Sonderveröffentlichung
Themenspecial Mannheim - Meine Heimat

Veranstaltungen in Mannheim ein Blick auf die Schillerbühne Nationaltheater über Ami-Clubs der US-Army bis hin zu stilprägende Deutschpopstars

VERANSTALTUNGEN: Ein Blick auf die dynamische Veranstaltungsszene, die das Leben in der Quadratestadt prägt und attraktiv macht.


Von Jörg-Peter Klotz  

Die Schillerbühne Nationaltheater, Mannheimer Schule, die große Tradition um Mozart und Wagner, eine quicklebendige Brettl-Szene bis in die Stadtteile, nach dem Krieg legendäre Ami-Clubs der US-Army als Impulsgeber der Jazz- und Rockszene, der Maimarkt, das stark musikalisch geprägte Stadtfest, Drum-&-Bass-Pioniere, Seebühnenzauber und stilprägende Deutschpopstars – die Quadratestadt bietet von jeher ein extrem buntes, reichhaltiges Veranstaltungsspektrum. Was dem aufgeschlossenen, vielseitig interessierten Charakter vieler Mannheimer entspricht. Symptomatisch: Unter dem Motto „Da gehe wir mal hie“ säumen auch Hunderte ältere Herrschaften die Straßen, als 2001 mit laut wummernden Technobässen die erste Schwulen- und Lesbenparade in Erinnerung an den Christopher Street Day durch Mannheim zieht. Kein Wunder, dass die Stadt den Status Unesco City Of Music 2014 eigentlich nur beantragen musste – unter anderem dank der Popakademie, der Musikhochschule, der musikalisch geprägten Stadtpolitik, einer relativ einzigartigen Orientalischen Musikakademie, aber vor allem dem lebendigen Musikleben bis in die Chorlandschaft hinein erfüllte die Kriterien der Weltkulturorganisation von vornherein im Übermaß.

Madonna 2015 in der SAP Arena. BILD: VAF
Madonna 2015 in der SAP Arena. BILD: VAF
Das Veranstaltungsangebot ist heutzutage so breit gefächert wie nie. Und größer als in vergleichbaren Städten. Denn zum überdurchschnittlich interessierten Publikum gesellen sich früh starke, risikobereite Veranstalterpersönlichkeiten: „Die gab es in vergleichbaren Städten wie Karlsruhe oder Kassel lange nicht“, erklärt BB-Promotion Geschäftsführer Matthias Mantel. Was sich in vermeintlichen Kleinigkeiten äußert: „Wenn niemand danach gefragt hätte, wäre die Maimarkthalle vermutlich ohne Garderobenräume gebaut worden“, so Mantel. Sein verstorbener Chef und BB-Gründer Michael Brenner, Wolfgang Bocksch, Matthias Hoffmann, im alternativeren Stil Matthias Graupner und viele andere machen in Mannheim zunächst die Musik.

2002 war es schon keine Frage mehr, dass die SAP Arena schon bei der Planung nicht nur auf Sport ausgerichtet wird, sondern auch den akustischen und logistischen Bedürfnissen großer Pop-Shows entsprechen soll. Dementsprechend sind Weltstars wie Eric Clapton, Depeche Mode oder Sting dort Dauergäste, exklusive Glanzlichter wie Konzerte von Ed Sheeran, Tina Turner, The Police, Madonna, Metallica, Bruno Mars, Bob Dylan sind keine Seltenheit. Die Deutschrock- Ikonen Peter Maffay oder Marius Müller- Westernhagen (und ihre Techniker) loben die Akustik der SAP Arena im Vergleich zu den meisten anderen Multifunktionsarenen der Republik überschwänglich.

Was ich an Mannheim liebe...

Ute Mocker
Kulturhaus Käfertal

BILD: PRIVAT/MOCKER
BILD: PRIVAT/MOCKER
„…die kulturelle Vielfalt, der unaufgeregte Umgang der Menschen untereinander, das gleichzeitige Leben in der Großstadt und in einem überschaubaren Milieu und das Potential im Bereich urbane Entwicklung, gerade im Mannheimer Norden.“
Seit 2011 hat Kumpf das Maifeld-Derby zu einem der strahlkräftigsten Indie-Pop-Festivals der Republik entwickelt. BILD:RINDERSPACHER
Seit 2011 hat Kumpf das Maifeld-Derby zu einem der strahlkräftigsten Indie-Pop-Festivals der Republik entwickelt. BILD:RINDERSPACHER
Der steile Aufstieg von Hoffmann Konzerte bis zum Welterfolg mit den Drei Tenören prägt lange das Konzertgeschehen der Region. Hoffmanns selbst verschuldeter Abstieg mit der Haftstrafe 1998 wegen Steuerbetrugs fällt nur kurz ins Gewicht. Mantel füllt für die als Musical- und Showproduzent gestartete Agentur BB die Lücke als örtlicher Veranstalter konsequent und ohne juristische Nebengeräusche. Außerdem verlieren bundesweite Akteure wie Fritz Rau und Marek Lieberberg Mannheim als zentralen Konzertstandort nie aus den Augen.

Dazu kommt eine neue Generation ins Spiel, die Akteure und Häuser vernetzen sich auch über die Stadtgrenzen hinaus. Neben dem stetigen Tourneebetrieb in Rosengarten, Maimarkthalle oder lange auch dem Eisstadion ist es aus heutiger Sicht eine Art Weckruf, als ein Team um Thorsten Riehle 1997/ 98 den über Jahrzehnte beliebten Kino- und Konzerttempel Capitol aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Heute strömen Jahr für Jahr mehr als 100 000 Zuschauer in die Waldhofstraße. Nicht nur, um nationale Musik-, Comedy- und Kabarettstars hautnah in plüschiger Clubatmosphäre live zu erleben. Auch die selbstproduzierten Shows und Musicals des hauseigenen Ensembles finden wie das Kindertheaterprogramm dank steigender Qualität konstant ihr Publikum. „Am Anfang war das schon auch chaotisch, wir haben viel ausprobieren und lernen müssen, erinnert sich Riehle. „Aber wie sagt man so schön: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Dass Lokalmatadore wie Bülent Ceylan, Xavier Naidoo oder Laith Al-Deen, die längst größere Hallen füllen, dem Capitol die Treue halten, dort immer wieder exklusive Club- und Benefizshows spielen, unterstreicht den Stellenwert des Hauses, dessen Zauber in der markanten Architektur des Kuppelbaus begründet ist.

Timo KumpfBILD: RINDERSPACHER
Timo Kumpf
BILD: RINDERSPACHER
Interessanterweise entwickeln viele der Protagonisten ihre Visionen für das lokale Showgeschäft Mitte der 90er Jahre bei der Mitarbeit an Richard Gepperts Erfolgsmusical „Human Pacific“, inklusive der Söhne Mannheims. Etwas später etabliert Jason Wright in Heidelberg sein bis heute aktives Session-Projekt The Wright Thing, aus dem eines der kooperativsten und produktivsten Musikernetzwerke der Republik entsteht.

Fast gleichzeitig gründet das Kulturnetz um Peter Baltruschat, als „Erster Soldat“ auch ein „Human Pacific“-Veteran, 1998 in der Augustaanlage unweit vom Wasserturm eine kleine Kellerbühne: das Musikkabarett Schatzkistl. Auch hier haben sich reihenweise eigene Shows in die Herzen der Zuschauer gespielt; volksnah, traditionsbewusst, aber auch so hochwertig, dass sie seit Jahren erfolgreich laufen. Lokalgrößen wie Arnim Töpel, die Schönen Mannheims oder Madeleine Sauveur feiern dort ihre Heimspiele. Chanson-, Comedy- und Kabarettkünstler bis hin zu großen Namen wie Peter Horton oder Otfried Fischer finden im einstigen Hotelkeller kundige Zuschauer. Zusammen mit Theater Oliv, Oststadttheater, Freilichtbühne, Rhein-Neckar Theater, Theaterhaus G7, dem Theater im Felina Areal und Zeitraumexit entsteht so eine freie Szene von unterhaltsamem Mundart-Boulevard und Travestie bis hochintellektueller Performance-Kunst.

Das kommunale Kabarett in der Klapsmühl’ am Rathaus ist seit 1977 eine verlässliche Größe: Mit wortgewaltiger politischer Satire und inzwischen auch leichtgängigeren Sommerprogrammen residiert dort die ein Jahr zuvor gegründete Dusche, das inzwischen als dienstältestes Kabarettensemble der Republik gilt. Kleinkunst sowie die in Mannheim stets besonders beliebten Musikgenres Jazz und Blues werden bis heute auch in den Stadtteilen liebevoll gepflegt – etwa in Gehring’s Kommode (Neckarau), den traditionsreichen Räumen des Palü (Seckenheim, einst Rica Corrells Sonnenschein bei Rica) oder der Pfingstbergschule, auch mit einer ambitionierten Bluesreihe im Hauptbahnhof. Das einst sogar von Metallica oder Bon Jovi gerockte Kulturhaus Käfertal wartet mit einem verdienstvollen, vielfältigen Programm auf.

Im zweiten Jahr der Geschichte des Heidelberger Festivals Enjoy Jazz bezieht dessen Begründer Rainer Kern 1999 auch die Alte Feuerwache ein. Damit beginnt in der wechselhaften Geschichte des Mannheimer Kulturzentrums eine Turbophase, die 2001 durch den ähnlich groß denkenden neuen Feuerwachen-Chef Egbert Rühl noch Fahrt aufnimmt. Plötzlich spielen am Ende der Kurpfalzbrücke nicht nur Weltklassejazzer, das Publikum bestaunt auch Auftritte von Pop-Superstars wie den Rap- Ikonen Public Enemy oder den aufstrebenden Alternative Rockern Arctic Monkeys – unterstützt von der BASF. Bis heute florierende Festivals wie Lesen.Hören oder die Imaginale etablieren sich. Wie man heute weiß, sprengt manche Maßnahme das Budget. Aber so landet das Haus wieder auf dem bundesweiten Tourneekalender. Der heutige Geschäftsführer Sören Gerhold bedient mit strengem Blick auf geordnete Finanzen vorwiegend ein junges Publikum; am verdienstvollsten mit den kostenlosen Open Airs seiner Sommerbühnenreihe im oft wie leer gefegten August-Terminkalendern. Ansonsten bietet das Haus unter anderem den Jazzern der Musikhochschule oder dem ausgezeichneten Multimedia- Bandprojekt „Das Vereinsheim“ ein Forum.

Apropos: Um das gleichnamige benachbarte Jugendkulturzentrum hat sich zuletzt die alternative Rockszene rund um die Veranstalter des jährlichen Brückenaward-Festivals eingerichtet. Neben dem kostenlosen Kultevent im Jungbusch finden Fans alternativer Musikstile in Clubs wie dem Siebener oder Rude 7 ein relativ regelmäßiges Konzertangebot. Dunklere Töne steuert der Ms Connexion Komplex bei, in dem zuvor Christian Lömmersdorf mit großem Aufwand einen viel beachteten Rock-Club aus dem Boden gestampft hatte. Dazu gibt es die spannende Brandherd- Reihe von Bernhard Kreiter an wechselnden Standorten. Ein Prinzip, das auch das Kulturnetz (wOrtwechsel) sowie der Popakademie-Absolvent und Get-Well-Soon-Bassist Timo Kumpf (Maimarktclub, Kulturbrücken, Alte Feuerwache etc.) praktizieren.

Seit 2011 hat Kumpf das Maifeld-Derby zu einem der strahlkräftigsten Indie-Pop-Festivals der Republik entwickelt. Dort kann man nicht nur Weltstars der Alternative-Stile wie The National, James Blake oder zuletzt die Editors und die Eels erleben, sondern vor allem viel Neues auf hohem Qualitätslevel entdecken. Später für Grammys nominierte Newcomer wie etwa Sänger Hozier oder Electro-Star Flume gaben am Reitstadion ihre Visitenkarte ab. Dort hat Kumpfs Firma Delta Konzerte, momentan zur zweiten großen Veranstalterkraft neben BB avanciert, inzwischen die kommerziell ausgerichtete Konzertreihe Zeltfestival etabliert – nach drei Auflagen gehört sie in Mannheim zur Tradition. Sein Hauptziel war und ist aber: „Mit dem Maifeld Derby ein nachhaltiges Festival, das die Kluft zwischen U- und E-Musik schließt, indem es auch zeigt, wie anspruchsvoll Popmusik sein kann - und dass sie förderungswürdig ist.“ Die längst auch internationale Resonanz gibt ihm Recht.

Am 13. September schlägt Trompeter Thomas Siffling das nächste Kapitel dieser Geschichte auf. Dann eröffnet im Rosengarten sein Live-Club Ella & Louis, in dem nicht nur die Jazz-Szene der Region und andernorts etablierte Reihen (Made In Mannheim/IG Jazz) eine neue Bühne finden. Noch eine Besonderheit der Mannheimer Veranstaltungsszene: Sifflings Projekt sorgt bei Mitbewerbern keineswegs für Missgunst oder Existenzangst. Im Gegenteil: „Konkurrenz belebt das Geschäft. Und es gehört zum Wesen einer Metropolregion und einer Musikstadt, dass jeden Abend auch mehrere starke Angebote da sind“, sagt Enjoy-Jazz-Leiter Kern. Und Capitol-Chef Riehle würde gar nicht von Konkurrenz sprechen, sondern fast schon „von Symbiose. Denn überall da, wo viel stattfindet, ist es für alle auskömmlich.“ Und das Publikum profitiert auch.

Warum Mannheim Heimat ist...

Nadine Gonska
Leichtathletin, MTG Mannheim

BILD: IMAGO/CHAI V.D. LAAGE
BILD: IMAGO/CHAI V.D. LAAGE
„Ich bin vor sechseinhalb Jahren hierher gekommen, Mannheim ist in dieser Zeit zu meiner Heimat geworden. Es gibt hier viele schöne Plätze wie beispielsweise den Luisenpark, wo ich die Seele baumeln lassen kann. Ich mag die Stadt nicht mehr missen.“
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