Sonderveröffentlichung
Themenspecial 50 Plus

Geschichtenerzähler und Bewahrer

INTERVIEW: ENDE AUGUST GEHT WOLFGANG NIEDECKEN MIT SEINER BAND BAP WIEDER AUF TOUR. IM INTERVIEW SPRICHT DER 67-JÄHRIGE ÜBER SEINE FAMILIE, DAS AKTUELLE ALBUM UND ZUKÜNFTIGE PROJEKTE.


Von Lena Görge   


Herr Niedecken, im Rahmen Ihrer diesjährigen Tour treten Sie am 21. Oktober im Mannheimer Rosengarten auf. Auf was kann sich das Publikum einstellen?

Wolfgang Niedecken: Zunächst einmal sollten sie sich an diesem Abend besser nichts mehr vornehmen, denn der wird lang. Sie sollten sich auch ihre Kondition gut einteilen, weil ich denke, dass viel mitgesungen wird. Auch wird es viel zu lachen geben, und gemeinsam werden wir uns teilweise auch mal in die Niederungen der Politik begeben. Aber das muss alles im Fluss bleiben. Es wird bestimmt etwas kräftezehrend, aber die Leute werden – würde ich mal wetten – happy nach Hause gehen und sagen: Hoffentlich kommen die bald wieder.

Wie würden Sie Ihre Rolle auf der Bühne beschreiben?

Niedecken:
Das ist wirklich so ein Ding, ich singe natürlich während des Auftritts und spiele Gitarre, aber mein eigentlicher Beruf ist Gastgeber. Wenn ich im Hotel auf einem Meldezettel ausfüllen soll, was ich von Beruf bin, dann schreibe ich Geschichtenerzähler. Aber bei Konzerten bin ich vor allem Gastgeber. Ich habe dafür zu sorgen, dass sich alle wohlfühlen. Mir muss auffallen, wo etwas vielleicht nicht optimal läuft, dafür bin ich verantwortlich. Ich bin der Einzige auf der Bühne, der das kann.

Auf was reagieren Sie dann so?

Niedecken:
Ich bekomme schon mit, wenn in einem Teil der Halle die akustischen Verhältnisse nicht optimal sind. Das merke ich an den Reaktionen des Publikums. Und dann muss ich mich darum kümmern. Die Konzerte fühlen sich sowieso immer so an wie große Familienfeste, und da bin ich dafür verantwortlich, dass sich auch alle wohlfühlen.

Für Ihre Stimme ist diese Dauer der Konzerte auch anstrengend. Haben Sie spezielle Tricks, um während eines Auftritts alles geben zu können?

Niedecken:
Man wird ja nicht jünger, ich bin mittlerweile 67. Ich muss schon diszipliniert sein, nächtelang in Hotelbars abhängen, das war mal. Wenn ich einmal bei der Tour ausrutsche, dann habe ich drei Tage damit zu tun, also besser nicht. Wir, die Band und ich, haben zwar genug Routine, damit es funktioniert, aber das wäre nicht im Sinne des Erfinders, denn ich will die Konzerte ja selber genießen. Wenn ich mich durch so einen Abend durchquälen muss, habe ich nichts davon. Und dann können drei Stunden plus ganz schön lange werden.

Mit Axel Müller, Christoph Moschberger und Franz Johannes Goltz begleitet Sie erstmals eine Bläsersektion auf Tour. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Songs hierfür aus?

Niedecken:
Einige sind mir direkt eingefallen, die ich endlich mal wieder spielen wollte, bei denen wir im Studio auch Bläser hatten. Dann gibt es Stücke, bei denen ich erst nach ein paar Tagen drauf gekommen bin, dass das Sinn machen würde, die jetzt mal in so einem Gewand zu spielen. Also Stücke, auf die ich eigentliche keine Lust mehr hatte, die aber auf einmal wieder durch die Bläser funktionieren. Auf ein Stück wie „Waschsalon“, hatte ich eigentlich keinen Bock mehr, jetzt mit den Bläsern freu ich mich wieder drauf.

Während so einer Tour-Vorbereitung lernt man die Lieder also neu kennen und lieben?

Niedecken:
Ja. In der Regel sind es lustige Stücke, auf die ich keine Lust mehr habe. Das ist so, wie wenn du einen Lieblingswitz hast, und den erzählst du auf jeder Party, und irgendwann kannst du selber nicht mehr über ihn lachen. Dann lässt du ihn besser eine Zeit mal weg, bis du wieder darüber lachen kannst. Und dann ist es auch wieder gut. Beispielsweise „Waschsalon“ – ich weiß, die Leute lieben es, „Wisch-Wasch, Wisch- Wasch“ zu singen. Es sind aber noch mehr Stücke, die auf einmal wieder Spaß machen.

Da kann man auf die Reaktion des Publikums gespannt sein?

Niedecken:
Ja. Mit Sicherheit. Auch beim Bühnenbild. Es wird ja eine Einheit, wir haben zugrunde gelegt, dass es irgendwie auch was mit dem Stil des „Familienalbums“, das ich in New Orleans aufgenommen habe, zu tun haben soll. Deshalb orientieren wir uns auch beim Bühnenbild ein wenig an Louisiana.

Während Ihrer Bühnenshows stellen Sie auch Ihr Projekt „Rebound“ vor. Inwiefern passen dieses Thema und ein Konzert, das das Publikum in erster Linie unterhalten soll, zusammen?

Niedecken:
Ich schreibe ja Stücke über alles, was mich interessiert – und zwar aus allen Lebensbereichen. Man muss schon eine ideale Stelle auf dem Konzert finden, wo man das thematisieren kann. Aber wir haben ja auch die entsprechenden Songs. Man darf nicht zu viele davon spielen, sonst wird es irgendwann zu einer politischen Veranstaltung, und das ist nicht der Sinn der Übung. Wenn wir beispielsweise das Stück „Vision von Europa“ vom „Lebenslänglich“-Album spielen, dann kann man so eine entsprechende Ansage machen. Die kann man auch kurzfassen. Das ist so ein Ding, das wir bei den Warm-ups austesten, wo es geht und wo nicht.

Ihr aktuelles Album trägt den Titel „Das Familienalbum – Reinrassije Strooßekööter“. Wir alle haben eine Familie. Wie definieren Sie Ihre?

Niedecken:
Ich fange mal bei meinen Ahnen an. Soweit ich das zurückverfolgen kann: Der väterliche Strang kommt aus einer Winzerfamilie. Mein Vater war der Erste aus dieser Winzerfamilie, der 50 Kilometer rheinabwärts gezogen ist, weil die Reblaus Anfang des vorigen Jahrhunderts aus Amerika eingeschleppt wurde. Zwischen den Kriegen hat er dann in Köln ein Lebensmittelgeschäft eröffnet. Und meine Mutter stammt aus der Familien eines Kirchenmalers, der aber seine Familie als Maler und Anstreicher durchbringen musste. Auf der einen Seite also dieser künstlerische Strang mütterlicherseits und auf der anderen Seite dieser doch sehr bodenständige mit Bauern, Winzern und Kaufleuten. So bin ich aufgewachsen in einem Familienbetrieb. Meine Eltern hatten dieses Lebensmittelgeschäft, und ich war der erste aus der ganzen Familie, der die höhere Schule besuchen und auch studieren durfte. Darüber war ich mir übrigens immer sehr bewusst. Dann sind halt irgendwann die Beatles in mein Leben geschneit, und ich war mir plötzlich nicht mehr so sehr bewusst, dass ich eigentlich sehr dankbar dafür sein muss, dass ich das darf. Aber sobald ich dann Malerei studiert habe, hab’ ich die Kurve gekriegt. Ich war überhaupt kein Bummelstudent, der nur in Künstlerkneipen rumgehangen hat. Ich hab’ ordentlich alle Vorlesungen und alle Seminare besucht und war wirklich sehr fleißig.

Dann kann man es Ihrem Vater hoch anrechnen, dass er Sie etwas Künstlerisches hat studieren lassen?

Niedecken:
Ehrlich gesagt, er konnte auch nicht anders, denn meine Mutter hat mich bei allen Hirngespinsten unterstützt.

Eröffnet wird das Album mit dem einzigen extra fürs Album geschriebenen Song „Reinrassije Strooßekööter.“ Straßenköter ist ja ein negativ konnotierter Begriff.

Niedecken:
Wir alle sind im übertragenen Sinn reinrassige Straßenköter.

Vollblutmusiker Wolfgang Niedecken lässt sich gerne von verschiedenen Einflüssen inspirieren. BILD: MATHIAS BOTHOR
Vollblutmusiker Wolfgang Niedecken lässt sich gerne von verschiedenen Einflüssen inspirieren. BILD: MATHIAS BOTHOR
Wie kam es zu diesem Vergleich? Und ist er nicht ein Widerspruch in sich?

Niedecken:
Es ist ein Oxymoron. Hat mir meine Tochter beigebracht, die hatte Deutschleistungskurs. Das ist ein Begriffspaar, bei dem sich die beiden Worte gegenseitig widersprechen wie alter Knabe oder schwarzer Schimmel. „Reinrassijer Straßekööter“ ist auch ein Oxymoron, was mir gar nicht so bewusst war. Ich bin durch die Anmoderation während der vorigen Tour zu unserem Song „Jupp“, wo mein erster Hund eine Rolle drin gespielt hat, darauf gekommen. Die Anmoderation hörte dann immer damit auf, dass ich sagte: Blondie war alles andere als ein reinrassiger Schäferhund, genau genommen, war sie ein reinrassiger Straßenköter. Das hat ein bisschen gedauert, bis die Leute das kapiert hatten, und ich merkte regelmäßig, wenn während des Gitarrenvorspiels der Applaus kam – da war es gesackt.

Im Opener wird von alten Bildern in einem Pappkarton gesprochen. Wenn Sie Ihre alten Bilder hervorholen, wie hat sich Ihr Blick auf die Bilder verändert?

Niedecken:
Ich bin inzwischen 67 und kann auf ein langes, erfülltes Leben zurückblicken. Wenn ich die Bilder von unseren Kindern ansehe, dann frage ich mich auch, wo die Zeit geblieben ist. Meine Jungs sind über 30, meine Töchter über 20, die sehe ich immer noch unten irgendwo herumlaufen, und mittlerweile muss ich hoch gucken. Bei den Fotos in dem Pappkarton geht es ja eigentlich um die Fotos meiner Vorfahren. Alle Fotos, die irgendwo übrig geblieben sind, gehören zu mir. Alle wissen, dass ich sie verwahre. Ich sichte die Bilder auch und bemühe mich, dass sie in Ehren gehalten werden. Denn da stecken Schicksale hinter. Geschichten und Sachen, die den Leuten mal wichtig waren. Ich finde, es erfordert der Respekt, dass man damit ordentlich umgeht. Mir erzählen diese ganzen Fotos Geschichten. Ich freue mich teilweise, bestimmte Fotos zu sehen. Also immer, wenn ich Fotos aus der Kindheit meiner Mutter finde, stelle ich die Ähnlichkeit meiner Mutter, als sie fünf, sechs Jahre alt war, mit meinem Sohn Robin, der mittlerweile 32 ist, fest. Und dazwischen liegt mehr als ein dreiviertel Jahrhundert, und ich sehe diese Ähnlichkeit und ich denke, das ist doch der Wahnsinn. Das ist schon irre, und auch teilweise die Wesensverwandheit. Meine Mutter ist vom Wesen her sehr ähnlich mit meiner jüngsten Tochter. Gerade an dem Booklet und dem ganzen Art Work des „Familienalbums“ zu arbeiten, hat einen Riesenspaß gemacht. Ich habe fast täglich die Fotos ausgetauscht, weil ich mich nur schwer entscheiden konnte.

Bilder inspirieren Sie also?

Niedecken:
Natürlich. Da sind Fotos bei, die zu Songs geführt haben.

In den 13 Neuarrangements hört man deutlich den New Orleans-Sound heraus. Sie verbinden Blues, Country, Folk, Rock und karibische Rhythmen. War dies von Anfang an Ihr Plan, oder hat sich der Sound erst durch die Zusammenarbeit mit Julian Dawson und den anderen Musikern entwickelt?

Niedecken:
Die Arbeitsweise ging folgendermaßen: Ich habe die Stücke ausgesucht und sie dem Produzenten Julian Dawson in die Dropbox gestellt. Julian hat sich damit beschäftigt, danach ist er von London nach Köln gekommen und wir haben bei uns zu Hause zwei, drei Tage an den Stücken rumgedoktort und teilweise auch neue Tonarten bestimmt, weil bei dem Album hab ich tiefer singen dürfen als auf der Bühne. Auf der Bühne muss man immer versuchen, möglichst laut zu singen, aber im Studio darf man auch mal leiser singen, und es setzt sich trotzdem durch. An Arrangement-Ideen kam von Julian viel, er hat beispielsweise die Idee für den Bläseransatz bei „Et ess wie et ess“ gehabt. Davon war ich direkt begeistert. Dann haben wir mit zwei Gitarren und Gesang das ganze sehr provisorisch auf dem i-Pad aufgenommen. Diese Versionen haben wir an die beteiligten Musiker geschickt. Steuart Smith, der bei den Eagles die Gitarre spielt, hat die Lead-Sheets geschrieben – also das Roharrangement herausschrieben und an alle geschickt, so dass alle gut vorbereitet ins Studio kamen. Im Studio in New Orleans haben wir zunächst die Grundtakes aufgenommen, Bass, Schlagzeug, akustische Gitarre – meistens waren es zwei, Julian und ich – und den Gesang direkt in einem. Dann sind wir ans Ausarbeiten gegangen. Dadurch, dass wir in New Orleans auch andere Musiker gehört haben, kamen von Tag zu Tag neue Ideen, die wir teilweise umsetzen konnten. Ich hatte beispielsweise überhaupt nicht an Akkordeon gedacht, aber Akkordeon spielt eine große Rolle in der Musik von New Orleans. Zydeco heißt dieser Stil, und wir haben einen hervorragenden Zydeco-Spieler gefunden. Großartig, ich bin immer noch begeistert von dem Mann. Ein schwarzer Kleiderschrank mit silbernen Zähnen. Als der reinkam, dachte ich nur: Sag kein falsches Wort, das könnte Prügel geben. Und dabei war er ein Lamm. Wenn er gespielt hat, ging die Sonne auf. Das war unglaublich schön.

Wie wird sich der New-Orleans-Sound auf der Tour widerspiegeln?

Niedecken:
Wir werden auf der Tour jetzt nicht das Album eins zu eins reproduzieren. Wenn man sklavisch die Songs wie auf dem Album spielt, dann wird man ja zu seiner eigenen Coverband. Und das macht ja überhaupt keinen Sinn, dann ist keine Entwicklung möglich. Die Marschrichtung lautete eher, dass wir uns an dem orientieren, was wir in New Orleans gemacht haben, und nicht an den Originalversionen aus den 80er oder 90er Jahren. Wenn da neue Arrangement- Ideen sind, dann orientiert man sich halt daran. Das heißt aber nicht, dass wir jetzt alles im New Orleans-Gewand spielen, das wäre Quatsch. Und wir spielen auch bei weitem nicht alle Stücke von dem Album. Hauptsächlich spielen wir selbstverständlich die großen BAP-Klassiker, denn viele Leute kommen genau deswegen.

Das letzte Album ist in Woodstook, das aktuelle in New Orleans entstanden. Und wo soll das nächste entstehen?

Niedecken:
Es kommen ein paar Städte infrage, aber so weit sind wir noch lange nicht. Die erste Idee war San Francisco, da wird aber wahrscheinlich nichts draus, denn San Francisco ist unfassbar teuer. Wir waren gerade dort und haben für Arte den Fünfteiler „Auf den Spuren von Bob Dylan“ gemacht. Da haben wir gemerkt wie teuer da alles ist. Mal schauen, wie wir es machen. Aber das ist ja jetzt auch nicht so, als ob das übermorgen wäre. Das kann durchaus noch ein paar Jahre dauern. Aber irgendwann werden wir es hoffentlich schaffen, die Trilogie perfekt zu machen.

Sie haben von der Bandgründung (1976) bis zu Ihrem ersten Fernsehauftritt fünf Jahre gebraucht. Wie stehen Sie zu Youtube und ähnlichen Plattformen?

Niedecken:
Das ist ein neues Tool, eine neue Möglichkeit. Junge Bands können heute viel einfacher ihre ersten Tonaufnahmen einspielen. Ich erinnere mich, was für ein Akt es war, wenn wir mal eine Aufnahme von einem Song machen wollten. Dann musste irgendjemand von seinen Eltern das große Tonbandgerät in den Proberaum schleppen und dann haben wir versucht, ein Lied irgendwie mit zwei Mikrofonen aufzunehmen, und das hat sich dann allerdings wie Arsch auf Eimer angehört. Mittlerweile hast du mit deinem Handy eine fantastische Möglichkeit, ein Demo zu machen. So ändern sich die Möglichkeiten, und man muss dann halt, je nachdem, was man machen will, flexibel sein.

Wären sie damals dankbar für solche Plattformen gewesen?

Niedecken:
Ja, das wäre eine tolle Möglichkeit gewesen.
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