Sonderveröffentlichung
Themenspecial Mode & Stil

Abgestaubt

TREND: Creme, Sand, Camel, Nude – schöne Begriffe für eine vermeintlich biedere Farbe: Beige. Nun gibt sie den Ton an. Warum?

TEXT: Ute Maag, BILD: CARTOON (Frühjahr-/Sommerkollektion 2019) 

Hat das Pantone Color Institute sich vertan? Alljährlich wird dort die „Farbe des Jahres“ gekürt und mit großem Bohei verkündet. In diesem Jahr heißt sie „Living Coral“, ein sattes, warmes Orangerot, in dem Executive Director Leatrice Eiseman einen „Ausdruck von Lebendigkeit mit großer Strahlkraft“ sieht. In der Frühjahrsmode leuchtet der Korallenton allerdings nur sehr dosiert auf – als akzentuierter Farbtupfer in einer monochromen Dünenlandschaft aus, nun ja, Beige. Oder soll man sagen: Camel? Sand? Nude? Creme?

Es gibt fast so viele Begriffe wie Sandkörner in der Wüste für diesen Naturton, der irgendwo zwischen Tütenrahmsoße und Schwarztee mit Milch changiert und von Spöttern gern als „die Schweiz im Spektrum der Farben“ diskreditiert oder – noch schlimmer – gleich mit dem Präfix „Rentner-“ versehen wird. Aus diesem Imagetief als „Farbe des Alters“ kam Beige lange nicht heraus. Genau genommen seit der Steinzeit nicht: Schon damals sollen sich ältere Stammesmitglieder in natur- und erdfarbene Kleidung gehüllt haben. Von der Unauffälligkeit versprachen sie sich Schutz vor Angriffen von Feinden und Raubtieren auf den schwächer werdenden Körper.

Warum dieser offenbar tief verwurzelte Instinkt sich bis in die Neuzeit gehalten hat, ist schwer zu erklären, auch von der Filmemacherin Sylvie Hohlbaum nicht, die 2012 einen Dokumentarfilm über die „Verbeigung“ ihres gerade 65 Jahre alt gewordenen Vaters drehte. In „Beige. Eine persönliche Hommage an die Farbe des Alters“ sagt eine der befragten Damen im besten Alter: „Wir finden, dass das ein schöner Kontrast ist zu der Farbenpracht der Natur, die uns umgibt.“ Sie beschreibt damit die größte Souveränität dieses Tons: Er kann gönnen. Er lässt anderen Farben, die selbstbewusster, lauter schreiend oder auch aggressiver daherkommen, einfach den Vortritt. Und spätestens da wird auch klar, dass das Pantone Color Institute sich nicht vertan hat. Living Coral hat sich vielleicht ein bisschen vor- und damit aufgedrängt, aber Beige kann das ab. „Lassen wir das Blümchen leuchten“, sagen die sandfarbenen Pantone-Familienmitglieder „Rose Dawn“, „Coral Sands“, „Mellow Buff“ und „Burnt Henna“. Denn sie wissen aus der Erfahrung des Alters: Die Farbe des Jahres ist meist nach einer Saison verblüht. Beige ist mehrjährig und robust wie Efeu. Und es emanzipiert sich zunehmend von den Alten.

Oder die sich von ihm. Denn in Zeiten, in denen Senioren zu Best Agern werden, wächst auch ihr Mut zur Farbe. Beige Hose, beiges Hemd, beiger Anorak und beige Schuhe werden auch weiterhin gern genommen, aber nicht mehr gleichzeitig, sondern kombiniert mit Blau, Grün, Schwarz oder Rot. Der Abmarsch der Alten hat die Naturfarbe, die ihren französischen Namen vom Ton ungefärbter Wolle hat, entstaubt. In den freien Raum stoßen nun die Modedesigner, die Beige in den vergangenen Jahren zunächst euphemisierten als Nude, Sand oder Creme, nun aber als das bezeichnen, was es ist. Burberry habe ohnehin gewissermaßen ein Sonderrecht an dieser Farbe, erklärte Kreativchef Riccardo Tisci nach der Präsentation seiner ersten Kollektion für das Traditionshaus im vergangenen Herbst. Mittlerweile hat er den Londoner Store neu streichen lassen – in aberwitzig vielen verschiedenen Nuancen von Beige.

ELEGANT UND VORNEHM

Denn Beige steht auch für eine gewisse Eleganz und Vornehmheit, gerade in der Welt des Interior Designs. Der britische Farbenhersteller Farrow & Ball bietet an die 30 Farbtöne mit wohlklingenden Namen an, die aber alle auch Beige heißen könnten, und die in ihren vielfältigen Nuancen dann wunderbar mit Blau, Grün, Braun oder Rot harmonieren. Ein gefälliger Hinterund Untergrund, der perfekt zur Geltung bringt, was davor inszeniert wird. Zum Beispiel die berühmteste aller Beige-Trägerinnen: Schauspielerin Grace Kelly, eines Rentnerinnen- Images völlig unverdächtig, aber dank goldblonder Haare und perfektem Make-up geradezu prädestiniert als Beige-Botschafterin.

Es hat dann doch ein paar Jahrzehnte gedauert, bis die Farbe eine Hauptrolle in der Mode übernommen hat. Warum gerade jetzt? Darüber darf spekuliert werden. „Ich glaube, dass Beige in der kommenden Saison vor allem deshalb ein Erfolg sein wird, weil sich die Verbraucher bei all den Farbexplosionen, die man sonst so sieht, wieder nach einer ruhigen, neutralen Farbe sehnen“, sagte zum Beispiel Shopping-Beraterin Anette Helbig aus Hannover der dpa. Klingt plausibel, zumal der Ton sich höchst vielseitig mit praktisch allem kombinieren lässt, was der Kleiderschrank so hergibt: Sportliches und Elegantes, Goldschmuck ebenso wie Silber, Schwarz genauso wie Weiß oder eine Leuchtfarbe. Das Pantone Color Institute empfiehlt Living Coral.

Expertenmeinung

„IHRE HANDTASCHE, IHR STYLE!“

„Hochaktuell sind Taschen von mittlerer Größe, die sich sowohl als Shoulder-Bag als auch am langen Riemen tragen lassen. In dieser Frühjahr- und Sommer-Saison punkten Modelle mit Applikationen aus Leder, Perlen, Nieten oder auch floralen Elementen, die die Persönlichkeit der Trägerin in Szene setzen. So erhält auch der urbane Simple Chic seine individuelle Note“, sagt Marion Beigel, Leitung Berufskolleg für Mode und Design an der Akademie für Kommunikation in Mannheim. imp

Platz da!

STOFFBEUTEL: Über die erstaunliche Karriere eines unterschätzten Accessoires.

TEXT: Ute Maag

Was da alles reinpasst! Der Wocheneinkauf beim Gemüsehändler, ein Paar Ersatzschuhe, eine Extraschicht Klamotten für den Heimweg in der Kälte oder die spontan gekauften Magazine für den verregneten Sonntag: Beutel aus Stoff schlucken alles. Sie lassen sich widerstandslos in die Designertasche knüllen, um im entscheidenden Moment aus der Tiefe des Raums geholt zu werden und ihr ganzes Potenzial zu entfalten – als Transportmöglichkeit für Habseligkeiten aller Art, aber auch als Statement.

„PART OF THE ART“

„Jute statt Plastik“ wurde vor 40 Jahren zum Erkennungszeichen umweltbewusster Menschen, die den eigentümlich riechenden groben Naturstoff bunt bedruckten Einweg-Einkaufstüten vorzogen. Heute ist das sackartige Gewebe von der deutlich feineren Baumwolle in die Öko-Nische gedrängt worden. Dafür sind die Botschaften, die die Baumwollbeutel-Träger (subtil oder explizit aufgedruckt) mit sich herumtragen, deutlich vielfältiger. Als „part of the art“ weist zum Beispiel das kleine schwarze Stöffchen der Kunsthalle Mannheim seinen Besitzer aus, und als das US-amerikanische Magazin „New Yorker“ im vergangenen Jahr allen Schnupper-Abos eine beige Baumwolltasche mit schwarzem Logo-Aufdruck beilegte, stieg das Interesse an den Reportagen und Essays von David Remnick und Kollegen deutlich an – auch im nichtenglischsprachigen Europa. Selbst Gustav Klimt oder Edvard Munch hängen sich selbsternannte Kunstbeflissene heute für kleines Geld über die Schulter: Zahlreiche Museumsshops vertreiben Taschen, auf denen der „Kuss“ oder der „Schrei“ prangt. Die Extra-Gebühr, die der Einzelhandel seit einiger Zeit für Plastiktüten berechnet, haben das Bewusstsein der Konsumenten für die Mehrweg-Taschen weiter geschärft, auch wenn die Ökobilanz der Baumwollprodukte gegenüber Plastiktüten offenbar nur dann eindeutig positiv ausfällt, wenn sie sehr lange benutzt werden. Waschbar sind sie auf jeden Fall – aber leider auch knittrig, wenn sie nachher nicht gebügelt werden. Pflegeleichter und keineswegs umweltschädlicher sind vielfach verwendbare Taschen aus Kunststoff, die im Design dem guten alten Turnbeutel nachempfunden sind oder aber der Tote-Bag, die ihren Namen vom schweren Schleppen der vielen Inhalte hat.

IT-BAG AUS LEDER

Diese It-Bag mit dem beachtlichen Fassungsvermögen und zwei langen Schlaufen ist ein ähnlich unkaputtbarer Klassiker und meist in hochwertigem Leder gefertigt. Für den Einkauf beim Gemüsehändler deponieren gewiefte Träger einen Stoffbeutel in der Tiefe ihres Raums.
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