 ist das Aki-Kato-Tanzforum einer der ersten Adressen in der Quadratestadt, wenn es um Ballett und Tanz für Amateure geht. „Ich wollte immer nur Tanzen – ich kann auch gar nichts anderes“, gesteht sie.

Die Familiengeschichte gab den Weg vor, denn beide Eltern waren Tanz-Profis. Der Vater besaß eine Ballettschule in Tokio, die Aki ab ihrem vierten Lebensjahr besuchte. „Tanzen war schon damals mein Leben. Aber ich wollte damit auch meinem Vater gefallen“, schildert sie ein bis heute nicht unproblematisches Verhältnis. „Ich wollte von ihm gelobt werden.“ Doch darauf wartete sie sogar vergeblich, als sie 1981 die Aufnahme in das renommierte Matsyama-Ballett geschafft hatte – die Compagnie, in der einst auch der Vater tanzte.

Doch für diesen Schritt musste sie auf Drängen einer ebenfalls aus der Tanzszene kommenden Familienfreundin erstmals mit dem Vater auf Konfrontation gehen und die Ballettschule wechseln. Dort lernte sie eine neue Welt kennen. „Das Training war unglaublich intensiv, es wurde ganz wenig geredet, wir reagierten auf Fingerzeige und lernten, uns auf uns selbst und unser Können zu konzentrieren.“ Nach dem Abitur folgte das Vortanzen im Matsuyama-Ballett. „Ich war so stolz, als ich genommen wurde, aber für meinen Vater war das selbstverständlich.“ Doch wie immer fand sie Unterstützung und Halt bei ihrer Mutter.

Die drei Jahre von 1985 bis 1988 in der Compagnie waren hart und lehrreich. Als jüngstes und mit 1,63 Meter größtes Ensemble-Mitglied musste sie sich in den ersten Monaten immer hinten anstellen, erhielt nicht nur Kostüme, die zu klein waren, sondern auch Schuhe. „Ich habe Größe 39, es gab nur noch welche in 37. Dadurch bekam ich eine sehr schmerzhafte Entzündung im Fuß.“ Doch Aki Kato drückte alle Schmerzen weg, tanzte von Montag bis Sonntag und absolvierte pro Jahr 100 Auftritte in allen großen klassischen Balletten. „Wir hatten aber ein gutes Zusammengehörigkeitsgefühl.“

Der weitere Weg führte sie als Solistin ans Stadttheater Bern (1988 bis 1990), dann nach Genf ans Grand Theatre. „Für zwei Stellen haben 400 vorgetanzt – ich wurde genommen!“ Doch die Freude verging rasch. „Wir hatten kaum Auftritte, nur zwei Premieren im Jahr mit je sieben Vorstellungen, dazu ein paar Wiederaufnahmen. Ich war sehr unglücklich.“ Doch da gab es ja noch den brüderlichen Freund Olaf Schmidt, den sie noch aus Bern kannte und der nun in Ulm ein Engagement hatte. Was nun folgte, war ein entscheidender Schritt im Leben von Aki Kato. „Olaf sagte mir, dass sein Ulmer Chef ab 1991 Ballettdirektor in Mannheim sein würde. Ich tanzte vor und wurde engagiert“, hatte sie da die erste Begegnung mit Philippe Talard, mit dem sie bis 2000 fast zehn Jahre zusammenarbeitete und der sie immer als „seine Muse“ bezeichnete. „Er hat mir immer viel gegeben, wir waren am Nationaltheater eine richtige Familie.“ Auf der NTM-Bühne erlebte sie in „Schwanengesang“, das Talard für Kato und Eric Trottier kreierte, im legendären Wasserbecken einen ihrer größten „magic moments“. „Philippe steckte voller Ideen und hatte so viel Charisma. Er gab etwas vor und wir folgten ihm staunend“, erinnert sie gerne an eine aufregende, intensive Zeit.

Doch zur Jahrtausendwende forderte die körperliche Überforderung Tribut, der Arzt verlangte sofortige Schonung, sonst könne sie vielleicht nicht einmal mehr laufen. Der Abschied fiel ihr schwer, aber sie wurde in Japan von ihrer schwerkranken Mutter gebraucht und pflegte sie bis zum Tode. Danach hielt sie nichts mehr in Tokio, sie kehrte in ihre Mannheimer Heimat zurück und wagte den Schritt in die Selbstständigkeit. „Ich hatte in Ilse Thomas eine mütterliche Freundin, die mich in allem bestärkte, mich antrieb und mir beim Aufbau meiner Ballettschule half“, verdankt sie der 2013 verstorbenen Mannheimer Frauenbeauftragten enorm viel. 2001 wurde das Aki-Kato-Tanzforum am Ring in J7 gegründet, schon kurz danach lernte sie Robin Pastyr kennen, den Vater ihrer Tochter, mit dem sie seit 18 Jahren zusammenlebt. „Wir hatten Computer-Probleme und er kam, um zu helfen.“ Auch wenn die Annäherung sehr langsam verlief, ist Aki Kato überzeugt, dass ihre Mutter ihre Hand im Spiel hatte. „Ich lernte ihn an ihrem Todestag kennen, sie schickte ihn mir.“

2008 erfüllte sich der nächste Traum mit dem Umzug in die Kepler-Straße, in die ehemalige Ausbildungsstätte der Tanzabteilung der Musikhochschule. Dort wohnt sie mit ihrer Familie, lehrt Klassisches Ballett sowie Modern, gibt unter anderem Eiskunstläuferin Lea Dastich Privatstunden und choreographiert für öffentliche Auftritte ihrer Gruppen. Und dort trifft sie sich regelmäßig mit ehemaligen NTM-Kollegen wie Luches Huddleston. Beim Unterricht gibt sie alles. „Meine Tochter sagt immer, ‚Mama, du machst viel mehr als deine Schülerinnen.’“ Doch Kato muss sich bewegen und ist froh, dass sie es wieder kann.

„Ich habe einen guten Trainer in Rafael Valdivieso“, hat der ehemalige NTM-Tänzer ihr nicht nur persönlich geholfen, sondern betreut auch einige Modern-Klassen. Seit 2019 ist Aki Kato zudem Dozentin an der Musikhochschule. „Die Leiterin Rosemary Helliwell hat mich gefragt, und ich habe gerne ja gesagt“, ist sie froh, manchmal aus den eigenen Wänden rauszukommen.

Wenn ich unterrichte, vergesse ich die Zeit“, ist sie dankbar, dass der Tanz noch immer ihr Leben bestimmt und „ich nie etwas anderes machen musste“. Aber sie hat noch Ziele, möchte etwas von dem zurückgeben, was sie selbst so positiv erfahren hat. „Ich bin ein Gesamtpaket aus Lehrerin, Choreografin, Tänzerin und einer Mama im weiten Sinn. Ich sehe, wenn es jemandem nicht gut geht und helfe. Jeder braucht Unterstützung“, steht sie nicht nur mit Rat beiseite, sondern auch mit Tat. Zum Beispiel wenn junge Profis oder ehemalige, nun frei arbeitende Kollegen und Kolleginnen eine Trainingsmöglichkeit suchen. „Ich weiß noch nicht genau wie, aber ich möchte für andere etwas Ähnliches tun, wie es Ilse Thomas für mich getan hat.“ Eines weiß sie jedoch genau: Das 20-jährige Jubiläum des Aki-Kato-Tanzforums wird 2021 groß gefeiert. Von Sibylle Dornseiff
 

ZUR PERSON

Aki Kato wurde am 15. Dezember 1966 in Tokio als Tochter von Profitänzern geboren, besuchte seit ihrem vierten Lebensjahr die Ballettschule ihres Vaters, wechselte mit 15 die Schule, machte Abitur und wurde 1985 mit 18 Jahren im Ensemble des renommierten Matsuyama-Balletts aufgenommen.

Von 1988 bis 1990 war sie als Solotänzerin am Stadttheater Bern engagiert, wechselte dann nach Genf ans Grand Theatre. 1991 kam sie in die Compagnie von Philippe Talard am Mannheimer Nationaltheater und blieb bis 2000.

2001 gründete sie mit dem Aki-Kato-Tanzforum ihre eigene Schule, die seit 2008 in der Keplerstraße angesiedelt ist.

Kato lebt seit 18 Jahren mit Robin Pastyr zusammen, ihre Tochter Miyu ist 15. sd
Bernd Kieser, Rechtsanwalt
Baier GmbH