Sonderveröffentlichung
Themenspecial Mannheim - Meine Heimat

Mannheimer Jungadler: Nachwuchseishockey-Spieler bekommen Einblicke in Berufe und Fortbildungsmöglichkeiten

AUSBILDUNG: Die Jungadler setzen nicht nur auf Eishockey. Die Cracks bekommen neben dem Training auch Möglichkeiten, in Berufe reinzuschnuppern und sich weiterzubilden.


Von Christian Rotter  

Louis Brune ging in sich. Nein, richtig ausgelastet fühlte er sich nicht. Und das, obwohl er bei den Jungadlern Mannheim im Training täglich gefordert wurde. „Eishockey, essen, schlafen – daraus bestand mein Arbeitsalltag“, erzählt der 18- jährige Stürmer, der im Frühjahr dieses Jahres mit den Blau-Weiß-Roten den Titel in der Deutschen Nachwuchsliga (DNL) verteidigt hat. Brune, der in München geboren wurde, beim EV Landshut das Eishockey-Einmaleins erlernte und über Iserlohn im vergangenen Jahr den Sprung zu den Jungadlern wagte, wusste, dass mehr in ihm schlummert. Da kam ihm das Angebot gerade recht, das ihm Cheftrainer Frank Fischöder unterbreitete: ein sportbegleitendes Praktikum bei der BKB, einer Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, für die in der Mannheimer Niederlassung um die 40 Menschen arbeiten.

„Mit dem Sport halte ich meinen Körper fit. Ich habe etwas gesucht, dass mich auch geistig fordert“, erzählt Brune, warum er nur zu gerne einschlug. Zuvor hatte er in einem Fitnessstudio gejobt. Natürlich hatte er dabei einige Euro verdient. Es gab aber Phasen, in denen er außer Kaffeekochen nichts zu tun hatte – das reichte ihm nicht. Also landete er bei der BKB, wo er nach einer zweimonatigen Einarbeitungszeit immer mehr Verantwortung übernahm.

Tim FleischerBILD: PIX-SPORTFOS
Tim Fleischer
BILD: PIX-SPORTFOS
Dass die Jungadler neue Wege gehen, hat auch mit einer Reform im deutschen Nachwuchseishockey zu tun. Damit der Sprung aus der DNL in den Profibereich kleiner wird, hat der Deutsche Eishockey-Bund die U-19-Liga in eine U-20-Liga umgewandelt. Das bedeutet natürlich, dass die Spieler ein Jahr länger in der Liga sind. „Wir haben jetzt also teilweise Jungs bei uns, die schon das Abitur in der Tasche haben. Ihnen wollten wir ein Jahrespraktikum anbieten“, erklärt Fischöder.

Über „Anpfiff ins Leben“ wurde mit der ABB in Heidelberg der erste Partner gefunden, Tim Fleischer machte dort den Anfang als Jungadler. Der 17-Jährige ist aber nicht der erste Stürmer, der bei der ABB die Chance bekommt, in einen Beruf hineinzuschnuppern. Den Anfang haben die jungen Fußballer des FC-Astroria Walldorf gemacht, später kamen die Basketballer der MLP Academics Heidelberg dazu, seit einiger Zeit sind auch die Handballer der HG Oftersheim/Schwetzingen dabei. „Wir haben uns natürlich erhofft, dass Tim besondere Stärken wie Teamfähigkeit und Ehrgeiz mitbringt, die er bei seinem Sport erlernt hat – und wir wurden nicht enttäuscht“, betont Sascha Schmitt. Der Leiter der Geschäftsentwicklung im Training Center der ABB betont, dass Fleischer & Co. nichts geschenkt wird: „Es wird niemand durchgewunken, alle Sportler müssen den Bewerbungsprozess durchlaufen.“

Louis BruneBILD: PIX-SPORTFOTOS
Louis Brune
BILD: PIX-SPORTFOTOS
Fleischer stellte sich dieser Herausforderung gerne, zumal er damit etwas fürs weitere Berufsleben mitnahm. Wie alle Talente hofft auch der Stürmer, der mit Brune vor einem Jahr aus Iserlohn nach Mannheim wechselte, auf eine Profikarriere – am besten in der NHL, dem Eishockey-Nonplusultra. Um sich diesen Lebenstraum zu erfüllen, wagt er den Sprung über den großen Teich. Ob auf ein US-College oder nach Kanada, steht noch nicht fest. Klar ist allerdings, dass er in Nordamerika mit einem Fernstudium beginnen will.

Bevor er zur ABB kam, schlummerte dieser Gedanke nicht einmal in seinem Hinterkopf. „Ganz ehrlich: Den Job eines Bürokaufmanns oder ähnliches konnte ich mir nicht vorstellen. Jetzt ist das für mich kein Ding der Unmöglichkeit mehr, sollte es aus irgendwelchen Gründen aus meinem ersten Karriereziel nichts werden.“

In Heidelberg schnupperte Fleischer in die Bereiche Marketing und Vertrieb hinein, er bereitete Messen vor und nach. „Außerdem hatte ich die Aufgabe, Auszubildende zu rekrutieren“, erzählt er. Dabei kam es in den vergangenen Wochen zu einigen lustigen Begebenheiten, wie der 17-Jährige berichtet. Nicht nur einmal telefonierte er mit einem gewissen Marius Ewald, der den Bewerbungsprozess genauso durchlief wie er selbst vor einem Jahr. Nun ist dieser Ewald für Fleischer kein Unbekannter, sondern beide saßen zusammen in der Jungadler- Kabine. „Es war schon irgendwie komisch, Marius zum Einstellungstest einzuladen“, berichtet er über die außergewöhnliche Kommunikation mit seinem Nachfolger bei der ABB.

Louis Brune im Vorwärtsgang. Mit den Jungadlern feierte er bereits einige Erfolge. BILD: SÖRLI BINDER
Louis Brune im Vorwärtsgang. Mit den Jungadlern feierte er bereits einige Erfolge. 
BILD: SÖRLI BINDER
Mit einem gut dotierten NHL-Vertrag ausgesorgt zu haben – das hört sich für die beiden natürlich gut an. Wer würde nicht davon träumen? Insofern trugen die Praktika auch dazu bei, dass die Jungs auf dem Boden blieben. „Ja, sie haben uns schon geerdet“, betont Louis Brune und erhält von Tim Fleischer ein bestätigendes Kopfnicken. „Ich hatte bei der BKB beispielsweise viel mit Steuererklärungen zu tun. Als ich gesehen habe, was von einem Bruttoverdienst übrigbleibt, war ich schon ein wenig geschockt. Gleichzeitig hat das auch meine Neugierde geweckt.“

Diese geht so weit, dass sich Brune für die nächste Saison schon ein neues Ziel gesetzt hat. Sportlich will er mit den Jungadlern den DNL-Titel verteidigen und es beim Mannheimer Kooperationspartner Heilbronner Falken eventuell sogar auf einige Zweitliga-Einsätze bringen. Das zweite Standbein neben dem Eishockey vernachlässigt er dabei nicht. Brune möchte sich an der Uni Mannheim im Fach Wirtschaftspädagogik einschreiben und damit den nächsten Schritt machen.

Peter Bayer ist davon überzeugt, dass Brune auch darin Erfolg haben wird. „Bei uns war er ein Überflieger“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter der BKB. „Wir haben mit Louis Brune einen Testballon gestartet und sind nicht enttäuscht worden.“ Der Jungadler-Stürmer habe sich ins Team eingeordnet und sich zu einem „ganz normalen“ Mitarbeiter entwickelt. Sprich: Die Erwartungen der BKB wurden optimal erfüllt. „Louis war das Fokussieren auf seine Arbeit anzumerken. Die Dinge, die ihm sein Sport mit auf den Weg gegeben hat, hat er auch bei uns eingebracht“, sagt Bayer.

Brune hat es bei der BKB so gut gefallen, dass er in der neuen Saison dort gerne neben Sport und Studium einen Minijob ausüben würde. „Vielleicht zweimal pro Woche für einige Stunden“, sagt er, der für sein Engagement auch von seinen Eltern Schulterklopfer erhielt. „Als die Jungs die Deutsche Meisterschaft gewonnen haben, konnte ich ein wenig mit seinen Eltern sprechen. Sie haben gesagt, dass sie froh sind, dass ihr Sohn in Mannheim eine neue Heimat und sogar einen Praktikumsplatz gefunden hat“, erzählt Bayer, der gleichzeitig betont: „Dass Sport und Training oberste Priorität genießen, war uns natürlich klar.“ Schließlich beschäftigten sich die Mitarbeiter der BKB nicht erst mit dem Eishockey in Mannheim, seit sie Brune kennen. „Als viele von uns selbst noch studiert haben, sind wir immer in den Friedrichspark gegangen. Und seit dem ersten Tag haben wir einen Platz in der SAP Arena. Wir sind alle ein bisschen Adler-verrückt, aber die Nähe zu den Jungadlern kam erst über den Kontakt mit Frank Fischöder“, betont Bayer.

Der Jungadler-Coach weiß, dass Kooperationen wie diese nur über den persönlichen Kontakt funktionieren. „Die Projekte haben sich gut angelassen“, sagt Fischöder, „gerne könnten einige Partner dazu kommen.“ Wenn sich alles so entwickelt wie bei Tim Fleischer und Louis Brune gibt es jedenfalls nur Gewinner.

Was ich an Mannheim liebe...

Johann W. Wagner
Geschäftsführer m:con

BILD: M:CON
BILD: M:CON
„… ist seine Internationalität und der Erfindergeist. Nicht nur Fahrrad, Auto, Mannemer Dreck und Spaghettieis fanden einst ihre Anfänge in Mannheim. Bis heute bietet die „Quadratestadt“ Raum für neue Ideen, die weit über die Grenzen Mannheims hinaus begeistern.“

Datenschutz