Sonderveröffentlichung
Themenspecial Generation 50 Plus

370 Kilometer grenzenlose Freiheit

ALPEN-TOUR: Von wegen Ruhestand – wie ein Pfälzer Duo auf dem Fahrradsattel die Alpen bis nach Bozen überquerte.


23.10.2019
Von Stefan Wagner 

Gib einem Menschen einen Fisch und er kann sich einen Tag lang ernähren. Lehre einem Menschen das Fischen und er kann sich sein Leben lang ernähren. Lehre einem Mann das Radfahren und er merkt, dass das Fischen ein langweiliger Zeitvertreib ist.“ Eine von vielen Lebensweisheiten des südafrikanischen Friedensnobelpreisträgers Desmond Tutu. Die leidenschaftliche Hommage an den Drahtesel könnte aber auch von Reinhard Stopp stammen.

Entspannt sitzt der 64-Jährige am frühen Nachmittag im heimischen Garten in Böhl-Iggelheim und genießt die letzten spätsommerlichen Sonnenstrahlen. Eine kleine Radtour hat er natürlich auch schon in den Beinen. Reinhard Stopp ist ein Verrückter, im positiven Sinn. Verrückt nach dem Freiheitsgefühl auf dem Sattel. 45 Jahre lang war der Ur-Pfälzer im technischen Bereich des „Mannheimer Morgen“ tätig, in den Sommermonaten hatte er die 50 Kilometer Hin- und Rückweg zum Arbeitsplatz fast täglich mit Leichtigkeit und Freude abgespult. Die Pfalz kennt Stopp sowieso wie seine Westentasche, gerne durften die Urlaube in den vergangenen Jahrzehnten in die Provence führen – auf dem Rad natürlich. Auch als Experte und Routenplaner für die jährlichen Ausgaben des „MM“-Radguides war Reinhard Stopp engagiert bei der Sache, wählte Touren bis in den Schwarzwald aus, die er zuvor selbstverständlich ausgiebig getestet hatte. Aber jetzt, im wohlverdienten beruflichen Ruhestand, sollte es noch eine Nummer größer werden...

ZITAT

„Beim Radfahren lernt man ein Land am besten kennen, weil man dessen Hügel empor schwitzt und sie dann wieder hinuntersaust.“

Ernest Hemingway

„Die Idee, die Alpen mit dem Fahrrad zu überqueren, hatte ich schon länger. Im vergangenen Jahr, nachdem ich mich aus dem Berufsleben verabschieden durfte, hat dann die Stunde geschlagen.“ Seinen Freund Stefan Schall aus Römerberg weihte Stopp damals in seine Planungen ein – und der war sofort Feuer und Flamme. Schnell hatten sich die beiden den diesjährigen Juli als Tour-Termin ausgeguckt und vorab – zur Sicherheit in der Hauptreisezeit – die Unterkünfte an den jeweiligen Etappen-Orten gebucht. „Das wäre aber gar nicht nötig gewesen. Unterwegs haben wir festgestellt, dass es entlang der Strecke genug Übernachtungsmöglichkeiten gegeben hätte.“

Am 15. Juli ertönte der Startschuss: Fünf Etappen von Rosenheim bis nach Bozen in Südtirol lagen vor den beiden Pfälzern, das Warm-up übernahm von Mannheim aus bis zum oberbayerischen Startort die Deutsche Bahn, dann waren Reinhard und Stefan auf ihre Muskelkraft angewiesen...

Höhepunkte während der Alpentour von Reinhard Stopp (Bild Mitte, links) und Stefan Schall: Innsbruck mit seinem „Goldenen Dacherl“, der geheimnisvolle Reschensee, Burg Kastelbell und schließlich der malerische Zielort Bozen. BILDER: MATTOFF - STOCK.ADOBE.COM, LIANEM - STOCK.ADOBE.COM, PIXMAX - STOCK.ADOBE.COM, XBRCHX - STOCK.ADOBE.COM
Höhepunkte während der Alpentour von Reinhard Stopp (Bild Mitte, links) und Stefan Schall: Innsbruck mit seinem „Goldenen Dacherl“, der geheimnisvolle Reschensee, Burg Kastelbell und schließlich der malerische Zielort Bozen. BILDER: MATTOFF - STOCK.ADOBE.COM, LIANEM - STOCK.ADOBE.COM, PIXMAX - STOCK.ADOBE.COM, XBRCHX - STOCK.ADOBE.COM
1. ETAPPE:
VON ROSENHEIM NACH JENBACH/TIROL
„Nach einer kleinen Orientierungsphase in Rosenheim fuhren wir an den Inn. Wir folgten dem Radweg auf gut ausgeschilderten und ausgebauten Wegen bis zu unserem Zielort“, erinnert sich Stopp an den ersten Tagesabschnitt, den die beiden Alpen-Tourer mit 70 Kilometern Länge und nur wenigen Höhenmetern bewusst als sanften Einstieg gewählt hatten. „Nur zum Hotel“, muss Reinhard Stopp heute noch schmunzeln, „hatten wir eine steile Strecke mit bis zu 20 Prozent Steigung zu absolvieren – schiebend.“ Der Lohn waren schöne Zimmer und ein gutes Essen, um sich von den ersten Strapazen zu erholen. Da ahnten die beiden Radfreunde noch nicht, welche Hürden an Tag zwei warten sollten...

2. ETAPPE:
VON JENBACH NACH IMST/BRENNBICHL
Plattfuß – gleich viermal. Der Alptraum aller Radler hätte das Pfälzer-Duo fast schon im Verlauf der zweiten Etappe ausgebremst. Die letzten 25 Kilometer bis zum Zielort Imst musste Stefan Schall samt ramponiertem Reifen per Bahn zurücklegen. Zuvor hatten die beiden Alpen-Überquerer auf der insgesamt rund 100 Kilometer langen Etappe entlang des wilden Inns grandiose Landschaften durchfahren und einen Zwischenstopp in der malerischen Innsbrucker Altstadt eingelegt.

3. ETAPPE:
VON IMST NACH RESCIA (RESCHEN)
Tag drei, die Königsetappe: Mit 80 Kilometern gar nicht so lang, aber auf dem Weg Richtung Italien türmten sich im Tagesverlauf satte 1500 Höhenmeter auf, die Reinhard Stopp erst einmal allein in Angriff nehmen musste. Stefan Schall nämlich ließ sich am Morgen zunächst in einer Fahrradwerkstatt einen neuen Reifen einbauen, um dann die Verfolgungsjagd zu starten. „Die war aber gar nicht so schwer“, blickt Reinhard Stopp mit einem Augenzwinkern zurück und nippt an seinem Kaffee: „Er war ja mit dem Pedelec unterwegs.“ Entsprechend schnell waren die Freunde wieder vereint, steile Anstiege und Abfahrten führten sie – immer am Inn entlang – dreimal über die Ländergrenzen hinweg bis ins schweizerische Martina und dort die Norbertshöhe bis auf 1405 Meter hinauf, weiter durch den Skiort Nauders und schließlich hoch auf den Reschenpass. Der atemberaubende Blick auf den Reschensee und das Hotel in Sichtweite standen als Lohn auf der Habenseite.

4. ETAPPE:
VON RESCIA NACH ALGUND
Der Tag der Entspannung: „Nach unserer Übernachtung in Rescia ging es fast nur noch bergab. Die Höhenmeter, die wir mühsam errungen hatten, fuhren wir jetzt auf engen und steilen Radwegen wieder hinunter“, erinnert sich Stopp. Rechts am Reschensee vorbei führte ein sehr gut ausgebauter Radweg mit immer neuen traumhaften Ausblicken in den Vinschgau und mitten in seine riesigen Apfelplantagen, bis – vorbei an etlichen Burgen – das Etappenziel Algund in der Nähe von Meran erreicht war. Genauer gesagt, die dortige Brauerei, wo das fleißige Rad-Duo bei Gerstensaft und Weißwurst den Tag Revue passieren ließ.

5. ETAPPE:
VON ALGUND BIS BOZEN
Der Schlussakkord: Die letzte, leichteste und kürzeste Etappe endete nach dem Start am frühen Morgen nach 37 Kilometern in Bozen. Unterwegs hatten Reinhard und Stefan Meran passiert, den Nachmittag genoss das Duo schließlich im zauberhaften Bozen, das sich in den vergangenen Jahren zur echten Fahrradstadt gemausert hat und damit als würdiger Zielort in die Geschichte der Pfälzer Alpentour eingeht, die Stopp zur Nachahmung wärmstens empfehlen kann: „Die Radwege sind wirklich super ausgeschildert, die Aussichten über die Alpen hinweg und in die Täler hinein grandios und am Streckenrand liegen viele schöne Ortschaften. Wir hätten uns nur noch mehr Zeit nehmen sollen, denn am Streckenrand mussten wir viele Sehenswürdigkeiten im wahrsten Sinne des Wortes links liegen lassen. Ich denke, acht bis zehn Tage könnte man für die Tour schon einplanen.“

Reinhard Stopp berichtet noch kurz von der problemlosen Rückreise mit der Bahn, nippt wieder an seinem Kaffee und schließt kurz die Augen: Wetten, dass er die nächste große Tour bereits vor sich sieht...