Sonderveröffentlichung
Themenspecial Mannheim - Meine Heimat

Fotograf Luigi Toscano kämpft mit großformatigen Porträts von Überlebenden des Holocaust gegen das Vergessen

GEDENKKULTUR: Der Fotograf Luigi Toscano beschreitet bei der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus neue Wege. Seine großformatigen Porträts von Überlebenden des Holocaust faszinieren weltweit das Publikum – und bringen vor allem junge Menschen zum Nachdenken.


Von Thorsten Langscheid  

USA, Israel, die Ukraine, Weißrußland – Luigi Toscano ist viel unterwegs in letzter Zeit. Der Fotograf aus der Mannheimer Neckarstadt lichtet seit 2014 Überlebende des Holocaust ab und zeigt die großformatigen Aufnahmen unter dem Titel „Gegen das Vergessen“ an öffentlichen Orten. Das Kunstprojekt, das in der Mannheimer KZ-Gedenkstätte in Sandhofen seinen Anfang nahm, ist ein „stummer Schrei nach 70 Jahren“. So ordnete der „Mannheimer Morgen“ die ungewöhnliche Installation ein, zu der auch eine Internet-Seite, ein Bildband und ein Dokumetarfilm gehören.

Fotokünstler Toscano zeigte seine Installation „Gegen das Vergessen“ bereits in vielen Städten: Zuhause in Mannheim natürlich, aber auch in Berlin und Kiew waren die Porträts der Holocaust-Überlebenden zu sehen, zuletzt auch am Sitz der Vereinten Nationen in New York und in der historischen National Mall der US-Hauptstadt Washington. Vor allem diese beiden Ausstellungen brachten dem Projekt weltweite Aufmerksamkeit und dem Mann aus Mannheim weitere Einladungen: Nach Minsk, Boston, Chicago und San Francisco soll er mit den ausdrucksstarken Porträts kommen.

Dabei fühlt sich Toscano zuhause in der Neckarstadt am wohlsten. Beim Gespräch am Alten Messplatz grüßt er immer wieder Freunde und Bekannte, die zufällig vorbeikommen, und hat dabei überhaupt nichts von einem international bekannten Künstler an sich – im Gegenteil: der 46-jährige gebürtige Mainzer mit italienischen Wurzeln und bis heute italienischer Staatsbürgerschaft sagt: „Ich bin Mannheimer, und Deutschland ist meine Heimat.“ Und nach kurzer Pause lacht er: „Italien ist auch meine Heimat. Irgendwie. Aber Deutschland ist die Haupt-Heimat.“

Dass Toscano, Jahrgang 1972, als Sohn italienischer Einwanderer heute zu einem der wichtigsten und international anerkannten Vertreter der deutschen Holocaust-Gedenkkultur werden konnte, ist alles andere als selbstverständlich und kann als besondere Mannheimer Erfolgsgeschichte gewertet werden. Eine Ausbildung als Mediengestalter und ein Fotokurs an der Volkshochschule legten das Fundament für Toscanos Interesse am Metier. Doch dass er nach Jahren als Dachdecker, Türsteher im legendären Club SoHo am Luisenring und Fensterputzer im Odeon-Café mit seinen Bildern erste eigene Schritte in die Öffentlichkeit wagte (Colorblind, 2003), hat mit dem Netz an Freunden und Förderern zu tun, die ihm den Weg ebneten.

„Ohne diese Unterstützung wäre das alles nichts geworden“, erzählt er zum Beispiel von einem Bekannten, der ihm damals auf der Straße spontan 50 Euro in die Hand drückte: „Ich hab’ gehört, Du brauchst Kohle für Deine Ausstellung.“ Oder von dem Zahnarzt, der ihn gegen die Anfertigung von Fotos kostenlos behandelte, als er keine Krankenversicherung hatte – Beispiele für die gelebte Solidarität, die er in den Quadraten, im Jungbusch und in der Neckarstadt erfahren hat. „Das kommt vielleicht noch aus der Vergangenheit als Arbeiterstadt. Da hält man einfach zusammen und hilft sich gegenseitig.“

Atelier-Galerie Macaroni Art Space  

Bülent Ceylan und Laith al Deen gehören zu diesem Unterstützerkreis, auch der Olympia-Fechter Daniel Strigel spielte eine wichtige Rolle für Toscano. Der Fotograf hatte dem Sportler nämlich versprochen, er fotografiere ihn in Athen, wenn der Sportler es schafft, sich nach seinem Kreuzbandriss für die Olympiade 2004 zu qualifizieren. Dass Toscano dann tatsächlich nach Griechenland reisen und dort Bilder machen konnte, verdankt er wiederum den vielen Mannheimer Freunden, die ihn mit Rat und Tat, aber auch mit Geld unterstützten (Details – Sport, 2004).

Es folgten Reisen nach Prag, Teheran, Istanbul, New York und Shanghai, und jedesmal kam Toscano mit spektakulären Stadtansichten nach Hause (72 Stunden, 2003/ 07). Toscano realisierte unter anderem Video-Produktionen für Laith al Deen (2005/06) und den Film Transmission (2009) über das Kevin O’Day-Ballett. Künstlerisch gestaltete Pizzakartons beim Nachtwandel im Jungbusch, Fotobände sowie weitere Film- und Videoprojekte wechselten seither einander ab. Neuestes Projekt des Mannheimers ist die Atelier-Galerie „Macaroni Art Space“ in der Mittelstraße. Mitten im Kiez, gleich beim Alten Messplatz.

Hier hat, genaugenommen, auch „Gegen das Vergessen“ begonnen: Toscano hatte zufällig einen Flüchtling kennengelernt, war mit ihm in die Unterkunft in der Industriestraße gegangen und hat dort begonnen, zu fotografieren. Mit Unterstützung der Stadt Mannheim konnte er die so entstandenen Porträts in den Fenstern der Alten Feuerwache zeigen. Kurz darauf, Ende 2014, traf er KZ-Überlebende aus Polen, zeigte ihnen die Flüchtlings-Bilder – die Idee zu der Installation war geboren (Infos unter luigi-toscano.de).

Und immer wieder nehmen hochbetagte Überlebende der Konzentrationslager Kontakt mit ihm auf und möchten ebenfalls porträtiert werden, möchten der unvorstellbaren Zahl von um die sechs Millionen Opfern des Nationalsozialismus ein Gesicht geben. Für Luigi Toscano, der mit seiner Familie gern im Schrebergarten im Herzogenried entspannt, ist deswegen klar: „Einfach aussteigen kann ich aus dem Projekt nicht – ,Gegen das Vergessen’ geht immer weiter.“ Demnächst in Boston im US-Bundesstaat Massachusetts.
luigi-toscano.de

Was ich an Mannheim liebe ...

Marcel Seegert
Fussball-Spieler beim Zweitligisten SV Sandhausen und ehemals beim SV Waldhof

BILD: IMAGO/FOTO2PRESS
BILD: IMAGO/FOTO2PRESS
SV Sandhausen und ehemals beim SV Waldhof „Es ist meine Heimat, hier habe ich meine Familie und meine Freunde. Zudem kenne ich alle guten Ecken, um die Freizeit optimal zu gestalten. Rund um den Wasserturm gefällt es mir am Besten, um einen Kaffee zu trinken oder essen zu gehen. Mannheim ist eine Sportstadt, mit dem SV Waldhof, der als Arbeiterverein das Aushängeschild einer traditionsreichen Sportkultur in Mannheim ist.“
Datenschutz