Sonderveröffentlichung
Themenspecial Mannheim - Meine Heimat

Mannheimer Marchivum will mehr sein als nur ein Stadtarchiv und heißt „Haus der Stadtgeschichte und Erinnerung“

ARCHIV: Dieses Projekt hat bundesweit Aufsehen erregt. Aus einem düsteren Betonklotz aus schrecklichen Zeiten wird ein „Haus der Stadtgeschichte und Erinnerung“ – das Marchivum. Es heißt ganz bewusst nicht mehr nur Stadtarchiv.


Von Peter W. Ragge  

Hell. Freundlich. Ansprechend. Modern. Großzügig. Das ist das, was einem sofort auffällt. Der Ochsenpferchbunker, ein dunkelgraudüsterer, massiver Koloss des Zweiten Weltkrieges und der Diktatur in der Neckarstadt-West, hat seinen Schrecken völlig verloren. Verglaste Räume mit herrlicher Aussicht auf die Stadt. In nur zweijähriger Bauzeit ist aus dem imposanten Betonbau etwas völlig Neues geworden, das dennoch die Vergangenheit nicht leugnet: das „Marchivum“. „Das wird Maßstäbe setzen, das hier ist ein ganz großer Wurf“, lobt Ernst-Otto Bräunche, Vorsitzender der Bundeskonferenz der Kommunalarchive beim Deutschen Städtetag, voller Anerkennung.

Der Bunker ist von April 1941 bis Januar 1943 erbaut worden. Er soll dem Treffer einer 1000-Kilo-Bombe widerstehen, 3412 Menschen Platz bieten – im Notfall gar 7500. Er ist der größte Hochbunker Mannheims, benannt nach dem Namen des Gewanns „Ochsenpferchbunker“. „Führer befiehl, wir folgen Dir“ steht in großen Lettern an dem grauen, durch seine markanten Ecktürme an ein Kastell erinnernden Kasten an der Jungbuschbrücke, einst „Hindenburgbrücke“. Nach dem „Endsieg“, so die Pläne der Nationalsozialisten, soll er aufgestockt und zivil genutzt werden – als Haus der „Hitlerjugend“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Stadt größtenteils zerstört ist, wohnen hier Menschen – der Betonbau ist in 536 karge Wohnzellen unterteilt. Erst 1966 ziehen die letzten Bewohner aus. Da tobt längst der „Kalte Krieg“, läuft ein Programm, 19 alte Schutzräume in der Stadt zu „ertüchtigen“. Noch zu Beginn der 1980er Jahre wird in der Neckarstadt ein „Sandbunker“ angebaut, dessen Inhalt radioaktiv verseuchte Luft für 5400 Menschen filtern soll, und ein Operationssaal installiert. Der Bunker gilt als Ausweichstandort für das Klinikum. Die detaillierten Pläne dafür sind heute immer noch geheim und werden auch für den jetzigen Umbau nicht freigegeben.

Ab 2003 steht der Bunker unter Denkmalschutz – aber erst 2007 fällt der Beschluss, ihn und viele weitere Schutzräume zu „entwidmen“. Ab 2008 nutzt das Stadtarchiv den Betonbau schon teilweise als Depot für bereits digitalisierte Akten – als Mieter. Erst 2010/11 schenkt ihn der Bund der Stadt. Vereinzelt gibt es Veranstaltungen, etwa 2011 zur „Langen Nacht der Museen“, 2013 zum „Tag des offenen Denkmals“.

Als Ulrich Nieß, der Direktor des Stadtarchivs, über Platzmangel klagt, ja ohnehin der Abriss des Collini-Center-Büroturms droht, hat Architekt Andreas Schmucker eine Idee – und Nieß treibt sie mit Erfolg voran, gewinnt die Unterstützung des Gemeinderats für Umbau und Aufstockung des Bunkers als neuer Archivsitz. Der Bund nimmt das in sein Programm „Nationale Projekte des Städtebaus“ auf – was einen Zuschuss und Aufmerksamkeit bringt. Architekt Peter Schmucker („Das Gebäude war wie eine Wundertüte, es gab viele Unwägbarkeiten“, sagt er) plant, als Bauherr fungiert die Mannheimer Wohnungsbaugesellschaft GBG. Sie vermietet die Räume für sieben Euro pro Quadratmeter (kalt) an die Stadt.

Binnen drei Monaten ist der Umzug abgewickelt worden – mit rund 110 000 Kartons. Insgesamt 13 Kilometer Akten lagern nun bei idealen Klimabedingungen hinter den dicken Wänden in den Rollregalen. Pro Jahr kommen um die 500 Meter dazu. Platz ist für mindestens 20 Kilometer, dazu gibt es eine Reserve mit Platz für weitere sechs Kilometer. Da sich ja sicher irgendwann die digitale Akte durchsetze, biete das neue Marchivum genügend Raum für mehr als eine Generation, so Nieß: „Als ich beim Stadtarchiv in Mannheim anfing, vor 25 Jahren, sind wir mit acht Kilometern Akten ins Collini-Center eingezogen, das hat ein Jahr gedauert“, dankt Direktor Ulrich Nieß seinem Team.

60 000 Veröffentlichungen zur Stadt- und Landesgeschichte sind hier jederzeit auch für die Bürger greifbar, 150 Zeitungstitel ab den 1750er Jahren digital verfügbar. Mannheims Geschichte in Bildern – hier ist sie sichtbar: 4500 Bildalben, 47 000 Einzelbilder und 11 000 Glasnegative findet man hier ebenso wie 500 Filmspulen und 900 Tonbänder, dazu 15 000 Plakate, 3000 Landkarten und 17 000 Pläne, alle digitalisiert.

Das Haus will aber nicht nur Gedächtnis der Stadt sein und Akten verwahren, sondern Geschichte vermitteln und zur Identität der Stadt beitragen. Man kann selbst die Stadt- oder Familiengeschichte erforschen, Regelmäßig gibt es Vorträge, Buchpräsentationen, Führungen, berichten Zeitzeugen oder geben Marchivum-Mitarbeiter einen Einblick in ihre Forschungen. Im Lauf des Jahres 2019 kommen in je einem Stockwerk noch eine stadtgeschichtliche Ausstellung und ein Dokumentationszentrum über die Zeit des Nationalsozialismus dazu, die nun erarbeitet werden.

Marchivum

Das bisherige Stadtarchiv heißt jetzt „Marchivum – Mannheims Archiv/ Haus der Stadtgeschichte und Erinnerung“ und ist im Ochsenpferchbunker in der Neckarstadt-West ansässig. Der Parkplatz liegt in der Bunsenstraße.

Behindertenparkplätze befinden sich in der Fröhlichstraße. In der Nähe halten Straßenbahn (Linie 2) und Bus (Linien 53 und 60).

Öffnungszeiten von Lesesaal und Bauakteneinsicht sind Dienstag, Mittwoch und Freitag von 8 bis 16 Uhr und Donnerstag von 8 bis 18 Uhr.

Einmal monatliche gibt es kostenlose Führungen, meist einmal monatlich mittwochsnachmittags. Der nächste Termin: 1. August, 16 Uhr. Am 9. September, dem „Tag des offenen Denkmals“, sind Führungen um 14, 15 und 16 Uhr. Weitere Termine dafür sowie alle Veranstaltungen unter 
www.marchivum.de
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