Sonderveröffentlichung
Themenspecial Mein Hund

Entspannt und fair

INTERVIEW: Nadine Bihn ist studierte Hundeverhaltenstherapeutin. Sie legt größten Wert auf faires und individuelles Training, daher sind körperliche Bestrafungen für sie tabu. 2010 gründete sie die Hundeschule „Chico rockt“, heute stehen ihr fünf Trainerinnen zur Seite. Hier spricht sie über ihre besondere Trainingsart.

■ Sie benutzen eine bestimmte Art von Training, komplett aggressionslos, wieso? Wirkt das aggressive Training schlechter? Was ist zeitaufwendiger?

Nadine Bihn: Man kann hier nicht so einfach über gut oder schlecht entscheiden. Training funktioniert über Belohnung als auch über Bestrafung. Ich persönlich habe beide Facetten kennengelernt und für mich entschieden, dass ich kein Lebewesen einschüchtern möchte, damit es „funktioniert“. Ich möchte, dass der Hund lernt, was ich von ihm möchte, dies positiv beigebracht bekommt und somit auch keine Angst vor mir haben muss. Bestrafungen in Form von Einschüchterung über körperliche Bedrohung oder Schreckreizen können ein Verhalten unterdrücken, aber das Problem und Verhalten brodelt weiter im Hund. Das heißt, bildlich gesprochen, man setzt mit Bestrafungen einfach einen Deckel drauf und in ganz vielen Fällen fliegt dieser irgendwann wieder hoch. Das mag erstmal recht einfach sein und bringt womöglich auch kurzfristigen Erfolg – langfristig führt es aber häufig zu gravierenden Problemen und Nebenwirkungen. Häufig hört man, dass das positive Training länger dauern würde. Das stimmt definitiv nicht, sofern es richtig angeleitet wird. Langfristig geht es sogar schneller, da der Hund ein neues erwünschtes Verhalten lernt und dies somit das unerwünschte ersetzt. Die Gefahr des „hochfliegenden Deckels“ist gar nicht vorhanden und somit hat das positive Training einen weiteren ganz klaren Vorteil.

■ Wie sieht das positive Training aus?

Nadine Bihn: Wir distanzieren uns von jeglicher Art von Gewalt wie etwa körpersprachlichen Bedrängungen, Flanken zwicken oder Leinenrucks. Auch Methoden, die auf psychischer Gewalt beruhen, indem Hunde erschreckt oder geängstigt werden lehnen wir strikt ab. In unserem Training wird unerwünschtes Verhalten unterbrochen, aber niemals wird der Hund bedroht. Wir arbeiten über positive Verstärkung und setzen hierzu bedürfnisbefriedigende Belohnungen ein. Das heißt weder, dass der Hund Narrenfreiheit hat, noch, dass der Hund ununterbrochen mit Leckerlis gefüttert wird. Wichtig ist: Ein Leben ohne negative Erfahrungen gibt es nicht, auch wir nutzen negative Konsequenzen, aber wir müssen dazu keinen Hund einschüchtern, denn man kann auch fair und nett Grenzen setzen.
Nadine Bihn mit ihren drei eigenen Hunden Chico, Pepper und Snoopy. Durch ihren Labrador Chico ist sie den Weg zur Hundetrainerin gegangen und heute sind sie ein eingespieltes Team. Bihn erweitert ihr Wissen stetig in Praxis-Seminaren und Fortbildungen.  BILDER: Nadine Bihn
Nadine Bihn mit ihren drei eigenen Hunden Chico, Pepper und Snoopy. Durch ihren Labrador Chico ist sie den Weg zur Hundetrainerin gegangen und heute sind sie ein eingespieltes Team. Bihn erweitert ihr Wissen stetig in Praxis-Seminaren und Fortbildungen. BILDER: Nadine Bihn
■ Sie arbeiten mit dem Hund UND dem Menschen. Wie sieht das aus? Hilft das auch im alltäglichen Umgang mit Menschen?

Nadine Bihn: Ja klar. Wir arbeiten sehr eng mit dem Menschen zusammen. Auch hier legen wir großen Wert auf das entspannte und faire Miteinander. Ich bringe dem Menschen bei, was er mit seinem Hund tun kann, damit er erfolgreich ist. Das ist vergleichbar mit der Arbeit mit den Hunden: Ich sage dem Menschen nicht, was er alles falsch macht, das bringt ihn nämlich nicht weiter. Ich sage ihm, wie er was tun soll und helfe so Mensch und Hund zu einem entspannten Miteinander. Ich persönlich finde es ganz schlimm, Angst davor zu haben, Fehler zu machen. Das behindert jedes Lebewesen beim Lernen und in seiner Entwicklung. Ich kenne das aus meinen Erfahrungen mit Chico. Ich stand häufig unter Druck, weil er sich im Training „daneben“ benommen hatte und meinen Druck habe ich auf Chico übertragen. Das war alles andere als fair für ihn und frustrierte uns beide immer mehr. Ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen galt. Wie schön ist es immer wieder zu erleben, wenn Mensch und Hund aufblühen, sobald sie sich auf das gute Verhalten fokussieren. So macht Training für alle Spaß.

■ Wie lange kann das Training für einen Vierbeiner dauern, bis alles richtig funktioniert? Ist das für jeden Hund individuell?

Nadine Bihn: Das hängt von vielen Faktoren ab. Jedes Hund-Mensch-Team bringt spezifische Eigenschaften mit, auf die wir individuell eingehen. Erfolg ist keine Gerade, die immer nach oben geht, es kann auch mal Rückschläge geben. Wichtig ist, dass man nicht den Kopf in den Sand steckt, sondern am Ball bleibt.

■ Haben Sie auch schon mal Fälle abgelehnt oder konnten trotz aller Bemühungen nicht helfen? Woran lag das?

Nadine Bihn: Ja, das gab es schon, aber zum Glück nicht oft. Das war ein Fall, in dem positives und straf-basiertes Training vermischt wurden und der Hund immer wieder in unseren Gruppen-Trainings von seinem Mensch körperlich bestraft wurde. Es wird immer wieder Menschen geben, die aus Überzeugung Hunde zwicken oder schupsen. Aber nicht bei uns im Training.

Naturavetal Well4Animal

■ Inwiefern kann das Training mit dem Hund am Menschen scheitern?

Nadine Bihn: Die persönliche Ebene spielt eine große Rolle. Auch der Mensch muss sich im Training wohlfühlen. Passt das nicht, geht dieser zu einem Trainer, der ihm persönlich besser liegt. Natürlich kommt es auch vor, dass Menschen unsere Trainings-Methode nicht zusagt oder dass sie denken, der nächste Trainer hat das ultimative Lösungs-Rezept. Training bedeutet eben auch Arbeit, die anstrengend sein kann. Vor allem das positive Training verlangt vom Mensch, dass er auf seinen Hund eingeht, was leider manchen zu anstrengend ist.

■ Was war Ihr größtes Erfolgserlebnis?

Nadine Bihn: Das Größte gibt es in dem Sinne nicht, denn jeder Erfolg ist ein Highlight. Aber vielleicht eines aus meinem Team: Kosmo, der Hund von Chico-rockt-Trainerin Julia, wurde mir vor etwa eineinhalb Jahren vorgestellt als „aggressive Bestie“, unverträglich mit Hund und Mensch. Aber meine erste Einschätzung, dass der Hund durch seine Vorgeschichte viele negative Verknüpfungen abgespeichert hat, bestätigt den jetzigen Trainings-Erfolg: Kosmo kann inzwischen entspannt in einer Hunde-Gruppe mitlaufen und begrüßt auch uns Trainer sehr freundlich.

■ Verbringen Sie manchmal lieber Zeit mit Ihren Hunden, als mit Menschen?

Nadine Bihn: Ich will nicht unbedingt sagen lieber, da ich ein geselliger Mensch bin, aber ja, ich liebe die Zeit mit meinen Hunden. Sie sind immer offen und ehrlich, sie zeigen jede Minute ihr wahres Gesicht und sind total unbeschwert. Dinge, die heute manchmal etwas zu kurz kommen. Da können wir von Hunden wirklich etwas lernen. INTERVIEW: Mira Ziegler
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