Sonderveröffentlichung
Themenspecial Mannheim - Meine Heimat

Straßen des Mannheimer Waldhofs erzählen Geschichten über die Menschen, beispielsweise „Kleiner Anfang“, „Zäher Wille“ und „Guten Fortschritt“

STRASSENNAMEN: Die Straßen im Osten des Mannheimer Waldhofs tragen einzigartige Namen. Sie erzählen die Geschichte von Menschen, die sich mit eigener Hände Arbeit ein Zuhause bauten.


Von Fabian Busch 

Die Zeiten waren hart Anfang der 30er Jahre. Millionen von Menschen waren ohne Arbeit – und nicht selten zudem ohne passenden Wohnraum. Auch vielen Mannheimern fiel es schwer, eine Wohnung zu finden. Deshalb ging man 1931 neue Wege. Am damaligen Stadtrand, im heutigen Stadtteil Waldhof, nahmen die ersten Menschen ihr Schicksal in die Hand und bauten ihre eigenen Häuser. Ein kleiner Anfang war gemacht – wie man heute an den Straßenschildern sieht, auch im wahrsten Sinne des Wortes.

„Kleiner Anfang“ heißt die Straße am westlichen Ende der Speckweg-Siedlung, die sich vom Benz-Werk auf dem Waldhof bis in den Stadtteil Käfertal zieht. Fast alle Straßen südlich des Speckwegs tragen ungewöhnliche Namen. Ursula Bieler kann anhand von ihnen erzählen, wie die Siedlung entstand. Die Vorsitzende der Käfertaler Arbeiterwohlfahrt bezeichnet sich zwar selbst als „Nachkriegsware“, sie hat die Geschichte aber von ihren Eltern und Großeltern erzählt bekommen – und gibt sie an die nächsten Generationen weiter.

Der „Kleine Anfang“ also war der Beginn der Siedlung. Ein „Zäher Wille“ war auch danach noch gefragt, denn die Siedler errichteten ihre Häuser weitgehend mit den eigenen Händen. „Und sie mussten ,Große Ausdauer’ beweisen, um immer weiterzumachen“, erklärt Ursula Bieler. Immerhin: Man sah stets einen „Guten Fortschritt“ – und hatte somit genügend Motivation, um mit der „Frohen Arbeit“ fortzufahren.

Armut und Wohnungsnot waren groß Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre. Menschen, die sich die Mietwohnungen in der Mannheimer Innenstadt nicht mehr leisten konnten, hatten deshalb zum Teil begonnen, „wilde“ Häuser zu errichten. So entstand die Idee, die dringende Suche nach Wohnraum in geordnete Bahnen zu lenken. 1926 war die gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft GBG gegründet worden. Sie überließ bedürftigen Menschen die Grundstücke auf dem östlichen Waldhof in Erbpacht, erstellte Musterpläne für die Häuser und stellte Baumaterialien zur Verfügung. Wer sich erfolgreich für einen der Bauplätze beworben hatte, musste selbst ein Haus errichten. Doch nur wer zudem noch auf der Nachbarbaustelle half, kam später bei der Verteilung der Eigenheime zum Zuge. Denn die Häuser wurden später unter den Bauherren verlost – damit sich jeder auf seiner Baustelle anstrengte.

„Die Straßennamen spiegeln den damaligen Zeitgeist wider: den Aufbruchgedanken, aber auch den Umstand, dass der Hausbau nicht einfach zu bewerkstelligen war“, erklärt Andreas Schenk, Sprecher des Mannheimer Stadtarchivs Marchivum. Ein Haus zu errichten, war eine mühselige Arbeit. Aber sie lohnte sich: Die Grundstücke waren bis zu 2000 Quadratmeter groß. Dazu gehörten Gärten, in denen die Siedler Obst und Gemüse anbauen oder Hühner halten konnten.

Die Hessische Straße durchzieht die Speckweg-Siedlung von Süden nach Norden – sie bildet heute die Grenze zwischen den Stadtteilen Waldhof und Käfertal. Auch östlich der Hessischen Straße ging der Siedlungsbau weiter. „Eigene Scholle“ wurde die erste Straße dort genannt, denn das eigene Grundstück war für seine Bewohner wirklich eine Scholle, auf der man sich zu Hause fühlen und für sich selbst sorgen konnte. Man lebte wahrlich auf einer grünen Scholle, nicht in einem großen Wohngebäude unter vielen anderen Mietern. „Starke Hoffnung“ hatten auch die Siedler, die in der nächsten Straße an ihren Häusern werkelten. Mit den Jahren entstand „Neues Leben“, denn in den Häusern wuchsen die nächsten Generationen heran. Östlich der Hessischen Straße gingen die Straßen auch nördlich des Speckwegs weiter. Die „Freie Luft“ markiert dort das Ende des Projekts: Frei war die Straße insofern, als dass am Ende der Gärten keine weitere Straße gebaut wurde.

Auch wenn Namen wie „Zäher Wille“ aus heutiger Sicht nach nationalsozialistischer Rhetorik klingen mögen: Mit der NS-Zeit hat die Namensgebung nichts zu tun. Allerdings wurde der Siedlungsbau nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 sehr wohl fortgeführt. „Die Nationalsozialisten versuchten auch, Konzepte wie das der eigenen Scholle für ihre Ideologie zu vereinnahmen“, erklärt Andreas Schenk. Gleichzeitig stellten sie neue Anforderungen an die Siedler: Neben der Bedürftigkeit wurden auch die politischen Einstellungen geprüft – wer ihnen nicht genügte, hatte keine Chance mehr auf ein Grundstück.

Gerüchte und Erzählungen ranken sich um die Siedlung. Zum Beispiel erzählt man sich, dass auch die berühmte Sängerin Caterina Valente mit ihrer Familie für kurze Zeit in einer der Straßen wohnte – was lokale Valente-Kenner allerdings entschlossen bestreiten. Die Schriftstellerin Leonie Ossowski soll sich für ihren sozialkritischen Roman „Die große Flatter“ Anregung in der Gegend geholt haben. Womöglich gilt das aber vor allem für die sogenannten Benz-Baracken in der direkten Nachbarschaft. Die Gegend entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu dem, was sie heute ist: eine beschauliche, grüne Siedlung in Nähe zu Industrie und Innenstadt. Eine Siedlung, in der man die Gemeinschaft pflegt und sich gegenseitig hilft – wie schon die ersten Siedler beim Hausbau. Das sei auch heute noch so, sagt Karin Pacel, Leiterin der Siedlergemeinschaft Speckweg: „Die Menschen hier sind stolz auf ihre Häuser – und auch auf die besonderen Straßennamen.“

Warum Mannheim Heimat ist...

Thorsten Riehle
Geschäftsführer Capitol

BILD: CAPITOl
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„Mannheim ist für mich geistige, emotionale und körperliche Heimat.

Geistige Heimat ist Mannheim, weil ich hier „babbeln“ kann, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Die kernige und direkte Art der Menschen lässt keinen Zweifel daran, wo du stehst und wo du hingehörst. Das ist großartig. Emotionale Heimat ist Mannheim, weil ich in der Neckarstadt meine Kindheit verbracht habe. Hier kenne ich die Plätze und Ecken und verbinde Geschichten, Menschen und Gesichter damit.

Körperliche Heimat ist Mannheim, weil ich diese Stadt fühle, schmecke und rieche – und damit meine ich nicht die Schokinag. Das Lebensgefühl ist in dieser deutschen Hauptstadt des Dolce Vita ein ganz besonderes. Einmal auf den Geschmack gekommen, lässt Mannheim niemanden mehr los – und wenn doch, dann kehrt er immer wieder zurück. Und der Mannheimer Duft der Freiheit und der Vielfalt überwältigt jeden, der sich auf den kulturellen Reichtum einlässt.

Ganz einfach auf den Punkt: Mannheim eben!“ 
Segmüller
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