Sonderveröffentlichung
Themenspecial Mannheim - Meine Heimat

Grußworte des Chefreporters Peter W. Ragge zu Heimat und Lokalpatriotismus

In der Schule hatten wir „Heimatkunde“. Einmal kam sogar ein Lehrer mit einer Ziege auf dem Arm ins Klassenzimmer. Er war zuvor Landwirt, konnte tolle Geschichten erzählen und für Geschichte begeistern. Wir lernten, was das Mannheimer Stadtwappen bedeutet, wie man sich in den Quadraten zurechtfindet und warum Kurfürst Carl Theodor ein wichtiger Mann war.

„Heimatkunde“ gibt es schon lange nicht mehr. Das Fach hat inzwischen mehrfach andere Namen und auch andere Inhalte bekommen. „Heimat“ war einfach lange nicht „in“, wurde gar als „Heimattümelei“ abgewertet, ja verächtlich gemacht. Das galt als bieder, als altmodisch, verstaubt, als ewig gestrig in einer Zeit der zunehmenden Globalisierung, wo man sich gerne weltläufig gibt und über das Wochenende mit dem Billigflieger mal eben schnell in eine europäische Metropole fliegt, besser natürlich „jettet“, zum „Shopping“.

Aber das Pendel ist zurückgeschlagen. Einen Beleg dafür liefert die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, die in ihrem „Wortauskunftssystem“ über Jahrhunderte hinweg dokumentiert, wie oft bestimmte Begriffe im Alltag gebraucht werden. Zwar stellt sich die immense Bedeutung nicht mehr ein, die das Wort „Heimat“ um 1900 hatte und auch wieder direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Vertreibung und zerbombte Innenstädte viele Menschen heimatlos machte. Aber seit 2011 deutet die Kurve, wie oft das Wort auftaucht, wieder deutlich nach oben. Und erst in Bayern, nun auch bundesweit wurde inzwischen ja sogar ein Ministerium geschaffen, das die „Heimat“ als Aufgabe im Titel führt. 

Es gibt dafür einen guten Grund: „Je schneller die Welt sich um uns dreht, desto größer wird die Sehnsucht nach Heimat“, hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gesagt. „Ich bin überzeugt, wer sich nach Heimat sehnt, der ist nicht von gestern“, so Steinmeier in seiner Rede beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2017. Die Sehnsucht nach Heimat dürfe man „nicht denen überlassen, die Heimat konstruieren als ein Wir gegen Die; als Blödsinn von Blut und Boden“, bekräftigte das Staatsoberhaupt. Und sein Vorgänger Joachim Gauck hat es mal als „überfällig“ bezeichnet, „den Begriff Heimat vom früheren politischen Missbrauch zu befreien“. Vielmehr gehe es um ein „Gefühl, zu Hause zu sein.“

Genau um dieses angenehme Gefühl geht es auch in dieser Beilage. Gerade Mannheimer waren, quer durch die Jahrhunderte, immer weltoffen, haben Menschen aller Religionen und Himmelsrichtungen aufgenommen. Wir wollen, wir müssen nicht abgrenzen. Aber uns geht das Herz auf, wenn wir an „unserem“ Wasserturm stehen, die Quadrate geben uns ein Gefühl der Geborgenheit, wir sind stolz auf die Adler und die große kulturelle Tradition, fühlen uns wohl in urigen Kneipen wie auch modernen Strandbars. Pfiffige Erfinder, kreative Ausbildungswege und neue Wohngebiete zeigen zudem, dass sich Heimat weiterentwickelt. „Wo Heimat ist, da gibt es viel zu erzählen“, hat Steinmeier gesagt. Genau das tun wir in dieser Beilage - mit stolzen Lokalpatriotismus, aber ohne Anspruch auf Vollständigkeit zeigen wir viele Facetten unserer Heimat auf.

Viel Spaß bei der Lektüre.

Peter W. Ragge
Chefreporter

Datenschutz